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Es war einmal in Little Havana

Exilkubaner gehen auf Distanz zu rechten Scharfmachern von Maurice Lemoine

Miami, kurz nach Sonnenuntergang. Aus den Imbissbuden dringen die letzten Salsatakte. Rollläden werden heruntergelassen. In Downtown Miami, dem Handels- und Bankenzentrum der Stadt, strömt alles aus den Bürotürmen. Den meisten baumelt noch die Kette mit dem Firmenausweis um den Hals. Man hört fast nur Spanisch. Und jeder hat es eilig. Kurze Zeit später ist die „Wall Street Lateinamerikas“ eine Ödnis aus Stahl und Beton.

In Miami braucht man eigentlich ein Auto. Die Hochbahn führt zwar weit hinaus in entlegene Vororte. Doch ob es mit dem 20-Minuten-Takt klappt, ist Glückssache. Auch die Busse sind um diese Zeit knallvoll. Hier trifft man sich wieder. „Wie geht’s denn so?“, fragt ein Kubaner eine Kubanerin. „Ich war den ganzen Tag auf den Beinen und bin todmüde“, antwortet die Frau matt lächelnd. Man redet nicht über Politik oder Fidel Castro. Der Bus fährt in das Arbeiterviertel Hialeah, nicht nach Miami Beach, mit seinen Palmenstränden und den Art-déco-Hotels. Nicht dass es dort keine Kubaner gäbe. Es gibt natürlich die Reichen. Und die zahllosen Kellner, Putzfrauen und Pflegerinnen. Oder jugendlichen Türsteher, perfekt zweisprachig, vor Restaurants am Ocean Drive: „Hey, this is the place! This is the good place! Hola, amigos, cómo están? Tenemos de todo.“

Der Bus fährt auch nicht nach Little Havana, das eigentlich nur noch als Mythos lebt. Früher war dieses Viertel, das unmittelbar an Downtown grenzt, das kubanische Zentrum von Miami – eine Bastion der Batista-Anhänger,1 die vor der Revolution geflohen waren. Ehemalige Großgrundbesitzer, Anwälte, Ärzte, Unternehmer und kleine Schieber, die mit allem Möglichen handelten, hatten sich hier niedergelassen. Damals herrschte noch lautes Treiben in der berühmten Calle Ocho mit ihren zahllosen kleinen Läden, Bars und Restaurants. Hier wurden die Invasion Kubas, die Ermordung Castros, der propagandistische Angriff auf die Insel, Bombenattentate und andere finstere Pläne geschmiedet. Heute sieht Little Havana fast aus wie ein trübseliger Vorort.

Schon Mitte der 1980-Jahre verließen viele Kubaner Little Havana. Die Emigranten der erste Stunde blieben bis an ihr Ende. Heute leben deren Kinder über die ganze Stadt verteilt in Kendall, Hialeah, North West oder anderswo im Miami Dade County. Und in Little Havana ließen sich nach und nach immer mehr Einwanderer aus Mittelamerika, Kolumbien oder anderen südamerikanischen Staaten nieder. So reihen sich heute in der Calle Ocho honduranische Läden, nicaraguanische Imbissbuden und salvadorianische Restaurants aneinander. Die Kubaner sind nur noch eine, wenn auch die größte Minderheit unter vielen.

Von der glorreichen Vergangenheit sind ein paar greise Castro-Hasser übrig geblieben , die im Máximo-Gómez-Park Domino spielen. Und dann gibt es da noch das Restaurant Versailles, Treffpunkt der ultrarechten Emigranten. Hier kocht manchmal noch die Stimmung hoch: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab man Fidel „nur noch wenig Zeit, sehr wenig Zeit bis zum Fall“. Als 1994 rund 32 000 kubanische „Balseros“ auf zusammengebastelten Flößen von der Insel flohen, hoffte man nirgends so sehr wie hier, dass „ein leichter Schubs dem System den Rest geben“ könnte. Als amerikanische Truppen Bagdad einnahmen, hieß es „Heute der Irak, morgen Kuba!“ Und als der greise Comandante erkrankte, hieß es, jetzt schlage die Stunde „der mutigen Männer und Frauen, die sich für Kuba einen anderen Weg wünschen.“

Wann immer es darum ging, die Stimmung in der sogenannten Exilgemeinde einzufangen, richteten sich die Fernsehkameras auf Orte wie das Versailles. Damit sicherten sie einer Minderheit von ein paar tausend unter mehr als eine halben Million Exilkubanern eine unverhältnismäßig starke öffentliche Präsenz.2 Seit den 1960er-Jahren war Miami stets fest in der Hand der rechten Ultras.

In Miami erscheinen zwei spanischsprachige Tageszeitungen: Diario Las Américas und El Nuevo Herald, die spanischsprachige Ausgabe des Miami Herald. Hinzu kommen Radiosender wie La Poderosa, Radio Mambi und WQBA sowie der lokale Fernsehsender Canal 41.3 „Als ich 1982 hierher kam“, erzählt Luis aus Uruguay, „habe ich natürlich spanischsprachiges Radio gehört und Fernsehen gesehen. Alle Sendungen hatten ein und dasselbe Thema: Kuba, eine gnadenlose Dauerpropaganda, die mit Nachrichten nichts mehr zu tun hatte.“ Daran hat sich seither nichts geändert.

Der Miami Herald vermeidet es aus wirtschaftlichen Gründen, sich mit der kubanischen Rechten anzulegen. Im Nuevo Herald werden selbst die Artikel der englischen Originalausgabe geschönt oder zensiert, bis von der Tageszeitung kaum mehr übrig bleibt als ein Flugblatt. Will man in Miami USA Today oder die New York Times kaufen, muss man früh aufstehen.

„In dieser Stadt“, erzählt Francisco Aruca, der in Miami das erste Reiseunternehmen für Flüge nach Kuba gründete, „diente das Radio immer nur dazu, die Kubaner auf Linientreue einzuschwören. Es gab Zeiten, da war man gesellschaftlich erledigt, wenn man im Radio als Sympathisant Castros bezeichnet wurde. Ob es stimmte oder nicht: Noch am selben Abend kehrten einem auf jeder Party sogar Freunde den Rücken zu. ‚Ich mag dich‘, hieß es dann, ‚aber ich will nicht unbedingt mit dir gesehen werden.‘ Plötzlich stand man überall vor verschlossenen Türen.“

Max Lesnik war auf Kuba ein Gegner der Revolution. In den 1960er-Jahren hatte er sich sogar in den Bergen von Escambray dem bewaffneten Widerstand angeschlossen. Später gründete er im Exil in Miami die Zeitschrift Réplica, mit der er gegen den gewaltsamen Umsturz und für einen Dialog mit Kuba eintrat. „Die Zeitschrift existierte von 1975 bis Mitte der Achtzigerjahre. Damals wurden elf Bombenanschläge auf uns verübt.“ Doch die Zeiten haben sich geändert. Derartige Gewaltakte sind auf US-amerikanischem Staatsgebiet kaum noch durchführbar. „Wir haben uns in einer linken Nische eingerichtet – zwar in einem feindseligen Klima, aber einigermaßen abgeschirmt von offener Aggression“, sagt Lesnik, der heute die Redaktion von Radio Miami leitet. „Wirklich sicher fühlen wir uns aber auch heute noch nicht.“

Ein Reisebüro für Kubaflüge

Wie Lesnik macht auch Francisco Aruca neben seinem Reiseunternehmen Radio. Er unterhält auf Unión Radio eine eigene Sendung: „Radio Progreso“. Anfangs sendete er auf eigene Rechnung fünf Stunden am Tag kubanische Musik, Meldungen und gemäßigte politische Analysen. „Ich dachte: Die Werbekunden werden schon kommen. Und sie kamen auch. Aber nach drei oder vier Tagen riefen mich einige von ihnen an und erzählten mir, dass sie Todesdrohungen erhalten hätten. Einer hatte ein kleines Restaurant, dem man die Scheiben eingeschlagen hatte.“ Heute kann Aruca nur noch eine Stunde Nachrichten am Tag senden. Außer seiner eigenen Firma, dem Reisebüro Marazul, hat er trotz einer Einschaltquote von 15 Prozent keinen einzigen Werbekunden.

Als 1980 125 000 Kubaner vom Hafen Mariel ausreisen durften, kam erstmals eine große Zahl von Kubanern nach Miami, die weder der ehemaligen weißen Führungsschicht noch der Mittelklasse angehörten, sondern einfache Leute waren, und mit dunklerer Haut. Zudem gab es unter den „Marielitos“ einige Insassen von Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken, was zusätzlich für böses Blut sorgte.

Bei den Schwarzen der Unterschicht waren die Neuankömmlinge vor allem als potenzielle Konkurrenten um Billigjobs unbeliebt. Die anderen Lateinamerikaner und Haitianer stießen sich wiederum an der Vorzugsbehandlung, die kubanische Flüchtlinge genossen.

„Sie bekommen als Einzige anstandslos ihre Papiere“, sagt der Uruguayer Luis. „Die anderen leben hier viele Jahre in ständiger Angst, dass sie abgeschoben werden und alles verlieren könnten.“ Immer wieder hört man auch die Klage, dass Kubaner trotz ihrer US-amerikanischen Staatsbürgerschaft unter sich bleiben. „Sie fühlen sich als etwas Besseres, als eine Klasse für sich. Sie bezeichnen andere Lateinamerikaner abfällig als Indios.“

Bleibt festzustellen, dass die Kubaner seit der Massenflucht aus Mariel das Erscheinungsbild von Miami mit allen seinen Vorzügen und Schattenseiten prägen. Freundlich, humorvoll und überschwänglich, haben die meisten kubanischen Emigranten nach einer Starthilfe der US-Regierung hart gearbeitet, um sich aus dem Nichts eine Existenz aufzubauen. Die Eifrigsten unter ihnen sind Händler geworden, führen ein Familienunternehmen im Dienstleistungsbereich oder betreiben ein Restaurant. „Fidel haben sie vorgeworfen, dass er ihnen die Auslandsreisen verboten hat“, sagt Francisco Aruca. „Aber kaum in Miami angekommen, verlassen sie kaum je die Stadt und interessieren sich nicht für die Außenwelt. Mit einer Ausnahme: Sobald sie zwei Wochen frei haben, wollen sie ihren Urlaub unbedingt auf Kuba verbringen.“

Die radikalen Anticastristen aber klammern sich an ihre eigenen Gewissheiten: Noch einen Monat, eine Woche, einen Tag, dann werde das Regime fallen, und alle werden auf die Insel zurückkehren. Man wird ihnen einen triumphalen Empfang bereiten. Und einer der Ihren wird bei den Präsidentschaftswahlen antreten und natürlich gewinnen. Sie leben noch immer in der Vergangenheit.

Um sie herum hat sich ein Geflecht krimineller politischer Organisationen gebildet, wie Alpha 66, Coman-dos L, Comandos Martianos MRD oder Omega 7 sowie eine paramilitärische „Partei der nationalen demokratischen Einheit“ (Pund) und das Cuban Liberty Council. Als „ehrbare“ politische Fassade wurde 1981 die Cuban-American National Foundation (Canf) gegründet, die mit so zweifelhaften Methoden wie Bestechung und Einschüchterung operiert. Aus diesem Umfeld stammen auch die drei kubanisch-amerikanischen Kongressabgeordneten: Ileana Ros Lehtinen und die Brüder Lincoln und Mario Díaz Balart. Alle drei gehören der Republikanischen Partei an, unterstützen das langjährige Wirtschaftsembargo4 und wollen Castro vor ein internationales Strafgericht stellen.

Die meisten Kubaner in den USA haben anderes im Kopf, auch wenn sie den Extremisten lange nachgegeben haben und zahlten, wenn Geld für öffentliche Aktivitäten (und unter der Hand auch für Terrorakte in Kuba) gesammelt wurde. Vor allem wollte niemand gern auffallen. „Hier wie in Kuba schweigen sie aus Angst“, sagt Francisco Aruca.

Wie Millionen anderer Lateinamerikaner sind sie meist aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und wollen sie wenigstens ab und zu besuchen und sie unterstützen, auch wenn sie in bescheidenen Verhältnissen leben. Ein Embargo oder gar eine militärische Invasion der Insel ist das Letzte, was sie wollen.

In Miami werben viele Geschäfte mit dem Service, Pakete nach Kuba zu schicken. Anfangs geschah dies mehr oder weniger heimlich, ebenso wie die Reisen in die alte Heimat. Inzwischen sprechen aber alle offen darüber. Im Bus nach Hialeah reden zwei Frauen: „Ich fahr nach Kuba. Soll ich deiner Familie etwas mitbringen?“ – „Gern. Ich schreib ein paar Briefe und mache ein Paket zurecht. Wann fährst du?“ Man das Gefühl, in einem guagua zu sitzen, einem Sammeltaxi in Havanna.

Leider hat sich die politische Lage in den letzten Jahren verschlimmert. 2004 gab Präsident Bush seine Zustimmung zur Verschärfung der Handelssanktionen. Seither darf man außer Hilfspaketen nur noch 1 200 Dollar pro Jahr nach Kuba schicken, und auch das nur noch an unmittelbare Angehörige.

Das Reisen wurde erschwert: Statt einmal im Jahr darf man jetzt nur noch alle drei Jahre für 14 Tage nach Kuba fahren, und nur für Familienbesuche.5 Statt 3 000 Dollar darf man bei diesen Reisen nur noch 300 Dollar zuzüglich eines Tagesgelds von 50 statt früher 170 Dollar mitnehmen. Das Reisegepäck wurde auf 27 Kilogramm pro Person beschränkt.

In Miami reagierte man zuerst geschockt auf die neuen Restriktionen, und dann entlud sich der allgemeine Zorn. José García, damals noch Chef der Canf, sprach von einer krassen Fehlentscheidung. Und sagte, was man nie für möglich gehalten hätte: „Ich habe bisher immer republikanisch gewählt. Aber damit ist jetzt Schluss.“

Bei den Demokraten ist die Botschaft angekommen. Bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus im kommenden November haben sie erstmals ernsthafte Aussichten auf einen Sieg. José García strebt den Sitz von Mario Díaz Balart an. „Allein die Tatsache, dass die Republikaner ernst zu nehmende Gegner haben, spricht für einen Wechsel zuungunsten der rechten Scharfmacher“, sagt Max Lesnik. „Bisher waren solche Kandidaturen völlig aussichtslos.“

Dass sich in Miami demnächst ein Konsens links von der Mitte durchsetzen könnte, ist völlig unrealistisch. Wenn sich ein Mann wie García heute gegen die Kubapolitik der Regierung Bush wendet, dann vor allem deshalb, weil ihm sein politischer Instinkt sagt, dass diese Politik nicht funktioniert.

Als langjähriger Vorsitzender der Canf6 ist er offiziell ebenso für das Embargo wie die anderen beiden demokratischen Kandidaten (einer von ihnen hat sich immerhin privat dagegen ausgesprochen). García möchte vor allem dort Erleichterungen durchsetzen, wo sonst die Nabelschnur zwischen den Kubanern in Miami und der Insel abzureißen droht. Sein Hintergedanke ist zweifellos, dass engere Kontakte der politischen Entwicklung Kubas eher förderlich sind als ein Boykott.

Glaubt man Francisco Aruca, so steht in jedem Fall ein Wandel an: „Wenn einer der Demokraten gewinnt, dann wäre das der erste Rückschlag für die rechten Ultras seit fünfzig Jahren. Wenn zwei gewinnen, könnten sich die Strukturen der Rechten in kurzer Zeit auflösen. Das eröffnet uns neue Perspektiven. Das würde auch die Stimmung in Washington beeinflussen.“

Fußnoten: 1 Der kubanische Diktator Fulgencio Batista wurde 1959 gestürzt. 2 Bei der Volkszählung von 2000 gab es in Miami Dade County 650 000 Kubaner oder Kubanischstämmige, 465 770 Weiße, 427 140 Schwarze und 641 130 sonstige Lateinamerikaner. 3 Die beiden landesweiten spanischsprachigen TV-Sender Univisión und Telemundo wenden sich hauptsächlich an die in den gesamten USA viel zahlreicheren Mexikaner. Sie schöpfen auch den größten Teil des Werbeaufkommens ab. 4 Das US-Handelsembargo gegen Kuba besteht seit 1962 und wurde zweimal verschärft: 1992 durch den Torricelli-Act, der unter anderem ausländischen US-Tochterunternehmen den Handel mit Kuba verbietet und die Streichung von Hilfsmittel für Staaten gestattet, die mit Kuba kooperieren. 1996 durch das Helms-Burton-Gesetz, dem zufolge Länder und Firmen, die mit Kuba Handel treiben oder dort investieren, mit Sanktionen belegt werden sollen. 5 2003 reisten 15 000 Emigranten nach Kuba. 6 Nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden Jorge Mas Canosa stürzte die Canf in eine Krise. 2001 spalteten sich die Ultrarechten ab und gründeten das Cuba Liberty Council.

Aus dem Französischen von Herwig Engelmann

Le Monde diplomatique vom 11.04.2008,