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Die zweite Wanderung des Terrors

von Vicken Cheterian

Er nannte sich Abu Talha, und es war nicht einfach, ein Treffen mit ihm zu arrangieren. Es war im Sommer 2008 im libanesischen Bekaa-Tal. Einige Tage zuvor hatten libanesische Sicherheitskräfte im nahe gelegenen Bar Elias eine Al-Qaida-Zelle aufgedeckt und einige „Irak-Rückkehrer“ festgenommen. Abu Talha erzählte zum Auftakt unseres Gesprächs, wie er nach dem Einmarsch der US-Truppen im Irak einem Aufruf von Abu Mussab al-Sarkawi gefolgt war, sich dem Kampf gegen die Besatzung anzuschließen. Ihre Gruppe war damals nicht die erste aus seinem Dorf. Nachdem er den Leuten, die Freiwillige in den Irak schleusten, gesagt hatte, er wolle in den Dschihad ziehen, hörte er sechs Monate nichts. Dann wurde ihm mitgeteilt, dass er mit der nächsten Gruppe nach Bagdad abreisen könne.

Als angebliche Dattelhändler reisten sie zu fünft zuerst nach Syrien, wo ein Schleuser von jedem 300 Dollar kassierte, für die er sie von Kamischli (im kurdischen Teil Syriens) nach Bagdad bringen sollte. Doch die syrischen Sicherheitskräfte riegelten die Stadt ab, bevor sie die Grenze überqueren konnten. Um der Polizei zu entkommen, mussten sie fliehen. Sieben Tage lang irrten sie durch die Wüste, dann kamen sie endlich in Bagdad an. Den verabredeten Termin mit ihrer Kontaktperson hatten sie verpasst. Erst mehrere Tage später konnten sie einen Mitarbeiter al-Sarkawis treffen.

Danach hielt sich Abu Talha einen Monat lang in Wohnungen zunächst in Bagdad und dann in Falludscha versteckt. Dort wartete er zusammen mit anderen Freiwilligen aus verschiedenen arabischen Ländern auf seinen Einsatz als Selbstmordattentäter. Doch weil es dafür zu viele Kandidaten gab, schickte man Abu Talha nach einem Monat zurück – nicht ohne ihm das Versprechen abzunehmen, für die Gruppe zu werben und ihr Geld zu schicken.

Während unseres Gesprächs kam der junge Libanese immer wieder auf al-Sarkawi zu sprechen, den er als „edlen“ und „mutigen“ Menschen bezeichnete. Der meistgesuchte Mann im Irak war am 7. Juni 2006 getötet worden, als US-Flugzeuge sein Versteck am Nordrand von Bagdad bombardiert hatten. „Seit er zum Märtyrer wurde, hat niemand ihn ersetzen können“, sagte Abu Talha. Auf meine Frage nach seinen Verbindungen zu al-Qaida meinte er nur: „Al-Qaida ist mehr eine Idee als eine Organisation.“

Die Enkel der arabischen Afghanistankämpfer

Schon Monate vor der Invasion der US-Armee waren freiwillige Kämpfer aus mehreren arabischen Ländern in den Irak gekommen, um das Saddam-Regime zu verteidigen. Nach dessen raschem Zusammenbruch blieben diese Freiwilligen demoralisiert zurück. Wenn sie es schafften, in ihr Herkunftsland zurückzukehren, waren sie häufig physisch wie auch psychisch gebrochene Menschen. Nach ihnen kam eine zweite Welle von Freiwilligen, die nicht zur Verteidigung des Baath-Regimes, sondern zum Kampf gegen die US-Truppen im Irak antreten wollten. Diese zweite Welle bestand vor allem aus Islamisten, die von Dschihad-Ideologien takfiristischer Prägung1 inspiriert waren. Die hatten sie von ihren Vorgängern in einem anderen Krieg, den sogenannten arabischen Afghanen übernommen. Diese Dschihad-Veteranen waren in den 1980er-Jahren als Kämpfer gegen die sowjetische Besatzungsarmee nach Afghanistan gegangen.

Auch von dieser zweiten Welle sind seit 2006 schon wieder Tausende aus dem Irak in ihre Heimatländer zurückgekehrt oder in ein drittes Land weitergezogen. Die Beziehungen dieser Rückkehrer zu den Regierungen ihrer neuen Aufenthaltsländer sind – anders als im Fall ihrer Vorläufergeneration der „arabischen Afghanen“ – kompliziert und ambivalent: Von einigen Regierungen wurden sie zunächst unterstützt, später aber unterdrückt. Von den meisten werden sie mit tiefem Misstrauen beobachtet. Vor allem aber werden sie von allen beteiligten Parteien instrumentalisiert.

Für die „arabischen Afghanen“ waren halboffizielle Informationsbüros in mehreren Golfstaaten eingerichtet worden, und Freiwillige aus diesen Ländern, die nach Pakistan zur Ausbildung in den Lagern der Mudschaheddin flogen, bekamen dafür sogar verbilligte Tickets. Die neue Dschihadisten-Generation genießt solche Privilegien nicht. Im Gegenteil. In Syrien und Jordanien wurden tausende dieser ehemaligen Irakkämpfer von der Polizei festgenommen und in ihre Herkunftsländer abgeschoben, wo sie in Gefängnissen verschwanden. Allein in Tunesien gab es über 900 und in Algerien 400 solcher Fälle.

Nach nicht verifizierbaren Quellen sind die größten Gruppen dieser „Rückkehrer“ die aus Saudi-Arabien, Jemen und Tunesien (jeweils mehr als 2 000) sowie aus Jordanien (1 000).2 In Algerien änderte die islamistische GSPC (Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf) ihren Namen in „al-Qaida im Maghreb“. Seitdem setzt die Organisation junge Leute, die sie angeblich für den Dschihad im Irak rekrutierte, bei ihren eigenen Operationen in Algerien ein.3

Bis zur Invasion der US-Truppen im Irak hatte die dschihadistische Bewegung keinen größeren Einfluss auf die zentralen Werte, Anliegen und Kämpfe in der arabischen Welt. Die von der Muslim-Bruderschaft inspirierte und während der 1980er-Jahre durch die Kämpfe in Afghanistan zusammengeschweißte Bewegung hatte nach 1990 zunächst versucht, ihren Heiligen Krieg in Bosnien und Tadschikistan weiterzuführen. In der Folge trat sie dann auch in Tschetschenien in Erscheinung, wo seit Anfang 1995 der saudische Dschihadist Khattab (alias Samir al-Suwailem) mit seinen ersten zwölf Kämpfern mitmischte. Doch für die arabisch-islamische Welt lagen die Konflikte in Afghanistan, Bosnien und Tschetschenien damals sowohl geografisch als auch von ihrer Bedeutung eher am Rande.

Die Debatte über die Rolle der dschihadistischen Bewegungen und die Frage, warum sie den wichtigsten Kampf der arabisch-muslimischen Welt ignoriert, begann bereits mit dem afghanischen Dschihad und ist bis heute relevant geblieben. Zum Beispiel wurde Abdullah Azzam, der „Vater der arabischen Afghanen“, häufig gefragt, warum er als Palästinenser den Heiligen Krieg in Afghanistan führe, statt für seine Heimat zu kämpfen.

Die Antwort von Azzam, wie sie mir dessen Neffe und Schwiegersohn Abdullah Anas übermittelt hat, lautete immer: „Obwohl Palästina mein Land ist, war es uns seitens der arabischen Regime und der linken Bewegungen verwehrt, für dessen Befreiung zu kämpfen. Wir hatten gar nicht die Wahl zwischen dem Dschihad für Palästina oder für Afghanistan.“ Wenn diese jungen Dschihadisten in Bosnien eine Chance sahen, den ersehnten Kampf zu führen, gingen sie eben nach Bosnien. Und wenn sie dieselbe Möglichkeit in Tschetschenien sahen, gingen sie nach Tschetschenien. „Es war weniger Resultat einer strategischen Entscheidung als vielmehr eine Frage der Gelegenheit, die sich aus den Umständen ergab“, resümiert Abdullah Azzams Neffe.

Palästina war auch ein zentraler Konfliktpunkt zwischen Abu Mussab al-Sarkawi, dem berüchtigten Führer der dschihadistischen Gruppen im Irak, und dessen Mentor Abu Muhammad al-Maqdisi. Nachdem beide Männer 1999 vom jordanischen Königs amnestiert worden waren, ging al-Sarkawi nach Afghanistan – und später in den Irak –, während der aus Nablus stammende Geistliche al-Maqdisi die Befreiung Palästinas zum Hauptziel des dschihadistischen Kampfs erklärte.

Zwei weitere Punkte sind wichtig, um das politische Denken der Dschihadisten zu verstehen. Da ist zunächst der Begriff hidschra, der „Migration“ bedeutet und zwar im Sinne von: Reise in ein fremdes Land, um den Dschihad zu führen. Es ist derselbe Begriff, der für den Auszug des Propheten Mohammed und seiner Gefährten aus Mekka nach Medina im Jahre 622 benutzt wird – für die islamische Lehre ein zentrales Ereignis, mit dessen Datum auch der muslimische Kalender beginnt. Für Dschihadisten erscheint deshalb die Reise nach Afghanistan oder in den Irak als eine ähnlich intensive mystische Erfahrung, wie sie der Prophet und seine Gefährten durchlebt haben. Aus diesem Grund legen sich viele islamistische Kämpfer den Kampfnamen muhadschir oder „Immigrant“ zu, etwa Abu Hamza al-Muhadschir, der im Irak als Nachfolger des getöteten al-Sarkawi gilt.

Der zweite wirkungsmächtige Mythos ist der von der Zerstörung eines Imperiums durch eine Hand voll junger, nur leicht bewaffneter Männer, was zwangsläufig eine mystische Dimension beinhaltet. Viele der afghanischen Araber hegten die Fantasie, dass ihr Kampf nicht nur den Rückzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan bewirkt habe, sondern auch den Fall des kommunistischen Imperiums insgesamt. Ganz ähnlich ist heute der Mythos verbreitet, al-Sarkawi und seine anfangs 30 Gefolgsleute hätten die Pläne der USA im Irak „vereitelt“: Ihr militanter Widerstand habe Washington so viel gekostet, dass er die US-Strategie für die gesamte Region zum Scheitern brachte.

Die Organisation al-Sarkawis rekrutierte sich aus radikalen Elementen der „arabischen Afghanen“, wurde aber bald zur dominanten Fraktion innerhalb der gesamten dschihadistischen Bewegung. Dabei waren die Gefolgsleute al-Sarkawis im Gegensatz zu den Gruppen der al-Qaida, die sich anfangs vornehmlich aus Saudis, Jemeniten und Ägyptern zusammensetzte, vor allem Jordanier, Palästinenser und Syrer.4

Al-Sarkawi und die Spaltung der Dschihadisten

Nachdem al-Sarkawi im Sommer 2000 zum zweiten Mal nach Afghanistan zurückgekehrt war, baute er ein Ausbildungslager bei Herat im Westen Afghanistans auf, weit entfernt von den bisherigen Lagern der arabischen Dschihadisten, die bei Jalalabad oder Kandahar nahe der pakistanischen Grenze lagen. Der Jordanier al-Sarkawi arbeitete zwar mit Ussama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri zusammen, legte aber Wert darauf, dass seine Gruppe „al-Tawhid wal-Dschihad“ (Monotheismus und Heiliger Krieg) unabhängig blieb.

Al-Sarkawis afghanische Aktivitäten dienten dem Aufbau eines Netzes, das seine Rückkehr nach Jordanien vorbereiten sollte. Zu diesem Zweck errichtete er Rückzugsbasen und Kontakte im Iran und im irakischen Kurdistan, und zwar schon vor der US-Invasion im Irak. Das bedeutete optimale Voraussetzungen für eine Strategie, mit der er die islamistischen Kräfte zum Kampf gegen die Okkupanten mobilisieren und später das politische Vakuum füllen wollte, das der Zusammenbruch des Baath-Regimes in Bagdad hinterlassen hatte. Damit verlagerte er den Heiligen Krieg von einer Randzone in eine der historischen Blüteregionen des Islam: nach Mesopotamien, das als Zentrum des Kalifats der Abassiden (750–1258) die Erinnerung an eine der ruhmreichsten Epochen islamischer Kultur beschwört.

Vom US-Militär wurde die Anwesenheit al-Sarkawis im Irak ab 2002 als „Beweis“ für die Kollaboration zwischen dem Saddam-Regime und al-Qaida angeführt. Doch heute gibt man auch in Washington zu, dass al-Sarkawi keinerlei Kontakte zu dem irakischen Regime unterhalten hatte. Zudem waren seine Beziehungen zu al-Qaida sehr komplex. Abgesehen davon, dass al-Sarkawi auf der Unabhängigkeit seiner Gruppe bestand, waren sich die beiden Bewegungen in mehreren Punkten nicht einig. So kritisierte al-Sarkawi etwa die „zu weiche“ Haltung von al-Qaida gegenüber einigen arabischen Staaten einschließlich Saudi-Arabiens und weigerte sich, an der Seite der Taliban im afghanischen Bürgerkrieg zu kämpfen.

Differenzen gab es auch über die innerirakischen Konflikte. Al-Sarkawi hatte im Irak zum bedingungslosen Krieg gegen die Schiiten aufgerufen (wenn auch nicht gegen die Anhänger von Muktada al-Sadr), und der Selbstmordattentäter Jassin Jarad, der den schiitischen Großajatollah Muhammad Bakir al-Hakim ermordete, war ein Schwiegervater al-Sarkawis (der Vater seiner zweiten Frau). Al-Qaida hatte damals die Verantwortung für die Ermordung al-Hakims von sich gewiesen.

Al-Sarkawi etablierte sich jedenfalls rasch als Kopf des dschihadistischen Widerstands gegen die Besetzung des Irak, während er sich erst im Oktober 2004 zum Gefolgsmann (baya’a) Bin Ladens erklärt haben soll. Damit wurde eine neue Generation von Dschihadisten von einer ideologische Lehre geprägt, die sie noch radikaler werden ließ als die „arabischen Afghanen“ oder deren Ableger al-Qaida.

Die militärischen Erfahrungen dieser neuen Generation waren weit härter als die des Afghanistankriegs, und entsprechend militanter war auch ihre Sicht der Welt. Als al-Sarkawi 2002 in den Irak ging, hatte er nur eine Hand voll Anhänger um sich geschart. Doch nach der US-Invasion strömten hunderte, ja sogar tausende Freiwillige aus arabischen und islamischen Ländern nach, um gegen die Okkupation eines muslimischen Landes zu kämpfen.

Die jungen Kämpfer der „Generation al-Sarkawi“ bewirkten innerhalb der dschihadistischen Bewegung eine neue Spaltung. Sie sind radikaler und drängen ungeduldiger auf militärische Operationen. Sie verstehen Militanz vor allem als gewalttätige Aktion und zögern nicht, an immer neuen Fronten für Instabilität zu sorgen. Am deutlichsten zeigt sich das am Beispiel des Jemen.

Der Jemen ist schon lange ein sicherer Zufluchtsort für Dschihadisten. Schon unter den arabischen Afghanistanveteranen waren die Jemeniten stark vertreten; ein Experte schätzte ihre Zahl damals auf 3 000 Kämpfer.5

Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan nahmen die jemenitischen Behörden neben den eigenen Rückkehrern auch Dschihadisten aus anderen Ländern auf. Nach der Vereinigung des Jemen im Jahr 1990 hielten die Spannungen zwischen dem Regime von Ali Abdullah Saleh im Norden und seinen sozialistischen „Partnern“ im Süden an. Das Saleh-Regime gab dabei Afghanistan-Rückkehrern den Auftrag, ihr unliebsame sozialistische Führer umbringen zu lassen. Auch im anschließenden Bürgerkrieg, der 1994 ausbrach, spielten die Brigaden der „arabischen Afghanen“ bei der Niederschlagung der Sezession des Südens eine große Rolle.6

Nach den Attentaten vom 11. September 2001 geriet der Jemen unter heftigen Druck der USA. Das Selbstmordattentat auf den US-Zerstörer „Cole“ im jemenitischen Hafen Aden, dem 17 Besatzungsmitglieder zum Opfer gefallen waren, lag nur elf Monate zurück. Für die USA war das Land ein logistischer Stützpunkt der Dschihad-Kämpfer. Ein Experte in Sana’a räumt ein: „Bei sämtlichen Operationen von al-Qaida gab es eine Verbindung in den Jemen. Entweder wurden Waffen oder Geld von hier transferiert oder einer der Täter war ein Jemenit oder einer der Drahtzieher hatte sich hier aufgehalten.“

Die jemenitische Regierung hatte begründete Angst vor einem Eingreifen der USA auf jemenitischem Territorium. In dieser Situation flog Staatschef Saleh nach Washington und sagte seine Kooperation im „Krieg gegen den Terror“ zu. Doch die jemenitischen Behörden schlugen gegenüber den Dschihadisten eine widersprüchliche Strategie ein: Im Gefolge des 11. September wurden 113 ihrer Aktivisten verhaftet, darunter der Theoretiker des Dschihad, der Ägypter Sayed Imam al-Sharif alias Doktor Fadl7 ; andere hingegen blieben unbehelligt.

Zudem begann die Regierung einen organisierten Dialog mit im Gefängnis sitzenden Dschihadisten. Leiter dieses Programms war der Richter Hamud al-Hitar, der inzwischen Minister für religiöse Angelegenheiten ist. Für ihn war das Dialogprojekt einer „der Pfeiler der Strategie des Jemen zur Bekämpfung des Terrorismus“, wie er mir in einem Interview erklärte: „Wir gingen davon aus, dass jede terroristische Bewegung eine ideologische Basis hat, und einer Idee kann man nur mit einer anderen Idee begegnen. In Afghanistan und im Irak brachte der Einsatz von Gewaltmitteln weder Frieden noch Stabilität. Die Ideenwelt von al-Qaida basiert auf zwei Vorstellungen: dem häretischen Charakter (takfir) der arabischen Regime und dem Gebot des Kampfs gegen die Fremden.“

Durch den Dialog wollte man den Dschihadisten klarmachen, dass die Regierung des Jemen eine legitime ist. Und dass man Andersgläubige nicht allein deshalb bekämpfen dürfe,„weil sie einer anderen Religion anhängen oder andere religiöse Auffassungen haben“.

Das Dialogprojekt sollte diese beiden irrigen, religiös begründeten Vorstellungen korrigieren. Ende 2005 wurde das Projekt jedoch gestoppt, weil sich, wie al-Hitar sagt, innerhalb der jemenitischen Regierung die Kräfte durchsetzten, die den Kampf gegen den „Terrorismus“ mit anderen Methoden führen wollten. Der Minister betont, dass das Dialogangebot nur an die „arabischen Afghanen“ und nicht an die „Rückkehrer“ aus dem Irak gerichtet war. Aber insgesamt habe das Projekt dazu beigetragen, „Frieden und Stabilität im Jemen aufrechtzuerhalten“.

Die US-Regierung beschuldigt Jemen gerade in letzter Zeit wieder, die Aktivitäten der Dschihadisten nicht ausreichend einzuschränken. Heftige Proteste aus Washington gab es im Oktober 2007 gegen die Freilassung von Dschamal al-Badawi, der als einer der Drahtzieher des Attentats auf die „USS Cole“ gilt. Zwar wurde al-Badawi inzwischen wieder in Haft genommen, aber die USA wollen seine Auslieferung durchsetzen. Ein weiterer Streit entzündete sich am Ausbruch von 23 Häftlingen aus einem Hochsicherheitsgefängnis im Februar 2006, der zweifellos durch die Mithilfe einiger Gefängniswärter ermöglicht wurde. Zu den Ausbrechern, die als Al-Qaida-Mitglieder galten, gehörte auch Nasser al-Wahaishi, der mutmaßliche neue Chef (Emir) von al-Qaida im Jemen.

Stille Übereinkunft im Jemen

Der wohl wichtigste Konfliktpunkt zwischen Washington und Sana’a ist die Behandlung von Sheikh Abdel-Madschid al-Zindani, dem Rektor der islamischen Al-Imam-Universität in der Hauptstadt. Der Theologe soll Bin Laden während dessen Zeit in Afghanistan beeinflusst haben und gilt als ein maßgeblicher Führer der oppositionellen Al-Islah-Partei, aber er unterhält auch enge Beziehungen zur Regierung.

Al-Zindani steht auf dem Steckbrief der US-Behörden wie auf der Liste, die der „Ausschuss für Sanktionen gegen al-Qaida und Taliban“ des UN-Sicherheitsrats erstellt hat. Doch im Jemen genießt er großen Rückhalt nicht nur bei den Stammesallianzen im Norden und den Salafisten, sondern auch bei den staatlichen Behörden.

Aber sind die jemenitischen Dschihadisten überhaupt noch al-Qaida zuzurechnen? Ein ehemaliger Leibwächter Bin Ladens namens Nasser al-Bahri (Kampfname: Abu Dschandal) erklärte im Juli 2007 nach einem terroristischen Angriff auf Touristen in Jemen, die Täter seien eine „neue Generation“, die sich von al-Qaida unterscheide, obwohl einige der Gruppen noch diesen Namen führen. Es handle sich um die „Generation al-Sarkawi“, also um junge Männer, die in den Dschihad im Irak ziehen wollten: „Sie sind unerfahren, verführt und auf falsche Weise mobilisiert. Sie glauben, dass die alte Generation zum Aufstand nicht mehr imstande ist, sie glauben, dass die nur aus Feiglingen und Agenten besteht oder aus Leuten, die sie (die junge Generation) ausforschen.“8

Auch der Politikwissenschaftler Said al-Jamh’i, Autor eines Buchs über al-Qaida, sieht eine neue Generation am Werk und kritisiert, dass die Regierung dies nicht zur Kenntnis nehme und nur auf al-Qaida fixiert sei.9

Die Serie von Angriffen seit Sommer 2007 gegen westliche Ziele in Sana’a, die am 17. September 2008 in der Raketenwerfer-Attacke auf die US-Botschaft kulminierte, wird einer jüngeren Generation von Dschihadisten zugeschrieben, die sich „Kataeb al-Jund al-Jemen“ nennen.10 Diese Gruppierung fordert von den jemenitischen Behörden, islamistische Kämpfer aus der Haft zu entlassen, die Zusammenarbeit mit dem Westen im Antiterrorkrieg zu beenden und alle Männer, die sich dem Heiligen Krieg im Ausland (Irak, Afghanistan, Somalia) anschließen wollen, frei ausreisen zu lassen. Sollten diese Forderungen nicht erfüllt werden, drohen sie mit Schlägen gegen ausländische Interessen im Jemen.

Diese neue Generation ist offensichtlich eher von al-Sarkawi inspiriert als von der älteren Al-Qaida-Generation. Ihr Auftreten und ihre Aktivitäten könnten die stille Übereinkunft zwischen der jemenitischen Regierung und den Al-Qaida-Aktivisten gefährden. Letztere haben versprochen, keine Ziele innerhalb des Jemen zu attackieren, im Gegenzug lässt die Regierung zu, dass sie logistische Unterstützung für den Dschihad in anderen Ländern leisten.

Sana’a ist an zwei Fronten auf die Unterstützung durch die Dschihadisten angewiesen. Zum einen im Süden, wo die Unzufriedenheit wächst und ein Teil der Bevölkerung noch immer der 1990 verlorenen Unabhängigkeit nachtrauert. Zum anderen im Norden, wo eine 2004 von den schiitischen Anhängern des Rebellenführers Abdul Malik al-Huthi begonnene Rebellion für das Regime immer gefährlicher wird.11 Sollten das politische Vakuum und die Unsicherheit im Jemen, im Libanon (siehe Kasten) und in anderen Ländern noch länger andauern, könnten die jungen Dschihadisten der zweiten Generation neue Führer, neue Propheten und neue Organisationsformen adoptieren.

Fußnoten: 1 Die Anhänger dieser islamischen Richtung denunzieren alle, die sich nicht an ihren strengen Glaubensgrundsätzen orientieren, als Abtrünnige. Siehe Syed Saleem Shahzad, „Al-Qaida gegen die Taliban“, Le Monde diplomatique, Juli 2007. 2 Siehe die Berichte über die jungen Dschihadisten aus dem Jemen und Tunesien von Nabil al-Sofi und Rashid Khashana in der Tageszeitung al-Hayat (London) vom 11. und 12. April 2007. Die Zahl der saudischen Dschihadisten im Irak schätzte ein „hochrangiger saudischer Prinz“ 2005 auf 2 000 bis 3 000, von denen die meisten entweder über Syrien in den Irak gelangten (wo sie sich der Gruppe al-Sarkawis anschlossen) oder aber über den Iran (die in der „Army of Ansar al-Sunna landeten). Siehe den Artikel von Mashar al-Zaydi in der Zeitung al-Sharq al-Awsat (London) vom 20. Mai 2005. 3 Siehe Muhammad Muquadem in al-Hayat, 9. September 2007. 4 Siehe Fouad Hesein, „al-Zarqawi, al-Jeel al Thani lil-Qua’da“ (Sarkawi, die zweite Generation von al-Qaida), Beirut (Dar al-Khalil) 2005, S. 33 f. 5 Bruce James, „Arab Veterans of the Afghan War“, Jane’s Intelligence Review, Vol. 7, Nr. 4, April 1995. 6 Zu erinnern ist auch, dass die Familie Bin Laden aus dem Jemen stammt: Ussama Bin Ladens Vater Mohammed wurde in Hadramaut im Südosten von Jemen geboren und emigrierte als junger Mann nach Saudi-Arabien, wo er ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde. 7 Siehe al-Sharq al-Awsat, 5. März 2004. 8 Nasser Arrabyee, „Al Qaida ‚not behind tourist attack‘ in Yemen“, Gulf News, 10. Juli 2007. 9 Interview mit dem Autor. Siehe auch dessen Buch „Al Qae’da fi al-Yaman“ (Al-Qaida im Jemen), Sana’a 2008. 10 Siehe Gregory D. Johnsen und Brian O’Neill, „Yemen Attack Reveals Struggle Among Al-Qaeda’s Ranks“, Jamestown Foundation, Vol. 4, Nr. 22 (10. Juli 2007): www.jamestown.org. 11 Im Mai 2008 konnten Huthi-Rebellen nur durch den Einsatz schwerer Waffen aus ihren Stellungen 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt vertrieben werden, von wo sie den Flughafen von Sana’a hätten bedrohen können.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Vicken Cheterian ist Journalist und lebt in Genf.

Le Monde diplomatique vom 12.12.2008,