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Pack die Algen in den Tank

Kompostieren und Tüfteln in Kalifornien von Agnès Sinaï

Etwa zwanzig Kilometer südlich von San Francisco, am Eingang des Silicon Valley, verfolgt das Start-up-Unternehmen Solazyme Inc. einen neuen Traum: einen aus Mikroalgen hergestellten synthetischen Kraftstoff, der genauso viel Energie liefern soll wie fossile Brennstoffe. Laut Firmengründer Harrison F. Dillon ist Solazyme „das einzige Unternehmen für mikrobielle Biotechnologie, das einen Brennstoff mit den gleichen Eigenschaften wie Erdöl produziert“.

Es ist nicht ganz klar, wie das Verfahren funktioniert, und Dillon selbst kann darüber auch nur bruchstückhaft Auskunft geben und erklärt, es handle sich um eine transgenetische Technologie auf der Basis genetisch veränderter Mikroben. Das ist der Biosprit der dritten Generation.1

Ende 2008 erklärte Solazyme, man habe aus Mikroalgen Kerosin hergestellt, dessen Stabilität auch bei großen Flughöhen gewährleistet sei. Das Unternehmen, das 75 Millionen Dollar Risikokapital bekam, will zu einem Produzenten „erneuerbaren Treibstoffs“ aufsteigen – mit einer Technologie, die den Zersetzungsprozess von Algen, der in der Natur hunderte Millionen Jahre dauert, auf eine Woche verkürzt.

Durch einen Vorgang, der wie alchemistische Gestaltumwandlung anmutet, ist es Dillon zufolge jetzt schon möglich, die Fermentation des Phytoplanktons zu beschleunigen, indem man es in großen Fermentationsanlagen mit Holzresten und anderen zellulosehaltigen Stoffen anreichert. In den luftdicht abgeschlossenen Behältern braucht es keine natürliche Photosynthese mehr, sie wird durch genetische Manipulation künstlich erzeugt. Die Algen werden in Öl umgewandelt, das als Brennstoff, zur Herstellung von Nahrungsmitteln oder in der chemischen Industrie genutzt werden kann.

Bis das grüne Gold sich selbst erneuert, ist es noch ein weiter Weg. Doch es geht hier nicht nur um eine Technologie, sondern schon um einen kollektiven Mythos, an den (fast) alle glauben wollen. Die grünen Start-ups müssen sich beeilen. Die Investoren warten auf Ergebnisse. Dass das Zeitalter des billigen Öls zu Ende geht, ist seit einiger Zeit bekannt. Bereits 2005 empfahl der im Auftrag des US-Energieministeriums erstellte Hirsch-Report die Umstellung auf andere Energiequellen.2 Das 21. Jahrhundert kann nicht mehr so verschwenderisch wie das 20. mit Energie umgehen. Silicon Valley sieht sich schon als das Saudi-Arabien der Zukunft, in dem Zellulose in Ethanol und Algen in Öl umgewandelt werden.

Die Algen besitzen noch eine weitere märchenhafte Eigenschaft: Sie vernichten Kohlendioxid. Mit Hilfe von Algen könnte das bei der Stromerzeugung entstehende CO2 in synthetischen Treibstoff umgewandelt und in Bioreaktoren raffiniert werden, die man neben herkömmlichen Kraftwerken aufstellen müsste – allein in den USA gibt es 619 Kohlekraftwerke. Die CO2 -Abscheidung auf der Basis von Algen könnte also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Emissionen aus der Schwerindustrie resorbieren und in Treibstoff umwandeln.

Die freiwilligen Erntehelfer und der Aussteiger

Sapphire Energy, ein Konkurrent von Solazyme, stellt sich vor, bis zum Jahr 2018 allein mit diesem Verfahren 455 Millionen Liter Brennstoff aus Algen zu gewinnen. Unterstützt von Bill Gates und der Rockefeller-Familie, brüstet sich Sapphire, das gesamte für die derzeitige Infrastruktur benötigte Öl durch seinen Brennstoff ersetzen zu können. Die integrierte Bioraffinerie des Unternehmens im Süden des US-Bundesstaats New Mexico ist die erste Fabrik, die Treibstoff aus Algen für kommerzielle Zwecke herstellen soll. Das Problem: Eine solche Fabrik könnte bis zu einer Milliarde Dollar kosten, aber – verglichen mit dem Energiebedarf der USA – nur lächerlich wenig Treibstoff herstellen.

David Fridley hat früher für die Ölindustrie gearbeitet, ist heute Energieexperte am Forschungslabor Lawrence Berkeley Lab (LBL) und baut daneben noch in seinem Garten in der Provinz Sonoma Obst und Gemüse an. Seiner Ansicht nach müsste die von Sapphire erzeugte Energie erst einmal in der Lage sein, alle nachfolgenden Produktionsstufen und die zu ihrer eigenen Herstellung notwendigen Anlagen zu versorgen: „Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, sind es keine wirklichen Alternativen, sondern höchstens Ergänzungen.“ Tatsächlich benötigen die Fermentationsanlagen – ob nun in geschlossenen Behältern oder unter freiem Himmel – große Mengen an Energie, um die Millionen Kubikmeter Wasser zirkulieren zu lassen, mit denen die Anlagen befüllt und auf konstanter Temperatur gehalten werden, und – bei Teichen in der Wüste – die Verdunstung ausgeglichen wird. Nur zur Erinnerung: Der größte einzelne Stromverbraucher von Kalifornien ist die Pumpstation, die das aus dem Norden des Bundesstaats kommende Wasser für Los Angeles über die Tehachapi-Berge pumpt.

André Angelantoni, Mitbegründer von Post Peak Life, einer Agentur, die Politiker und Unternehmer in Sachen Energiesparen berät, glaubt nicht, dass die Wissenschaftler und Start-ups des Silicon Valley in absehbarer Zeit in der Lage sein werden, fossile Energieträger in ausreichender Menge und zu wettbewerbsfähigen Preisen zu ersetzen. „Was Finanzen, Energie und Klima betrifft, stehen wir vor einer Reihe globaler Probleme. Es ist genau die gleiche Situation, als wenn einer jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hat und plötzlich aufwacht und merkt, dass die Kasse leer ist.“

Quer durch Kalifornien verläuft die San-Andreas-Verwerfung, die das Erdbeben verursachte, bei dem San Francisco 1906 völlig zerstört wurde. In dieser Gegend, in der seit drei Jahren Trockenheit herrscht und riesige Waldbrände wüten, mischen sich Katastrophenangst und Technikvertrauen. Das Post Carbon Institute von Sebastopol in der Provinz Sonoma, das sich für die Reduktion von Treibhausgasemissionen einsetzt, versammelt in seiner „transition town“2 ein Netzwerk von Wirtschaftswissenschaftlern und Biologen, die darüber nachdenken, wie die Welt nach der Erdölära aussehen soll.3 Die Verwundbarkeit der Industrieländer, deren Wachstum auf fossilen Energien beruht, steht im Zentrum der Überlegungen dieses alternativen Thinktanks. Einer seiner prominentesten Sprecher ist Richard Heinberg, Journalist, Autor, Musiker und Dozent am Santa Rosa College. In seinem Buch „Powerdown“4 fordert er seine Leser auf, schon mal freiwillig das Energiesparen zu üben. Kalifornien könne ein Beispiel für Industriegesellschaften geben, die von fossilen Energien und zur Neige gehenden Brennstoffen – dazu zählt auch Uran – abhängig sind. Man sollte jetzt vor allem Projekte wie die vom britischen Mitbegründer des Transition Networks, Rob Hopkins5 , erdachten transition towns fördern.

Das kleine Städtchen Willits (13 500 Einwohner) liegt 200 Kilometer nördlich von San Francisco in einer hügeligen Landschaft, in der tausend Jahre alte Küstenmammutbäume wachsen. Jason Bradford, Biologe und Informatiker, holt jeden Tag seinen Kompost im Mendonesia Café ab, einem Vereinsrestaurant in der einzigen Einkaufsstraße dieses Wildwest-Ökofleckens. Lokalkünstler stellen hier ihre Werke aus, und auf den Wänden stehen Alltagsweisheiten wie „Freiheit ist eine Frage der Definition“. Bradford hätte im Silicon Valley Karriere machen können, doch er lebt lieber nach seinen Überzeugungen. Auf seiner Obstplantage züchtet er Saatgut und baut Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Das einzige Auto der Familie steht vor dem Haus, während er mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist und das Werkzeug im Anhänger zu seinem Gemüsegarten transportiert.

Bradford ist auch Redakteur der Website The Oil Drum6 und leitet den Verein Willits Economic LocaLization (Well). Mit der Vorführung des Films „The End of Suburbia“7 , in dem es um die ökologischen Grenzen der Zersiedelung geht, brachte er in seiner Kommune erste Diskussionen ins Rollen.

Stolz betrachtet der Biologe seinen Komposthaufen, den die Würmer zu wertvollem Dünger verarbeiten. Man müsse nicht nur seinen Lebensstil, sondern die gesamte Lebensauffassung ändern, meint Bradford: „Wir haben unsere Gesellschaft mit einem gigantischen ökologischen Kredit aufgebaut. Und jetzt haben wir Angst. Unsere vordringliche Aufgabe sollte es daher sein, die Umwelt, die wir ausgeplündert haben, wieder aufzurichten“ oder sich gar einer kollektiven Therapie zu unterziehen, wie der erfolgreiche konsumkritische Animationsfilm „The Story of Stuff“ vorschlägt, der auch die globale umweltpolitische Verantwortung der US-Gesellschaft thematisiert.8

Am Eingang des Obstgartens erscheint Marilyn. Sie koordiniert die Grateful Gleaners, die als unbezahlte Erntehelfer arbeiten. Heute will sie in einem Teil des Gartens, der gemeinschaftlich bewirtschaftet wird9 , Unkraut jäten und Obst und Gemüse einsammeln, das sie in Schulen und karitativen Einrichtungen des Städtchens verteilen wird.

Seit den Werften die Arbeit ausgeht, setzen alle auf Öko

Die Arbeitervorstadt Richmond mit ihren gut 100 000 Einwohnern liegt im Osten der San Francisco Bay und ist berüchtigt für ihre hohe Kriminalitätsrate. Mehrere Vereine haben es sich zum Ziel gesetzt, grüne Arbeitsplätze in interkulturellen Gärten und der Produktion von Solaranlagen zu schaffen. Green for All und Solar Richmond praktizieren schon, was Präsident Obamas neuer Berater für grüne Arbeitsplätze, Van Jones, fordert.

Auf den Werften gibt es keine Arbeit mehr. Am Hafen verpestet die Raffinerie von Chevron – mit einer Lagerkapazität von 15 Millionen Barrel die zweitgrößte Kaliforniens – die Luft mit Chlor- und Schwefeldioxiddämpfen. Die Anwohner leiden unter Asthma, hunderte Bürger engagieren sich gegen den Ausbau der Raffinerie und protestieren gegen die Öko-Apartheid.

Gayle McLaughlin, die grüne Bürgermeisterin von Richmond, ist fest entschlossen, sich dafür einzusetzen, dass die Bürger wieder stolz auf ihre Stadt sein können. Sie zählt dabei auch auf das „Stimulus Package“, den im Februar verabschiedeten Wirtschaftsplan von Präsident Obama. Dadurch hat Richmond bereits Subventionen von fast einer Million Dollar erhalten, um alternative Energien auszubauen, Energiesparen zu fördern und mittels grüner Arbeitsplätze vor Ort alle Dächer der kommunalen Gebäude mit Solaranlagen auszustatten.

Doch die Bürgermeisterin wendet sich vor allem gegen Chevron und hat sich deshalb schon den Unmut einiger Abgeordneter im Stadtrat zugezogen. Im November 2008 wurde nach harten Debatten mit 51 Prozent der Stimmen die sogenannte Measure T verabschiedet, die auf eine Bürgerinitiative zurückgeht. Sie verpflichtet umweltverschmutzende Industriebetriebe wie Chevron, das im Jahre 2008 einen Gewinn von 26 Milliarden Dollar eingefahren hat, wesentlich mehr Gewerbesteuer zu zahlen als der Lebensmittelhändler an der Ecke.10

Durch die leeren Straßen der Vorstädte von Richmond ziehen arbeitslose Jugendliche, aus denen vielleicht bald städtische Bauern werden. „Überall in der Stadt entstehen gemeinschaftliche Gemüsegärten“, erzählt McLaughlin. „Wir haben hier sogar einen Verein, die „5 Percent Local Coalition“, der sich dafür einsetzt, dass 5 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs vor Ort produziert werden, um umweltschädigende Transporte einzusparen.“

In Sebastopol, Willits und Richmond gewinnt man den Eindruck, dass hier – auf eine charmante experimentelle Weise – eine neue Lebensphilosophie erfunden wurde. Ob sich die East Bay je in einen grünen Korridor verwandeln wird, steht trotzdem in den Sternen.

Fußnoten: 1 Biotreibstoffe der ersten Generation werden aus Zucker oder Getreide hergestellt, die zweite Generation stammt aus Abfällen aus der Forst- und Landwirtschaft. Langfristig soll die Produktion von Biotreibstoffen von der Nahrungsmittelproduktion entkoppelt werden. 2 www.netl.doe.gov/publications/others/pdf/Oil_Peaking_NETL.pdf. 2 www.transitionus.org. 3 www.postcarbon.org. 4 Richard Heinberg, „Powerdown: Options and Actions for a Post-Carbon World, Gabriola Island (New Society Publishers) 2004. Letzte Publikation von Richard Heinberg auf Deutsch: „Öl-Ende: ‚The Party’s Over‘. Die Zukunft der industrialisierten Welt ohne Öl“, München (Riemann) 2008. 5 Rob Hopkins, „Energiewende. Das Handbuch: Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen“, Frankfurt am Main (Zweitausendeins) 2008. 6 www.theoildrum.com. 7 „The End of Suburbia. Oil Depletion and the Collapse of the American Dream“, Regie: Gregory Greene, Produktion: Barry Silverthorn, 2004. www.endofsuburbia.com. 8 www.storyofstuff.com. 9 Nach dem Vorbild von Netzwerken für regionale Ernährung wie Eat the View – www.eattheview.org – und Food Not Lawns – www.foodnotlawns.net –, die sich für die Bildung lokaler Samentauschbörsen einsetzen. 10 Laut einem Bericht des San Francisco Chronicle müsste Chevron etwa 400-mal mehr Gewerbesteuer zahlen als zuvor, nämlich zirka 26,5 Millionen Dollar. Vgl. www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/c/a/2008/11/30/BAT914D16L.DTL.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Agnès Sinaï ist Journalistin und Herausgeberin (mit Philippe Bovet) vom „Altas der Globalisierung spezial: Klima“, Berlin (taz Verlag) 2008.

Le Monde diplomatique vom 10.07.2009,