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Im Profithimmel von Sichuan - von Jordan Pouille

Das Elektronikimperium

Im Profithimmel von Sichuan

Schuften bei Foxconn, einem der größten Unternehmen in China von Jordan Pouille

Es ist kurz nach Mitternacht in Longhua, am Stadtrand von Shenzhen. Vor dem Eingang der Foxconn-Fabrik Hongfujin, in der iPod-Teile hergestellt werden, warten die ambulanten Köche in der nächtlichen Schwüle. Sie haben Gaskocher auf ihre Lieferdreiräder geschweißt und bestürmen die jungen Leute in rosa oder schwarzer Jacke, die müde und hungrig aus der Fabrik kommen. Manche sprechen uns unbefangen an: „Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einem Ausländer spreche. Kennst du Michael Jackson? Ich hab alle seine Songs auf meinem Handy.“

Um Bo Zhangs Dreirad sitzen ein paar Hungrige, die sich bei ihm für 3 Yuan eine Portion gebratene Nudeln gekauft haben.1 Bo bereitet täglich mindestens tausend Portionen zu. „Die Foxconn-Chefs wollen, dass ihre Arbeiter in den Pausen in der Fabrik bleiben. Deshalb setzen diese Mistkerle den Preis für das Kantinenessen von 4 Yuan auf 1,50 Yuan herunter, sobald wir auftauchen!“

Bo Zhang hat bis vor zwei Jahren selbst bei Foxconn gearbeitet. Er hat in der Walzerei Metallgehäuse für MacBooks zusammengebaut und unter dem Lärm, der schlechten Luft, der Hitze und dem Aluminiumstaub, der sich auf Haut und Haare legt, gelitten. Damals hatten die chinesischen Manager praktisch keinen Kontakt zu ihren Kollegen in Taiwan, obwohl dort alle Entscheidungen getroffen wurden. Bo schrieb immer wieder Anträge auf Versetzung, aber die wurden natürlich alle abgelehnt. Nach einem Jahr verließ er die Firma – um als sein eigener Chef zurückzukehren. „Heute sorgen die Arbeiter für meinen Lebensunterhalt.“ Es stört sie nicht, dass sich der Fabrikrauch in den zarten Duft der Sojasoße mischt und Ratten unter Bos Plastikhockern herumflitzen.

In seinem improvisierten Restaurant gibt es keine Aufpasser. Bei Bo fühlen sich die jungen Leute sichtlich wohl. Denn dort, wo sie gerade herkommen, herrscht strenge Disziplin. Doch es gab viel schlimmere Zeiten. Seit dem Skandal um die Selbstmordserie2 sind sie wenigstens nicht mehr den Demütigungen und willkürlichen Bestrafungen ihrer Vorgesetzten ausgesetzt. „Die Chefs sind viel zurückhaltender geworden. Eigentlich hört man sie nicht mehr. Solange man einen klaren Kopf behält, ist es auszuhalten. Ich arbeite im Stehen, darf aber alle zwei Stunden zehn Minuten Pause machen“, berichtet der knochendürre Yang.3 Sein Kollege Cao Di erzählt, wie sie früher schikaniert wurden: „Wenn das Produktionsziel nicht erreicht wurde, mussten wir sechs Stunden lang mit dem Gesicht zur Wand stehen und über unsere Fehler nachdenken.“ Streng sind die Vorschriften aber immer noch. „Wir müssen unsere Handys am Eingang abgeben und dürfen während der Arbeit nicht zur Toilette gehen, uns unterhalten oder einen Schluck Wasser trinken.“ Dafür muss man die nächste Pause abwarten. Die beiden jungen Männer packen jeden Tag von 8 bis 19 Uhr 8 000 iPads ein. „Seit der ersten Generation von 2010“, betonen sie stolz.

In Longhua baute der taiwanesische Foxconn-Gründer Terry Tai Ming Gou 1988 seine erste Niederlassung in China. In einem drei Quadratkilometer großen, von Schlaftürmen umgebenen Bunker bauen heute 350 000 Arbeiter Tag und Nacht die von Foxconns Auftraggebern gelieferten Einzelteile zusammen: Für Hewlett Packard (HP) Drucker und Tonerpatronen, für Dell und Acer Computer, E-Book-Reader für Amazon, Playstations für Sony und für Apple die gesamte Produktpalette vom iPhone bis zum iPad. Um die unersättliche Nachfrage zu befriedigen, stellte Foxconn zwei weitere, noch größere Fabriken auf: eine in Sichuan für iPads, die andere in Henan für iPhones. Die eine begann am 30. September 2010 mit der Produktion, die andere im August 2011. Beide beschäftigen rund 200 000 Arbeiter.

Seit dem frühen Morgen sitzen die Männer mit den dunklen Anzügen in einem verqualmten Raum und spielen Karten. Ab und zu werfen sie einen zerstreuten Blick auf den Monitor mit den Aufnahmen aus den Überwachungskameras. Darauf sieht man ein Dutzend Schlafsäle mit gekachelten Wänden. Zwei vierspurige Straßen, auf denen Tag und Nacht die Lastwagen fahren, trennen die Schlaftürme von der Werkhalle B4 der Foxconn-Fabrik in Shenzen. Vom obersten Stockwerk sieht man hinter vergitterten Fenstern junge Männer, die schwarz-grüne Kisten von Acer aufeinanderstapeln.

Die Hausverwalter kassieren für den Hausbesitzer die Miete von 12 000 Arbeitern, die sich jeweils zu acht, nach Frauen und Männern getrennt, ein Zimmer teilen. Waschmaschinen und Trinkwasserautomaten stehen im Freien, dazwischen liegen Tüten mit Müll, die aus den Fenstern geworfen und unten von streunenden Hunden zerfetzt werden. Hinter den Eisengittern im Erdgeschoss verbergen sich unzählige illegale Internetcafés und rund um die Uhr geöffnete Onlinespielhallen, wo man für einen Yuan pro Stunde Computerspiele im Internet spielen kann. Mithilfe der Kamera haben unsere Verwalter einen erwischt, der im Treppenhaus seine Kippe weggeworfen hat. Der arme Kerl muss eine nicht verhandelbare Strafe von 20 Yuan zahlen. So schreibt es die Hausordnung vor, die in jedem Flur hängt.

Aus Platzmangel kann Foxconn nur ein Viertel seiner Arbeitskräfte auf dem „Firmengelände mit Olympiaschwimmbecken, Fitnessstudios und Krankenhäusern“ unterbringen, wie es in einer Mitteilung heißt. Alle anderen müssen in die eilig hochgezogenen, dicht nebeneinander liegenden privaten Schlaftürme ziehen. Hier haben die Straßen keine Namen, und die Arbeiter sind irgendwelchen dubiosen Vermietern ausgeliefert, auf die die taiwanesische Firma keinen Einfluss hat.

In Longhua liegt die Kontrolle von Ordnung und Sauberkeit in den Händen von Privatunternehmen, deren Angestellte zwar Uniformen, aber keine Waffen oder Dienstabzeichen tragen. Sie sind Wanderarbeiter, wie die von ihnen Observierten, und sie bekommen auch genauso viel Lohn. Man sieht sie vor den Werkhallen, Lagern und Schlafsälen stehen, sie kontrollieren die Firmenausweise und wühlen in Rucksäcken. Wenn jemand die Polizei ruft, tauchen zuerst sie auf. Abends stehen sie mit ihren schicken Mountainbikes an allen Straßenecken und weisen die strömende Menge in die eine oder andere Richtung.

Manchmal kommt es zu Prügeleien zwischen den Sicherheitsleuten und Arbeitern, dann muss die echte Polizei eingreifen. „Die richtigen Ordnungskräfte kommen nur, wenn jemand einen ungewöhnlichen Auflauf meldet. Dann filmen sie die Rädelsführer, und am Ende gehen die jungen Leute wieder auseinander“, erzählt ein Händler. Von ihrem perfekt ausgestatteten Pick-up aus steuern die Polizisten von Longhua eine bewegliche Kamera. Sie haben vor allem die häufigen Protestkundgebungen im Visier. Für die unzähligen als Karaokebars oder Massagesalons getarnten Bordelle scheinen sie sich deutlich weniger zu interessieren.

Auf Plakaten werden gefälschte Diplome, Führerscheine und sogar Personalausweise angeboten. Eine Plage, wie Foxconn erklären lässt: „Wir würden niemals Minderjährige einstellen. Wenn solche Fälle aufgedeckt wurden, hatten die Arbeiter falsche Dokumente vorgewiesen und sich älter gemacht, als sie waren.“ Bei Kontrollen, die Apple 2011 durchführen ließ, arbeiteten bei fünf von seinen Zulieferern Kinder.4

In der Fabrikstadt lassen sich manche auch von mehr oder weniger abseitigen Weiterbildungsangeboten anlocken. Guo Tan, 25, lackiert seit zwei Jahren Nokia-Telefongehäuse. Sein Bruder arbeitet in einer Feuerzeugfabrik in Zhejiang, seine Schwester stellt in Dongguan Hausschuhe her. Nach dem chinesischen Neujahrsfest hat Guo eine Fortbildung für Onlinemarketing absolviert. Er besuchte eine Schule in Longhua, die ihm eine neue Karriere versprach. „Ich wollte etwas anderes machen, weil ich von Monat zu Monat abwechselnd Tag- und Nachtschichten einlegen muss und seitdem nicht mehr richtig schlafen kann.“

Kleine Fluchten, große Träume

Guo arbeitet zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Für den Unterricht, der über zwei Monate viermal die Woche drei Stunden dauerte, hat er 4 000 Yuan, also mehr als das Doppelte seines Lohns bezahlt. Am Ende bekam er ein schön gestaltetes Zertifikat, das jedoch kein Diplom ist. Die chinesischen Unternehmen, bei denen er sich bewarb, haben ihn alle abgelehnt. Seine Ausbildung wurde nicht anerkannt. Guo stammt aus Guizhou, einer der ärmsten Provinzen des Landes. Er hat nur ein Ziel: „Ich will zurück nach Hause, mit einer Frau und genug Geld, um mein eigenes kleines Geschäft aufzumachen, mein eigener Chef zu sein. Das würde meine Eltern glücklich machen.“ Aber weil er nach der kostspieligen Ausbildung erst einmal sein Konto wieder auffüllen muss, wird er wohl noch eine Weile bei Foxconn bleiben müssen.

Noch größer als die Naivität der Arbeiter ist nur ihr Konsumbedürfnis. Sobald sie die Werkhalle verlassen, tauchen sie in eine Welt der Versuchungen ein. An den nahe gelegenen Schlaftürmen blinkt unablässig Werbung für Handys und Energydrinks. Auf der Straße werden die jungen Leute per Megafon angelockt. Im Angebot sind riesige Stofftiere, Billigschmuck und sogar nachgemachte Foxconn-Jacken, für 35 Yuan das Stück, „falls sie die Jacke verlieren, die sie an ihrem ersten Arbeitstag bekommen“, erklärt die Verkäuferin.

Etwas weiter, auf der Minqing Lu, hat ein Tätowierer seine elektrische Ausrüstung unter einer Laterne ausgebreitet. Die Staubwolken von den vorbeifahrenden Lkws stören ihn nicht. Für 300 Yuan tätowiert er furchteinflößende Drachen auf Brust oder Rücken der Arbeiter. An ihrem freien Tag, einmal in der Woche oder auch nur einmal im Monat, wenn sie ihre Überstunden abfeiern dürfen, stehen sie Schlange vor dem Friseur oder leihen sich Rollschuhe, um sich auf dem zentralen Platz zu amüsieren. Spruchbänder preisen die „harmonische Entwicklung“ von Longhua, aus verborgenen Lautsprechern dudelt Musik.

Abseits des Trubels ertönen über einem Geschäft für Bettdecken die Lieder einer evangelikalen Kirche, die dem Amt für religiöse Angelegenheiten offenbar entgangen ist. „Gott ruft dich“, steht in grünen und roten Lettern auf der Fensterscheibe im ersten Stock. Seit der Eröffnung vor fünf Jahren kommen die Foxconn-Arbeiter Tag und Nacht hierher, um zu beten, zu weinen und zu singen. Von ihren Spenden konnte bereits ein billiges Klavier und die Reisekosten eines Pfarrers aus Dongguan bezahlt werden. Bisher stören sich die Behörden nicht daran.

Seit April 2011 hat Longhua endlich auch einen U-Bahn-Anschluss. Alle acht Minuten fährt nun ein klimatisierter Zug an der Endstation Qinghu ab und bringt die Arbeiterjugend nach Lohuo, ins Szeneviertel von Shenzhen an der Grenze zu Hongkong. „Aber damit nehmen die Verlockungen und die Verunsicherung nur noch mehr zu“, fürchtet der Ingenieur Sunny Yang, der mit seiner Familie in Longhua lebt und den Lärm der Fabrikstadt kaum noch erträgt. Beruhigend findet er, dass neuerdings eine viel friedlichere Schar die Schlafsäle füllt: Senioren. Sie sitzen tagsüber ruhig am Rand der wenigen Spielplätze und hängen Babyklamotten zum Trocknen über die Zäune. Diese über Sechzigjährigen sind nicht zum Vergnügen in die Umgebung der Fabriken gezogen, sondern weil ihre bei Foxconn beschäftigten Söhne und Töchter sie gebeten haben, sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern.

Lei, 23, stammt aus Hunan und hat einen zweieinhalbjährigen Sohn. „Meine Eltern waren auch Wanderarbeiter in dieser Region. Aber weil sie nur einen Hukou5 hatten, konnten sie mich hier nicht in der Schule anmelden und haben mich in ihrem Heimatdorf zurücklassen. Ich habe sie als Kind nur einmal im Jahr gesehen, zum Frühlingsfest. Ich will nicht, dass mein Sohn genauso einsam aufwächst. Er soll hier zur Schule gehen, auch wenn ich dafür bezahlen muss“, erklärt die junge Frau.

Zurzeit wohnt die dreiköpfige Familie in einem neun Quadratmeter großen Zimmer, das monatlich 350 Yuan Miete kostet. Es ist gerade groß genug für eine Matratze, den Fernseher und den Kinderwagen für den Kleinen. Leis Mann montiert Cisco-Telefone, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Er verdient gut, bis zu 4 000 Yuan im Monat. Lei hat nach der Geburt ihres Sohnes aufgehört zu arbeiten und ist wieder im fünften Monat schwanger. Nach der Geburt des zweiten Kindes will sie möglichst schnell wieder arbeiten gehen. Dann wird auch sie ihre Eltern, die inzwischen Rentner sind, bitten, zu ihr nach Longhua zu kommen.

Wie gefällt das den Alten, die ihr Dorf schon verlassen haben? „Ehrlich gesagt, langweilen wir uns hier manchmal, die Luft ist schlecht, die Straßen sind schmutzig, man kann nirgends einen Gemüsegarten anlegen und fühlt sich bei den vielen Aufpassern ständig irgendwie überwacht“, seufzt Frau Jiang, 63. Sie steht mit anderen Großeltern in einer Warteschlange. Heute soll importierte Babymilch aus Hongkong geliefert werden, „garantiert ohne Melamin“.

In Longhua kennen inzwischen viele Mütter und Schwangere ihre Rechte, was ihre Vorgesetzten in der Fabrik ärgert. „Nachdem ich meinem Chef gesagt hatte, dass ich schwanger bin, musste ich noch zehn Tage warten, bis er mich von der Kontrolle am Metalldetektor befreit hat. Und als ich darum bat, in eine andere Abteilung versetzt zu werden, hat er es abgelehnt. Ich musste mich erst an seinen Vorgesetzten wenden, den konnte ich schließlich überzeugen“, erzählt Jun Hao lachend. Die junge Frau etikettiert jetzt Computerverpackungen. „Ich klebe für 3 000 Yuan im Monat Etiketten, das ist doch in Ordnung, oder?“ Nach der Entbindung steht ihr ein dreimonatiger Mutterschaftsurlaub zu. „Meine Mutter kann es gar nicht glauben, aber so steht es im Vertrag.“

In China sind 90 Tage Mutterschaftsurlaub gesetzlich vorgeschrieben, und die Frauen bekommen in dieser Zeit 100 Prozent des durchschnittlichen Monatslohns des letzten Jahres ausgezahlt. Das sind 28 Tage mehr als in Hongkong. Im öffentlichen Dienst und in den großen Staatsunternehmen ist das kein Problem, aber im Privatsektor sei das normalerweise schwierig durchzusetzen, wie die Tageszeitung China Daily über Foxconns Fürsorge anerkennend schreibt.6

Trotzdem fragt man sich, wie Jun Hao so gut Bescheid wissen kann. Kommt das vom stundenlangen Herumsitzen in Internetcafés, vom Chatten mit anderen jungen Frauen? Wohl kaum, denn in diesen Cafés halten sich nur die spielsüchtigen jungen Männer auf, die vor den Bildschirmen an ihren Controllern kleben; Frauen sind hier unerwünscht. Werdende Mütter und junge Paare holen sich ihr Wissen bei den Informationsveranstaltungen, die die Krankenhäuser anbieten, wie zum Beispiel das gynäkologische Zentrum Huaai in Longhua. Bis spät in den Abend können sich hier die Arbeiterinnen mit ihren Partnern anonym über Mutterschaft oder Schwangerschaftsverhütung informieren. „Je mehr sie wissen, desto besser können sie ihre berechtigten Ansprüche auch durchsetzen, nicht nur beim Lohn.7 Das sorgt für Stabilität in Shenzhen“, erfahren wir dort. Eine erstaunliche Erklärung. Auch hinter der bonbonrosa Einrichtung der Gynäkologie hätte man nicht vermutet, dass die Klinik mit der Volksbefreiungsarmee assoziiert ist. Hier sind die meisten Ärzte tatsächlich Offiziere.

Verwundert stehen wir vor Schautafeln zur Sexualerziehung, die den Straßenrand säumen. Als wir Fotos machen wollen, schreitet ein Wachmann ein. Keine Bilder, bitte. „Homosexualität ist ein kulturelles Phänomen, wie der Sadomasochismus. Es ist in China noch nicht zur Reife gelangt“, ist dort zu lesen. Anders ausgedrückt, die chinesische Gesellschaft ist noch nicht reif dafür, die Homosexualität zu akzeptieren.

Wenn die jungen Wanderarbeiter mit ihrem Bündel vor dem imposanten Rekrutierungszentrum neben dem Nordtor ankommen, lesen sie Begrüßungsslogans wie: „Träume verwirklichen“, „Reich werden“. Auf riesigen Fotos blicken ihnen strahlende Arbeiter entgegen, die als amerikanische Studenten mit Doktorhut verkleidet sind. Eine rote Tafel weist darauf hin, dass man „weder Diplom noch Geld braucht, um eingestellt zu werden“. Das gefällt den Anwerbern gar nicht, die für ihre Stellenvermittlung eine Kommission kassieren. Sie fangen die orientierungslosen jungen Leute gleich am U-Bahn-Ausgang ab und versprechen ihnen das Blaue vom Himmel.

Eine neue Stadt für Terry Gou

Inzwischen muss sich Foxconn richtig Mühe geben, um seine Arbeitskräfte zu halten. Das taiwanesische Unternehmen hat nämlich Konkurrenz bekommen. Im Umfeld des Hightechindustriegebiets haben sich Kleinfabrikanten niedergelassen, die für den anspruchsloseren chinesischen Markt ihre eigenen Handys herstellen. Die Ware wird vor allem in den Kleinstädten und Dörfern vertrieben. Diese Kleinunternehmer gehen sogar so weit, ihre Stellenangebote direkt an die Türen der Schlafsäle für die Foxconn-Arbeiter zu kleben. Und sie zahlen die in Longhua üblichen Löhne. „Was wir durch die Lohnkosten verlieren, holen wir bei den Gewinnmargen wieder rein, weil wir unsere Produkte direkt an die Endverbraucher verkaufen“, erklärt uns ein Mitarbeiter in der Verkaufsstelle der Fabrik Samzong – nicht zu verwechseln mit Samsung. Die vom Blackberry inspirierten Smartphones oder die Ying Haifu, die wie Nokias aussehen, werden ebenfalls in Longhua hergestellt. Vielleicht sogar in den Fabriken, die „zu vermieten“ sind, wie auf die Wände gesprayte Anzeigen verkünden.

Wir verlassen Shenzhen Longhua und seine erbarmungslose Welt mit dem Gefühl, dass Foxconn seinen Elektroniksoldaten zwar harte Arbeitszeiten zumutet, aber ansonsten nicht allzu viel Einfluss auf sie hat. Es gibt einfach zu viele Bereiche, von der Freizeit bis zur Weiterbildung, bei denen andere mitmischen. Firmensprecher Louis Woo kennt das Phänomen: „Wir können die neue Generation von Arbeitern kaum noch kontrollieren. Sie führen ihr eigenes Leben und wollen gar nicht mehr unbedingt nach Hause zurückkehren. Sie wären zwar durchaus gern öfter bei ihrer Familie, aber vor allem wollen sie unter sich sein, konsumieren und sich amüsieren.“

Foxconn hatte also gute Gründe, sich für die Weiterentwicklung andere Standorte zu suchen. Die liegen zwar mehr im Landesinneren und weit weg von den großen Handelshäfen, aber die Provinzen bieten Bauland im Überfluss. Hier kann man neue Fertigungsanlagen wie auf dem Reißbrett entwerfen, und die Stadtverwaltungen rollen Investoren einen roten Teppich aus.

Beispielsweise in Pixian, am Stadtrand von Chengdu in der Provinz Sichuan, wo Danone sein Mineralwasser der Marke Robust abfüllen lässt und Intels Prozessoren zusammengebaut werden. Am 16. Oktober 2009 unterzeichnete Foxconn eine Investitionsvereinbarung mit den Behörden von Sichuan. Am 25. Juli 2010 war Baubeginn und am 30. September begann die Produktion. Sieben Monate später kam es dort zu einer tödlichen Explosion, deren Ursache ein Fehler in der Entlüftungsanlage war, wie eine Untersuchung der New York Times herausfand.8 Heute produziert Foxconn dort auf einer vier Quadratkilometer großen Fläche in acht Werkhallen und fünfzig Produktionsstraßen bis zu 12 Millionen iPads pro Quartal. Das sind zwei Drittel der Gesamtproduktion.

Keine Spur von Bordellen und Karaokebars, keine Leuchtreklamen, keine Fabriken für gefälschte Telefone und keine evangelikalen Kirchen: Die Arbeiter bewegen sich brav durch eine nagelneue, sterile Fabrikstadt im neostalinistischen Baustil. Sechsspurige Straßen verbinden die massiv gebauten Werkhallen A, B und C mit den Eingangstoren der Schlaftürme 1, 2 und 3. Gelenkbusse pendeln Tag und Nacht – sie fahren langsam, um den Radarfallen zu entgehen. Neben Betonmischern, Lastwagen und Polizeiautos sind es die einzigen Fahrzeuge, die man in Pixian sieht.

Dieser neue Industriekomplex wurde in nur 75 Tagen durch die kommunale Firma Jiangdong hochgezogen. Chengdu liegt in einer neuen steuerbefreiten Sonderwirtschaftszone. Die Niederlassung von Foxconn war laut örtlicher Presse „Projekt Nummer 1 der Regierung von Sichuan“. Es entstanden sechs neue Straßen, zwei Brücken und 1,12 Millionen Quadratmeter Wohnfläche für die Arbeiter. Terry Gou, der Firmengründer von Foxconn, kann sich freuen. Der Staat hat 2,2 Milliarden Yuan Entschädigung für die Enteignung von 10 000 Familien gezahlt, deren vierzehn Dörfer seit August 2010 abgerissen wurden.9

Die neuen Fertigungshallen von Foxconn sind schlichte weiße Gebäude mit tausenden kleinen getönten Fenstern. Sie liegen an zwei schnurgeraden Straßen, die Tian Sheng lu (Siegeshimmel) und Tian Run lu (Profithimmel) heißen. Anders als in Longhua wurden hier keine Netze rings um die Werkshallen gespannt. Offensichtlich hat man in Chengdu keine Angst vor Selbstmördern. Die jüngeren Arbeitskräfte werden zwar schlechter bezahlt – der Grundlohn beträgt 1 500 Yuan gegenüber 1 800 Yuan in Shenzhen –, aber sie stammen aus der Gegend und können ihre Familien öfter besuchen. „Kulturell ist Chengdu nicht mit Shenzhen zu vergleichen, wo fast nur Wanderarbeiter leben. In unserer Fabrik in Longhua kommen beispielsweise 20 Prozent der Arbeiter aus Henan und 10 Prozent aus Sichuan. Hier sind die Arbeiter aus Sichuan unter sich, deshalb fühlen sie sich wohler. Außerdem sind die Leute hier für ihre Herzlichkeit bekannt. Es gibt unzählige Teesalons“, schwärmt Firmensprecher Woo.

Das Projekt ist für Chengdu offenbar so wichtig, dass sich die örtlichen Behörden selbst um die Rekrutierung der Arbeitskräfte kümmern. Jedes Dorf der Provinz Sichuan muss eine bestimmte Anzahl an Arbeitskräften für das Foxconn-Werk schicken. „Ich habe das Angebot des Parteichefs in unserem Dorf angenommen. Im Gegenzug hat er dafür gesorgt, dass das Genehmigungsverfahren für die Hochzeit mit meiner Freundin beschleunigt wird, die aus einer Nachbarprovinz stammt. Aber es ist keine Zwangsarbeit. Ich kann jederzeit kündigen, und unser Dorf bekommt trotzdem weiter Subventionen von der Provinzregierung“, erzählt Yang, der in der Lagerhaltung arbeitet. Sogar Informatikstudenten wurden aufgefordert, hier ein Praktikum zu absolvieren.

„Solche Methoden gibt es nur in der Anfangsphase. Die Arbeiter kennen uns nicht, sie kommen nicht von selbst, um vor den Rekrutierungsbüros Schlange zu stehen. Also müssen wir sie suchen gehen“, erklärt das Foxconn-Management. An allen Foxconn-Standorten gibt es eine hohe Fluktuation. Laut Daily Telegraph kündigen in Shenzhen Longhua monatlich 24 000 Arbeiter (fast 7 Prozent der Belegschaft).10 In Chengdu könnten es noch mehr sein: „Als Freunde von mir die Firma verlassen wollten, bat einer der Personalchefs sie um Geduld. Er musste noch 40 000 Kündigungsschreiben bearbeiten“, behauptet ein Angestellter.

Die Schlaftürme von Pixian heißen „Fröhliche Jugend“ und sind bis zu 18 Stockwerke hoch. Überall sind Aufpasser postiert. Frauen und Männer wohnen in getrennten Vierteln (Deyuan, Shunjiang und Quingjiang). In jedem Ensemble von drei Schlaftürmen gibt es eine Kantine, einen Supermarkt, der keine Alkoholika verkauft, ein Internetcafé, Geldautomaten, Tischtennis- und Badmintonplätze. In einem Zimmer mit Toilette und Dusche schlafen sechs bis acht Personen. Die Monatsmiete beträgt 110 Yuan. Damit die Arbeiter Zeit und Energie sparen, wird ihre Wäsche von einer Reinigungsfirma gewaschen.

Das Internetcafé, Lieblingsort der Arbeiterjugend von Pixian, hat ein gepflegtes Ambiente, eine Klimaanlage und große Sessel. Auf dem Bildschirmschoner prangt das Foxconn-Logo. Der Preis für das Surfen verdoppelt sich nach einer Stunde, das soll die jungen Leute früher von den Plätzen verscheuchen. Nur die aus den Großstädten bekannten Franchise-Läden dürfen sich in der Schlafstadt ansiedeln. „Hier ist das Leben ziemlich teuer“, klagt Cheng, dessen Tagesablauf streng geregelt ist. „Ich stehe um 6 Uhr auf, nehme den Bus um 6.40 Uhr und fange um 7.30 Uhr an zu arbeiten. Ich arbeite bis 20.30 Uhr und bin um 21.10 Uhr zu Hause. Dann habe ich noch eine Stunde Zeit, bevor das Licht ausgeht.“ Nachts spielen die illegalen Nudel- und Fleischspießverkäufer mit der Polizei Katz und Maus.

Eine fast identische Landschaft entsteht gerade am Rand von Chongqing, 300 Kilometer von Chengdu entfernt. Foxconn hat einen Teil seiner HP-Druckerproduktion aus Shenzhen hierher verlagert, die gerade anläuft. Vor dem Eingang halten die Universitätsbusse von Chongqing. Die Studenten müssen in der Fabrik ein Praktikum machen. Sie werden sich zu den zehntausend Arbeitern aus dem HP-Werk in Shenzhen gesellen, die bereits eingewilligt haben, in ihre Heimatprovinz zurückzukehren. Dazu gehören Pan Fang, 22, und seine Freunde. In ihrem neuen Schlafraum gibt es acht nummerierte Betten und acht Hocker. Der erste Eindruck ist positiv. „Hier ist die Luft nicht so schmutzig, und Foxconn sorgt für warmes Wasser und eine Klimaanlage. Es gibt sogar einen Fernseher.“ Sie wissen schon, dass die Arbeit die gleiche sein wird: Jeder von ihnen wird 600 Drucker am Tag zusammensetzen. Sie hoffen nur, dass auch der Lohn der gleiche ist.

Fußnoten: 1 Ein Yuan entspricht ungefähr 0,12 Euro. 2 Zwischen Januar und Mai 2010 nahmen sich zehn junge Arbeiter das Leben, drei weitere machten einen Selbstmordversuch. Siehe Isabelle Thireau „Streiks, Briefe und Belagerungen“, Le Monde diplomatique, September 2010. 3 Manche Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert. 4 „Apple Supplier Responsibility Report – 2012 progress report“, Apple.com. 5 Hukou ist ein Relikt aus der Mao-Ära. Das staatliche Meldeprinzip verbietet es der Landbevölkerung, ohne behördliche Erlaubnis in die Stadt zu ziehen. Deshalb haben Wanderarbeiter in den Städten keinen Zugang zu staatlichen Gesundheitseinrichtungen und dürfen ihre Kinder auch nicht in öffentliche Schulen schicken. 6 „Soft Welfare needs supervision“, The China Daily vom 26. April 2012. 7 Seit 2009 hat sich der Grundlohn für 350 000 Arbeiter in Longhua (ohne Prämien und Überstunden) von 900 auf 1 800 Yuan verdoppelt. 8 The New York Times, 26. Januar 2012. Nachdem dieser Fall publik wurde, sah Apple sich veranlasst, der NGO Fair Labor beizutreten. 9 Nanfang Zhoumo, Kanton, 10. Dezember 2010. 10 „Mass Suicide protest at Apple manufacturer Foxconn company“, The Daily Telegraph, London, 11. Januar 2012. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Jordan Pouille ist Journalist in Peking.

Das Elektronikimperium

Ob in Schanghai, Shenzen, Wuhan oder Chengdu: Der taiwanesische Konzern Foxconn besitzt in China etwa 20 Fabriken, in denen 40 Prozent der weltweit hergestellten Konsumgüterelektronik produziert wird, von Spielekonsolen über Smartphones bis hin zu den iPads von Apple. Foxconn hat mehr als eine Million Beschäftigte, die meisten sind unter 25 Jahre alt. Der Monatslohn beträgt maximal 430 Euro.

Foxconn ist jedoch nicht nur in China aktiv. In der Slowakei werden in einer Fabrik Sony-Fernseher zusammengebaut. Auch in Indien, Malaysia und Brasilien entstehen Produktionsstandorte. Der heute 61-jährige Terry Tai Ming Gou, der das Unternehmen 1974 gegründet hat (seine Firma stellte zunächst Plastikverkleidungen für Fernseher her), hält 30 Prozent der Aktien und steht in der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt an 179. Stelle.

Da Foxconn nur die von seinen Auftraggebern gelieferten Teile zusammenbaut und die Qualität des Endprodukts kontrolliert, hat das Unternehmen relativ geringe Materialkosten und investiert umso mehr in sein Personal, um dessen Versorgung und Unterbringung es sich auch kümmert. Das kann sich allerdings bald ändern: Anfang Mai hat Foxconn angekündigt, bis 2014 in seiner Fertigung eine Million Roboter einsetzen zu wollen.

Le Monde diplomatique vom 08.06.2012,