07.10.2021

Todesfasten als politische Waffe

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Todesfasten als politische Waffe

Eine Geschichte der Hungerproteste in türkischen Gefängnissen

von Ariane Bonzon

Kate Waters, Sealegs, 2019, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm
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Ich weiß, dass ich im Recht bin und dass ich nichts Schlechtes getan habe. Wenn der Mensch immer weiterkämpft, fühlt er sich stärker.“ Mit diesem Satz verabschiedete sich die türkische Anwältin Ebru Timtik im Sommer 2019 von einer belgischen Kollegin, die sie im Gefängnis von Silivri besucht hatte. Die beiden Frauen sollten sich nicht wiedersehen. Nach 238 Tagen „Todesfasten“ starb Tim­tik am 27. August 2020 im Bakirköy-Krankenhaus in Istanbul, in das man sie zuvor verlegt hatte.

Die 42-Jährige war wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“, der DHKP-C (Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front)1 , zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Um gegen die Justizfarce zu protestieren und einen fairen Prozess durchzusetzen, begann sie ein Todesfasten, das man in der Türkei von einem Hungerstreik unterscheidet, den man jederzeit abbrechen kann. Das Todesfasten mit seiner fast mystischen Konnotation ist eine radikale Aktion, die in der Regel nur beendet wird, wenn der Staat die Forderungen erfüllt.

Drei Monate nach Timtiks Tod begannen mehrere hundert politische Gefangene, die die kurdische Nationalbewegung2 unterstützen, in 50 Gefängnissen einen unbefristeten Hungerstreik „im Wechsel“. Sie verlangten das Ende der Isolationshaft für den Gründer der PKK, Abdullah Öcalan, der seit 22 Jahren auf der Gefängnisinsel İmralı sitzt, und protestierten gegen die zunehmende Missachtung ihrer Rechte.

Die Hungerstreikenden bildeten Gruppen und wechselten sich ab, um wieder zu Kräften zu kommen. Ein Todesfasten kam für die kurdische Na­tio­nal­bewegung nicht infrage. Im Juli 2021 führten 13 der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nahestehende Insassen des Gefängnisses Elâzığ die Aktion fort und verweigerten die Nahrungsaufnahme.

Abhängig davon, ob die betreffende Person der kurdischen Nationalbewegung oder der türkischen revolutionären Linken angehört, wird ein Hungerprotest auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen durchgeführt. Auch die Opferzahlen divergieren: 6 Todesfälle in 40 Jahren bei der kurdischen Nationalbewegung gegenüber rund 150 Toten im selben Zeitraum bei der revolutionären Linken, vor allem unter Mitgliedern der DHKP-C.

Anfang der 1980er Jahre waren kollektive Hungerstreiks bei der PKK und einem großen Teil der linksradikalen Gruppen, die mit Waffen gegen den Staat kämpften, noch ein gemeinsamer Modus Operandi. Die nach dem Staatsstreich vom 12. September 1980 herrschende Militärjunta stand an vorderster Linie im Kampf des Westens gegen den kommunistischen Block, und ihre Gegner wurden zu Zehntausenden verhaftet. Die Strafen waren lang und die Haftbedingungen hart.

Als Ali Gürgözi3 1981 verhaftet wurde, war er 18 Jahre alt. Er war Mitglied der Kaveh, einer PKK-nahen Organisation, die sich nach Kaveh Ahangar benannte, einer Figur aus der iranischen Mythologie, die den Kampf gegen Despoten und Invasoren verkörpert. Nach seiner Verhaftung brachte man Gürgözi in das berüchtigte Gefängnis Nr. 5 von Diyarbakır.

„Die Mitglieder des Zentralkomitees der PKK, die damals gerade gegründet worden und noch wenig bekannt war, haben den ersten kollektiven Hungerstreik durchgeführt“, er­zählt er.4 „Wie sie war auch ich drei Monate in Isolationshaft. Dann wieder wurden wir zusammengepfercht, zu mehreren an Händen und Füßen angekettet und wie Tiere behandelt, denen man ihr Fressen hinwirft und die man in ihren Exkrementen liegen lässt, in einer Zelle von 1,5 mal 2 Meter.“

Tevfik Eskiizmirliler kämpfte im Dev Yol (Revolutionärer Weg), einer „guevaristischen“ Massenorganisation der 1970er Jahre, aus der 1978 Dev Sol und dann die DHKP-C hervorgingen. Er wurde in Istanbul und Izmir eingekerkert und gefoltert. Eskiizmirliler erinnert sich, wie beeindruckt er und seine Kameraden von den Hungerstreiks der IRA-Mitglieder in den nordirischen Haftanstalten waren, vor allem von Bob­by Sands, der am 5. Mai 1981 nach 66 Tagen ohne Nahrung im Gefängnis von Maze starb: „Wir hatten denselben philosophischen Ansatz wie er.“

Am 14. Juli 1982 begannen die PKK-Kämpfer Kemal Pir, Hayri Durmuş, Akif Yılmaz und Ali Çiçek ein „Todesfasten“, in dessen Verlauf alle vier Männer starben. Der „Widerstand der Märtyrer“ im Gefängnis Nr. 5 verstärkte den Rückhalt der Partei im Volk, und in der PKK wird der „Geist des 14. Juli“ bis heute beschworen.

Vom großen Kollektivstreik, der im April 1984 folgte, gibt es ein berühmtes Foto. Es wurde im Gericht von Metris beim sogenannten Prozess der Leutnants aufgenommen. Die Angeklagten waren frühere Offiziere, die sich der revolutionären Linken angeschlossen hatten. Auf dem Bild stehen sie in Unterhose vor den Richtern. Sie befanden sich bereits im Hungerstreik und protestierten so gegen die Gefängniskleidung.

„Dieser Hungerstreik richtete sich gegen das Militärregime, dem sie unterworfen wurden, und den Versuch einer politischen Umerziehung durch den Staat“, sagt die Politikwissenschaftlerin Sarah Caunes, die zur Mobilisierung der politischen Gefangenen in der Türkei zwischen 1980 und 2000 arbeitet.

Die PKK beteiligte sich nicht an diesem Protest, wohl aber an einer anderen Aktion, die im selben Jahr im Gefängnis von Diyarbakır stattfand. Es war eine der letzten, bei denen revolutionäre Linke und kurdische nationale Befreiungsbewegung einen gemeinsamen Hungerstreik durchführten.

In den 1990er Jahren erreichte der Krieg zwischen dem türkischen Staat und der PKK seinen Höhepunkt. Eine schwere Zeit für die Aktivisten. Spe­zial­gerichte verurteilten sie wegen Separatismus oder Angriff auf die staatliche Sicherheit zu langen Haftstrafen.

Tiefe Kluft zwischen PKK und ­revolutionärer Linker

Hungerstreiks demonstrierten nun die Entschlossenheit, „den Staat seiner Zwangsinstrumente zu berauben, um das Recht über sich selbst zurückzugewinnen, das Recht, sich selbst zu töten“, erklärt der Historiker Hamit Bozarslan. „Die Botschaft dieser Kämpfer an den türkischen Staat lautete: Du nimmst mir meine Freiheit, also mein Leben, aber meinen Tod kannst du mir nicht nehmen.“ Auch die Mitglieder der DHKP-C fanden im „Todesfasten“ ein Mittel, die Gefängnismauern zu durchbrechen, sich Gehör zu verschaffen und so weiterzuexistieren.

Um die Jahrtausendwende gingen die Strategien jedoch auseinander. Öca­lans PKK widmete sich vor allem dem bewaffneten Kampf für ein unabhängiges Kurdistan. Der Hungerstreik blieb ein Instrument, aber es ging nicht um den Einsatz des Lebens. Die PKK-Leute mussten sich für den Partisanenkrieg in den Bergen aufbewahren. Die Kluft zwischen PKK und der revolutionären Linken wurde immer tiefer.

Um die heftigen ideologischen und auch gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Haftinsassen zu kanalisieren, wiesen die Gefängnisleitungen jeder politischen Gruppe einen eigenen Schlafsaal zu. Dort „errichtete jede Partei oder Organisation eine wahre Mikrogesellschaft mit eigenen Gesetzen, Vorschriften, Hierarchien und Symbolen“, erklärt Sarah Caunes. Der Knast wurde zu einem Ort, wo vor allem die jüngsten Kämpfer politisch sozialisiert und indoktriniert wurden.

Aytekin Yılmaz war Mitglied der PKK und hat neuneinhalb Jahre hinter Gittern verbracht. Er erinnert sich an ein paranoides Klima und daran, wie die PKK und die DHKP-C mit Mitgliedern abrechnete, die der Spionage verdächtigt wurden, zu kritisch gegenüber der Parteilinie waren oder durch ihre Geständnisse weitere Verhaftungen ausgelöst hatten. „Zwischen 1990 und 2000 habe ich mindestens 40 Hinrichtungen politischer Häftlinge durch Mitgefangene gezählt, aber es waren sicher noch viel mehr“, sagt Yılmaz.

Mitte der 1990er Jahre wollte der türkische Staat den Einfluss der radikalen Linken in den Schlafsälen zurückdrängen. Man entwickelte einen umfangreichen Plan für den Bau neuer Gefängnisse mit Einzelzellen. Die Gemeinschaftshöfe wurden abgeschafft. Ein Prototyp war bereits im nordwesttürkischen Eskişehir errichtet worden.

Die DHKP-C, deren Kommandos 1996 den Geschäftsmann Özdemir Sabancı in Istanbul ermordet und Angriffe gegen das Militär und die Polizei durchgeführt hatten, mobilisierte im selben Jahr verschiedene linksrevolutionäre Gruppen für einen Protest. 2500 Gefangene begannen einen Hungerstreik, 355 von ihnen ein Todesfasten.

In einem Video, das zu dieser Zeit in einem Schlafsaal der DHKP-C aufgenommen wurde, ist die auf einem Tisch aufgebahrte ausgemergelte Leiche eines Parteikaders zu sehen. Die Bilder zeugen von der Mischung aus militärischer Disziplin, Hierarchie und einer fast religiösen Stimmung, die während der Zeremonie zu Ehren des neuen Märtyrers herrschte. Er trägt ein rotes Band um die Stirn, das Symbol seiner Zugehörigkeit zur DHKP-C und zur alevitischen Religion,5 die er mit vielen Mitgliedern der revolutionären Partei teilte.

Widerstand gegen ­Isolationshaft

Die damals vom Islamisten Necmettin Erbakan geführte Regierung ernannte eine Gruppe von Vermittlern, um die Gefangenen zu bewegen, ihren Hungerstreik zu beenden. Nach 69 Tagen und 12 Toten wurde der Plan zur Verlegung der Gefangenen nach Es­ki­şe­hir schließlich aufgegeben, die „Pi­lot­ein­richtung“ sogar geschlossen.

Die Regierung hatte nachgegeben. Dutzende zu Skeletten abgemagerte Gefangene zeigten das Victory-Zeichen, als sie in die Krankenhäuser gebracht wurden. Die meisten von ihnen litten am Wernicke-Korsakow-Syndrom, einer neurodegenerativen Erkrankung durch akuten Vitamin-B-Mangel, von deren Folgen viele von ihnen noch heute gezeichnet sind.

Danach wurde das Schlafsaalsystem noch wichtiger, berichtet Ahmet Vu­ral. Der Aktivist der Union der Kommunistischen Revolutionäre der Türkei (TIKB, marxistisch-leninistisch-hoxhaistisch6 ) wurde 1998 verhaftet und saß im Gefängnis von Ümraniye: „Die erste Etage des Gebäudes war für die TIKB und die zweite für die Kommunistische Partei der Türkei (TKP/ML marxistisch-leninistisch maoistisch). Wir teilten uns den Raum im Erdgeschoss zum Kochen und Waschen. Davor lag der Hof und auf der anderen Seite war ein identisches zweistöckiges Gebäude, das zwei andere revolutionäre Gruppen beherbergte.“

„Den Hof benutzten wir abwechselnd von sechs Uhr morgens bis Mitternacht, um dort Gymnastik zu machen, Fußball zu spielen und abends Saz-Konzerte aufzuführen“, erzählt Vu­ral. Der Vormittag war meist mit Seminaren und ideologischen Kursen ausgefüllt. „Am Nachmittag spielten wir Schach oder Tavla, schrieben Briefe und lasen bürgerliche oder sogar revolutionäre Zeitungen, die uns von Besuchern gebracht wurden.“

Vurals Schilderung überrascht etwas, denn der Alltag im Knast ähnelt hier doch eher dem in einer Wohngenossenschaft. Sarah Caunes hat solche „positiven“ Berichte gesammelt und erklärt sie sich damit, dass diese Errungenschaften für die damaligen politischen Gefangenen kollektive Siege über das Gefängnissystem darstellten. Auch Vural betont, was die Gefangenen nach dem Todesfasten von 1996 erreicht haben: „Gerichte kochen, die Angehörige mitgebracht hatten; die zweiwöchentliche Zellendurchsuchung durch die Wärter, nicht durch das Militär; Licht am Abend, solange wir wollten.“

In dieser Situation stimmten sich die linksradikalen Organisationen immer besser ab. Die Gefangenen wählten Vertreter, die mit der Verwaltung verhandelten. Sie waren in ständiger, natürlich illegaler Verbindung mit dem Zentralkomitee der Gefangenen (CMK) im Gefängnis Bayrampaşa. Das Komitee konnte binnen kürzester Zeit einen Hungerstreik in allen Haftanstalten des Landes ausrufen.

Während sich draußen die Zivilgesellschaft entwickelte, bildete sich in den Knästen „eine andere Kampffront, die große Teile der Gefängnispolitik des türkischen Staats zum Einsturz brachte“, erläutert Caunes. „Bis Mitte der 1990er Jahre waren die meisten Gefangenenaktionen tatsächlich erfolgreich.“ Das sollte sich in den folgenden zwei Jahrzehnten jedoch gründlich ändern.

Necmettin Erbakan, der islamistische Ziehvater von Recep Tayyip Er­do­ğan, wurde 1997 im Zuge des „postmodernen“ Staatsstreichs abgesetzt. Ihm folgte eine vom Sozialdemokraten Bülent Ecevit geführte Koalition, die den Bau von Hochsicherheitsgefängnissen des „Typ F“ mit Isolationszellen in Angriff nahm.

Der damalige Justizminister Hikmet Sami Türk wollte die Autorität des Staats in den Gefängnissen wiederherstellen und insbesondere die jungen Häftlinge vor dem Einfluss der revolutionären Gruppen abschirmen. Doch in einer Gesellschaft, in der das Kollektiv immer wichtiger ist als das Individuum, waren das Ende der Schlafsäle und die Einzelhaft für die Gefangenen wie für ihre Familien unerträglich. „Wir wollten keine Zellen vom Typ F“, erklärt Yıl­dız Uygun, die sich 1996 am Hungerstreik beteiligte. „Wenn ein Genosse die ganze Zeit allein und von allem isoliert ist, dann ist es besser, er stirbt oder wird verrückt.“

Als Antwort traten am 20. Oktober 2000 rund 1000 Gefangene, die verschiedenen linksrevolutionären Gruppen angehörten, in den Hungerstreik. „In der TIKB konnte man sich weigern, beim Hungerstreik mitzumachen“, erzählt Vural, „aber dadurch verlor man sein Mitspracherecht in der Partei. Bei der DHKP-C ging es radikaler zu: Wenn du dich geweigert hast, warst du wirklich isoliert, die anderen haben nicht einmal mehr mit dir gesprochen.“ Einen Monat nach Beginn der Aktion gingen 110 Aktivisten der DHKP-C noch einen Schritt weiter und starteten ein Todesfasten, dem sich draußen viele Angehörige der Häftlinge anschlossen.

Ein kleines Haus in Küçük Armutlu, einem Armenviertel von Istanbul, symbolisierte das Kräftemessen zwischen dem Staat und der DHKP-C. Dort verweigerten drei junge Frauen mit dem roten Band um die Stirn die Nahrungsaufnahme. Eine von ihnen, Şenay Han­oğlu, hungerte aus Solidarität mit ihrem streikenden Mann im Gefängnis. Ihr zehnjähriger Sohn wurde Zeuge des Todeskampfs seiner Mutter.

Mit einer Diät aus Zuckerwasser, Tee und Vitaminen konnten die Hungernden mehr als 300 Tage durchhalten. Ihr Leiden wurde verlängert, aber der Protest der Gefangenen und die Partei selbst erhielten dadurch mehr Aufmerksamkeit. Schriftsteller und Journalisten versuchten wie 1996 zu vermitteln und die Regierung zu bewegen, den Plan der Einzelzellen aufzugeben. Diesmal jedoch vergeblich.

Am 19. Dezember begann die Regierung die Operation „Rückkehr zum Leben“. Mit schweren Waffen, Hubschraubern und Bulldozern stürmten Militärkommandos 20 Gefängnisse mit dem Auftrag, die Insassen, wenn nötig, mit Gewalt in die neuen Knäste zu verlegen.

„Im Gefängnis Ümraniye warnten uns die Genossen von der Nachtwache, dass eine Operation angelaufen sei“, erinnert sich Vural. „Alle wurden geweckt, und wir beschlossen, Barrikaden zu errichten. Wir rissen einen Teil der Mauer ein, die uns von unseren Genossinnen trennte, und holten sie zu uns. Wir stapelten Bettgestelle, Kühlschränke, Fernseher, Tische übereinander, alles, was die Soldaten aufhalten konnte. Vier Tage haben wir durchgehalten, sogar Masken haben wir uns gebastelt, als die Hubschrauber Gas versprühten. Der Strom war abgeschaltet, das Wasser hatten sie zum Glück vergessen! Die Soldaten setzten auch Maschinenpistolen ein, fünf Genossen wurden in diesen vier Tagen erschossen.“

Am Ende war die Operation „Rückkehr zum Leben“ ein Massaker: 32 Gefangene und 2 Polizisten kamen ums Leben. Die PKK blieb im Wesentlichen unbeteiligt. Ihre Kämpfer ließen sich ohne Protest in die Typ-F-Gefängnisse verlegen. Öcalan, der seit einem Jahr in Haft saß, versuchte Ankara die Hand zu reichen.

Die islamistisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), die 2002 an die Macht kam, führte diese Isolierungspolitik fort. Dabei rechtfertigte Ankara sich auch mit dem Verweis auf die Erfordernisse im Zusammenhang einer Annäherung an die Europäische Union.

„Tatsächlich hat die Gefängnisreform im Prinzip die Zustimmung der EU erhalten, denn mit Blick auf die Menschenwürde gelten Einzelzellen als respektvoller für das Privatleben als Schlafsäle“, bestätigt Élise Massicard vom Internationalen Forschungs­zen­trum Ceri in Paris. Allerdings habe das Europäische Komitee zur Verhütung von Folter – ein Organ des Europarats – die Türkei schon mehrfach aufgefordert, die Isolation der Gefangenen zu begrenzen.

Die Abschaffung der Schlafsäle zeigte schnell Wirkung. Die Macht der politischen Organisationen war geschwächt, Aufstände, Barrikaden und Geiselnahmen von Wärtern kamen kaum noch vor. Es blieben die von der DHKP-C initiierten Hungerstreiks.

Demütigungen ­aus ­den e­igenen Reihen­

Sie gingen im Gefängnis und außerhalb weiter, bis die Regierung im Januar 2007 endlich erlaubte, dass sich Gruppen von zehn Gefangenen bis zu zehn Stunden pro Woche treffen können. Das war ein kleiner Sieg für die linksradikale Organisation.

Die kollektiven Hungerstreiks der kurdischen Nationalbewegung hatten ein ganz anderes Gewicht. 2012 erreichten die Streikenden die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen, die 2009 begonnen hatten, und die Zulassung der kurdischen Sprache vor Gericht. Anfang November 2018 trat schließlich die kurdische HDP-Abgeordnete Leyla Güven, die ihrer Ämter enthoben und verhaftet worden war, gemeinsam mit mehreren anderen Abgeordneten der HDP in den Hungerstreik.

3235 PKK-Gefangene und HDP-Abgeordnete, freie und inhaftierte, schlossen sich ihr an. Dann, und das ist selten in der Kurdenbewegung, entschieden sich zehn Gefangene für ein Todesfasten. Doch sie alle stoppten die Aktion, nachdem Öcalan zur Beendigung des Hungerstreiks aufgefordert hatte, was auch Leyla Güven akzeptierte.

Nach dem gescheiterten Staatsstreich von 2016 erlebte die Gefängnispolitik einen neuen Schub.7 131 neue Haftanstalten wurden gebaut, 100 weitere geplant, darunter ein riesiges Zentrum in Bursa, das 15 000 Gefangene aufnehmen soll. Die Zahl der Inhaftierten stieg von 180 000 auf 300 000. 2020 hatte die Türkei damit die höchste Gefangenenrate unter den 47 Mitgliedsländern des Europarats. Nach der Verhängung des Ausnahmezustands 2016 vervielfachten sich die Repressionen. Und die DHKP-C begann erneut mit Hungerstreiks und Todesfasten.

Das führte jedoch zu Diskussionen, ja sogar zu einer Spaltung innerhalb des KESK, eines linken Gewerkschaftsdachverbands, der mehrere Mitglieder wegen angeblicher Nähe zur DHKP-C ausschloss. So wurden die ideologischen Differenzen zwischen der kurdischen Nationalbewegung, der stärksten Strömung innerhalb der KESK, und der DHKP-C mittlerweile auch auf Gewerkschaftsebene ausgetragen.

Dahinter verbirgt sich jedoch noch ein anderer Konflikt, erklärt ein Gewerkschafter, der anonym bleiben möchte: „Die Kurden sind in Syrien die Alliierten der Amerikaner, während die DHKP-C eher zum Assad-Regime neigt. Wir teilen einige Forderungen der DHKP-C, lehnen aber diesen erbärmlichen Märtyrerkult ab, der so viele junge Leute in den Tod schickt, als wäre das der edelste revolutionäre Akt.“

Die Hungerstreiks, die oft als individuelle Aktionen dargestellt werden, sind in Wirklichkeit das Ergebnis eines langen Entscheidungsprozesses innerhalb der DHKP-C. Wie uns erklärt wurde, muss jeder „Kandidat“ einen Brief schreiben und seine Motivation erläutern. Dann wird der Kandidat „getestet“, bevor das Zentralkomitee entscheidet. Von der Partei „auserwählt“ zu werden, gilt als Privileg. Wenn der Hungerstreik schließlich zum Todesfasten wird, kommt eine ausgefeilte Maschinerie der Kommunikation und politischen Mobilisierung in Gang.

In den Istanbuler Armutsvierteln wie Küçük Armutlu und Gazi Mahallesi, wo die DHKP-C fest verwurzelt ist, hört man viele Geschichten über die Demütigungen, die die Partei jungen Aktivisten antut, wenn sie schwach werden und ihr Todesfasten aufgeben. Flugblätter fordern dazu auf, ihnen ins Gesicht zu spucken, sie zu verfluchen oder gar zu lynchen, sie werden als „Verräter“ an den toten Kameraden beschimpft.

Eine junge Frau – sie ist nicht die Einzige – musste in die Schweiz fliehen, um ihre Haut zu retten. Man beschuldigt sie, das revolutionäre Bild der Partei zu beschmutzen. „In den politischen Vorstellungen dieser Kader ist es entscheidend, seine moralische Überlegenheit zu zeigen und jede Schwäche als Partei wie auch als Individuum zu verbergen“, beschreibt es Hamit Bozarslan.

Hätte der Tod von Ebru Timtik und von drei weiteren Mitgliedern der DHKP-C8 im Frühjahr 2020 verhindert werden können? Zwei Jahre zuvor waren der Universitätsdozent Nuriye Gülmen und der Lehrer Semih Özak­ça in einen Hungerstreik getreten, nachdem sie entlassen und mit einem Reiseverbot belegt worden waren. Sie forderten ihre Rückkehr in das staatliche Bildungswesen. Schließlich verkündete die außerordentliche Be­schwerdekommis­sion, die im Zuge des Ausnahmezustands eingerichtet worden war, dass sie den Widerspruch prüfen werde. Gülmen und Özakça bekamen ihre Arbeit nicht wieder, waren aber nach 324 Tagen bereit, wieder zu essen.

Ein gewisser Pragmatismus von Regierungsseite hätte also einen Pragmatismus aufseiten der Aktivisten zur Folge haben können. Der Abgeordnete der Republikanischen Volkspartei (CHP, kemalistische Opposition) İbrahim Kab­oğlu, ein angesehener Jurist, hat mehrfach versucht, auf Bitten der Eltern von Hungerstreikenden mit der Regierung zu sprechen.

„Aber kaum macht man den Mund auf, wird man als Terrorist beschimpft, das ist vermintes Gelände“, klagt er. Auch seine eigene Partei, die CHP, kritisiert er dafür, dass sie „keine mutigere Politik zur Unterstützung der Streikenden betreibt. Ich finde, wir sollten uns nicht von ihrer Zugehörigkeit zur DHKP-C leiten lassen, sondern vom Res­pekt des Rechts.“

Auch für Sibylle Gioe, die belgische Anwältin, die Ebru Timtik im Gefängnis von Silivri besucht hatte, spielt die politische Zugehörigkeit dieser „Todesfaster“ keine Rolle. „Wir haben nicht darüber diskutiert, ob sie Mitglieder der DHKP-C sind oder nicht, da würden wir nur das Spiel der türkischen Regierung mitspielen. Das Einzige, was zählt, ist der faire Prozess und die Verteidigung des Rechts auf juristischen Beistand.“

Die Frage ist, ob angesichts der Unnachgiebigkeit des islamistisch-nationalistischen Lagers unter Führung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der Repressionen und der Angriffe auf den Rechtsstaat Hungerstreiks und Todesfasten weiterhin eine geeignete Form des Protests sein können. Die PKK setzt dieses Werkzeug jedenfalls strategischer ein und weniger mystisch als die DHKP-C. Für Letztere ist diese Selbst­op­fe­rung offenbar eine Quelle neuer Kraft, trotz der vielen Toten und tausenden fürs Leben Gezeichneten.

Tatsächlich hat das Todesfasten bei den DHKP-C-Jüngern eine geradezu religiöse Dimension angenommen. Die Partei huldigt ihren Märtyrern und pflegt ihre Legenden. Die Gräber auf den Friedhöfen dienen als Orte der Erinnerung und der Verehrung.

Solche Symbole sind dem türkischen Staat natürlich ein Dorn im Auge: Vor einigen Jahren besuchten wir das Grab eines DHKP-C-Aktivisten, der durch ein Todesfasten gestorben war. Als wir gerade begonnen hatten zu filmen, tauchten 20 Soldaten auf. Sie richteten ihre Waffen auf uns und auf die Eltern des jungen Mannes, die an das Grab ihres Kindes gekommen waren, um zu trauern.

1 Die linksradikale bewaffnete Organisation wurde 1978 unter dem Namen Revolutionäre Linke (Devrimci Sol) gegründet und spaltete sich 1993 auf.

2 Unter dem Begriff kurdische Nationalbewegung fassen wir die in der Türkei verbotene und in der EU als Terrororganisation gelistete Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die Partei des Friedens und der Demokratie (BDP) und die Demokratische Partei der Völker (HDP), die im türkischen Parlament vertreten sind, sowie eine Reihe mit diesen Parteien verbundener Vereinigungen, Organisationen und Gewerkschaften zusammen, die nach einer verstärkten Autonomie der Kurden in der Türkei streben.

3 Gürgöz lebt seit 1985 in der Schweiz. Von ihm erschien „La nuit de Diyarbakir. Être kurde en Turquie“, Paris (L’Harmattan) 1997.

4 Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus Interviews der Autorin.

5 Die Aleviten (etwa 15 Prozent der türkischen Bevölkerung) praktizieren einen heterodoxen und synkretischen Glauben, eine Mischung aus schiitischem Islam, Mystizismus und verschiedenen religiösen Einflüssen des Zoroastrismus und des Christentums.

6 Nach dem albanischen Staatsführer Enver Hoxha, der von 1944 bis 1985 an der Macht war.

7 Siehe Noah Blaser, „ ‚We Fell Off the Face of the Earth‘: Opposition politicians are disappearing into Turkey’s massive new prison system“, Foreign Policy, Washington, D. C., 8. August 2021.

8 Die Musiker Helin Bölek und İbrahim Gökçek der Grup Yorum (eine beliebte Band, die der Nähe zur DHKP-C beschuldigt wird) und der Aktivist Mustafa Kokçak.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Ariane Bonzon ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 07.10.2021, von Ariane Bonzon