09.09.2021

Tiraden zur besten Sendezeit

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Tiraden zur besten Sendezeit

Die außerordentliche Beliebtheit politischer Talkshows in Russland

von Christophe Trontin

Henrik Eiben, Dogstar, 2021, Aquarell und Bleistift auf Papier, 24 x 32 cm
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Würden Sie ein Volk von Räsoneuren regieren wollen?“, fragt die Herzogin von Langeais in Honoré de Balzacs gleichnamiger Erzählung von 1834 und kommt zu dem Schluss: „Um die Völker am Räsonieren zu hindern, muss man ihnen Gefühle aufzwingen.“1

In Russland räsoniert man viel und gern. Und in den letzten Jahren verfolgt eine wachsende Zahl von Russinnen und Russen mit großer Leidenschaft die politischen Talkshows, die live und zu jeder Tageszeit in den großen staatlichen Sendern laufen.

Der Perwy Kanal sendet jeden Vormittag „Die Zukunft wird es zeigen“ mit „Themen, über die man nicht schweigen darf“. Auf Rossija 1 heißt die zweimal täglich laufende Sendung „60 Minuten“. Auf TV Zentr geht man mit „Jeder hat seine Wahrheit“ „den Dingen auf den Grund“. NTW bietet den „Treffpunkt“ an, wo angeblich „alles klar wird“, während der „Abend mit Solowjew“ den Tag auf Rossija 1 beschließt.

Ein paar intellektuell anspruchsvollere Sendungen vervollständigen die wöchentliche Palette: „Das Recht zu wissen“ etwa, „Postskriptum“ oder „Das große Spiel“. Und bei allen diesen Sendungen hat Aktualität höchste Priorität, weshalb sie live ausgestrahlt und die Themen manchmal erst in letzter Minute festgelegt werden.

In den letzten fünf, sechs Jahren sind diese Talkshows wie Pilze aus dem Boden geschossen. Jeder Sender hat ein bis zwei eigene Formate, manche werden abends wiederholt. Sie dauern zwischen 60 („60 Minuten“) und 135 Minuten („Die Zukunft wird es zeigen“) oder sind sogar open end („Ein Abend mit Solowjew“). Insgesamt werden dem Fernsehpublikum täglich mehr als 15 Stunden Livediskussion geboten.

Bei den Themen überwiegen außenpolitische Fragen, aber die Sendungen widmen sich auch allen denkbaren gesellschaftlichen Problemen. Meist gibt es einen aktuellen Anlass, wie die Brandkatastrophe im Einkaufszentrum Kemerowo 2018, den tödlichen Unfall, den der Regisseur Michail Jefremow 2020 in betrunkenem Zustand verursachte, oder die wachsende „Kultur des Hasses“ in den sozialen Netzwerken.

„Diese Formate haben sich als einziges wirksames Instrument für eine breite politische Bildung erwiesen“, urteilte kürzlich Gevorg Mirzojan, Dekan des Fachbereichs Massenkommunikation an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation in Moskau. Millionen russischer Bürger böten die Sendungen eine Analyse der Nachrichten und der weltpolitischen Lage: „Was gibt es denn sonst? Keiner liest heutzutage Bücher und Fachzeitschriften, die ohnehin den Ereignissen hinterherhinken. Die russische Gesellschaft hat nichts mehr mit dem Volk von Lesern zu Sowjetzeiten gemein. Die Gewohnheit und die Fähigkeit, komplexe Texte zu lesen, ist verloren gegangen.“2

Die oft heftigen Debatten, bei denen akademische Expertise und bissige Statements aufeinanderprallen, alle durcheinanderreden und sich beschimpfen, haben genau das richtige Maß zwischen Unterhaltung und Information. Die Vertrautheit zwischen den Moderatoren und ihren Stammgästen ist offensichtlich; manche duzen sich sogar. Aus all dem entsteht eine Atmosphäre, die den Erfolg dieser Sendungen ausmacht: ein Stammtisch, an dem trotz ideologisch geführtem Schlagabtausch ein gewisser gegenseitiger Respekt herrscht.

Ausländische Talkshow-Gäste gehen bisweilen hart ins Gericht mit Russland, geben aber auch zu, dass es nicht die Hölle ist, als die es westlichen Medien bisweilen zeichnen. Am 1. März 2021 war der deutsche Regisseur Felix Schulteß in „Die Zukunft wird es zeigen“ aus Berlin zugeschaltet und beklagte sich über die dortigen Lockdownmaßnahmen: „In Moskau kann man sich wenigstens frei bewegen. Hier in Deutschland darf man nur eine Person auf einmal treffen.“ Dann kam er noch auf Probleme bei der träge anlaufende Impfkampagne zu sprechen, woraufhin die Moderatorin in übertriebener Anteilnahme ausrief: „Wir müssen Sie retten, wir müssen Sie nach Moskau zurückholen! Halten Sie durch, Felix!“

Von Regierungskritikern werden die Moderatorinnen und Moderatoren dieser Talkshows gern als „Kreml-Propagandisten“ bezeichnet, die schamlos Werbung für die Standpunkte des „Putin-Clans“ machen; und damit vor allem ein Publikum erreichen, das – aus Naivität oder fehlender Vertrautheit mit neuen Medien – seine Informationen noch größtenteils über das Staatsfernsehen bezieht.

Youtube-Kanäle wie der Ende August zum „ausländischen Agenten“ erklärte Sender Doschd – die Bühne der liberalen Oppositionellen Xenia Sob­tschak – oder Navalny Live, der Kanal des inhaftierten Antikorruptionsaktivisten Alexei Nawalny3 , haben jeweils 2,5 Millionen Abonnent:innen. Beide Kanäle bieten ihren Fans eine kluge und radikale – und mitunter humorvolle – Kritik an der Regierung und ihrer „schändlichen und abstoßenden Propaganda“.4

Artjom Schejnin ­beleidigt s­eine Gäste

Für diese Propaganda ist eine große Mehrheit der Russen jedoch weiterhin empfänglich. Die „Abende mit Solowjew“ auf Rossija 1 erreichen eine Einschaltquote von fast 20 Prozent, tagsüber kommt „60 Minuten“ auf demselben Sender auf 12 Prozent. Die Kollegen von Perwyj Kanal, TV Zentr und NTW haben insgesamt geringere Quoten vorzuweisen, halten sich aber seit 2017 bei 5 bis 10 Prozent.5

Andrei Norkin, einer der Moderatoren der beliebten Sendung „Treffpunkt“, sagt: „Ich finde, die Regierung hat das Recht, ihren Standpunkt zu haben und Propaganda dafür zu machen. Ich sehe nichts Schlechtes im Begriff Propaganda. Was ist zum Beispiel schlecht an Propaganda für eine gesunde Lebensweise oder für den Weltfrieden?“6 Norkin ist einer der erfahrensten Moderatoren in der russischen Fernsehlandschaft. Seine Karriere begann in den 1990er Jahren beim Kanal NTW, der damals als wichtiges Organ des Milliardärs Wladimir Gussinski im politischen Kampf gegen Präsident Boris Jelzin galt.

Drei Jahrzehnte später arbeitet Norkin wieder bei NTW, der inzwischen von der staatlichen Holding Gazprom Media gekauft wurde, so dass der Sender unter der indirekten Kontrolle der Regierung steht. Norkins offenkundige politische Kehrtwende hat seiner Ruhe und Souveränität beim Moderieren keinen Abbruch getan. Selbst die Opposition erkennt seine Unparteilichkeit als Moderator an.

Doch auch in Norkins Talkshow sei „eine gewisse Aggressivität unvermeidbar“, meint der Moderator selbst. Das habe „mit der Sendezeit und den Erwartungen der Zuschauer zu tun“. Als Nachmittagssendung habe „Treffpunkt“ ein spezielles Publikum, dem neben rationalen Argumenten auch Emotionen geboten werden müssten.7

Talkshows gab es schon zu Sowjet­zeiten, als in schlecht beleuchteten Studios lange, belehrende Reden gehalten wurden. Der neue Boom setzte 2014/15 ein: Damals war das alles dominierende Thema die politischen Erschütterungen in der Ukraine, die strategische Hinwendung des Nachbarlandes zum Westen, der heftige Sprachenkonflikt8 und die bald darauf ausbrechende Gewalt. In der Folge lieferten sich Politologen, Wissenschaftlerinnen, Diplomaten und andere selbsternannte „Experten“ heftige TV-Debatten.

Besonders lebhaft geht es auch heute noch in den Runden zu, wo ein Advocatus Diaboli geladen ist. Eine ganze Reihe Ukrainer konnte ihrem Groll gegen den östlichen Nachbarn im russischen Fernsehen freien Lauf lassen. In jüngster Zeit wechseln sich in dieser Rolle die Journalistin Janina Sokolowskaja und die Politwissenschaftler Wassil Wakarow und Wjatscheslav Kovtun ab. Sie verurteilen die russische Einmischung im Donbass, verteidigen die Gesetze, die den russischsprachigen Ukrainern die Verwendung ihrer Muttersprache verbieten, und bagatellisieren die Bedrohung durch neofaschistische Milizen wie Asow oder Prawy Sektor.9

Ihre Gegner, für die die Interessen der Ukraine untrennbar mit denen Russlands verbunden sind, unterstreichen zuverlässig die absurde Situation, in die sich die Regierung in Kiew durch ihre Opposition gegen Moskau begebe. So hieß es in „Die Zukunft wird es zeigen“ vom 13. Dezember 2019: „Warum lehnt ihr russisches Gas ab? Um Russland zu schaden? Aber ihr schadet doch euch selbst. Am Ende kauft ihr das Gas von Dritten, zu Weltmarktpreisen!“

Am 25. März 2021 wurde in „60 Minuten“ über die gescheiterte Coronapolitik des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski gespottet. Nachdem dieser den russischen Impfstoff abgelehnt hatte, musste er erleben, wie die Lieferung westlicher Impfstoffe auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wurde, und am Ende auf den indischen Impfstoff Covishield zurückgreifen, der allerdings nur in winzigen Mengen und zu hohen Preisen erhältlich war.

Beim Thema Gay Prides ­wird die Runde brutal

Kurz und gut, die Russen werfen ihren ukrainischen Nachbarn vor, sich mit Begeisterung unter das Joch des Westens begeben zu haben, der es im Gegenzug keineswegs eilig habe, ihnen die Vorteile zu gewähren, von denen sie träumen. Wladimir Solowjew fasste es am 11. März lapidar so zusammen: „Die USA schicken euch zwar Militärhilfe, aber keinen Impfstoff.“

Ein ausländischer Fernsehzuschauer wäre erstaunt über die Freiheit im Ton, die bei diesen Sendungen herrscht. So konnte der rechtsnationale Publizist und Aktivist Nikolai Starikow in „Die Zukunft wird es zeigen“ am 5. März 2019, Stalins Todestag, verkünden: „Eine Mehrheit der Russen, und ich gehöre dazu, sieht in Stalin den größten Führer, den wir je hatten.“ Oleg Barabanow, Professor für Internationale Beziehungen am Staatlichen Institut für internationale Beziehungen in Moskau, erklärte in „Treffpunkt“ am 3. März 2021: „Anstelle des Kremls würde ich hinsichtlich der Übersterblichkeit durch Covid-19 auch lügen.“ Besonders brutal werden die Äußerungen russischer Podiumsgäste, wenn über Gay Prides in Europa und US-amerikanische Genderpolitik diskutiert wird.

Manchmal stößt die Geduld der Moderatoren jedoch an ihre Grenzen. Das geschah, als sich der Polemiker Alexander Sytin in „Die Zukunft wird es zeigen“ am 16. April 2019, einen Tag nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris, zu folgender Äußerung verstieg: „Es ist falsch, diesen Brand mit dem Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa zu vergleichen“ – dort waren am 2. Mai 2014 mehr als 40 prorussische Demonstranten ums Leben gekommen. „Der eine hat ein Juwel der klassischen europäischen Kultur zerstört, der andere hat den Verlust von ein wenig Menschenmaterial mäßiger genetischer Qualität verursacht.“ Daraufhin bat ihn der Moderator Anatoli Kuzitschew, das Studio zu verlassen. Bald nahm Sytin aber wieder seinen gewohnten Platz auf allen Podien ein.

Der umstrittenste Moderator ist zweifellos Artjom Schejnin. Mit hohem Haaransatz und angegrautem Bartkranz steht er breitbeinig im Zentrum der Arena. Er macht keinen Hehl aus seinem Patriotismus und beschimpft ungeniert alle Gäste, deren Aussagen ihm missfallen.

Schejnins Spezialität besteht darin, dass er seine Fragen lang und belehrend formuliert. Ausführlich warnt er vor den fadenscheinigen Argumenten, an denen sein Gegenüber, wie er unterstellt, bereits feile, um dann die Antwort auf seine Frage selbst vorzugeben.

Sobald sein Gast zu antworten beginnt, unterbricht ihn Schejnin mit den Worten: „Ich wusste es! Ich hätte darauf gewettet! Das ist die Boshaftigkeit, die Ihnen zu eigen ist!“ Seine scharfen Ansichten, gepaart mit seiner Skrupellosigkeit als Diskussionsleiter, stellen sicher, dass ihm niemand die Hauptrolle in seinen Shows streitig macht.

Zu den bevorzugten Prügelknaben Schejnins gehören Michael Bohm und Michael Wasiura, zwei US-Amerikaner, die Russisch mit einem breiten Midwest-Akzent sprechen. Wann immer es um amerikanische Politik oder neue antirussische Sanktionen geht, sitzen sie in der Sendung und äußern die prodemokratischen, Nato-freundlichen, progressiven Positionen, die der Moderator von ihnen erwartet, um sie dann runterzumachen.

Trotz dieses polarisierenden Auftretens ist sich Schejnin durchaus bewusst, welche Rolle er ausfüllt: „Ich bin ein Produkt meiner Zeit. Heutzutage braucht das Fernsehen explosive, impulsive und kompromisslose Moderatoren. Es gab eine lange Glamour-Phase, aber heute herrscht Krieg, in dem sich zwei klar definierte Lager bekämpfen. Früher hätte niemand mit meinem Aussehen oder Temperament Fernsehmoderator werden können. Aber die Zeiten haben sich geändert.“10

In Russland verläuft die ideologische Bruchlinie nicht zwischen links und rechts. Vielmehr stehen sich Souveränisten und Internationalisten gegenüber. Die einen, derzeit noch in der Mehrheit, unterstützen trotz der damit verbundenen Opfer die Großrussland-Politik Wladimir Putins. Die anderen, von ihren Gegnern auch als „fünfte Kolonne“, „Einflussagenten“ oder, etwas neutraler, als „Liberale“ bezeichnet, wünschen sich, dass Russland im Westen als vertrauensvoller Partner wahrgenommen wird. Auch wenn das bedeutet, den westlichen Vorgaben zu folgen und Schikanen und Demütigungen in Kauf zu nehmen.

Für die Talkshow-Patrioten sind die Internationalisten Verräter: „Man muss die Dinge beim Namen nennen“, wetterte Starmoderator Solowjew am 11. März 2021. „Diese Leute sind in Wirklichkeit Einflussagenten im Sold von uns feindlich gesinnten Ländern.“

Auch das Studiopublikum ist sehr unterschiedlich. In einigen Sendungen versammeln sich Anhänger der Integration Russlands in die Gemeinschaft der „zivilisierten“ Nationen. In anderen sitzen die Verfechter eines neuen russischen Selbstbewusstsein, die ihr Land gern in einer Liga mit China und den USA sehen würden. Es ist eine moderne Version des alten russischen Streits zwischen „Europäern“ und „Slawophilen“.

Gestritten wird über die ­Russophobie des Westens

Ein berühmt gewordener Wortwechsel fasst diese Kontroverse zusammen. Am 22. Juni 2017 diskutierten bei „Ein Abend mit Solowjew“ der Politikwissenschaftler Ariel Cohen und der Duma-Abgeordnete Wjatscheslaw Nikonow. Cohen warnte: „Wenn Russland weiterhin der amerikanischen Dominanz trotzt und vom Westen mit immer härteren Sanktionen belegt wird, ist seine Wirtschaft am Ende. Wie kommen wir an die Technologien, die Märkte, das Kapital, um uns zu entwickeln?“.

Nikonow entgegnete: „Technolo­gien haben uns die Amerikaner nie gegeben oder verkauft. Dieses Embargo reicht zurück bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Heute sind wir weltweit führend in der zivilen Nutzung der Atomkraft. Und nicht nur da: Wir exportieren Waffensysteme, Weltraumtechnik und Impfstoffe. Das zeigt doch, das wir in der Lage sind, Weltniveau zu erreichen – auch ohne ausländische Hilfe.“

In „Das Recht zu wissen“ hielt es der Politikwissenschaftler Sergei Karaganow am 27. März 2021 für geboten, diese ewig gleich ablaufende Diskus­sion zu beenden: „Es ist doch offensichtlich: Die Frage ‚Sind wir gute, würdige, echte Europäer?‘ ist überholt. Das Europa, das wir lieben, existiert nur noch in unserer Vorstellung. Mit Tolstoi, Tschechow und Tschaikowski haben wir ebenso viel zur europäischen Kultur beigetragen, wie wir aus ihr geschöpft haben.“ Heute sei Europa als Quelle neuer Ideen leider versiegt, und es werde Zeit, „dass wir uns anderen Kulturen zuwenden. Kulturen, von denen wir bisher nichts wissen und die an Bedeutung zunehmen.“

Margarita Simonjan, die in den Medien sehr präsente Chefin des Fernsehsenders RT, ist Absolventin des amerikanischen Programms Future Leaders Exchange und sitzt regelmäßig auf diversen Podien. Sie beschreibt ihre journalistische Ausbildung in den USA als sektiererische Indoktrination, die bei ihr aber nicht gezündet, sondern ihr die Augen geöffnet habe für den ideologischen Krieg, den der Westen gegen ihr Land führe.

„In meinem Journalismusstudium in Russland – und das war nach der Sowjetzeit – lehrte man uns die Prinzipien des Pluralismus und der Objektivität“, erzählte sie in „Das Recht zu wissen“ am 14. Oktober 2017. „Wer hätte damals geglaubt, dass der Totalitarismus aus dem Westen kommt? Wenn du dich in Amerika traust, eine auch nur neu­trale Meinung über Putin und Russland zu äußern, wird dir sofort das Etikett ‚Putins nützlicher Idiot‘ angeheftet, und deine Karriere ist vorbei.“

Dieses „Missverständnis mit dem Westen“ oder – für die Kritischeren – „die angeborene Russophobie des Westens“ ist ein häufig wiederkehrendes Thema in den Talkshows. Oleg Barabanow, ein regelmäßiger Gast bei „Treffpunkt“, schrieb am 8. Juni 2017 auf seinem Blog, die Russophobie sei für die Mehrheit der westlichen Elite mittlerweile eine „akzeptable“ Form des Rassismus geworden. Sie erfülle die Funktion, politische Systeme zusammenzuhalten, die durch einen radikalen Kommunitarismus destabilisiert wurden.

Erst kürzlich gab der französische Präsident Emmanuel Macron dafür ein gutes Beispiel. Am 25. März 2021 beschuldigte er Russland und China, ihre Impfstoffe gegen Covid-19 für die Einflussnahme im Rahmen eines „weltweiten Kriegs neuer Art“ einzusetzen. Dabei hatte Moskau Frankreich und anderen europäischen Ländern gerade die Lieferung oder gemeinsame Produktion von Sputnik V angeboten.

Bei „Jeder hat seine Wahrheit“ reagierte der Politikwissenschaftler Maxim Jussin einen Tag nach Macrons Äußerung mit den Worten: „Ich muss zugeben, dass es mir als Frankophilem die Sprache verschlägt. Ich hatte einige Hoffnung in Macron gesetzt, die Beziehungen unserer beiden Länder zu verbessern. Diese Bemerkung stürzt mich in tiefen Pessimismus.“

Solche Sendungen sind gewiss nicht objektiv. Sie sind von den staatlichen Fernsehsendern inszeniert, werden von patriotischen Starjournalisten moderiert und sind mit handverlesenen „Experten“ bestückt; der Verlauf der Diskussion lässt sich leicht voraussagen. Aber es ist ihr Verdienst, eine Form von Pluralismus zu schaffen und die Kritiker der Macht, auch Ausländer, zu Wort kommen zu lassen. Wie oft sieht man russische, chinesische oder iranische Gäste in einer europäischen oder US-amerikanischen Talkshow?

Die russischen Fernsehsender vergelten den westlichen Medien, die Russland verteufeln, Gleiches mit Gleichem. Nachdem man sich über die Chruschtschow’sche Exzentrik von Donald Trump lustig gemacht hat, sorgt man sich heute angesichts der Bresch­new’schen Trägheit Joe Bidens.

Nachdem Biden seinen Amtskollegen Putin am 17. März 2021 auf ABC als „Killer“ bezeichnet hatte, kommentierte der Moderator von „60 Minuten“, Jew­geni Popow, am 29. März sarkastisch: „Entweder hat er beschlossen, sich etwas zu mäßigen, oder er hat seine Meinung geändert oder hat seine Aussage schon wieder vergessen, denn heute, zwölf Tage später, hat Biden Präsident Putin zu einer Klimakonferenz eingeladen.“

Zwar steht das russische Fernsehen der westlichen Konkurrenz in puncto Schwung und Ideen in nichts nach, seine internationale Strahlkraft liegt hingegen quasi bei null. Jede Behauptung, die in einem US-Medium über Russland geäußert wird, egal wie übertrieben, vorurteilsbeladen oder absurd sie sein mag, landet sofort in den Schlagzeilen der Weltpresse. Andersherum funktioniert das nicht. „In diesem Medienkrieg“, resümierte Margarita Simonjan in „Die Zukunft wird es ­zeigen“ am 1. April 2021, „haben unsere Gegner die Atombombe und wir nicht.“

1 Honoré de Balzac, „Die Herzogin von Langeais“, dt. von Christel Gersch, Berlin (Aufbau) 1999.

2 Gevorg Mirzojan, „Warum Russland politische Talkshows braucht“, Snob, Moskau, 6. Januar 2021 (russisch).

3 Siehe Hélène Richard, „Lichtgestalt mit kleinen Flecken“, LMd, März 2021.

4 „Parasiten“, Dokumentarfilm von Alexei Nawalny, 10. März 2020, verfügbar auf Youtube.

5 Nach Zahlen des Medienforschungsinstituts Mediascope.

6 Yulia Dudkina, „How Russian political talk shows work“, Esquire, 9. Juli 2019.

7 Yulia Dudkina, siehe Anmerkung 6.

8 Präsident Wiktor Janukowitsch ließ Russisch 2012 als Regionalsprache zu, nach dessen Sturz entzog das Parlament 2014 diesen Status wieder; siehe Nikita Taranko Acosta, „Ukrainisch für Anfänger“, LMd, Mai 2019.

9 Siehe Emmanuel Dreyfus, „Stramm national in der Ukraine“, LMd, März 2014.

10 Yulia Dudkina, siehe Anmerkung 6.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Christophe Trontin ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 09.09.2021, von Christophe Trontin