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Wo die Nasenaffen wohnen

Wo die Nasenaffen wohnen

In Borneo boomt der Ökotourismus von Clotilde Luquiau

Fernab der Zivilisation habe sich Borneo seine ursprüngliche Natur bewahrt, heißt es. „Hier können Sie die Völker des Dschungels und die unglaubliche Tierwelt Borneos erleben – der unberührten Insel, die uns die Entstehungsgeschichte der Erde erzählt. Das ist sanfter Tourismus pur – mit einem Hauch von Abenteuer.“ Mit solchen Sätzen nebst anrührenden Tierbildern vor prächtiger Dschungelkulisse bewirbt der französische Reiseveranstalter Asia seine Gruppenreisen zum Pauschalpreis.

Dank der Einnahmen aus dem Tourismus konnten die Dorfbewohner ihre „ursprünglichen“ Behausungen modernisieren: Statt zugiger Hütten aus Rattan und Palmblättern haben sie nun Häuser mit Zinkdächern und Wänden aus Holz oder Leichtbaustein. Das sieht zwar nicht mehr so schön natürlich aus, aber dafür ist es sicher und bequemer. Die Touristen wird das wahrscheinlich weniger interessieren. Sie sehen nur die Verschandelung einer malerischen Kulisse. Allein dieses Detail spiegelt einen der Widersprüche des sogenannten Ökotourismus, der den Einheimischen angeblich ein eigenes Einkommen verschaffen, dabei die Natur schonen und dazu beitragen soll, das allgemeine Umweltbewusstsein zu stärken. Es fragt sich nur, wer davon am meisten profitiert.

„Ökotourismus, Ökotourismus – unsere Politiker reden von nichts anderem“, erzählt Annie,1 die für den Bundesstaat Sabah im Norden der Insel ein neues Tourismuskonzept entwerfen soll. „Sie versprechen sich davon einen wahren Entwicklungsschub. Kein Wunder, dass die Dorfbewohner jetzt Riesenerwartungen haben!“ Die Regierung hat sich tatsächlich auf allen Gebieten der Nachhaltigkeit verschrieben. Mit den Einnahmen aus dem Tourismus soll übrigens genau die Region geschützt werden, für die auch der Reiseveranstalter Asia wirbt. Dabei tragen doch gerade Hotels und Urlauber zur Umweltzerstörung bei. „Man sollte einfach gar keine Werbung mehr für diese unberührten Orte machen“, meint Annie, „sonst kommen noch mehr Touristen.“

Weiter südlich, ebenfalls in Sabah, liegt das Delta des Kinabatangan-Flusses. Hier leben Elefanten, Orang-Utans und Nasenaffen, Nashornvögel und unzählige andere bepelzte, gefiederte und geschuppte Tierarten – das prächtige Schauspiel entlang des Flussufers lockte seit den 1980er Jahren immer mehr Tierfreunde an und führte zu einem wahren Tourismusboom. Auf Initiative vor allem des World Wide Fund for Nature (WWF) und zahlreicher einheimischer und internationaler NGOs – etwa der französischen Hutan oder der amerikanisch-malayischen Leap (Land Empowerment Animals People) – wurden ab 1997 diverse Tierschutzmaßnahmen ergriffen. 2005 wurden auf einem Gebiet, das sich 200 Kilometer von der Mündung flussaufwärts hinzieht, neun Naturschutzgebiete zu einem Tierreservat zusammengefasst.

Diese Maßnahme hatte fatale Folgen: Weil sich die Tiere nicht mehr frei bewegen konnten, kommt es seitdem häufiger zur Inzucht, was die Tiere gesundheitlich anfällig macht und ihre genetische Vielfalt beeinträchtigt. Hinzu kam, dass mit der Einführung des Tierschutzgesetzes (Wildlife Conservation Enactment) die Einheimischen fortan eine Sondergenehmigung brauchten, wenn sie auf die Jagd gehen und ihre Felder bestellen wollten. Von diesem Tier- und Umweltschutz profitierten am Ende nur die Reiseveranstalter.

Die Einheimischen, die nur das Recht auf ein kleines Stück Land besitzen, von dessen Erträgen sie noch nicht einmal ihre eigene Familie ernähren können, wurden gewissermaßen doppelt enteignet: durch die Einrichtung eines etwa 27 000 Hektar großen Naturschutzgebiets und durch die reichen Agrarkonzerne, für die natürlich Sonderkonditionen gelten. Am schlechtesten sind die dran, die gar kein Land besitzen und nur vom Fischfang oder von Gelegenheitsjobs in der Stadt leben. Derweil wird der Ökotourismus als Allheilmittel gegen das Elend gepriesen: Es könne doch jeder eine kleine Pension eröffnen oder im Hotel arbeiten. Man müsse nur die vielen Möglichkeiten zu nutzen wissen, die sich etwa aus dem Interesse an der bornesischen Kultur ergeben, und sei es durch den Verkauf landestypischer Erzeugnisse.

Die Tiere vor den Dorfbewohnern schützen

Aber so einfach ist das gar nicht. Denn bevor das Obst und Gemüse geerntet werden kann, haben sich schon die Affen, Wildschweine und Elefanten darüber hergemacht. Mit einem einfachen Gatter ist es nicht getan. Nur die Plantagen sind durch stabile Elektrozäune geschützt. Bleibt noch das Kunsthandwerk – aber wer kann heute noch weben, flechten oder schnitzen? Die Körbe sind jedenfalls alle aus Plastik. Und wie steht es mit der Vorführung von lokalem Brauchtum? Damit kann die Jugend nichts mehr anfangen, und die Touristen kommen doch sowieso nur wegen der Tiere nach Sabah.

Nur zwei sehr einfach ausgestattete Bed-and-Breakfast-Pensionen werden von Einheimischen betrieben. Die meisten Hotels, in den Reiseprospekten als „Ecolodges“ angepriesen, stehen auf gepachteten Grundstücken, die etwa zehn Familien gehören. Und nur in zwei oder drei Hotels arbeiten Leute aus den umliegenden Dörfern. Die meisten Betriebe suchen sich ihr billiges Personal unter den Migranten von den Philippinen oder aus Indonesien.

Mary, die früher beim WWF für Ökotourismus zuständig war und heute ein Projekt betreut, bei dem die Bedürfnisse der Einheimischen an erster Stelle stehen, erinnert sich noch gut an die Zeit Anfang der 1990er Jahre, als hier erst fünf Ecolodges standen: „Die Hotelbetreiber meinten, sie hätten den Einheimischen schon eine Chance gegeben, aber diese hätten sie einfach nicht genutzt. Sie seien unzuverlässig gewesen und wären nicht zur Arbeit erschienen, hinterher habe es dann immer geheißen, sie hätten Hochzeit feiern müssen.“ Die Einheimischen wiederum fühlten sich diskriminiert und beschwerten sich, dass sie nur wegen ihrer Herkunft keine Arbeit bekommen hätten.

Natürlich waren die meisten Dorfbewohner keine ausgebildeten Hotelfachkräfte und verfügten auch nur über geringe Englischkenntnisse. Aber man schätzte ihr Wissen über die Natur. Viele geben sogar zu, dass ihnen die Arbeitsbedingungen tatsächlich nicht zugesagt hätten und sie unter der Unfreiheit als abhängig Beschäftigte gelitten hätten. Von Abai bis Batu Puteh hört man immer wieder diesen einen Satz, in dem Stolz und Resignation mitschwingen: „Ich bleibe lieber mein eigener Herr, auch wenn ich nur vom Fischfang lebe.“

Die Regierung verlangte von den Dorfbewohnern, dass sie mithelfen sollten, die längst zur Ware gewordene Natur zu schützen. Das sei nur zu ihrem eigenen Vorteil, hieß es. Ein leeres Versprechen, wie sie bald merken sollten: „Wenn uns der Tourismus nichts bringt, dann töten wir eben die letzten Nasenaffen, und die Reiseveranstalter gucken in die Röhre“, hörte man schon damals.2 Inzwischen sind viele der festen Überzeugung, dass die Regierung, um den Tourismus zu fördern, die Tiere vor den Dorfbewohnern schützt – und nicht etwa umgekehrt.

Die Tourismusindustrie profitiert nämlich gewaltig von dem staatlich verordneten Umweltschutz. Jährlich kommen mehr als 70 000 Besucher ins Reservat von Kinabatangan. Und nach den Hotelneubauten zu urteilen, geht man offenbar davon aus, dass der Boom anhält. Besonders beliebt sind Orang-Utans und Zwergelefanten. Auf dem Weg ins Reservat kommen die Besucher allerdings auch an Palmölplantagen vorbei, die sich über 150 Kilometer erstrecken. „Meine Touristen sind sehr traurig, wenn sie diese Plantagen sehen“, erzählt Albert, der in Sabahs Hauptstadt Kota Kinabalu ein Reisebüro hat und in Sukau am Kinabatangan-Fluss eine Ecolodge besitzt.

Glaubt man den offiziellen Berichten, dann wurden in den vergangenen fünfzehn Jahren alle illegalen Plantagen stillgelegt, die Wiederaufforstung gefördert, die Wilderer verhaftet oder vertrieben und die Tiere beschützt, gepflegt und katalogisiert. Es gibt wieder mehr Elefanten, und auf den Flächen, die seit den 1950er Jahren abgeholzt wurden, wachsen wieder Bäume. Rund um das Naturschutzgebiet am Kinabatangan wird die Landschaft den touristischen Ansprüchen angepasst. Den Reiseveranstaltern kann es nur recht sein: Wo 1990 nur ein paar Zelte standen, sind heute rund 340 Zimmer im Angebot. Die etwa fünfzehn Unterkünfte liegen alle in der Nähe der beiden Dörfer Sukau (gut 1 000 Einwohner) und Bilit (knapp 200 Einwohner).

Martin hat sich die Sache mit dem „Urlaub bei Einheimischen“ auf Borneo ausgedacht. Der Ingenieur war so verzaubert von Kinabatangan, dass er 1991 beschloss, zu bleiben und in das Tourismusgeschäft einzusteigen. Am Anfang, erzählt er, war er regelrecht geschockt, als er mitbekam, dass die Bewohner für die Besichtigungen ihrer Dörfer kein Geld bekamen. Und wenn sie sich darüber beschwerten, wechselte der Veranstalter kurzerhand die Route. „Das war kein Problem, es gab ja genug andere Dörfer.“ Und niemand bemerkte etwas: „Die kannten ja die Routen nicht. Es wirkte außerdem alles so perfekt geplant.“ Sie gingen fest davon aus, dass sie mit ihrem „alternativen“ Reisen die Dorfbewohner unterstützten und wussten gar nicht, dass diese überhaupt nichts davon hatten.

Ende der 1980er Jahre waren die Wälder in Kinabatangan so übernutzt, dass die Dorfbewohner in den neuen Naturschutzgebieten nicht mehr als Holzfäller arbeiten durften. Sie machten sich sogar strafbar, wenn sie im Umkreis ihrer Dörfer Holz schlugen. Da bot es sich an, ihnen mithilfe eines neuen Tourismusprogramms eine Alternative anzubieten: „1996 hörte ich davon, dass die Regierung in einem Teil des Kinabatangan-Reservats Tourismusprojekte in den Dörfern fördern wollte“, erzählt Martin. „Ich nahm Kontakt mit dem WWF auf – die hatten Spendengelder, und ich hatte ein Dorf, das bereit war, etwas Neues auszuprobieren. In Batu Puteh waren sie vor allem froh, dass sie sich und ihre Familien nicht mehr vom illegalen Holzeinschlag ernähren mussten.“

Das Homestay Program, also die staatlich kontrollierte, private Unterkunft, schien leicht umzusetzen zu sein: Etwa zehn Dorfbewohner sollten sich jeweils zusammentun und nachweisen, dass ihre Region für Touristen attraktiv ist und dass sie saubere Unterkünfte anbieten konnten – das sei schon alles, hieß es. Nachdem das Vertragliche geregelt war und die privaten Gastgeber eine Art Grundausbildung absolviert hatten, konnte es losgehen. Nun mussten nur noch die Touristen kommen, und die Einheimischen würden direkt am Geschäft beteiligt werden. Nach dem Vorreiter Batu Puteh schlossen sich zwischen 1997 und 2004 allein in Kinabatangan drei weitere Dörfer dem Programm an: Abai, Sukau und Bilit; insgesamt gibt es sechzehn im ganzen Bundesstaat Sabah.

Nach und nach sollte sich allerdings herausstellen, dass es doch nicht so einfach war. Die Leute waren zu arm, um das Geld für die Umbauten aufzubringen. Dann waren die obligatorischen Schulungen zwar kostenlos, aber sie fanden in der Hauptstadt Kota Kinabalu statt, 400 Kilometer von Kinabatangan entfernt – die Fahrtkosten für zwei Leute (etwa 100 Euro) verschlangen teilweise ein Monatseinkommen. Und dann weigerten sich auch noch die meisten Reiseveranstalter, mit den Homestay-Dörfern zu kooperieren. Nur zwei Agenturen zogen mit: eine australische, die auf Abenteuerreisen spezialisiert ist, und eine bornesische aus Sukau.

Außerdem zeigte sich, dass die westlichen Touristen auf der Suche nach authentischen Abenteuern ihrerseits sehr spezielle Erwartungen haben, mit denen ihre Homestay-Gastgeber nicht gerechnet hatten. Manche hatten wohl auf ein Indiana-Jones-Erlebnis gehofft und fanden sich nun in sauberen kleinen Häusern mit Fernsehapparat wieder.

Klar, man sitzt auf der Erde und isst wie die muslimischen Gastgeber mit der rechten Hand, auch die Matratze liegt manchmal auf dem nackten Boden, und nachts wühlen die Wildschweine zwischen den Pfeilern, auf denen das Haus steht. Wenn man Glück hat, statten einem die Affen einen Überraschungsbesuch ab und klauen laut kreischend das Essen aus der Küche, oder ein Elefant lässt seinen Rüssel über den Gartenzaun hängen. Aber alles in allem haben sich diese Touristen das Leben im Dschungel wohl doch etwas anders vorgestellt – jedenfalls nicht so wie zu Hause, mit Waschmaschinen, Mixern, Ventilatoren und sogar Autos, die sich manche Dorfbewohner dank der Einkünfte aus dem Tourismus inzwischen leisten können.

Die modernen Ecolodges dagegen stehen außerhalb der Dörfer am Waldrand, sind komplett aus Holz gebaut und sollen einem das Gefühl vermitteln, als würde man mitten im Dschungel wohnen. Es gibt so gut wie keinen Kontakt zu den Einheimischen, die kaum noch Geschäfte mit den Besuchern machen können. Die Ecolodges sind für die Homestays eine harte Konkurrenz, denn die Hotelbesitzer kennen die richtigen Leute und haben das bessere Marketing.

Auf Anregung des WWF gründeten 2008 fünf Ecolodges eine Umweltschutzorganisation und berechneten eine Art Ökoabgabe auf ihre Pauschalangebote: „Es geht darum, unsere Investitionen zu schützen“, erklärte der Präsident der Organisation. Tatsächlich sind der Dschungel, die Tiere und der Fluss die Ressourcen des ganzen Geschäfts – ohne sie würde wohl hier kein Tourist mehr einchecken. Mit der Ökoabgabe soll eine Truppe von Waldhütern finanziert, ein umweltfreundlicher Verhaltenskodex eingeführt und die Aufforstung in der Region gefördert werden.

Auch wenn der Versuch, die Entwicklung in der Region mithilfe des Ökotourismus zu fördern, einige interkulturelle Missverständnisse produziert hat, so überwiegt doch das Positive: Das Geschäft mit der Umwelt hat dazu geführt, dass sich insgesamt mehr Menschen für den Naturschutz einsetzen. Denn darin sind sich alle Beteiligten einig: Die Flusslandschaft des Kinabatangan ist heute weit besser geschützt als vor der Ankunft der Touristen.

Fußnoten: 1 Die Namen der Gesprächspartner wurden auf deren Wunsch verändert. 2 Siehe Heiko K. L. Schulze, „Villagers in Transition: Case Study from Sabah“, Sabah (Universität von Malaysia) 1999. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt Clotilde Luquiau ist Geografin.

Le Monde diplomatique vom 13.07.2012,