08.04.2021

Après Ski

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Après Ski

Die Berge emanzipieren sich vom Pistensport

von Philippe Descamps

Andrea Grützner, Hive, Meeting Pods, 2017, 107 x 80 cm
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An diesem sonnigen, klirrend kalten Morgen bedecken 40 Zentimeter Pulverschnee die Pisten von La Plagne. Die Rentnerin Christiane aus dem Örtchen Aime, das am Fuß dieses Skigebiets in der Savoie liegt, kommt hier jeden Tag mit ihren Tourenski hinauf: „Das Unglück der einen ist das Glück der anderen. Wir erobern uns die Berge zurück.“ Mit ihrer Freundin Agnès, einer Skilehrerin, die gerade in Kurzarbeit ist, genießt sie die Schließung der Liftanlagen, die vor 60 Jahren gebaut wurden und La Plagne zum zweitgrößten Skigebiet der Welt gemacht haben. Seit dem 15. März 2020 stehen die Lifte still.

Im Skiurlaubsort Belle Plagne hat von rund einem Dutzend Geschäften nur noch eines geöffnet. Die Touristeninformation versucht sich an die Coronasituation anzupassen und gibt neue Prospekte heraus, in denen für Rodeln, Langlauf und Skiwandern geworben wird. Für die weniger geübten unter den Skibergsteigern, die mit unter den Brettern festgeklebten Steigfellen die Hänge hochkraxeln, wurden sogar ein paar Pisten planiert.

Auf den Hängen über den Hotelburgen von La Plagne Bellecôte sind Marie-Amélie und Didier mit Schneeschuhen unterwegs. Die Krankenpflegerin und der Feuerwehrmann wollen eine Woche entspannen. Seit Monaten waren sie im Corona-Dauereinsatz: „Normalerweise kommen wir zum Skifahren hierher“, erzählt Marie-Amélie. „Wir buchen eine Pauschalreise und wollen so viel Zeit wie möglich auf Skiern verbringen. Dieses Jahr wollen wir einfach nur die Natur und die Ruhe genießen. Die Bars sind zu, wir können abends nicht ausgehen. Aber offen gestanden fehlt mir der ganze Rummel sowieso nicht.“

„Die Situation erinnert mich an das Ende eines Goldrauschs“, meint ­Gilles Chabert. „Als das kostbare Metall zur Neige ging, verschwanden die Leute. Die Türen der Saloons schlugen im Wind. Bei uns schaukeln die leeren Sessellifte, und durch die Verwehungen türmt sich der Schnee.“ Chabert ist Ehrenvorsitzender des nationalen Skilehrerverbands und Regionalrat der Partei Les Républicains in der Region Auvergne-­Rhône-Alpes.

Er hat es diesmal nicht geschafft, seinen Einfluss geltend zu machen. „Als Vorsitzender der Skilehrer habe ich so einiges durchfechten müssen, mein ganzes Leben lang. Ich habe Argumente vorgebracht, habe gesagt, dass es in den Bergen nicht so ist wie anderswo. Mir saßen Leute gegenüber, die politische Entscheidungen getroffen haben. Dieses Mal ist man mir mit der Wissenschaft gekommen, und mit der Gesundheit der Menschen.“

Im Februar 2020 infizierten sich im Tiroler Skiort Ischgl Hunderte Ski­fahrer aus ganz Europa mit Sars-CoV-2. Sechs Monate später erhob die österreichische Justiz Anklage gegen ­mehrere Verantwortliche, weil sie das Ski­gebiet nicht rechtzeitig dichtgemacht hätten. Die Erinnerung an ­Ischgl und an den Hotspot von Courchevel ein paar Tage später spielte bei der Entscheidung der französischen Behörden sicher eine Rolle. Doch die Schließung der Skigebiete hat auch mit einem

wohlgehüteten Geheimnis zu tun: mit der Gefährlichkeit der Skipisten. Die Ärzte­organisation Médecins de Monta­gne schätzt, dass sich auf den französischen Skipisten jeden Winter etwa 150 000 Personen verletzen.1

Im Krankenhaus von Grenoble, wo die schwersten Fälle behandelt werden, häufen sich während der Februarferien die Operationen von Skiunfallopfern. In den letzten drei Wintern vor der Coronakrise belegten sie in Grenoble ungefähr die Hälfte der Intensivbetten. Durch die beiden Lockdowns waren es diesmal erheblich weniger.

Der Bürgermeister von La Plagne, Jean-Luc Bloch, der auch der Vereinigung der Bürgermeister von Skiorten (ANMSM) vorsteht, kann sich gar nicht mehr beruhigen: „Wir haben Rückverfolgungslisten geführt. Wir waren besser vorbereitet als alle anderen. Aber wir sind auf ein kategorisches Veto gestoßen, das auf falschen Behauptungen fußt. Man soll mir mal beweisen, dass es gefährlicher ist, mit einem Sessellift zu fahren als mit der Pariser Metro! Wenn nicht schnell alle in großem Umfang entschädigt werden, wird der Wirtschaftszweig, den wir hier in sechzig Jahren aufgebaut haben, zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.“

Als im vergangenen Winter die Skilifte in Österreich und der Schweiz in Betrieb gingen, hofften auch die französischen Betreiber auf eine für sie günstige Entscheidung. Vergeblich. Trotz der Staatshilfen fährt man nun hohe Verluste ein, wie Pascal de Thiersant erklärt, der Präsident der Skiliftgesellschaft Société des Trois-Vallées (Courchevel, Méribel-Mottaret und La Tania): „Mehr als 90 Prozent der Lifte stehen still, die Beschäftigten sind zu Hause und beziehen Kurzarbeitergeld (84 Prozent ihres Nettogehalts). 2019 haben wir 5 Millionen Euro Gewinn gemacht. Diese Jahr werden wir trotz der Hilfe von der Regierung – 32 Millionen Euro, das heißt die Hälfte des durchschnittlichen Jahresumsatzes der letzten drei Jahre – ungefähr 10 Millionen Euro Verlust machen.“

Seit Dezember 2020 ist in den Gebieten Tarentaise und Maurienne, wo es die meisten Bergstationen gibt, die Zahl der Arbeitssuchenden in die Höhe geschnellt. Die Liftbetreiber haben Verantwortung für ihre Beschäftigten übernommen und ihr saisonales Personal angestellt, damit es Kurzarbeitergeld beziehen kann. Das gilt aber nicht für alle Arbeitgeber in den Skiorten der Region. „Ungefähr zwei Drittel der Saisonarbeiter sind auf der Strecke geblieben und bekommen kein Kurzarbeitergeld“, berichtet Antoine Fatiga vom französischen Gewerkschaftsbund CGT. „Das sind 60 000 Arbeitskräfte allein in den Nordalpen. Alle Branchen sind betroffen: Geschäfte, Hotels, Restaurants, Arztpraxen.“

Dabei sind die Kosten für die Arbeitgeber lächerlich im Vergleich zu den Summen, die der Staat bereitstellt. Allerdings kümmert der sich nicht darum, was mit dem Geld geschieht: „Die Verzweiflung ist riesig“, empört sich Antoine Fatiga. „Es ist geradezu unanständig, wie für den Tourismus Milliarden Euro auf den Tisch gelegt werden, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Es wird nur verlangt, dass das Arbeitsamt, bevor es Kurzarbeitergeld bewilligt, auf das Stellenvolumen des vorigen Jahres schaut.“ Die Gewerkschaft befürchtet, dass die Not noch drastisch zunehmen wird, wenn die Reform der Arbeitslosenversicherung demnächst umgesetzt wird.2

Doch nicht alle sitzen im selben Boot. Viele Ski­leh­re­r:in­nen beziehen weiterhin komfortable Einkommen, weil sie die Berechnungsmethode für ihre Entschädigungen selbst wählen können: Berechnung auf der Basis der Umsätze des Vergleichsmonats im Vorjahr oder ausgehend vom Durchschnitt des Jahresumsatzes. Am 1. Februar gab die Pariser Regierung bekannt, schon „4 Milliarden Euro Hilfsgelder für die Unternehmen und die Beschäftigten“ bereitgestellt zu haben. Zudem erklärte sie, Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen in den Bergregionen in besonderer Weise „verstärken und ergänzen“ zu wollen.

Hinter den Kulissen sind schon die einschlägigen Netzwerke aktiv geworden, um das von Ministerpräsident Jean Castex für dieses Frühjahr angekündigte „Investitionsprogramm für den Bergtourismus“ in ihrem Sinne zu beeinflussen. „Wir sollten nicht ändern, was funktioniert“, sagt Jean-Luc Bloch. Der ANMSM-Präsident versichert, die Coronakrise zeige, dass „der Alpinskisport durch nichts zu ersetzen“ sei. „Es gibt schon lange zig andere Wintersportaktivitäten, das ist nicht neu. Die ziehen aber nicht unbedingt die Gäste an.“ Wenn er sich da nicht irrt.

Corrençon-en-Vercors an einem Samstag Ende Januar. Die Ferien haben noch nicht begonnen. Trotz des mittelmäßigen Wetters ist der Parkplatz vor dem Gelände für die nordischen Sportarten Langlauf, Biathlon, Schneeschuhwandern und so weiter bereits um 9 Uhr morgens voll. Schlecht sitzende Skianzüge, tollpatschige Skating-Versuche, Rutschpartien und Gelächter: Die Stimmung unter den vielen Anfängern auf den Loipen erinnert an die fami­liä­re Atmosphäre, die hier noch in den 1980er Jahren herrschte.

Am Biathlon-Schießstand trainiert ein junger Mann. Ein Freund gibt ihm Ratschläge und überprüft die Treffer mit einem Fernglas. Das Treiben des neuen Biathlon-Weltmeisters Émilien Jacquelin und seines Mentors, des fünffachen Olympiasiegers Martin Four­cade, weckt die Neugier der Ama­teur­sport­le­r:in­nen um sie herum. Alle sind überrascht, hautnah die Stars zu erleben, deren telegene Heldentaten dem Alpinskisport 2020 die Show stahlen und auf dem Sportsender L’Équipe 10 der 15 höchsten Einschaltquoten erzielten.

Gedränge am Biathlon-Schießstand

„Diese Saison machen wir einen Jahrhundertumsatz. Das beste Jahr seit der Einführung der Langlaufgebühr 1985“, freut sich Thierry Gamot, der Vorsitzende der Dachorganisation Nordic France, unter der die etwa 200 Langlaufgebiete Frankreichs zusammengeschlossen sind. „Anfang März hatten wir schon ein Umsatzplus von 70 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. In den kleinsten Langlaufgebieten waren es sogar 100 Prozent. Das haben wir den guten Schneeverhältnissen zu Beginn des Winters zu verdanken und der Tatsache, dass viele Abfahrtsskifahrer auf Langlauf umgestiegen sind.“ Aber auch ein neu erwachtes Bedürfnis nach der freien Natur spiele eine Rolle, meint Gamot. „Und natürlich gibt es den Martin-Fourcade-Effekt.“

Die Langlaufgebühr spült im Jahr durchschnittlich etwa 10 Millionen Euro in die Kassen. Das ist gerade mal 1 Prozent der Umsätze, die mit den Liftpässen im Alpinbereich eingenommen werden. „Viele Langlaufgebiete, die in 1000 bis 1200 Meter Höhe liegen, sind massiv von der Klimaerwärmung betroffen“, erzählt Thierry Gamot. „Klar, wenn es Schnee gibt, fährt man Ski, aber der Langlaufbranche ist lange vor den anderen klargeworden, dass wir an die Zukunft denken und uns diversifizieren müssen. Wir müssen von den vielen Winteraktivitäten, die es bereits gibt oder die gerade entstehen, ausgehen und daraus neue Konzepte stricken.“

Am 5. März, als die Winterschulferien in Frankreich endeten, alarmierten die Bürgermeister der ANMSM die Medien: „Die Auslastung während der vierwöchigen Ferienperiode lag für alle Skiorte zusammen bei 33 Prozent, ein Rückgang von 47,8 Prozentpunkten im Vergleich zu 2020.“ Diese Bilanz geht allerdings nur von den gebuchten Betten aus; nimmt man noch weitere Zahlen hinzu, sieht das Ergebnis etwas anders aus.

Zunächst einmal – das zeigen auch die Erhebungen der ANMSM – war in diesem Jahr, anders als sonst, die Situation je nach Höhenlage der Skigebiete sehr unterschiedlich. Die in hohen Lagen in die unberührte Natur gebauten Skiorte scheinen am schwersten von der Schließung der Lifte betroffen zu sein (58 Prozent weniger Auslastung). Glimpflicher davon kamen die weniger hoch gelegenen Orte. Beherbergungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Fe­rien­häuser waren sogar genauso nachgefragt wie in den vorangegangenen Jahren, obwohl die Restaurants geschlossen waren und die ausländischen Gäste fehlten.

In allen mittleren Höhenlagen – in den Pyrenäen ebenso wie in den Vogesen – tummelten sich die Leute ab Dezember jedes Wochenende in Massen auf den Pisten. Vor allem Skigebiete in der Nähe großer Städte wie Grenoble, Chambéry oder Annecy hatten so viele Tagesbesucher wie selten zuvor. Besonders beliebt waren aber Skiorte, in denen die Lifte wegen ausbleibendem Schnee schon seit Jahren nicht mehr fahren und die mittlerweile viele alternative Freizeitaktivitäten anbieten. Der Andrang war teilweise so groß, dass die Gendarmerie den Verkehr lenken und den Zutritt zu überfüllten Gebieten einschränken musste. Ein Lockdown-­Effekt? Oder Folge der Liftschließungen?

Auch im Sommer waren die Berge bereits ein begehrtes Reiseziel. Seitdem hat die Hinwendung zur Natur nicht mehr nachgelassen. Im Winter begeisterte sich Groß und Klein für alles Mögliche, was man an der frischen Luft im Schnee machen kann, sei es Wandern, Rodeln oder Schneemannbauen. Auch die Klientel hat sich verändert: So kamen in diesem Winter viele junge Leute und Familien aus einfacheren so­zia­len Verhältnissen. Käsegeschäfte und Bäcker erzielten Rekorde beim Verkauf von Proviant, und die Verleiher von Winterausrüstung erlebten einen wahren Kundenansturm.

„Unsere Firma gibt es seit vierzig Jahren, aber so etwas haben wir noch nicht erlebt“, erzählt Jean-Marie ­Lathuile, der bei TSL, dem größten europäischen Hersteller von Schneeschuhen, für das Marketing zuständig ist. Die Fabriken in Rumilly und Alex in der Haute-Savoie mussten in drei Schichten arbeiten, um der rasant gestiegenen Nachfrage nachzukommen. Das französische Unternehmen verkaufte in diesem Winter 200 000 Paar Schneeschuhe (ein Drittel des weltweiten Absatzes), das waren 50 000 mehr als im Jahr zuvor. Während die Alpin­ski­firmen – deren Produktion zum großen Teil ins Ausland verlagert ist – leer ausgingen, verzeichneten die anderen Outdoor-Ausrüster unverhofft ein deutliches Plus, vor allem in den Bereichen Laufen, Radfahren und Tourenskiwandern.

Die massenhafte Zunahme bestimmter Freizeitaktivitäten wirkt sich allerdings auch auf die Umwelt aus. Wie nun viel deutlicher sichtbar wurde, mangelt es an öffentlichen Transportmitteln in die Berge und an Strukturen, um die Besucher an ein umweltbewusstes Verhalten in der freien Natur nicht nur heranzuführen, sondern auch zu kontrollieren. Manche vertreten sogar die Ansicht, es sei doch ein Vorteil, dass sich in den Skiorten die Umweltschäden nur auf einige Zonen konzentrieren würden.

„Das ist ein großes Live-Experiment, das sämtliche Beteiligten dazu zwingt, gewohnte Praktiken zu überdenken“, glaubt Philippe Bourdeau, Professor für Stadtplanung und alpine Geografie an der Universität Grenoble-Alpes. „Dadurch, dass die zentrale Säule – die Skilifte – wegfällt, beobachten wir eine Innovation durch Rückgang und schauen uns an, was passiert: Entmarktlichung, stärkere soziale Durchmischung.“ Jetzt, da der Abfahrtsski, der alles dominiert habe, nicht mehr möglich sei, nähmen andere Aktivitäten seinen Platz ein. „Sie werden das Skifahren niemals vollständig ersetzen, aber die Bergregionen müssen sich vielfältigeren Modellen zuwenden, angepasst an die lokalen Gegebenheiten.“

„Ich glaube, wir stehen am Beginn von wichtigen Veränderungen“, sagt Frédi Meignan, der früher eine Berghütte im Écrins-Massiv bewirtschaftet hat und heute einen Gasthof in Belledonne besitzt. Er ist auch Vorsitzender der Bergschutzorganisation Mountain Wilderness France. Für Meignan ist die Coronakrise nur eine unter vielen, mit der aber etwas Neues beginnt: die Wiederaneignung der Bergregionen durch ihre Bewohner. „Eine Interessengruppe hat die Berge in eine Flächennutzungsindus­trie verwandelt, in der nur der Umsatz zählt“, sagt Meignan. „Viele Leute haben zwar nicht furchtbar darunter gelitten, aber es gab für sie auch keine Alternative.“ Zwar sitze immer noch dieselbe Lobbygruppe an den Schalthebeln, vor allem in der Regional- und Landespolitik. „Aber es bewegt sich was, und das überall.“

Der Skiurlaub gehört heute mehr denn je zu den Reisen für Privilegierte. „Die Preise sind für die meisten Haushalte unerschwinglich“, stellt die unabhängige Beobachtungsstelle für Ungleichheiten (Observatoire des inégalités) fest.3 Gerade mal 17 Prozent der Französinnen und Franzosen fahren mindestens einmal alle zwei Jahre in den Winterurlaub, der als „teuer“ und „organisatorisch kompliziert“ gilt.4

Und immer weniger fahren Ski: Höchstens 8 Prozent der Franzosen tun es jedes Jahr, und sie werden immer älter. Für die Jungen ist Skifahren viel weniger attraktiv. Fragt man die 15- bis 25-Jährigen, was ein Grund für sie wäre, in die Berge zu fahren, antworteten 48 Prozent: „die Landschaft“, und nur 16 Prozent: „Skifahren lernen“.5

Als Reaktion auf die seit den 1980er Jahren stagnierenden Zahlen im Alpin­ski setzten die französischen Skiorte auf eine „Upselling“-Strategie.6 Immer kostspieligere Angebote führten zu einem starken Wachstum und erreichten ein Publikum, das von immer weiter her anreiste. In Skiorten wie Val Thorens oder Val d’Isère kamen zuletzt 70 Prozent der Gäste aus dem Ausland.

Die Menschen aus der näheren Umgebung können diese Angebote meist nicht wahrnehmen, wie der Gewerkschafter Pierre Scholl berichtet, der in Cour­chevel arbeitet und in der Mau­rienne wohnt, weil dort die Mieten erschwinglicher sind. „Ich habe früher im Département Seine-Saint-Denis gewohnt und bin vor zwanzig Jahren wegen der Lebensqualität in die Savoie gezogen. Doch leider sind meine Kinder wegen meiner Arbeitszeiten und meines Einkommens noch nie Ski gefahren.“

Millionenförderung für Kunstschnee

Auf dem Umschlag des Klassikers „­Alpes et neige. 101 sommet à ski“ (Alpen und Schnee. 101 Skigipfel) von 19657 sieht der majestätische, fast bis zur Spitze mit Schnee bedeckte Grand Pic de la Lauzière aus, als könne man ihn gut mit Skiern befahren. Mehrere Gruppen von Skibergsteigern haben sich auf den Weg zum Gipfel gemacht. Doch um diesen zu erreichen, müssen sie mittlerweile Seile, Eispickel und Steigeisen mitnehmen. Denn heute ragen an den höchsten Hängen auf der Nordseite überall Felsblöcke hervor, und die Flanke ist viel steiler als früher. Innerhalb von fünfzig Jahren hat die Schmelze des Gletschers von Celliers diesen Teil des Bergs stark verändert.

Auch auf der Südseite hat der Grand Pic sein Aussehen verändert. Dort hat der Schnee sein jungfräuliches Weiß verloren und einen Ockerton angenommen. Bereits zweimal haben die Winde große Mengen Sand aus der Sahara hierhergeweht; anschließend verteilte er sich über die ganzen Alpen und wurde bis nach Skandinavien getragen.

Die Erderhitzung sorgt in den Bergregionen für einen besonders starken Temperaturanstieg, vor allem im Winter. Seit 2014 hat sich dieser Prozess noch beschleunigt. Der Winter 2019/20 war in den Nordalpen 3,3 Grad wärmer als der Durchschnittswinter im Zeitraum von 1961 bis 1990.8 Die Schneemenge ist um 24 Prozent gesunken. In den gesamten französischen Alpen ist die Temperatur seit 1900 um 2,25 Grad gestiegen.

„Das lässt sich mit Kunstschnee alles ausgleichen. Und er ist ökologisch: Wasser und Luft, das ist alles.“ Bürgermeister Jean-Luc Bloch steht aufrecht in seinen Skistiefeln. Der Traum aus Schneekanonen und künstlichen ­Seen, die die Berge noch ein bisschen mehr in einen Vergnügungspark verwandeln, wurde Bloch großzügig finanziert – vom Regionalrat der Region Auvergne-­Rhône-­Alpes unter dem Vorsitz von Laurent Wauquiez.

Seit den Regionalwahlen von 2015 sind 47,5 Millionen Euro regionale Fördermittel in die Kunstschnee-Infra­struktur geflossen. Und warum hat man für eine Diversifizierung des Tourismus nur 3,8 Millionen ausgegeben? „Jetzt werde ich aber etwas ungehalten“, erwidert Gilles Chabert. „Ich glaube, dass einige Orte ohne den Skisport überhaupt keine Zukunft hätten. Es gab hier nie Leben, kein Dorf, nichts. Wenn in einem Katastrophenszenario die Temperaturen auch die Produktion von Kunstschnee unmöglich machen, wird das, denke ich, ihr Ende be­deuten.“

Die Regionalrätin Corinne Morel Dar­leux vom Umweltverein Ras­sem­ble­ment des citoyens, écologistes et so­li­daires sieht das etwas anders: „Die aktuelle Situation zeigt doch, dass wir auf Krisen nicht vorbereitet sind, ob das nun die Gesundheit oder das Klima betrifft.“

Es sei doch unübersehbar, dass die Konzentration auf einen Wirtschaftszweig die Region anfällig mache, stellt sie fest: „Wir haben es hier mit einer sehr kapitalintensiven Industrie zu tun, die hohe Investitionen erfordert, die wiederum nur durch hohe Preise und Subventionen möglich sind.“ Die staatlichen Zuschüsse für den Skitourismus seien zudem nicht an soziale oder ökologische Kriterien geknüpft. „Das heißt, dass die Fördermittel dazu dienen, ein Modell zu stützen, von dem man eindeutig weiß, dass es die Umwelt zerstört und langfristig nicht lebensfähig ist.“

Der Kunstschnee wird niemals den natürlichen Schnee ersetzen können. Er kann allenfalls – vorausgesetzt, man hat den Wasser- und Energieverbrauch unter Kontrolle – eine Ergänzung in einer Übergangsphase sein, solange es noch keine anderen Konzepte gibt. In seinem Jahresbericht 2018 schlug auch der französische Rechnungshof Alarm: „Was Beschneiungsanlagen oder Speicherseen für deren Betrieb angeht, so sind damit beträchtliche Investitionen verbunden, die die Gemeinden langfristig binden, während die Unwägbarkeiten aufgrund des Klimawandels zunehmen.“9

Auch die auf Ferienwohnungen spezialisierte Immobilienwirtschaft versucht die Flucht nach vorn und schafft immer mehr neue Betten, die aber die meiste Zeit „kalt“ bleiben und nur für ein paar Nächte im Jahr belegt sind. „Wir befinden uns quasi in der Phase, in der der Rettungsdienst alles unternimmt, um den Tod des Patienten zu verhindern“, beschreibt der für den ländlichen Raum zuständige Staatssekretär Joël Giraud die Situation.

Giraud ist für die Konsultationen über das zukünftige Investitionsprogramm der Regierung zuständig. „Es ist paradox, aber es besteht die Gefahr, dass die staatliche Förderung das bestehende System reproduziert. Der Ministerpräsident hat es jedoch klar und deutlich gesagt: Das Programm für die Bergregionen muss mit den Zielen des ökologischen Wandels in Einklang stehen.“ Mit den Konsultationen versuche man etwas zur Entwicklung von nachhaltigeren Modellen beizutragen und gleichzeitig zu überlegen, wie sich der Zugang zu den Bergen demokratisieren lasse. „Das ist eine Arbeit, die einen langen Atem erfordert.“

„Die Fokussierung auf Investitionen beeinflusst die politischen Entscheidungen überall, aber besonders stark in den Bergregionen“, warnt der Geograf Philippe Bourdeau. „Da ist eine Art extraktivistische Logik am Werk, das wird deutlich an der Hartnäckigkeit, mit der man an der Ressource Schnee festhält, obwohl er immer knapper wird.“ Das aktuelle System des Wintersports hänge seit den 1960er Jahren am Tropf des Staats, meint Bourdeau. Letztlich seien es die Steuerzahler, die die Lifte, die Parkplätze und die Zufahrtsstraßen finanzieren. „Vor zwanzig Jahren ging es darum, von der einseitigen Ausrichtung auf den Skisport wegzukommen, vor zehn Jahren darum, nicht mehr nur vom Schnee abhängig zu sein. Heute müssen wir die alleinige Kon­zen­tra­tion auf den Tourismus aufgeben.“

Aber lässt sich das Modell überhaupt mit jenen Leuten verändern, die es errichtet haben? Der Rechnungshof hat in seinem Jahresbericht 2018 die Schwäche der demokratischen Instanzen „gegenüber nationalen und internationalen Marktteilnehmern“ bemängelt. Er stellte fest, dass seine bisherigen Empfehlungen „offenkundig“ nicht gehört wurden, „vor allem jene, die für die Skiorte nahelegten, Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung zu prio­ri­sieren“.10

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Syndicat Interprofessionnel de la Mon­tagne (SIM) Yannick Vallençant ergänzt: „Das Haupthindernis ist die Gewohnheit, in weitgehend geschlossenen Kreisen zu agieren. Unabhängig davon, ob die politischen Entscheidungsträger gewillt sind, dem Gemeinwohl zu dienen oder nicht – sie sind nicht richtig informiert, weil sie nur mit dieser Alpinski-Lobby und deren Vasallen reden.“

Im Winter 1933 unternahm Léon Zwingelstein allein und ohne fremde Hilfe die erste Alpenüberquerung auf Skiern, von Nizza bis Tirol.11 Er zeigte, wie diese Art der Fortbewegung einzigartige Erlebnisse verschaffen kann. Dort, wo damals der „Landstreicher der Berge“ durch die Wildnis zog, stößt man heute auf Straßen, Pisten, Drahtseile, auf riesige Betonburgen, die nur wenige Wochen im Jahr bewohnt sind. Die Umweltschuld des alpinen Wintersports wächst Jahr für Jahr, zugunsten einer kleinen Gruppe, die gut daran verdient, und unter dem Vorwand, Arbeitsplätze zu schaffen, die allerdings in den meisten Fällen wenig qualifiziert und prekär sind.

In der Coronakrise wurde deutlich, dass andere Wege möglich sind. Es ist höchste Zeit, den Alpinski-Tourismus zurückzufahren, stärker zu kontrollieren und den Menschen die Ambivalenz dieses Geschäfts bewusst zu machen. Die Macht der Öffentlichkeit kann eine historische Rolle spielen und dafür sorgen, dass die massiven Fördermittel mehr dazu verwendet werden, die Bergwelt am Leben zu erhalten, statt sie zum Verkauf freizugeben.

1 „L’accidentologie des sports d’hiver, saison 2019–2020“, Médecins de montagne.

2 Durch die umstrittene Reform, die ab Juli 2021 in Kraft treten soll, werden neue Arbeitssuchende durchschnittlich 17 Prozent weniger Leistungen erhalten. Siehe Raphaëlle Besse Desmoulières und Bertrand Bissuel, „Avec la réforme de l’assurance-chômage, l’allo­cation de 1,15 million de demandeurs d’emploi pour­rait baisser la première année“, Le Monde, 25. März 2021.

3 „Les sports d’hiver, une pratique de privilégiés“, Observatoire des inégalités, 10. Februar 2020.

4 Sandra Hoibian, „Un désir de renouveau des vacances d’hiver“, Centre de recherche pour l’étude et l’observation des conditions de vie, Juli 2010.

5 „Demain, tous dehors? Les 15–25 ans et l’outdoor: ­usages et prospective“, Agence Pop Rock, 15. Oktober 2018.

6 Siehe Philippe Descamps, „La montagne victime des sports d’hiver“, LMd (Paris), Februar 2008.

7 Philippe und Claude Traynard, „Alpes et neige. 101 sommets à ski“, Grenoble (Arthaud) 1965.

8 Observatoire du changement climatique dans les ­Alpes du Nord 2020, Verarbeitung der Daten von Météo-France durch die Agentur Agence alpine des territoires (Agate), Chambéry, Januar 2021.

9 Öffentlicher Jahresbericht 2018, Französischer Rechnungshof, Paris, Februar 2018.

10 Siehe Anmerkung 9.

11 Jacques Dieterlen, „Léon Zwingelstein, le chemi­neau de la montagne“, Grenoble (Arthaud) 1996 (1. Aufl. 1938).

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Le Monde diplomatique vom 08.04.2021, von Philippe Descamps