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Russische Sommerfrische

Russische Sommerfrische

Eine kleine Geschichte der Datscha seit Peter dem Großen

von Christophe Trontin

Landeanflug auf den Flughafen Moskau-Scheremetjewo: dichte Wälder, Hochhausviertel, Felder, Villengegenden – und dazwischen immer wieder Kleingartensiedlungen. Je tiefer das Flugzeug sinkt, desto deutlicher sieht man das Ausmaß der Vernachlässigung: viele verwilderte Gärten, von Bäumen überwucherte Dächer, verlassene Baustellen. So eine Parzelle, Standardgröße 600 Qua­drat­meter, auf Waldlichtungen oder an Feld­rainen und mit einem Häuschen bebaut, heißt in Russland Datscha.

Und die Datscha steckt in der Krise. Etwa 35 Prozent der Gartengrundstücke in der Region Moskau liegen brach, schätzt Immobilienmakler Dimitri Taganow. Nach einer vom Allrussischen Meinungsforschungszentrum ­(WZIOM) 2013 veröffentlichten Studie halten sich nur etwa zwei Drittel von den 38 Prozent der Bevölkerung, die einen solchen Zweitwohnsitz besitzen, regelmäßig auf ihrer Datscha auf.

Seit 2008 stagniert das russische Durchschnittseinkommen. Grundsteuer, Fahrtkosten, Wasser und Strom machen das früher fast kostenlose Landhaus inzwischen zum Luxus: Der Unterhalt der kleinsten Datschas kostet mindestens 30 000 Rubel im Jahr (etwa 415 Euro) – für ärmere Haushalte eine starke Belastung.

Im „Land der immergrünen Tomaten“, wie die Russen sagen, rentiert sich die Datscha auch durch den Selbstanbau von Gemüse nur selten. Hinzu kommen unumgängliche Reparaturen. Immer mehr Eigentümer bieten ihre Sommerresidenz zum Verkauf an. „Die Datscha ist ein Koffer ohne Griff“, sagt man. „Es bricht einem das Herz, sie zu verlassen, aber man hat nicht mehr die Kraft, sie zu tragen.“

Die Immobilienmaklerin Irina Dobrokotowa von der Agentur Best sagt, dass „das Angebot die Nachfrage weit übersteigt“. Bei hochwertigen Datschas sei die Zahl der Käufe in den letzten zehn Jahren um 60 Prozent gesunken, bei Parzellen der einfachsten Katego­rien um 25 Prozent. Von 33 000 Immobilien, die in der näheren Umgebung von Moskau zum Verkauf stehen, seien 80 Prozent verfallen oder überbewertet, weitere 15 Prozent haben größere Mängel. Nur etwa 5 Prozent können darauf hoffen, einen Abnehmer zu finden.

Niemand weiß genau, wie viele Feriengrundstücke es in Russland gibt. Ludmilla Buriakowa, Präsidentin des Russischen Gärtnervereins, spricht von ungefähr 16 Millionen Privatgärten.1 Zählt man die älteren Datschas und Landhäuser, die in den 1990er Jahren ohne Genehmigung gebaut wurden, dazu, liegt die Zahl eher bei 32 bis 35 Millionen. Manche Experten schätzen, dass etwa 15 Millionen Häuser nicht im Grundbuch eingetragen sind, ein großer Teil davon wurde verlassen oder niemals zu Ende gebaut.

Ein neues, am 1. Januar 2019 in Kraft getretenes Gesetz will etwas Ordnung in diese friedliche Anarchie bringen. Verlassene Parzellen können nun ins Grundbuch eingetragen, beschlagnahmt und wieder auf dem Markt angeboten werden, angrenzende Eigentümer, die ihr Grundstück vergrößern möchten, erhalten ein Vorkaufsrecht. Informellen Abmachungen und Bargeldflüssen zwischen Nachbarn will das Gesetz einen Riegel vorschieben: Jeder Grundstücksbesitzer muss ein Bankkonto eröffnen und für sämtliche Transaktionen Belege vorlegen können.

Kaum war das Gesetz erlassen, hagelte es Kritik von allen Seiten. Zunächst einmal, weil die übliche Bezeichnung „Datscha“ im Gesetzestext durch „Garten“ oder auch „Gemüsegarten“ ersetzt wurde. Das Wort Datscha ist aufgeladen mit Bedeutung und Emotionen. Etymologisch leitet es sich von der Wurzel „dat“ (Gabe beziehungsweise Geschenk) ab. Die Geschichte der Datscha beginnt im 18. Jahrhundert, als Zar Peter der Große (1672–1725) an treue Diener des Staats Grundstücke vergab, die am Rande großer Städte oder in neu eroberten Provinzen lagen.

Als Sommerfrische für Städter etablierte sich die Datscha in den 1860er Jahren. Die Abschaffung der Leibeigenschaft hatte zum Niedergang der Landbesitzer geführt, die ihren Grund nun verkaufen oder aufteilen mussten. Anfang des 20. Jahrhunderts inspirierte das Leben auf der Datscha viele russische Theater- und Romanautoren: 1904, am Vorabend der Revolution, schrieb Maxim Gorki das bis heute gespielte Stück „Sommergäste“ – legendär ist etwa Peter Steins Inszenierung von 1974; und viele Erzählungen von Anton Tschechow oder Romane von Dostojewski spielen auf der Datscha.

Die Oktoberrevolution machte Schluss mit dem alten Regime, mit der Kirche, dem Eigentum an Produk­tions­mitteln und der Abhängigkeit der Bauern, nicht aber mit der Datscha. Ab Mitte der 1920er Jahre bekamen hohe Funktionäre und von der Kommunistischen Partei geschätzte Künstler und Wissenschaftlerinnen nach guter zaristischer Tradition „Dienstdatschas“ zugewiesen, die man ihren vorherigen Besitzern weggenommen hatte.

Der Schriftstellerverband, Forschungsinstitute und Theater gründeten Gartengenossenschaften zur Erholung ihrer Belegschaft. Datschas waren Lohn und Dank für treue Genossen; die Datscha zu verlieren galt als erstes Zeichen von Ungnade. Dass den „Rettern des Vaterlands“ – hohen Militärs, Atomphysikern, Leitern von Kombinaten und natürlich Parteikadern – diese Vergünstigung gewährt wurde, war unter Stalin ideologisch kein Problem: Datschas galten ja nicht als Privateigentum, sondern als Dienstwohnung.

Erst nach Stalins Tod 1953 stießen sich Parteifunktionäre am feudalistischen Charakter des Datschawesens, das dem egalitären Ideal des Sozialismus widersprach, und wollten ihm ein Ende bereiten. Im Zuge der forcierten Industrialisierung nahm der Exodus aus den ländlichen Gebieten ständig zu. Die Bevölkerungszahlen in den Städten und Industriezentren explodierten, die Wohnungsnot war dramatisch. Die offizielle Norm von sechs Quadratmetern Wohnraum pro Person existierte nur auf dem Papier. Überdies hatte die massive Urbarmachung neuer Anbauflächen katastrophale Ergebnisse gebracht. Es mangelte nach wie vor an Obst, Gemüse, Fleisch und Milch.

Die Datscha ist ein Koffer ohne Griff

Da bot sich die Datscha als kollektive Lösung an: Große Betriebe beantragten die Erlaubnis, ihrer Belegschaft Parzellen für Gartenarbeit und Sommerfrische anzubieten. Die Behörden entwickelten genormte Sommerhäuschen von 25 Quadratmetern plus Veranda. Der Einbau von Heizungen blieb allerdings verboten, weil man befürchtete, diese Quasi-Eigenheime könnten das ganze Jahr bewohnt werden und zu einer „Besitzermentalität“ des Proletariats führen. Die Gartenarbeit wurde offiziell gefördert, um den Mangel an Lebensmitteln zu lindern und den Sommerurlaubern eine gesunde körperliche Tätigkeit nahezulegen. Per Dekret wurde die Anbaufläche pro Haushalt auf 600 Quadratmeter festgelegt. Genehmigt wurden nach und nach auch Obergeschosse, dann Dachböden, schließlich Mansarden. So „demokratisierte“ Generalsekretär Nikita Chruschtschow (1953–1964) die Datscha unter Berücksichtigung der so­zia­lis­tischen Prinzipien.

Jeder soziale Fortschritt, jede Modernisierung hat das Datschawesen auf die eine oder andere Art vorangebracht.2 Mit dem Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs in den 1950er und 1960er Jahren wurde das Umland leichter erreichbar. Und nachdem 1967 die Fünftagewoche eingeführt worden war, konnten die Werktätigen mehr Zeit auf der Datscha verbringen. Ab den 1970er Jahren erleichterte dann die zunehmende Verbreitung von Privat­autos den Transport von Baumaterial zum Ausbau der Datschas.

„Sogar die sowjetischen Feiertage scheinen sich dem Rhythmus der Datscha zu beugen“, scherzt der Statistiker Michail Larionow. „Am 22. April (Lenins Geburtstag) ist der Frost vorbei. Man fährt zur Datscha, um zu putzen, zu lüften und die Gartengeräte zu sortieren. Die Brückentage um den 1. Mai kommen gerade richtig zum Umgraben und zur Vorbereitung der Beete; die um den 9. Mai (Sieg über den Faschismus) sind ideal, um Kartoffeln zu pflanzen und Radieschen, Tomaten, Gurken und Salat zu säen. Während der kurze Sommer naht, begleitet man jedes Wochenende das Wachstum der Pflanzen, bis man während der Ferien frisches Obst und Gemüse ernten kann. Der 7. November (Oktoberrevolution) beschließt dann die Saison. Alle bringen die Konserven, die sie in der Datscha eingekocht haben, nun in die Stadt.“

Jede Ideologie muss sich irgendwann den Anforderungen des Alltags beugen. Unter dem Generalsekretär Leonid Breschnew (1964–1982) begann das, was die Russen bis heute, oft mit einer gewissen Nostalgie, „Periode der Stagnation“ nennen. Das Privateigentum blieb zwar theoretisch verboten, aber die Häuschen, die die Werktätigen in ihrer Freizeit selbst gebaut hatten, gehörten längst nicht mehr dem Kollektiv. Auf ihrem Stück Land, das formal Staatseigentum blieb, dessen Nutzung jedoch vererbt werden konnte, züchteten sie für den Eigenbedarf und manchmal auch darüber hinaus Obst und Gemüse. Und in den umliegenden Wäldern sammelten sie Beeren und Pilze.

Das war das goldene Zeitalter der Datscha, dem viele Russen heute nachtrauern. Die sozialistische Gesellschaft war im Niedergang, der eigene Garten ersetzte das kollektive Projekt. Der Erfindungsreichtum beim Ausbau dieser proletarischen Eigenheime kannte keine Grenzen. Auf die nach Vorgaben des Planungsministeriums standardisierten Hütten wurde gepfiffen. Der eine besorgte sich Bretter, der andere Ziegelsteine, ein Dritter schaffte es irgendwie, einen U-Bahn-Waggon auf sein Grundstück bringen zu lassen. Wehrpflichtige mussten die sogenannten Generalsdatschas bauen, die den Besitzern dann als teure Tauschobjekte dienten.

Es war die Blütezeit von Unterschlagung und Betrug. Korruption und Schwarzmarkt nahmen die verrücktesten Formen an, Wodka funktionierte als Parallelwährung. Mancher nutzte seine beruflichen Kenntnisse, um ein drittes Stockwerk hochzuziehen, andere bauten Treibhäuser und lebten fortan vom Gemüseanbau, wieder andere züchteten Brieftauben. Und noch andere schrieben in ihren Datschas Romane oder versanken im Alkohol, manchmal auch beides. Für zwei Generationen russischer Männer sei die Datscha ein Ort der Selbstverwirklichung gewesen.3

Am Ende galt die Datscha jedenfalls als historische Errungenschaft des sowjetischen Sozialismus – wie die allgemeine kostenlose Schulbildung und die Eroberung des Weltraums. Die Datscha als sozialistisches Erbe hielt auch dem Wahnsinn der Post-Perestroika-Jahre stand. Während sich die materiellen und moralischen Werte in den Trümmern der Sowjetunion aufzulösen schienen, wurde die Datscha wieder einmal zur Zuflucht. Mit ihr entwickelte sich eine primitive Form der Parallelökonomie, auch der Tauschhandel mit Lebensmitteln gewann wieder an Bedeutung. Der Heimwerker wurde Maurer oder Dachdecker, die Babuschka verkaufte ihr Eingewecktes vor dem Bahnhof – und die „neuen Russen“ engagierten Datschabewohner als Personal für ihre luxuriösen Landsitze.

Bis heute sind Fernsehserien über Datschas außerordentlich beliebt: „Datschniki“(2017) zeigt typische Familien aus der Stadt, die für einen Sommer Datschanachbarn werden. Verschiedene soziale Schichten, Generationen, Weltanschauungen und Freizeitbeschäftigungen prallen da aufeinander und werden mit allen Klischees über die russische Gesellschaft pseudodokumentarisch inszeniert.

In der wöchentlichen Realityshow „Datschny otvet“ („Die Antwort der Datscha“) wird seit 2008 ausgewählten Datschniki die Rundumerneuerung ihres Häuschens angeboten. Zuerst zählt der Moderator alle Mängel auf: „dunkel“, „schlecht ausgestattet“, „altmodisch“. Dann tritt der Designer auf. Mit neuen Lichtquellen, Räumen für Meditation und freigelegten Balken verwandelt er die Bruchbude in ein Musterhaus des postmodernen Eklektizismus. Am Ende kommt die Familie und freut sich über die gelungene Umgestaltung.

Wird die Datscha, die alle Wechselfälle des sowjetischen Sozialismus mitgemacht hat, auch im russischen Kapitalismus überleben? „Sie ist ein Indikator für die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung. Während um Moskau herum ein Großteil der Parzellen mit Rasen und Blumenrabatten bepflanzt sind, wachsen in der benachbarten Oblast Wladimir auf der Hälfte der Flächen vor allem Kartoffeln, Gemüse und mehrjährige Gewächse“, stellt der Ethnologe Michail Alexejewski in seiner Studie über „Ernährung und Datscha“ fest. Ob Luxusresidenz mit Sauna und Pool oder Bruchbude aus Holz im Schatten von ein paar Obstbäumen: Das Wort Datscha bezeichnet sehr unterschiedliche Realitäten.

1 „Big datcha. Eine halbe Milliarde Rubel will man bei den Datschabesitzern kassieren“, Kommersant, Moskau, 22. August 2016.

2 Vgl. Marina Rumjanzewa, „Auf der Datscha. Eine kleine Kulturgeschichte und ein Lesebuch“, Zürich (Dörlemann) 2009.

3 Stephen Lovell, „Summerfolk. A History of the Dacha, 1710–2000“, Ithaca-London (Cornell University Press), 2003.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Christophe Trontin ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 08.08.2019, Christophe Trontin