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Der geschäftstüchtige Mister W.

Der geschäftstüchtige Mister W.

von Serge Halimi

Als der US-Sender CBS am 3. Februar dieses Jahres den Superbowl übertrug, kostete ein 30-Sekunden-Werbespot 5,2 Millionen US-Dollar. Die Washington Post hatte sich eine Minute Sendezeit gesichert und engagierte Tom Hanks, um die folgende Botschaft zu verkünden: „Wenn wir in den Krieg ziehen; wenn wir für unsere Rechte kämpfen; wenn wir unsere höchsten Ziele erreichen; wenn wir um unsere Gefallenen trauern und beten; wenn unsere Nachbarn in Gefahr sind; wenn unser Land bedroht wird; gibt es jemanden, der die Fakten sammelt und dich informiert; egal zu welchem Preis; denn Wissen macht uns stark; Wissen hilft uns, Entscheidungen zu treffen; Wissen bewahrt unsere Freiheit.“ Am Ende des Spots wird das jüngste Motto der Washington Post eingeblendet „Democracy Dies in Darkness“.

Werbung muss ja nicht unbedingt die Wahrheit sagen ... Tatsächlich waren es die echten Whistleblower – Chelsea Manning, Edward Snowden und Julian Assange –, die uns in den letzten Jahren „informiert haben, egal zu welchem Preis“ – und dafür sehr viel häufiger von US-Gerichten verfolgt wurden als die in Geld schwimmenden Kunden der CBS-Werbeabteilung. Um die Glaubwürdigkeit der Washington Post scheint es schlecht bestellt. Das Blatt, das 1972 dem legendären Reporterduo Carl Bernstein und Bob Woodward die Mittel zur Verfügung stellte, die Watergate-Affäre aufzudecken und damit US-Präsident Nixon zum Rücktritt zu zwingen, hält heutzutage also PR-Kampagnen à la Monsanto für nötig.

Aber wir verstehen, warum. Ungefähr zu der Zeit, als sich seine Zeitung einen Platz beim Superbowl sicherte, veröffentlichte Woodward ein neues Buch mit dem Titel „Fear“ („Furcht“) über die ersten Monate der Trump-­Prä­si­dent­schaft.1 Diesmal ging er kein Risiko ein, denn die Kritik an Donald Trump, seinen Wahnvorstellungen und Lügen, ist zu einer regelrechten Indus­trie angewachsen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: In nur wenigen Wochen verkaufte sich das Buch in den USA mehr als zwei Millionen Mal.

Der steinreiche Woodward weiß, wie man Geld verdient. Ein Journalist, der es ernst meint mit dem Berufsethos, würde sich für Vorträge, die er bei Unternehmen wie Citibank oder dem Tiefkühlriesen American Frozen Food Institute hält, wohl kaum 50 000 bis 100 000 Dollar zahlen lassen.2 Ebenso hätte ein gewissenhafter Reporter gezögert, sich erst von einer Versicherungsgesellschaft, dann von der Pharmalobby einspannen zu lassen und zwischenzeitlich die Regierung aufzufordern, diese Sektoren weniger zu regulieren, damit „die Marktkräfte“ ihre „wertvolle Arbeit“ tun können. Und er hätte wohl auch kaum vorgeschlagen, die öffentlichen Mittel zur Übernahme der Gesundheitskosten von älteren Menschen zu reduzieren, um den „Rea­li­tä­ten des 21. Jahrhunderts“ zu entsprechen.3

Der Held von Watergate machte geltend, dass er mit diesen zweifelhaften Einkünften seine eigene Stiftung unterstützt. Seine Großzügigkeit kam vornehmlich aber einer Adresse zugute: der privaten Eliteschule in Washington, die auch von seinen Kindern besucht wurde.

Noch immer im Bann der journalistischen Ikone porträtiert die französische Tageszeitung Libération Woodward anlässlich des Erscheinens seines neuen Buchs mit folgenden Worten: „Mit seinen 75 Jahren, zwei Pulitzer-Preisen und 18 Büchern, darunter 12 Bestsellern, genießt Bob Woodward einen tadellosen Ruf. Selbst jene, die in der Vergangenheit zum Ziel seiner unerbittlichen Nachforschungen wurden, erkennen sein großes berufliches Ethos an.“4

Als „unerbittlich“ zeigt sich Wood­ward jedoch nicht gegen jeden. In „Fear“ schreibt er über seinen Arbeitgeber – und ganz nebenbei reichsten Mann der Welt: „Alle jene, die noch immer bei der Post arbeiten oder mit ihr zu tun haben, haben allen Grund, dankbar zu sein, dass Jeff Bezos, der Gründer und Chef von Amazon, Besitzer der Post ist. Er hat Zeit und viel Geld investiert, um der Zeitung die zusätzlichen journalistischen und redaktionellen Ressourcen zu verschaffen, tiefschürfende Untersuchungen vornehmen zu können.“ Das betrifft wohl auch die „tiefschürfende“ Recherchearbeit, die Woodward selbst den ersten Monaten der Präsidentschaft von Donald Trump widmete, der Bezos offenkundig als Feind betrachtet.

Seit 30 Jahren verfährt Woodward nach demselben Rezept: Er wählt eine besonders beliebte oder unbeliebte Persönlichkeit aus (beides garantiert einen Bestseller); belohnt seine Informanten mit der Rolle des Guten, während er mit den weniger Kooperationswilligen abrechnet. Sie alle sprechen mit Woodward wie mit einem Staatsanwalt und sind umso redseliger, weil sie nicht wissen, was die anderen Zeugen ausgesagt haben.

Gary Cohn und Rob Porter haben sich offensichtlich gesprächig gezeigt, denn Woodward stellt sie in „Fear“ als Helden dar. Ersterer ist aus der Chef­eta­ge von Goldman Sachs in den Beraterstab Trumps gewechselt, wo er als Verfechter des Freihandels (wie Woodward) gegen die protektionistischen Impulse seines Chefs kämpft. Die erste Szene des Buchs schildert, wie Cohn ein Schriftstück aus dem Oval Office entwendet; hätte Trump es unterzeichnet, wäre ein Freihandelsabkommen mit Südkorea aufgekündigt worden, angeblich mit katastrophalen Folgen für die nationale Sicherheit. Woodward lacht sich ins Fäustchen ob dieses „administrativen Staatsstreichs“.

Später drohte Gary Cohn mit Rücktritt, um gegen Trumps verharmlosende Reaktion auf die rassistischen und antisemitischen Unruhen in Char­lottes­ville zu protestieren. Als sein Chef jedoch an seinen „Patriotismus“ appellierte, sah er vorübergehend davon ab, um stattdessen ihr gemeinsames Projekt unter Dach und Fach zu bringen: die Steuern der Reichsten zu senken.

Was Rob Porter, den anderen großen internen Widerstandskämpfer, betrifft, so zwangen ihn Anschuldigungen wegen häuslicher Gewalt schon nach einem Jahr als Stabssekretär des Weißen Hauses zum Rücktritt. Woodward zufolge arbeitet er seither daran, „seine Beziehungen zu reparieren und sich zu erholen“5 .

Bob Woodward ist seinen Quellen stets wohlgesinnt. Kein US-Präsident hat so viel mit ihm gesprochen wie George W. Bush, über den er gleich drei Bücher geschrieben hat: Bei den ersten beiden handelt es sich um Hagiografien; das dritte Buch ist weniger schmeichelhaft, es erschien, als der Irakkrieg zum Desaster zu werden drohte. Bush hatte das Fiasko allerdings nicht allein zu verantworten: Die Lügen über Massenvernichtungswaffen, die sich angeblich im Besitz Saddam Husseins befinden, hätten ohne das Mitwirken der Washington Post – und Woodward selbst – möglicherweise weniger weitreichende Konsequenzen gehabt.

Auch Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank Fed, konnte sich nicht über den Biografen Woodward beklagen: Das ihm gewidmete Buch trug den Titel „Maestro“ (Simon & Schuster, 2000). Wiederum eine Fehlkalkulation Woodwards: Wenige Jahre später übernahm Greenspans Fed eine Schlüsselrolle in der Finanzkrise von 2007/08.

Bedauerlicherweise vertraut Donald Trump seine Gefühle eher Twitter als Bob Woodward an. Dank der Leaks von enttäuschten Mitarbeitern scheint Woodward jedoch alles über die Vorgänge im Weißen Haus zu wissen, teilweise scheint er sogar die Gedanken jedes einzelnen Stabsmitglieds zu kennen. Seine bewährte Erzähltechnik bestand darin, Dialoge in wörtlicher Rede wiederzugeben. Auch wenn zu bezweifeln ist, dass seine Quellen sich an den exakten Wortlaut erinnern konnten: Die Lektüre seiner Bücher macht es spannender. Wenn das allerdings der „neue Journalismus“ ist, sollten wir lieber beim alten bleiben.

Auch Woodwards Buch „The Agenda“ über die ersten Monaten der Clinton-Präsidentschaft beginnt mit einem Gespräch, das die Eheleute Bill und Hillary Clinton angeblich 1991 im Bett geführt haben sollen. Die beiden wägen eine Kandidatur Bills für das folgende Jahr ab: „Du musst das machen“, sagt Hillary. „Meinst du wirklich?“, fragt Bill. „Ja“, beharrt sie. – „Was passiert dann?“ – „Ich glaube, du wirst gewinnen.“ – „Glaubst du das wirklich?“ – „Ja, das glaube ich wirklich.“

In der Einleitung von „The Agenda“ schreibt Woodward über seine Erzähltechnik, die die „Gründlichkeit der Geschichtsschreibung“ mit der „Aktualität des Journalismus“ verbinden würde: „Die Dialoge und Zitate wurden von mindestens einem der jeweiligen Gesprächsteilnehmer, durch eine Notiz oder einen Tagebucheintrag eines solchen bestätigt. Wenn ich schreibe, dass jemand etwas ,gedacht‘ oder ,gefühlt‘ hat, stammt diese Beschreibung von der Person selbst oder von jemanden, dem sie es direkt anvertraut hat.“ Diese Methode erlaubt es Woodward in „Fear“ zu behaupten, dass Stephen Bannon in einem Streit mit New Jerseys Gouverneur Chris Christie „am liebsten so etwas geantwortet“ hätte wie: „Komm doch, du fetter Arsch. Tragen wir’s doch gleich an Ort und Stelle aus.“6

Im Gegensatz zu Obama, der nicht „tough“ genug gewesen sei, hätte Trump verstanden, dass man „in einer Welt voller Assads und Putins nicht normal agieren kann“, schwadronierte Woodward im September 2018 in einem Radiointerview.7 Ach, wenn die Welt statt von solchen Finsterlingen doch nur mit so erleuchteten Führern wie dem saudischen Mohammed bin Salman (MBS) bevölkert wäre! In „Fear“ gibt Woodward die Einschätzung eines Trump-Beraters wieder, ohne sich von ihr zu distanzieren: MBS sei ein Mann mit „Vision und Energie“, der „von mutigen Reformen“ spricht. Kurz nach Erscheinen des Buchs befahl MBS den Mord an Jamal Khashoggi, seines Zeichens Kolumnist der Washington Post.

1 Bob Woodward, „Furcht. Trump im Weißen Haus“, Rowohlt Verlag (Reinbek bei Hamburg) 2018.

2 www.allamericanspeakers.com.

3 Ken Silverstein, „Bob Woodward’s Moonlighting“, Browsings, 12. Juni 2008, www.harpers.org.

4 Frédéric Autran und Charlotte Oberti, „Un costard taille Woodward pour Trump“, Libération, Paris, 6. September 2018.

5 Siehe Tim Weiner, „No heroes here“, The New York Review of Books, 8. November 2018.

6 Bob Woodward, „The Agenda : Inside the Clinton White House“, New York (Simon & Schuster) 1994.

7 www.hughhewitt.com.

Aus dem Französischen von Andrea Spliethoff

Le Monde diplomatique vom 13.06.2019, Serge Halimi