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Fahrradfahren und Klassenkampf

Fahrradfahren und Klassenkampf

von Daniel Paris-Clavel

Dank Schule und Vereinswesen ist der Allgemeinsport heute kein Klassenprivileg mehr. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts untersagten es beispielsweise die Statuten der 1890 gegründeten Union des sociétés fran­çaises de sports athlétiques (USFSA), aus der später die einzelnen französischen Sportverbände hervorgingen, ihren Mitgliedern, „einen Arbeiterberuf auszuüben“. Proletarier hatten weder Zugang zu Sportplätzen, noch durften sie an Wettkämpfen teilnehmen.

1882 wurde an öffentlichen Jungenschulen das Fach Turnen und militärische Übungen eingeführt. In Schulbataillonen lernten die Kinder, mit der Waffe in der Hand das Vaterland zu verteidigen. Auch die 1889 von der Kirche gegründete Fédération gymnastique et sportive des patronages de France (FGSPF) sah die Aufgabe des Sports darin, die „körperlichen und moralischen Fähigkeiten der Arbeiterjugend“ zu fördern, um „robuste Männer und tapfere Soldaten“ heranzuziehen.

Um Kirche und Armee nicht allein das Feld zu überlassen, engagierten sich alsbald auch die Sozialisten für die Förderung des Sports; erste Kurse boten etwa die neuen Volkshochschulen an, die in den 1890er Jahren im Dienst der Arbeiteremanzipation entstanden waren. Nach der Gründung der ­Union sportive du Parti socialiste (USPS) im November 1907 entwickelte sich schließlich eine richtige Arbeitersportbewegung.

Im Großraum Paris und in Nordfrankreich schossen Arbeitersportverbände für Fußball, Turnen und Leichtathletik sowie für das frisch aus den USA importiere Basketball wie Pilze aus dem Boden. Man spielte und turnte auf Brachflächen und auf der Straße, interessierte sich aber bald auch für die im großbürgerlichen und adligen Milieu angesagten Sportarten wie Tennis, Fechten oder Polo. In der Vorstellung, bestimmte symbolische Attribute der herrschenden Klassen zu kapern, schwang zweifelsohne ein Hauch von sozialer Revanche mit.

Den seit Jahrhunderten im Orient praktizierten Reitsport Polo hatten britische Offiziere 1869 aus Indien mitgebracht. Schon die Skythen und die Perser liebten das Polospiel, das auch als „Sport der Könige“ bezeichnet wird. Doch nicht nur die britische Oberschicht ließ sich von der Polobegeisterung anstecken – mangels eigener Pferde stiegen Kleinbürger und Proletarier aufs Rad.

Im Oktober 1891 organisierte der iri­sche Rennradfahrer und Journalist Richard J. Mecredy in der Nähe von Dublin das erste Bikepolospiel der Welt. Kurz darauf, am 31. Oktober, veröffentlichte die Zeitschrift Cycling die ersten Regeln: Zwei Teams mit je vier oder fünf Radfahrern kämpfen mithilfe von Schlägern auf einem Rasenplatz um einen Lederball, der in ein kleines Tor befördert werden muss. Trotz einiger Regeländerungen im Laufe der Zeit darf der Ball bis heute ausschließlich mit den Rädern und den Schlägern bewegt werden. In Dublin gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch ein weibliches Bikepoloteam.

1898 wurde das Spiel im Moulin Rouge in Paris erstmals einem französischen Publikum vorgestellt. 1925 gründete der Schweizer Henri Durig den Polo-Vélo-Club Français und den Polo-Vélo-Club de Paris. Durig und seine Mitstreiter veranstalteten jedoch fast ausschließlich Showwettkämpfe, und das vor allem in der Pariser Re­gion. Zwei Jahre später bekam die Sache einen unerwarteten Dreh.

Im Sommer 1927 trainierten der 24-jährige Mechaniker und Rennradfahrer Edmond Frans und sein Freund Lucien Grelinger in Ivry-sur-Seine, südöstlich von Paris, in einer leer stehenden Garage mit Krocketschlägern und einem Tennisball. Bald gesellten sich weitere Freunde dazu, und die kleine Mannschaft konnte den lokalen Arbeitersportverein davon überzeugen, Bikepolo als neue Disziplin aufzunehmen.

Als 1919 die USPS zur Fédération spor­tive du travail (FST) umgewandelt wurde, gründeten etwa 20 Männer und Frauen aus der Sozialistischen Jugend die Union sportive du travail d’Ivry (­USTI). In den ersten Jahre trainierten die USTI-Mitglieder auf der Kohlenhalde einer Fabrik, im Hinterzimmer eines Cafés oder einfach auf der Straße (die Startlöcher wurden direkt in die Fahrbahn gebuddelt).

Nach dem Wahlsieg des Kommunisten Georges Marrane bei den Kommunalwahlen 1925 erwarb die Gemeinde das Lenin-Stadion, das den Arbeitersportlern aus Ivry fortan zur Verfügung stand. Ab Herbst 1927 wurde es auch von der Bikepolo­sek­tion der USTI genutzt.

Das Team aus Ivry schlug den Polo-Vélo-Club de Paris und wurde erster französischer Bikepolomeister. Auf Bestreben der USTI bewarb die FST den neuen Sport im großen Stil, sodass 1928 die erste Pariser Stadtmeisterschaft ausgetragen werden konnte. An dem Turnier beteiligten sich Arbeitermannschaften aus den Pariser Vororten – selbstverständlich auch aus Ivry – und dem 5. und 13. Arrondissement der Hauptstadt.

In Großbritannien wurde Bikepolo nach einer kriegsbedingten Unterbrechung ab 1929 wieder ausgeübt, und auch in den britischen Kolonien kam der Sport gut an. Doch die goldenen Jahre des Bikepolos waren eindeutig die 1930er in Frankreich.

Training im Lenin-Stadion von Ivry-sur-Seine

Die 1881 gegründete bürgerliche Union vélocipédique de France (UVF), aus der Ende 1940 der Französische Radsportverband Fédération française de cyclisme (FFC) hervorgehen sollte, wollte den Volkssport nicht den „Roten“ überlassen. Die UVF warb Edmond Frans an und ernannte ihn 1930 zum technischen Berater einer neugegründeten Bike­polo­kom­mis­sion. 1932 präsentierte diese ein eigenes Regelwerk.

Während die Arbeitersportvereine an ihrer Tradition festhielten, verschiedene Sportarten anzubieten, konzentrierten sich die bürgerlichen Vereine oft auf eine Sportart.1 Auf Bikepolo spezialisierte Vereine entstanden zunächst in der Region Paris, kurz darauf auch in anderen Landesteilen.

Gefördert wurde Bikepolo dennoch in erster Linie durch die FST, die zahlreiche Turniere ausrichtete: vom Karl-Marx-Wettkampf und der Seine-Meisterschaft über den Spartakus-Cup und die Meisterschaft des Arbeiter- und Bauernblocks bis hin zum Ernst-­Thälmann-­Cup und dem Paul-Roussenq-Cup (benannt nach einem französischen Anarchisten, der sein halbes Lebens in Gefangenschaft verbrachte).

Über das letztgenannte Turnier schrieb die kommunistische Wochenzeitung Le Travailleur am 28. Dezember 1933: „Morgen veranstaltet die ­USTI erstmals diesen Wettbewerb, an dem die besten Bikepoloteams der Pariser Region teilnehmen werden. In Erinnerung an einen, der lange Opfer der bürgerlichen Kommisköpfe war, nimmt diese Veranstaltung einen besonderen Stellenwert innerhalb unserer antimilitaristischen Arbeit ein, die wir unermüdlich im Umfeld unserer Arbeiterbrüder leisten müssen, die zurzeit unter der Fuchtel der französischen Republik, dieser alten Ziege, stehen.“

Angesichts der faschistischen Bedrohung – am 6. Februar 1934 hatten die rechtsradikalen Ligen gewalttätige Proteste gegen die Regierung organisiert – taten sich die kommunistischen und sozialistischen Sportverbände2 im Dezember 1934 zusammen und gründeten die Fédération sportive et gymnique du travail (FSGT).

Während der Volksfrontregierung unter Léon Blum (1936–1938) hatte die Organisation großen Einfluss auf die Maßnahmen der Unterstaatssekretäre für Sport (Léo La­grange) und Sportunterricht (Pierre De­zar­naulds). Unmittelbar nach dem Zusammenschluss wurde in Ivry ein nationales Bikepolo-Trainingszentrum gegründet.

Die USTI, ab 1935 Étoile sportive du travail d’Ivry (ESTI) und seit 1949 ­Union sportive d’Ivry, war zwischen 1934 und 1936 ununterbrochen Pariser sowie französischer Bikepolomeister. Zahlenmäßig standen die Arbeitersportler den Anhängern der offiziellen Verbände damals in nichts nach: 1939 gab es 1769 FSGT-Vereine mit mehr als 100 000 Mitgliedern.

Ein am 26. August 1934 in Arcueil ausgetragenes Spiel zwischen einem UVF-Team und einer FST-Mannschaft verdeutlichte indes die Differenzen zwischen den beiden Verbänden. Da während der Begegnung nach den Regeln der UVF gespielt wurde, durfte man – wie beim Pferdepolo und beim britischen Bicycle Polo – den Gegner anrempeln. Das solidarische Spiel der Arbeiter prallte auf den knallharten Wettbewerbsgeist des UVF-Teams.

Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg gingen zahlreiche Arbeitersportler in den Untergrund, nachdem ihre Vereine und ihr Verband 1939 verboten worden waren. Obwohl nach dem Krieg sowohl in den proletarischen Vereinen als auch in den bürgerlichen Klubs wieder verstärkt Bikepolo gespielt wurde, war der Sport Ende der 1950er Jahre bei Weitem nicht mehr so populär wie vor dem Krieg. Das lag auch daran, dass sich in der Zwischenzeit andere Mannschaftssportarten eta­bliert hatten wie zum Beispiel das von den ­deutschen Besatzern importierte Handball.

In den 1970er Jahren gab es in­nerhalb des FSGT gar keine Bikepoloteams mehr, in einigen FFC-Vereinen, zum Beispiel in Le Havre, konnte die Sportart sich immerhin über Wasser halten. Etwa zehn Jahre später lebte sie dann wieder etwas auf. So wurde ab 1984 in der Region Île-de-France erneut eine Meisterschaft ausgetragen, während auf internationaler Ebene 1996 die International Bicycle Polo Cham­pion­ship ins Leben gerufen wurde. 2005 gewann das vier Jahre zuvor gegründete französische Team das Turnier. Heute wird Bikepolo vor allem in den ehemaligen britischen Kolonien Indien, Kanada, Australien oder Malaysia, aber auch in Argentinien und Deutschland gespielt.

Wenngleich die proletarischen Wurzeln des Bikepolos vergessen scheinen, hat sich mit dem Hardcourt Bike Polo, das auf Asphalt gespielt wird, seit der Jahrtausendwende eine neue und inzwischen international verbreitete Variante herausgebildet. Vor etwa 20 Jahren von Fahrradkurieren in Seattle „erfunden“, die sich in Dreierteams auf Parkplätzen damit die Pausen vertrieben, ist der Arbeitersport Bikepolo, den das Bürgertum auf seinem hohen Ross nie vereinnahmen konnte, damit gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

1 Als die USFSA 1921 in mehrere sportartenspezifische Verbände zerbrach, setzte sich eine Jeder-für-sich-­Logik durch, die den französischen Sport bis heute spaltet und entpolitisiert hat. Eine gesellschaftspolitische Bedeutung haben die einzelnen Verbände kaum noch.

2 Die kommunistische FST und die 1924 aus einer Abspal­ tung der FST entstandene sozialistische ­Union des sociétés sportives et gymniques du travail (USSGT).

Aus dem Französischen von Richard Siegert

Daniel Paris-Clavel ist Chefredakteur der Zeitschrift CheriBibi und Autor von „Union sportive d’Ivry 1919–2019, 100 ans de sport pour toutes et tous“, Ivry-sur-Seine (US Ivry) 2018.

Le Monde diplomatique vom 11.04.2019, Daniel Paris-Clavel