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Reisfelder zu Golfplštzen

Kasten: Rote Kapitalisten

Reisfelder zu Golfplätzen

In der kapitalistischen Volksrepublik Vietnam gehört das Land immer noch dem Staat. Er nimmt es den Bauern weg und verkauft es an Spekulanten und internationale Investoren

von Pierre Daum

Das Dorf Dong Tam bei Hanoi wurde im April 2017 zum Schauplatz eines spektakulären Vorfalls. Hunderte von Bauern hatten seit Monaten gegen die Enteignung ihres Landes für ein Bauprojekt protestiert. Als die Polizei zur Räumung anrückte, nahmen die Bauern kurzerhand 38 Polizeibeamte gefangen und hielten sie über eine Woche fest. Die Behörden verzichteten darauf, die Geiseln gewaltsam zu befreien, und schickten stattdessen den Vorsitzenden des Volkskomitees von Hanoi, Nguyen Duc Chung, als Unterhändler nach Dong Tam. Die Polizisten wurden freigelassen, im Gegenzug erhielten die Bauern ein besseres Entschädigungsangebot.

Es ist nicht der einzige Fall. Im Küstenort Nam Ô, der für seine ausgezeichnete Fischsoße bekannt ist, weigern sich mehrere Familien, ihre Häuser zu verlassen. Sie sollen dem Bau einer riesigen Ferienanlage Platz machen, die den ganzen Strand okkupieren und somit auch den Fischfang unmöglich machen würde.

In Ho-Chi-Minh-Stadt, der Wirtschaftsmetropole im Süden des Landes, kämpfen sie im Stadtteil Thu Thiem seit zwanzig Jahren gegen die Betonversiegelung des letzten Stückchen Grüns. Eine Handvoll unbeugsamer Farmer ziehen immer wieder gegen den Räumungsbefehl vor Gericht. Ihre Klagen begründen sie damit, dass nicht alle Vorschriften für eine Enteignung eingehalten wurden – und davon gibt es in der Tat viele.

Solche auf den ersten Blick erstaunlichen Proteste gegen die Enteignung von Agrarflächen für Industrie-, Tourismus- oder Immobilienpro­jekte sind in Vietnam inzwischen an der Tagesordnung. Den Sozialwissenschaftlerinnen Marie Gibert und Juliette Segard zufolge sind Landkonflikte „im heutigen Vietnam die wichtigste ­Ursache für soziale Spannungen“1 – und die einzige Form politischen Protests, den die Bevölkerung in einem Land wagt, in dem alle Macht in den Händen der Kommunistischen Partei liegt.

Auch wenn die Medien streng überwacht werden, verfolgen sie doch zumindest einige der Proteste, vor allem wenn ein Parteikader eigens für Verhandlungen mit der renitenten Landbevölkerung anreist. Jeden Tag gibt es neue Informationen auf Facebook, das in Vietnam sehr populär ist. 30 Millionen Nutzer*innen sind registriert, bei einer Bevölkerung von 95 Millionen Menschen. „Und dennoch, was an die Öffentlichkeit dringt, ist nur die Spitze des Eisbergs“, erklärt die Journalistin Ly vom staatlichen Sender Vietnam Television (VTV). „Viele bäuerliche Proteste bleiben unsichtbar“, denn die Recherche ist gefährlich. Wissenschaftler und Journalisten warnten uns: „Geht lieber nicht in so ein Dorf, es gibt zu viele Spannungen, ihr werdet bloß von der Polizei verhaftet!“ Andere wollten sich gar nicht erst mit uns treffen.

Das Thema ist umso heikler, als die Enteignungen im direkten Widerspruch zur nach wie vor allgegenwärtigen kommunistischen Rhetorik stehen (siehe Kasten). „Es ist praktisch unmöglich, an Zahlen zu kommen“, sagt Danielle Labbé, Stadtplanerin von der Universität Montreal, die sich seit 15 Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Ich gehe davon aus, dass die Behörden sie nicht erheben, weil sie Angst haben, das Ausmaß des Phänomens zu offenbaren.“

Die Frage der Enteignung von landwirtschaftlichen Flächen steht im Mittelpunkt der vor drei Jahrzehnten selbst gewählten Entwicklungsstrategie. Nachdem die zentralisierte Wirtschaft nach sowjetischem Vorbild, die in den 1950er Jahren erst in Nordvietnam und nach der Wiedervereinigung 1976 auch im Süden eingeführt worden war, für gescheitert erklärt wurde, startete die Regierung 1986 das umfangreiche Reformprogramm Doi Moi (Erneuerung). Die Agrargenossenschaften wurden sukzessive aufgelöst, und die staatlichen Unternehmen sollten vor allem profitorientiert wirtschaften. Fortan war auch die Gründung privater Unternehmen erlaubt, und Vietnam öffnete sich ausländischen Investoren.2

Da sich die Nahrungsmittelversorgung zunächst als das dringlichste Problem darstellte, wurden als Erstes die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften aufgelöst und das Land an eine noch immer überwiegend bäuerliche Bevölkerung verteilt. „Der positive Effekt zeigte sich sehr schnell“, erzählt Tran Ngoc Bich, ehemaliger Ökonom am Pariser Centre national de la recherche scientifique (CNRS). „Innerhalb von drei Jahren war die Nahrungsmittelknappheit gelöst, und das Land produzierte auf einmal mehr Reis, als es konsumierte.“ Die marktwirtschaftliche Öffnung ging aber nicht mit einer Privatisierung von Grund und Boden einher. Alle seitdem verabschiedeten Bodengesetze bestätigten, dass der Staat „im Namen des Volkes“ im Besitz aller Flächen bleibt, das heißt, er kann sich „im Bedarfsfall“ das Land wieder „zurückholen“ – so der offizielle Begriff.

Auch wenn sie sich als Eigentümer fühlen, haben die Bauern tatsächlich nur ein landwirtschaftliches Nutzungsrecht, das in einem „roten Heft“ festgehalten ist. Immerhin kann jeder sein Nutzungsrecht ganz oder teilweise veräußern oder das rote Heft an seine Kinder vererben. Der Staat behält sich allerdings ein Monopol auf Landnutzungsänderungen vor. Zwar ist ein Konsultationsverfahren vorgesehen, wenn Agrarflächen zu Baugrund umgewidmet werden, doch praktisch liegt die Entscheidungsgewalt in der Hand der Beamten.

1994 wurde das US-Embargo gegen Vietnam aufgehoben, 2007 trat das Land der Welthandelsorganisation (WTO) bei. Danach erfolgte der zweite Schritt der marktwirtschaftlichen Öffnung. Wie Vu Dinh Ton, Dekan der Landwirtschaftsuniversität Hanoi, erklärt, ging es darum, „die Subsistenzwirtschaft in eine Industrie- und Dienstleistungswirtschaft umzuwandeln“. 1995 arbeiteten noch 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Landwirtschaft, heute sind es 40 Prozent. Während im Agrarsektor 1988 noch 46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet wurden, lag sein Anteil 2017 nur noch bei 15 Prozent.

Für die vietnamesische Politik sind „Modernisierung“ und „Entwicklung“ zu wichtigen Schlagworten geworden. „Aber es gibt ein geografisches Problem“, so Vu weiter. Da zwei Drittel der Landesfläche Berge und Hochebenen sind, sind die für die „Modernisierung“ nutzbaren Flächen knapp. Sie sind meist dicht besiedelt und werden größtenteils schon landwirtschaftlich genutzt. Die Regierung hat daher beschlossen, riesige Agrarflächen in städtische, industrielle oder touristische Entwicklungszonen umzuwandeln3 – auf Kosten von Millionen Kleinbauern. „In den Köpfen der Entscheidungsträger gehört diese Welt der Vergangenheit an“, unterstreicht Da­nielle Labbé.

Dangs Sohn arbeitet jetzt in einer Schuhfabrik

Seit zwanzig Jahren werden Unternehmen – ob staatlich, privat oder in ausländischer Hand – dazu aufgefordert, bei den Behörden Entwicklungsprojekte einzureichen, um an Land zu kommen. „Im Gegenzug verpflichtet sich das Unternehmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen für die enteigneten Bauern und zu Beiträgen zur Infrastruktur, wie Brücken, Straßen, Ambulanzen oder Schulen, die der immer noch arme Staat nicht finanzieren kann“, erläutert die Geografin und Vietnamspezialistin Sylvie Fanchette vom französischen Institut für Entwicklungsforschung (IRD).

„Auf dem Papier mag diese Politik gerechtfertigt erscheinen“, sagt Nguyen Van Phu, Ökonom und Forschungsdirektor am CNRS. Einige enteignete Bauern haben tatsächlich davon profitiert. So zum Beispiel Dang Van Bien, den wir in seinem nagelneuen Haus in Viem Dong treffen, einem Dorf in Strandnähe. Der Strand zwischen der zentralvietnamesischen Stadt Da Nang und dem beliebten Touristenziel Hoi An wurde inzwischen von internationalen Hotelketten wie Four Seasons, Hyatt, Pullman oder Sheraton komplett zugebaut und privatisiert.

„Als die Regierung vor fünfzehn Jahren kam, um uns unsere Reisfelder wegzunehmen und in einen Golfplatz umzuwandeln, haben wir uns gewehrt“, erzählt ein Veteran aus dem Vietnamkrieg (1955–1975).4 „Sie haben uns einen lächerlichen Preis angeboten: 200 000 Dong (etwa 7 Euro) pro Quadratmeter, was heute hundertmal mehr wert ist.“ Die Dorfbewohner mussten aufgeben, durften jedoch jeweils ein kleines Grundstück behalten, das in Bauland umgewandelt wurde. „Von den 4000 Quadratmetern, die ich früher besaß, ließen sie mir zwei Sao nach dem alten Flächenmaß.5 Ich hab ein Sao zu einem guten Preis verkauft, und mit dem Geld auf dem anderen mein Haus gebaut.“

Einer von Dangs Söhnen arbeitet für die Gemeindeverwaltung, der andere in der Schweizer Schuhfabrik Rieker, die sich wenige Kilometer im Landesinneren befindet und 16 000 Menschen beschäftigt. „Er bekommt 5 Millionen Dong (185 Euro) im Monat, er ist sehr zufrieden. Es ist mehr, als man mit Reis verdienen kann, und vor allem ist es viel weniger anstrengend.“ Dang selbst bekommt eine Beamtenrente von 4,5 Millionen Dong (165 Euro) pro Monat, plus 2 Mil­lio­nen Dong (75 Euro) Veteranenrente. „Im Dorf sind jetzt alle zufrieden. Die jungen Leute haben ein Motorrad und können in die Stadt fahren, um sich zu vergnügen. Und wir Alten müssen nicht mehr auf den Feldern arbeiten, im Schlamm waten und uns von Blutegeln anknabbern lassen. Wir bleiben im Café und spielen Karten.“

Rund ums Dorf hat sich die Landschaft drastisch verändert. So weit das Auge reicht gibt es anstelle von Reisfeldern nur noch riesige Brachflächen, die darauf warten, bebaut zu werden. Alle hundert Meter steht der Schuppen eines Immobilienmaklers, der Traumvillen anpreist, für einen Grundstückspreis von 20 Millionen Dong (750 Euro) pro Quadratmeter. Und wann ist Baubeginn? „Ich weiß nicht“, gibt einer der Makler zu. „Die meisten Menschen kaufen die Grundstücke bloß, um sie wieder zu verkaufen, wenn der Preis gestiegen ist. Das Grundstück hier vor uns war vor zwei Jahren nur 10 Millionen Dong (375 Euro) wert. Heute kostet es doppelt so viel.“

Die Spekulation gehört zu den schlimmsten Auswüchsen einer Baupolitik ohne Rücksicht auf Verluste. Angesichts der Landknappheit haben die Investoren schnell erkannt, dass es rentabler ist, die beantragten Projekte nicht oder nur teilweise umzusetzen. Stattdessen verkaufen sie das in Parzellen aufgeteilte Land weiter, sobald sie das wertvolle Dokument in Händen halten, auf dem Agrar- zu Bauland erklärt wird.

„Es ist ein Skandal,“ schimpft Frau Nhung, die wir im Dorf Duong Noi treffen. „Die Regierung nimmt uns unser Land gegen eine lächerliche Entschädigungssumme mit der Begründung, es handele sich ja bloß um landwirtschaftliche Flächen, und verkauft es für das Hundertfache weiter, indem sie es als Bauland ausweist.“

Ihr Dorf liegt eine Stunde mit dem Moped vom Hanoier Zentrum entfernt. Es ist einer dieser Randbezirke, die allmählich zubetoniert werden. Seit acht Jahren wehrt sich das ganze Dorf gegen das Vorhaben, hier ein riesiges Viertel mit Villen und Luxuswohnungen hochzuziehen, inklusive Klinik und Schule. „Uns werden für jeden Qua­drat­meter 270 000 Dong (10 Euro) geboten, dabei verkaufen sie die ersten Grundstücke des neuen Stadtteils bereits für 30 Millionen (1100 Euro) pro Quadratmeter.“

Sie haben sich geweigert, die Entschädigung anzunehmen, Klagen und Petitionen eingereicht, einen Marsch in die Hauptstadt und eine Sitzblockade vor dem Gebäude des Volkskomitees organisiert. Sie haben Demos vor den Baggern abgehalten, um den Baubeginn zu verhindern, und Nachrichten auf Facebook gepostet, kurz: Die Bürger von Duong Noi haben alles unternommen, um sich Gehör zu verschaffen. Diesmal reagierten die Behörden mit Gewalt. Videos im Internet zeigen hunderte Polizisten, die in das Dorf eindringen und mit Stöcken auf die Demonstranten einschlagen, während gleichzeitig ein Bagger auf die Menge zufährt und eine Demonstrantin verletzt. Erst nach mehreren Tagen konnte die Frau aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Der Vater von Frau Nhung erzählt, dass ihn die Polizei 2014 auf dem Weg zu einer Demonstration verhaftet hat: „Ich saß 18 Monate im Gefängnis wegen ‚Störung der öffentlichen Ordnung‘.“ Er ist in den Sechzigern und Veteran des Chinesisch-Vietnamesischen Kriegs von 1979.6 „Als ich jung war, war es normal, zur Waffe zu greifen – wir kämpften schließlich gegen einen äußeren Feind, wir mussten das Land retten. Es ist schrecklich, dass ich heute gegen meine eigenen Leute kämpfen muss, weil die Regierung verdorben ist.“

„Verdorben“ ist die vornehme Umschreibung für korrupt. Alle unsere Gesprächspartner, ob Bauern, Professoren oder einfache Angestellte, sind sich darin einig, dass es die Korruption ist, die hinter der vietnamesischen Urbanisierungsstrategie steht und dass sich deren Exzesse allesamt damit erklären lassen. Warum sollte es sonst so einfach für Investoren sein, eine Genehmigung für die Umwandlung ihrer ursprünglichen Projekte zu erhalten und statt einer Fabrik eine Villensiedlung zu bauen, die versprochene Infrastruktur bestenfalls teilweise bereitzustellen oder alle Umweltauflagen zu ignorieren?

Die Bestechlichkeit der Beamten, die sich ihre wertvollen Stempel teuer bezahlen lassen, ist strukturell: Viele Akteure auf dem Immobilienmarkt sind staatliche Unternehmen, an denen hohe Parteifunktionäre oder Leute mit einem engen Draht zu Mitgliedern der kommunistischen Elite die Anteile halten. Bei den privaten vietnamesischen oder ausländischen Investoren ist es grundsätzlich schwierig, klassische Bestechung in Form von Umschlägen mit Bargeld oder teuren Geschenken nachzuweisen.

Kimberly Kay Hoang von der University of Chicago gelang es dennoch, von rund hundert vietnamesischen und ausländischen Investoren vertrauliche Stellungnahmen zu bekommen. Das Ergebnis ist aufschlussreich und belegt nachdrücklich das Ausmaß des Phänomens.7 „In diesem Land dreht sich alles um die richtigen Beziehungen“, sagt einer. „Gewinner (auf dem Immobilienmarkt) sind diejenigen, die ihre Beziehungen spielen lassen können. Dafür muss man etwas springen lassen. Du zahlst ein Bestechungsgeld, um das Land zu bekommen, und dann zahlst du jedes Mal, wenn sie kommen, um deine Baustelle zu inspizieren.“

„Niemand respektiert das Gesetz in diesem Land“, ergänzt ein anderer. „Der einzige Weg, Geld zu verdienen, ist, die richtigen Leute zu kennen. Wenn man aus dem Westen kommt, denkt man, es ist falsch, einen Beamten zu bestechen. Aber so läuft es nun mal in Vietnam. Man muss sich vor Augen halten, dass ein hoher Beamter umgerechnet nur 200 oder 300 Dollar im Monat verdient. Wie soll er davon leben? Wir bezahlen ihn nur dafür, dass er einfach seinen Job macht.“ In der Korruptionsrangliste von Transparency International rangiert Vietnam auf Platz 107 von 180 Ländern.

Dass korrupte Politiker und Beamte ihnen ihr Land stehlen, ist schon schlimm genug, aber es macht die Bauern noch wütender, wenn sie anschließend feststellen, dass weder sie noch ihre Kinder dafür wenigstens die versprochenen Arbeitsplätze bekommen. Entweder weil die Fabrik oder das Hotel lieber andere, besser qualifizierte Mitarbeiter einstellen will oder weil das angebliche Projekt, das Arbeitsplätze schaffen sollte, ein bloßer Fall von Immobilienspekulation ist. „Die vietnamesische Industrie jedenfalls ist nach wie vor schwach und kann niemals all diese neuen arbeitslosen Bauern aufnehmen“, sagt Dao The Anh, Agrarökonom an der Vietnamesischen Akademie der Agrarwissenschaften.

Die Umweltverschmutzung ist ein weiterer Grund für die große Wut. Im Badeort Sam Son im Norden des Landes kämpften die Fischer lange darum, 300 Meter Strand für ihre Fischerboote zu behalten. Eines der größten Unternehmen des Landes, die FLC-Gruppe, plante dort eine riesige Ferienanlage mit einem Fünfsternehotel, Bungalows und Golfplatz. Die Anlage ist seit zwei Jahren geöffnet, „aber wir demonstrieren weiterhin vor dem Volkskomitee, weil sie das ganze Abwasser direkt ins Meer leiten“, erzählt uns eine Gruppe Fischer, die wir am Strand getroffen haben. „Heute gibt es weniger Fische, und die, die es noch gibt, sind krank.“

In den Verträgen verpflichten sich die Unternehmen immer zum Schutz der Umwelt, dennoch häufen sich die Fälle von Umweltverschmutzung. Denn für eine Konformitätsbescheinigung reicht es aus, dem Kontrolleur einen Umschlag zuzustecken oder der Frau seines Vorgesetzten eine luxuriöse Hermès-Handtasche zu offerieren, wie es einer der Informanten von Kimberly Kay Hoang darstellt. 2016 hatte die Entdeckung von tausenden toten Fischen an der Küste von Hue infolge der Einleitung von Abwässern des Formosa-Stahlwerks landesweit zu einer Welle von Demonstrationen geführt. Die Regierung, die dem taiwanesischen Unternehmen sehr vorteilhafte Kondi­tio­nen gewährt hatte, versprach, die Verursacher der Katastrophe „hart zu bestrafen“.

Das Fehlen einer unabhängigen Presse schürt die Gerüchteküche. „Man hört von vielen Lokalpolitikern, dass sie bestechlich seien“, sagt die pensionierte Hochschullehrerin Lien, die auf Face­book sehr aktiv ist. „Aber das Schlimmste ist die chinesische Invasion! Hinter allen großen viet­namesischen Unternehmen steht chinesisches Geld. Sie kaufen ganze Küstenabschnitte auf, die strategisch entscheidend für unsere Landesverteidigung sind. Dass die Regierung nichts dagegen unternimmt, liegt offensichtlich daran, dass sie dicke Umschläge erhält.“ Solche kaum nachprüfbaren Aussagen kursieren in privaten Gesprächen genauso wie in den sozialen Netzwerken.

Die Folgen dieser ganz auf Urbanisierung setzenden Entwicklungspolitik beschränken sich nicht auf ländliche Aufstände oder ein Wiederaufflammen der alten Angst vor den „chinesischen Invasoren“. Die Geografin Fanchette gibt zu bedenken, dass die dicht besiedelten Teile Vietnams allesamt nur knapp über dem Meeresspiegel liegen. „Der Boden ist derart zubetoniert, dass damit ein enormer Entwässerungsaufwand einhergehen müsste, aber das ist keineswegs der Fall. Jeder etwas kräftigere Monsun kann heutzutage eine schreckliche Katastrophe auslösen.“ Laut der NGO Germanwatch steht Vietnam wegen der zunehmenden Fragilität seines Ökosystems inzwischen auf Platz fünf der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder.

Die Bäuerin putzt für die neue Mittelschicht

Angesichts der Unzufriedenheit der enteigneten Bauern versuchen es die Behörden nun vielfach mit Dialog. Die Bewohner des betroffenen Dorfs werden zu einem Treffen mit von der Partei entsendeten Vermittlern eingeladen, die ihnen die immer gleichen paternalistischen Vorträge halten: „Sie müssen vernünftig sein. Wir bitten Sie, die Interessen von Staat und Unternehmen mit ihren eigenen Interessen in Einklang zu bringen. Wir alle arbeiten gemeinsam an der Modernisierung des Landes. Haben Sie Verständnis. Die Behörden des Bezirks vertreten die Interessen der Bewohner.“8 Zwar lassen sich die Demonstranten auf diese Weise nur selten befrieden. Aber die Regierung kann auf die Unterstützung einer wachsenden Mittelschicht zählen, die von dieser Politik ohne größere Gewissensbisse profitiert.

Eines der prägnantesten Beispiele ist Hanois neuer vornehmer Stadtteil Ecopark, erbaut nach jahrelangem Widerstand der ehemaligen Dorfbewohner, die schließlich von der Polizei mit Schlagstöcken vertrieben wurden. „Eines Tages erzählte mir meine Putzfrau, dass unsere Villa auf dem Gelände des Bauernhofs errichtet wurde, von dem man sie vertrieben hat“, gibt Frau Phuong zu. Die junge Frau besitzt eine kleine Blumenhandelskette. Seit zwei Jahren lebt sie in Ecopark in einem 190 Quadratmeter großen Haus mit Garten. „Ich habe mich ein wenig geschämt, aber was kann ich machen?“ Der 30-jährige Herr Thanh, leitender Manager einer Kommunika­tions­firma, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Für mich sind diese Bauern Hindernisse für den Fortschritt. Wenn wir uns entwickeln wollen, muss man Kollateralschäden in Kauf nehmen.“

Die großen westlichen Demokratien beglückwünschen Vietnam für seine jährlichen Wachstumsraten von 6 bis 7 Prozent in den letzten zwei Jahrzehnten9 und seine unbestrittenen Erfolge bei der Armutsbekämpfung. Laut Weltbank ist der Anteil derjenigen, die unterhalb der Armutsgrenze (das heißt mit weniger als 3,50 Dollar pro Tag) leben, von 60 Prozent 1990 auf heute weniger als 10 Prozent gefallen.

Der Landraub dürfte daher noch eine ganze Weile anhalten, denn er ermöglicht es der lokalen Elite, sich schnell zu bereichern, und bringt hunderttausende junge Landbewohner ohne Ausbildung auf den Arbeitsmarkt. Sie schätzen sich glücklich, für die internationalen Textil-, Elektronik- und neuerdings auch Autokonzerne arbeiten zu dürfen, die sich gerade deswegen in Vietnam niederlassen, um von der großen Masse billiger Arbeitskräfte zu profitieren.10

So massiv der Widerstand der Bauern auch sein mag, am Ende stehen sie stets als Verlierer da. Bestenfalls können sie ein paar Projekte hinauszögern. Über das ganze Land verstreut, ohne legale Möglichkeit, sich als Bewegung zu organisieren, erscheint der Widerstand angesichts der Macht des Staats schwach. Aufgrund der staatlichen Kontrolle der Medien bleibt nur Facebook, um regional oder national zu mobilisieren. Die Behörden sind sich dessen bewusst und verhaften immer wieder Bürger, die im Internet agitiert hätten. Im April 2018 zählte Amnesty Interna­tio­nal „mindestens 97 politische Gefangene“, was der Organisation zufolge „sicherlich weit unter den realen Zahlen“ liegt. Seit dem 1. Januar 2019 schreibt ein neues Gesetz vor, dass Internetplattformen innerhalb von 24 Stunden alle Kommentare entfernen müssen, die als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ erachtet werden.

1 Marie Gibert und Juliette Segard, „L’aménagement urbain au Viet­nam, vecteur d’un autoritarisme négocié“, Justice spatiale, Nr. 8, Juli 2015, www.jssj.org.

2 Siehe Martine Bulard, „Onkel Hos Soldaten an der Wirtschaftsfront“, LMd, April 2017.

3 Siehe Xavier Monthéard, „Stadt des aufsteigenden Drachen“, LMd, April 2010.

4 Der Widerstand der Dorfbewohner von Viem Dong war 2009 Gegenstand des Dokumentarfilms „À qui appartient la terre?“ von ­Doan Hong Le.

5 Sao: altes vietnamesisches Flächenmaß, entspricht 720 Quadratmeter.

6 Dieser Krieg begann am 17. Februar 1979 mit dem Einmarsch chinesischer Truppen in den Norden Vietnams und endete einen Monat später, am 16. März.

7 Kimberly Kay Hoang, „Risky Investments: How local and foreign investors finesse corruption-rife emerging markets”, in: American Sociological Review, Nr. 4, Los Angeles, August 2018.

8 Aus dem Film „À qui appartient la terre?” (siehe Anmerkung 4). Die Äußerungen stammen vom Vizepräsidenten des Bezirks Viem Dong.

9 Siehe Jean-Claude Pomonti, „Moderne, pragmatische, korrupte Kommunisten“, LMd, Februar 2007.

10 Vietnam ist der zweitgrößte Handyexporteur der Welt, allein mehr als die Hälfte der Samsung-Smartphones werden dort zusammengebaut. Siehe dazu „Why Samsung of South Korea is the biggest firm in Vietnam”, The Economist, London, 12. April 2018.

Aus dem Französischen von Nicola Liebert

Pierre Daum ist Journalist.

Rote Kapitalisten

In Vietnam geht der Kapitalismus in seiner brutalsten Form Hand in Hand mit einer immer noch sehr präsenten kommunistischen Propaganda. An Gebäuden und entlang der Straßen flattern rote Banner mit Hammer und Sichel, manchmal auch mit dem Porträt Ho Chi Minhs. Auf vielen stehen Parolen, mit denen die Partei ihre Urbanisierungspolitik rechtfertigt: „Den revolutionären Geist weiterentwickeln, die Industrialisierung siegreich vorantreiben, Modernisierung und internationale Integration des Landes!“ Oder: „Alle gemeinsam für die Verwirklichung des Ziels: ein reiches Volk, ein starkes Land, eine gerechte, demokratische und zivilisierte Gesellschaft!“

Einige Begriffe werden wie ein Mantra wiederholt. Pham Duc Thang, ein junger Stadtplaner, der an der Polytechnischen Universität von Ho-Chi-Minh-Stadt unterrichtet, erklärt: „Der Begriff ‚Kapitalismus‘ ist immer noch sehr negativ konnotiert und ist daher tabu. Stattdessen verwendet die Partei die Worte ‚Entwicklung‘, ‚Modernisierung‘ oder ‚internationale Integration‘.“

Häufig taucht auch der Begriff „Zivilisation“ auf. „Mit diesem Wort wird auf das singapurische oder japanische Modell angespielt: höflich sein, nicht im Pyjama auf die Straße gehen, nicht auf den Boden spucken“, erläutert der Ökonom Nguyen Van Phu. „In der vietnamesischen Vorstellung sind diese ‚unzivilisierten‘ Verhaltensweisen Relikte unserer Vergangenheit als Bauern, aus der wir uns befreien sollten.“

Das wilde Durcheinander der niedrigen Häuschen ist demnach genauso wenig mit einer „zivilisierten“ Urbanisierung zu vereinbaren wie die allgegenwärtigen Straßenhändler. „Auch wenn sie selbst Opfer der Enteignung wurden, bewundern die meisten Bauern die großen Betonkomplexe, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen“, erzählt die kanadische Stadtplanerin Danielle Labbé. „Sie können dem Landleben und den Reisfeldern keinerlei Romantik abgewinnen. Es erinnert sie bloß an Schlamm, Blutegel, Erschöpfung und Armut.“

Die meisten Vietnamesen, vor allem die jüngeren, ignorieren die Parolen. „Aber meine Eltern lassen sich immer noch davon beeinflussen“, erzählt die 28-jährige Saigonerin Ly, die in der Modebranche arbeitet. „Man muss dazusagen, dass sie ihre Informationen nur aus staatlichen Medien beziehen. Das führt oft zu Streit.“ Um ihre Botschaften zu verbreiten, stützt sich die Partei mit ihren 4,5 Millionen Mitgliedern auch auf ein riesiges Netzwerk von Institutionen und Massenorganisationen, namentlich die Polizei (1,2 Millionen Mitarbeiter), die Armee (5 Millionen Reservisten) und die Vaterländische Front, zu der wiederum mehrere Verbände von Frauen, Veteranen, Arbeitern, Jugendlichen und so weiter gehören.

Auf der anderen Seite entlarven die von ihrem Land vertriebenen Bauern schnell die Widersprüche zwischen den Worten und Taten der Partei. „Im Prinzip ist der Kommunismus zum Wohle des Volkes, nicht wahr?“ Für die Bewohnerin des Neubauviertels Thu Thiem in Ho-Chi-Minh-Stadt, deren Mutter vier Jahre im Gefängnis saß, weil sie gegen die Bulldozer in ihrem Dorf demonstriert hatte, ist das eher eine rhetorische Frage. Sie erinnert daran, dass „Ho Chi Minh während des Kriegs gegen die Franzosen die armen Bauern mobilisierte, indem er versprach, ihnen ihr Land zurückzugeben, das ihnen von den Kolonialherren genommen worden war. Und heute ist es die Kommunistische Partei, die es uns stiehlt.“ ⇥Pierre Daum

Le Monde diplomatique vom 07.02.2019, Pierre Daum