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Malcom X in Palästina

Malcolm X in Palästina

Als sich die schwarzen Bürgerrechtler von ihren bibeltreuen Eltern emanzipierten und ihre Sympathie für die Palästinenser entdeckten

von Sylvie Laurent

Das kurze Schwarz-Weiß-­Video zeigt in schneller Folge Gesichter von protestierenden Menschen – manche mit Dreadlocks, andere mit Kopftuch oder Kufija, Transparente mit den Aufschriften „Stop killing us!“, „Gebt uns unsere Menschenwürde zurück!“ Dazu Bilder von den Demonstrationen gegen Polizeigewalt in Ferguson und gegen die israelischen Besatzer in den palästinensischen Gebieten. Palästinenser skandieren „Black Lives Matter“, Afroamerikaner nennen die Unterdrückung der Palästinenser Rassismus.

Das dreiminütige Video „When I see them, I see us“1 , 2015 gedreht und über die sozialen Netzwerke verbreitet, gibt vielen Unbekannten eine Stimme, aber auch bekannte Persönlichkeiten kommen darin zu Wort, wie die Bürgerrechtlerin Angela Davis, der Philosoph Cornel West, der Schauspieler und Regisseur Danny Glover (der 1987 Nelson Mandela im Fernsehen verkörperte), die Sängerin Lauryn Hill und die Schriftstellerin Alice Walker. Es geht um die Solidarität zwischen Afroamerikanern und Palästinensern – und die hat eine lange Geschichte.

Das Jahr 1967, als Israel im Sechstagekrieg das Westjordanland und den Gazastreifen eroberte, markierte auch für die Bürgerrechtsbewegung in den USA einen Wendepunkt. War sie bis dahin durch ihre christlichen Wurzeln und Gewaltlosigkeit geprägt, gewannen nun Kräfte die Oberhand, die Gerechtigkeit in einem anderen Ton einforderten. Die Black-Power-Bewegung knüpfte an die Kämpfe schwarzer Aktivisten gegen den Kolonialismus früherer Jahrzehnte an, mit Leitfiguren wie dem Kommunisten Paul Robeson und Panafrikanisten wie Marcus Garvey und Malcolm X.

1957 war Malcolm X nach Jerusalem und 1964 nach Gaza gereist und stellte so die Weichen für einen transnationalen Befreiungskampf. In seinem Essay „Die zionistische Logik“ prangerte Malcolm X im September 1964 die „Verschleierung“ der israelischen „Kolonisation“ an, die Gewalt hinter wohlwollenden Gesten verstecke und sich dabei der strategischen Unterstützung der USA bediene, die er als „Dollarismus“ bezeichnete.2

Zwei der wichtigsten Bürgerrechtsgruppen – das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und die Black Panthers – teilten diese Haltung. Ihre jungen Aktivisten hatten sich von ihren bibeltreuen Eltern emanzipiert und teilten nicht mehr deren Sicht auf Israel als das gelobte Land eines unterjochten Volks.

Der Schriftsteller James Baldwin schrieb 1948 in „The Harlem Ghetto“: „Die frommsten Schwarzen fühlen wie Juden. Sie warten darauf, dass Moses sie aus Ägypten führt.“ Baldwin, der 1961 nach Palästina reiste, artikulierte das tiefempfundene afroamerikanische Mitgefühl für alle Völker, die auf der Suche nach einem Heimatland sind oder die in das Land ihrer Vorväter zurückkehren möchten. Die jüdische Sehnsucht nach einem Land der Freiheit konnte niemand besser verstehen als die Afroamerikaner. Sie wussten aber auch, was Enteignung und Vertreibung bedeuteten.

Daher schwand mit der Besetzung weiterer palästinensischer Gebiete 1967 die Sympathie für den Zionismus. Hatten sie sich früher mit dem geschundenen jüdischen Volk identifiziert, fühlten sie sich nun den Arabern näher. Martin Luther King hatte 1948 die Gründung des Staats Israel spontan begrüßt, während zwei seiner Mentoren, der Inder Mahatma Ghandi und der Ghanaer Kwamé Nkrumah, den Zionismus verurteilten. Kings rebellische Kinder im SNCC solidarisierten sich 1967 in einem Aufruf mit den Palästinensern. Sie pflegten grundsätzlich eine „ethnisierte“ Solidarität mit den kolonisierten Völkern der Dritten Welt und betrachteten sich selbst als Kolonisierte im eigenen Land. Die nationalistischen Kräfte unter ihnen forderten sogar eine Art von Zweistaatenlösung für die USA.

Die Black Panthers kontaktierten schon früh die palästinensische Befreiungsorganisation PLO, die der Auffassung war, dass die Palästinafrage eine universelle Bedeutung habe, die man mit dem Kampf gegen Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus verbinden müsse. So reihten sie das Schicksal der Palästinenser in die Globalgeschichte kolonialer Unterdrückung und Landnahme ein.

Sofort wurde dem SNCC und kurz darauf auch den Black Panthers Antisemitismus unterstellt. Die Sprecher der beiden Organisationen wussten, dass es in den eigenen Reihen tatsächlich antisemitische Tendenzen gab, und definierten daher ihre Position zwar klar als antizionistisch, aber nicht judenfeindlich. Der Präsident des SNCC, H. Rap Brown, erklärte 1967: „Wir sind weder antijüdisch noch antisemitisch. Wir sind nur nicht der Meinung, dass die Staatslenker Israels ein Recht auf dieses Land hätten.“3 Unter Huey Newtons Führung definierten die Black Panthers 1970 ihren revolutionären Internationalismus: Dieser richte sich gegen die Vorherrschaft der Weißen, nicht aber gegen Juden. Newton bekräftigte das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das durch den Militarismus und den „reaktionären Nationalismus“ Israels und der Vereinigten Staaten unterdrückt werde.4

Die langjährige Allianz von Schwarzen und Juden in den USA, die die Bürgerrechtsbewegung zwischen 1954 und 1968 geprägt hatte, bekam nun deutliche Risse. Seit der Gründung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) 1909 bis zum gemeinsamen Auftreten des Rabbiners Abraham Joshua Heschel mit Martin Luther King hatten die progressiven jüdischen Eliten eine wichtige Rolle im Kampf um die Rechte der Afroamerikaner gespielt.

Doch die Zusammenarbeit war nicht immer spannungsfrei verlaufen. Häufig hieß es, die gebildeten Juden bevormundeten die Schwarzen. Zum Bruch kam es aber erst im Streit um die Palästinafrage. 1967 stellte der afroamerikanische Essayist Harold Cruse in seinem Buch „The Crisis of the Negro Intellectual“5 die Grundlage der Allianz infrage.

The Harlem Ghetto und die besetzten Gebiete

Die amerikanischen Juden nutzten ihre Macht unter anderem, um „unsere“ Emanzipation „an unserer statt“ zu steuern. Und: „Wie beurteilen die jüdischen Intellektuellen der Zeitschrift Commentary den Zionismus?“ Die für Gerechtigkeit eintretenden Afroamerikaner müssten die Antwort auf diese Frage prüfen – und auf dieser Grundlage entscheiden, ob die Partnerschaft mit den Juden in den USA noch trage.

Dass Cruse die konservative Zeitschrift Commentary erwähnte, hatte einen Grund: Darin vertraten jüdische Autoren nämlich die Ansicht, dass die Kämpfer gegen Rassismus und weiße Dominanz – in den USA wie in Israel – das liberale amerikanische Gesellschaftsmodell bedrohten, das es ihnen ermöglicht hatte, in Amerika Fuß zu fassen. Sie unterstützten Israel bedingungslos und kritisierten die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Als die UN-Vollversammlung 1975 die Resolution 3379 verabschiedete, in der der Zionismus als eine Form von „Rassismus und Rassendiskriminierung“ verurteilt wurde6 , führte das in den USA zu heftigen Kontroversen.

Der Widerhall der Palästinafrage unter den Afroamerikanern muss auch im Zusammenhang mit den Kräfteverhältnissen gesehen werden, die sich nach der Hochphase der Bürgerrechtsbewegung herausgebildet hatten. Die Bewegung bewertete zentrale Aspekte der US-Geschichte neu, insbesondere den Imperialismus und die Verweigerung staatsbürgerlicher Rechte für farbige Minderheiten. Wer Palästina unterstütze, so die Haltung, untermauere sein Widerstandsrecht gegenüber dem amerikanischen Staat, der nach der Landnahme und Entmachtung der Ureinwohner und der Unterdrückung der Schwarzen seine Dominanz nun auch im Nahen Osten aufbaue.

Zur selben Zeit brachte der Rabbiner Meir Kahane, der 1968 in den USA die Jewish Defense League gegründet hatte (und später als rechtsextremer Politiker Schlagzeilen machen sollte), die Idee der „Jewish Power“ ins Spiel.

Ein weiterer Punkt war das südafrikanische Apartheidregime. An der Ausbreitung der Proteste über die Universitäten hinaus trugen Bürgerrechtler aus dem Ghetto maßgeblich bei. Das Regime galt als Paradebeispiel für kolonialistische und kapitalistische Herrschaft und wurde von den USA wie von Israel mit Waffenlieferungen unterstützt. Es dauerte nicht lange, bis der Begriff „israelische Apartheid“ die Runde machte. Boykottforderungen wie gegen Südafrika wurden auch gegen Is­rael erhoben.

1979 verlor der afroamerikanische Bürgerrechtler Andrew Young seinen Posten als UN-Botschafter, weil er sich mit führenden Vertretern der PLO getroffen hatte. US-Präsident Carter, der eine proisraelische Politik betrieb, zog sich dadurch den Zorn wichtiger afroamerikanischer Persönlichkeiten zu. James Baldwin schrieb am 29. September 1979 in der Wochenzeitung The Nation: „Der Staat Israel wurde nicht zum Wohl der Juden gegründet. Er wurde gegründet, um westliche Interessen durchzusetzen. Die Palästinenser bezahlen für die britische Kolonialpolitik Großbritanniens, die nach dem Motto ,Teile und herrsche‘ verfahren ist – und für das christlich motivierte Schuldgefühl, das Europa seit 30 Jahren belastet.“

In den 1990er Jahren löste sich der Schulterschluss zwischen Afroamerikanern und Palästinensern auf, da es in den USA keine wirklich einflussreiche radikale Bürgerrechtsbewegung mehr gab. Die Rückbesinnung der afroamerikanischen Leader auf moderate demokratische Positionen, der Zerfall der Black Panther Party und die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten mit der Unterzeichnung des Osloer Friedensabkommens 1993 dämpften die für die afroamerikanische Befreiungsbewegung zentrale Imperialismuskritik.

Erst 2015 und 2016 mit den Protesten in Ferguson artikulierte die Bewegung Black Lives Matter in der Tradition des SNCC die Rassendiskriminierung als Teil einer globalen Ideologie. In den sozialen Netzwerken lebte die geschwundene Solidarität mit den Palästinensern wieder auf, etwa in der Facebook-Gruppe Blacks For Palestine (B4P). 2017 organisierte die US-amerikanische Menschenrechtsgruppe Dream Defenders eine Reise schwarzer Künst­le­r*innen in die besetzten Gebiete. Boykottaufrufe gegen Israel werden vor allem an den Universitäten heftig diskutiert.

2017 besuchte der Chicagoer Rapper Vic Mensa die Palästinensergebiete und veröffentlichte anschließend in dem Wochenmagazin Time einen empörten Artikel. Unter dem Titel „Was ich in Palästina über den amerikanischen Rassismus gelernt habe“ beschreibt er das brutale Déja-vu, das er bei der Festnahme eines jungen Palästinensers durch einen israelischen Soldaten hatte. Im ersten Moment sei er einfach nur erleichtert gewesen, nicht selbst der Verdächtige zu sein – um dann zu erkennen, dass in den besetzten Gebieten „sie die Neger sind“.7

1 „When I See Them, I See US“, Black Palestinian Solidarity, www.blackpalestiniansolidarity.com.

2 Malcolm X, „Zionist logic“, The Egyptian Gazette, Kairo, 17. September 1964.

3 Zitiert nach Douglas Robinson, „New Carmichael Trip“, The New York Times, 19. August 1967.

4 Huey P. Newton, „On the Middle East“, in: „To Die For the People“, New York (Random House) 1972.

5 Harold Cruse, „The Crisis of the Negro Intellectual: A Historical Analysis of the Failure of Black Leadership“, New York (Morrow) 1967.

6 Die mit 72 zu 35 Stimmen (bei 32 Enthaltungen) verabschiedete Resolution wurde durch die am 16. Dezember 1991 angenommene Resolution 46/86 widerrufen.

7 Siehe Vic Mensa, „What Palestine taught me about American racism“, Time, New York, 12. Januar 2018.

Aus dem Französischen von Markus Greiß

Sylvie Laurent forscht in Harvard und Stanford und lehrt an der Sciences Po in Paris. Autorin von „Martin Luther King. Une biographie intellectuelle et politique“, Paris (Éditions du Seuil) 2015.

Le Monde diplomatique vom 07.02.2019, Sylvie Laurent