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Die Grenzen von Rojava

Die Grenzen von Rojava

Die kurdischen Autonomiegebiete in Syrien stehen von allen Seiten unter Beschuss

von Mireille Court und Chris Den Hond

Ain Issa ist die neue Verwaltungshauptstadt der Demokratischen Föderation Nordsyrien, auf Kurdisch: Rojava.1 In dem staubigen Nest zwischen Kobani und Rakka empfängt uns Ilham ­Ahmed, die Vorsitzende der Exekutive des Demokratischen Rats Sy­riens. Der DRS ist der politische Arm der Demokratischen Kräfte Syriens (DKS), die den gesamten Nordosten des Landes kontrollieren. Sie fordern Autonomie, Dezentralisierung und eine neue Verfassung. Im Juli 2018 leitete Ahmed eine DRS-Delegation, die in Damaskus die ersten Verhandlungen mit dem Assad-Regime geführt hat.

Zuvor hatte bereits ein offizielles Treffen in Tabka stattgefunden, wo auch der marode Euphrat-Staudamm liegt – aber nur das syrische Regime verfügt über Techniker und Ersatzteile, um die defekten Schleusen zu reparieren. Eine technische Zusammenarbeit zwischen DRS und Damaskus ist zwar denkbar, aber eine politische Verständigung bleibt vorerst unwahrscheinlich.

„Als wir die Regierungserklärungen hörten, haben wir begriffen, dass offizielle Gespräche nur Taktik sind. Es gibt vonseiten des Regimes kein echtes Bemühen um Fortschritte“, bedauert Ahmed. Damit rechtfertigt sie auch, dass der DRS nicht an den Treffen der syrischen Opposition in Istanbul teilgenommen hat. Zudem seien die meisten bewaffneten Gruppen in Syrien Extremisten, die von der Türkei unterstützt werden: „Für uns wäre es Selbstmord, wenn wir versuchen würden, uns mit diesen radikalen dschihadistischen Gruppen zu einigen.“

Ahmeds Delegation ist ohne Vorbedingungen nach Damaskus gefahren. Auch ihr Stellvertreter Hikmet Habib, ein Araber aus Qamischli, war dabei: „Wir schreien nicht lauthals ‚Assad muss weg‘ “, meint er. „Aber es gibt ein gewaltiges Demokratiedefizit. Alle Entscheidungen werden in Damaskus getroffen, das System ist abhängig von einigen wenigen Familien, die das Land beherrschen.“

Syriens Politik gegenüber den Kurden ist unberechenbar. Assad hat mehrfach geschworen, jeden Quadratmeter Syriens zurückzuerobern, und die Kurden im Dezember 2017 als Verräter beschimpft. Anfang Mai 2018 versicherte er dann zwar, die Tür für einen Dialog mit den DKS bleibe offen, bezeichnete aber die Institutionen, die sich im Norden und Osten Syriens gebildet haben, als „vorüber­gehende Strukturen“. Gegenwärtig liegen die Verhandlungen zwischen ­Damaskus und dem DRS auf Eis – zumindest, bis sich die Situation in der Region Idlib geklärt hat, die das Regime von den Dschihadisten zurückerobern will.

Nachdem im Januar 2015 die Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) mit Unterstützung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Kobani zurückerobert hatten, beschlossen die Kurden, kein unabhängiges Kurdistan auszurufen. Doch das Misstrauen der arabischen, turkmenischen und anderen Volksgruppen gegenüber den Kurden war groß. Sie fürchteten, dass sich die Sieger stellvertretend für das syrische Regime an ihnen rächen würden: „Die Kurden haben sehr unter der Assimilationspolitik der Baath-Regierung gelitten“, erklärt Habib. „Nachdem die DKS die Gebiete vom IS zurückerobert hatten, haben wir Versöhnungskomitees und Räte mit Vertretern aller Gruppen gegründet. Heute sind 60 Prozent der DKS-Mitglieder Araber.“ Die Gesamtzahl der Kämpferinnen und Kämpfer wird auf rund 40 000 geschätzt.

Bis 2017 bestand Rojava aus drei Distrikten mit kurdischer Mehrheit: Afrin, Kobani und Cizre. Seit der Eroberung von Rakka im Oktober 2017 und der türkischen Besetzung Afrins im März 2018 leben in der autonomen Föderation mehr Araber als Kurden. Die eigenartige Atmosphäre in Qamischli, Hauptstadt des Dis­trikts Cizre, macht die Komplexität der Situation deutlich. Ganze Stadtviertel werden noch von der Regierung in Damaskus kontrolliert, und die syriakisch-christliche Bevölkerung ist gespalten zwischen Assad-Unterstützern und DRS-Anhängern.

Elizabeth Gawryie, ein weiteres Mitglied der Verhandlungsdelegation, empfängt uns in einem Vereinslokal. Ihr Thema ist die Aufteilung der Rohstoffe, vor allem des Erdöls, dessen wichtigste Förderstätten von der autonomen Regierung kontrolliert werden. „Syrien ist ein reiches Land. Bei zukünftigen Verhandlungen müssen wir darüber reden, wie die Einnahmen geteilt werden. Wir haben Damaskus vorgeschlagen, bilaterale Komitees für den öffentlichen Dienst, das Gesundheitswesen und die Wirtschaft zu bilden.“

Ein weiteres heikles Thema ist die Bildungspolitik. Die autonome Regierung wollte einen neuen Lehrplan in drei Sprachen (Arabisch, Kurdisch und Syriakisch) einführen. In den naturwissenschaftlichen Fächern hätte man nichts geändert, aber in „Geschichte, Soziologie oder Geografie gibt es große Probleme. Da kommen die nichtarabischen Gemeinschaften einfach nicht vor“, erklärt uns ein kurdischer Lehrer.

Neue Lehrpläne, altes Misstrauen

Ende August 2018 protestierten ein paar Dutzend christliche Syrer in Qamischli gegen die neuen Lehrpläne und die Abschaffung der Syriakischklassen in den öffentlichen Schulen. Außerdem würden die Schulabschlüsse weder in Damaskus noch im Ausland anerkannt. Zu seiner Verteidigung führte der DRS an, dass man Klassen habe zusammenlegen müssen, weil die meisten christlichen Familien ihre Kinder auf Privatschulen schickten. Einige kirchliche Privatschulen mussten sogar vorübergehend schließen, weil sie sich geweigert hatten, nach dem neuen Lehrplan zu unterrichten. Schließlich einigte man sich darauf, das neue Programm nur für die ersten beiden Grundschuljahre zu übernehmen. Für die anderen Klassen gilt an den Privatschulen weiter der alte Lehrplan.

In Kobani nehmen wir an einer Stadtteilversammlung teil. Hevi Zora beschwert sich über die Heuchelei gewisser Leute, die ihre Kinder in Schulen außerhalb Rojavas schicken: „Warum melden die Reichen und sogar Mitglieder der autonomen Regierung ihre Kinder in arabischen Schulen in Latakia, Aleppo oder Damaskus an, während die anderen hier auf Kurdisch lernen?“ Eine Woche später verbietet ein Dekret allen Mitgliedern und Mitarbeitern der autonomen Regierung, ihre Kinder in die Schulen des Assad-Regimes zu schicken.

Im Großen und Ganzen scheint sich das Verhältnis zwischen den verschiedenen Gruppen jedoch zu verbessern. Die neuen Institutionen funk­tio­nie­ren. In Qamischli erklärt uns Hakem Khalo vom Legislativrat, dass es in Cizre früher überhaupt keine Unterstützung vom Staat gab. „Das zen­tra­li­sier­te System hat andere ethnische oder religiöse Gemeinschaften nie berücksichtigt. Heute denkt das syrische Regime, es könne zu den vor­revo­lu­tio­nä­ren Verhältnissen zurückkehren. Aber viele Araber unterstützen jetzt die autonome Regierung. Sie sitzen in den Zivilräten in Rakka, Tabka, Manbidsch oder Deir al-Sor, weil sie merken, dass sie heute etwas bewirken können.“

In Tall Abyad ist die Spannung mit Händen zu greifen. In der kleinen Stadt nahe der türkischen Grenze hatte der IS, der 2015 nach schweren Kämpfen von den DKS vertrieben wurde, viele Unterstützer. Die Einmischung der Türkei und ihrer Verbündeten ist allgegenwärtig. Hinzu kommt die Last einer schmerzhaften Vergangenheit: Die Stadt gehört zu einer Region, in der das Baath-Regime in den 1960er Jahren Araber angesiedelt und den Kurden ihr Land weggenommen hat.

Die Kurden würden sich aber besondere Mühe geben, nicht rachsüchtig aufzutreten, erklärt Reshad Kurdo, dessen Familie damals ihre Felder verloren hat: „Als die DKS Tall Abyad vom IS befreiten, haben wir niemanden verjagt. Wir haben uns das Land nicht zurückgeholt, das uns die Araber vor 50 Jahren weggenommen haben. Wir warten auf eine politische Lösung.“

Ein kurdischer Automechaniker bleibt skeptisch: „Auch wenn wir ein Paradies errichten, werden uns die Araber nicht vertrauen. Sie denken, dass die Kurden sie beherrschen wollen. Und wir fürchten, dass die Türkei hier das Gleiche macht wie in Afrin.“

Afrin – jedes Mal, wenn wir den Namen aussprechen, schießen unseren Gesprächspartnern die Tränen in die Augen. Die Besetzung des mehrheitlich kurdischen Distrikts durch die Türkei ist ein Trauma. Im Januar 2018 hatte Russland der Türkei grünes Licht für den Überfall gegeben. Die von den USA geführte internationale Koalition schaute weg, und dieselben kurdischen Kämpferinnen und Kämpfer, die den IS aus Kobani und Rakka vertrieben und die Jesiden gerettet hatten, wurden massakriert, während die Weltöffentlichkeit tatenlos zusah.

Nach Afrin zu gelangen ist unmöglich. Wir kommen nur bis Manbidsch, der westlichsten Stadt der autonomen Föderation. Die von der Koalition geschützte und vom lokalen Militärrat verteidigte Stadt ist ein Vorbild für das Zusammenleben der Volksgruppen. Mehrere Leute berichten von der Gewalt, die den Kurden nach dem Fall von Afrin angetan wurde. In einem Bericht vom 14. Juni 2018 kritisierte Human Rights Watch, dass „bewaffnete Gruppen der von der Türkei unterstützten Freien Syrischen Armee das Eigentum kurdischer Zivilisten im Distrikt Afrin geplündert, zerstört oder gestohlen haben. Sie haben Kämpfer und ihre Familien in den Häusern einquartiert, ohne den Eigentümern Entschädigung anzubieten.“2 Bis heute wartet Human Rights Watch auf die Erlaubnis der Türkei, die Untersuchungen in Afrin fortzusetzen.

In Syrien herrscht heute ein Wirrwarr widersprüchlicher Allianzen. Die Kurden in Afrin, westlich des Euphrats, wurden von den Russen geschützt und dann fallen gelassen. Die Kurden östlich des Euphrats und in Manbidsch werden heute von der internationalen Koalition unter Führung der USA und Frankreichs geschützt. Aber wie lange noch? Die Bevölkerung hält eine internationale Überwachung des Luftraums für unverzichtbar, anderenfalls hätte die türkische oder die syrische Armee keine Mühe, die schwache demokratische Föderation zu überrennen. Aber welchen Preis für den Schutz durch die USA sind die Kurden bereit zu zahlen? Um eine Antwort zu bekommen, müssen wir mit der PKK sprechen, Angstgegner der Türkei und für manche Beobachter der zentrale Akteur der syrischen Kurdenfrage.

Auf einem kleinen Boot überqueren wir den Tigris, die Grenze zwischen Syrien und Irak, und fahren durch den Norden bis in die Kandil-Berge, wo sich die PKK-Truppen verschanzt haben. Dort treffen wir uns mit Riza ­Altun. Seit der gezielten Tötung des jesidischen PKK-Kommandanten Zekî Şengalî durch eine türkische Rakete im August 2018 spricht zum ersten Mal ein hoher PKK-Funktionär mit Journalisten.

Während des gesamten Interviews brummt eine unsichtbare Drohne über unseren Köpfen. Wir sitzen unter einem dichten Laubdach, während ­Altun keine Miene verzieht. Es sei alles total paradox, erklärt er. „Ursprünglich hatten die USA gar nicht die strategische Absicht, die DKS zu unterstützen. Die Kurden wissen schließlich ganz genau, dass die USA ein imperialistischer Staat sind, aber wir müssen das Bündnis mit ihnen aufrechterhalten, weil es um unser Überleben geht.“ Das Kopfgeld, das die USA kürzlich auf drei PKK-Führer ausgesetzt haben,3 mache schließlich auch deutlich, wie zerbrechlich das Bündnis mit Washington sei, meint Altun.

Die Situation der Kurden in Syrien zeigt wieder einmal, wie sehr das Land zum Schauplatz der Machtspiele und Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten der Welt geworden ist.

1 Siehe Mireille Court und Chris Den Hond, „Demokratie wagen in Nordsyrien“, LMd, September 2017.

2 „Syria: Turkey-Backed Groups Seizing Property“, Human Rights Watch, 14. April 2018, www.hrw.org.

3 Im August 2018 setzten die USA ein Kopfgeld zwischen drei Millionen und fünf Millionen Dollar für die Ergreifung der drei führenden PKK-Funktionäre Murat Karayilan, Cemil Bayik und Duran Kalkan aus.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Mireille Court ist Englischlehrerin und Mitglied der Koordinierungsstelle Solidarité Kurdistan. Chris Den Hond ist Journalist. Gemeinsam mit Stephen Bouquin haben sie „La Commune du Rojava. L’alternative kurde à l’État-nation“, Brüssel/Paris (Critica-Syllepse) 2017, herausgegeben.

Le Monde diplomatique vom 13.12.2018, Mireille Court