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Unsterbliche Russen

Unsterbliche Russen

Seit dem Ende der Sowjetunion erlebt die kosmistische Verbindung von Wissenschaft und Religion ein fulminantes Comeback

von Juliette Faure

Moskau, Sommer 2018. Ein solcher Publikumsmagnet war das Allrussische Ausstellungszentrum schon lange nicht mehr. Zu Sowjetzeiten diente der in den 1930er Jahren angelegte gigantische Ausstellungspark mit seinen hundert Pavillons als Schaufenster der landwirtschaftlichen, technologischen und industriellen Errungenschaften des Sozialismus. Nach dem Ende der UdSSR zerfiel auch der Park. Das Glanzstück der Ausstellung, der Kosmos-Pavillon, wurde ausgeräumt und zu einem Basar vor allem für Unterhaltungselektronik umfunktioniert. Symbolisch stand er damit für die Privatisierungen von Staatseigentum in den 1990er Jahren.

2014 beschloss die Stadt Moskau, 37 Pavillons zu sanieren und elf neue Museen zu bauen. Vier Jahre später drängen sich die Besucherinnen und Besucher der Fußball-WM um Wera Muchinas restaurierte Edelstahlplastik „Arbeiter und Kolchosbäuerin“. Das 24 Meter hohe Monumentalwerk stand 1937 zuerst im sowjetischen Pavillon auf der Weltausstellung in Paris, bevor es, in 60 Einzelteile zerlegt, wieder nach Moskau zurückkehrte und am Nordeingang des neuen Ausstellungsgeländes (damals noch unter dem Namen Allunions-Landwirtschaftsausstellung) aufgestellt wurde.

Die erste Ausstellung nach der Sanierung hat der Kulturrat des Patriarchats der orthodoxen Kirche kuratiert. Mithilfe von Hologrammen und Touchscreens wird die Geschichte des Zarenreichs erzählt, während die Wände mit Zitaten von slawophilen, eurasischen und christlichen Denkern übersät sind. Alles steht im Dienst einer klaren Botschaft, wie eine Erklärung von Wladimir Putin bekräftigt: „Die Orthodoxie hat dem alten Russland einen gewaltigen Impuls für Entwicklung, Kultur, Bildung und Aufklärung gegeben.“

Ein virtueller Vergnügungspark verspricht „übersinnliche Erlebnisse für die ganze Familie“. Touristen wenden sich mit einer Frage an eine Hostess, die erst auf Russisch in ihr Smart­phone spricht und es dann den Touristen reicht. Sofort spuckt das Gerät die ins Englische übersetzte Antwort aus: „Der Roboterpavillon befindet sich neben dem Brunnen der Völkerfreundschaft.“ Dort bewundern sie einen Roboter, der Por­träts zeichnet, einen, der Geige spielt, und einen Puschkin-Androiden, der Verse rezitiert. Die Tafel am Ausgang verspricht: „Bald empfängt Sie hier das erste Robotercafé Russlands.“ Das könnte von Wladimir Sorokin stammen. Die Science-Fiction-Romane des erfolgreichen russischen Autors spielen in neomittelalterlichen Theokratien, die sich futuristischer Technologien bedienen.1

Wissenschaft und Religion standen in Russland nicht immer so einträchtig nebeneinander. Im 19. Jahrhundert entzweite eine große ideologische Auseinandersetzung die Westler, wie die Anhänger westlicher Wissenschaft und Technik genannt wurden, und die Slawophilen. 1863 erschien Nikolai Tschernyschewskis revolutionärer Roman „Was tun?“, der die russischen Sozialisten stark beeinflusste (weshalb Lenins berühmte Programmschrift von 1902 denselben Titel trägt) und den Graben zwischen Materialisten und Nationalisten noch weiter vertiefte. Dann schlug der Philosoph Nikolai Fjodorow einen dritten Weg vor, der beide ideologischen Linien zusammenführte, und wurde zum Begründer des Kosmismus.

Fjodorow (1829–1903), der ein einsames, asketisches Leben führte, arbeitete als Bibliothekar in der Moskauer Zentralbibliothek. Er war wie Marx der Meinung, dass die Philosophen die Welt genug interpretiert hätten und es nun an der Zeit sei, sie zu verändern. Fjodorow teilte zwar in gewisser Hinsicht die Wissenschafts- und Technikgläubigkeit der Positivisten, war aber ein erklärter Gegner des Fortschritts, den er als „wahre Hölle“ bezeichnete, weil die „Produktion toter Dinge“ die Lebenden verdrängen würde.2

Statt dem Fortschritt zu huldigen, wollte der Bibliothekar die wissenschaftlichen Erkenntnisse lieber dazu nutzen, die Toten auferstehen zu lassen. Er schlug ganz konkret vor, die körperlichen Überreste der Vorfahren zu sammeln, um sie wiederzubeleben. Da die Erde für Fjodorows unsterbliche Menschheit auf absehbare Zeit zu klein werden würde, schlug er zudem die Eroberung und Besiedlung des Weltraums vor.

Fjodorow war ein Positivist und Transhumanist avant la lettre und zugleich tief religiös. Seine Vorstellung eines Gottmenschen als Ursprung und Akteur seines eigenen Heils war von einer frühchristlichen Interpretation des auferstandenen Jesu und dessen Wundertaten geprägt. Sein Gesellschaftsmodell organisierte er um die Auferstehung als „vollständigen Triumph des moralischen Gesetzes über die körperliche Notwendigkeit“. Nach Fjodorow sei das Heil kein von Gott zu erwartendes Wunder, sondern das Werk der Menschen, die eine kosmische Verantwortung hätten und ihr Handeln über den Erdball hinaus entfalten müssten.

Ein Roboter spielt Geige, ein Puschkin-Android rezitiert Verse

Mit seinen Ideen gewann Fjodorow schnell viele und namhafte Anhänger: Dostojewski lobte ihn, Tolstoi erklärte ihn zum Heiligen und der Reli­gions­philosoph Wladimir Solowjow zum Meister. Später schrieb der Philosoph Nikolai Berdjajew (1874–1948), den die UdSSR wie viele regimekritische Intellektuelle 1922 auswies, bei Fjodorow gebe es „eine Verbindung des christlichen Glaubens mit dem Glauben an die Potenzen von Wissenschaft und Technik“. Seine Lehren enthielten „sehr vieles, was zur russischen Idee hinführt“, und er, Berdjajew, kenne „keinen typischeren russischen Denker“.3

Auch viele russische Avantgardekünstler zwischen Zarenreich und Sowjetrepublik stellten wie Fjodorow die technische Innovation in den Dienst einer spirituellen Suche und kosmischen Meditation. In seinem symphonischen ­Poem „Prometheus“ erkundete Alexander Skrjabin (1871–1915) eine symbolistische und dissonante, von tonalen Fesseln befreite Musiksprache, die nach einem „mystischen“ und „synthetischen“ Akkord strebte. Er assoziierte die Töne mit Farben und Licht und suchte nach einer „strahlenden“ Harmonie, nach kosmischer Immaterialität und Leichtigkeit.

Für sein unvollendetes Projekt „Mysterium“ plante Skrjabin die Komposition eines totalen Werks, das alle Sinne ansprechen und dessen Ausführung die Menschheit und das Universum umfassen sollte bis hin zu seiner Auslöschung in der Ekstase. Das Nachdenken über den Ursprung des Universums und die Befreiung von Materie und Schwerkraft inspirierte Wassily Kandinsky (1866–1944) zu seinen abstrakten Gemälden; der Schriftsteller Andrei Platonow (1899–1951) imaginierte einen „vermenschlichten“ und von der „Anthropotechnik“ eroberten Kosmos.

Nach der Oktoberrevolution passte sich der Kosmismus als Philosophie, die die Menschheit zu einer neuen Phase der aktiven Beherrschung des Universums und der technischen Verbesserung der Lebensumstände führen wollte, pro­blem­los dem Optimismus und der Wissenschaftsgläubigkeit der neuen sowjetischen Gesellschaft an. In den 1920er Jahren setzten biotechnologische Experimente das Streben nach einem technisch verbesserten Übermenschen fort. In seinen Forschungen über die körperliche Regeneration durch Bluttransfusionen teilte der Arzt und Verfasser utopischer Romane Alexander Bogdanow (1873–1928) Fjodorows Überzeugung, die Wissenschaft könne dazu dienen, die menschliche Natur zu verbessern.

Den Willen, die Menschheit durch die Wissenschaft zu perfektionieren und zu verwandeln, findet man auch bei dem Amateurforscher und Begründer der modernen Kosmonautik Konstantin Ziolkowski (1857–1935).4 Und die Utopie von der Unsterblichkeit inspirierte auch den Architekten Konstantin Melnikow (1890–1974), der Lenins ersten Sarkophag entwarf.5

Fjodorows Ideen drangen bis in höchste politische Kreise vor. Noch 1928 zitierte ihn Michail Kalinin, damals Mitglied des Politbüros und später Präsident des Obersten Sowjets, in einer Rede. Der Kosmismus verbreitete sich auch über Russlands Grenzen hinaus. In Frankreich wurde der Priester und Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin von dem kosmistischen Geochemiker Wladimir Wernadski beeinflusst, der Vorlesungen an der Sorbonne hielt. Teilhard de Chardin war „leidenschaftlich beglückt und befriedigt von einem Kreuz, in dem sich die beiden Bestandteile der Zukunft vereinten: das Transzendente und das Ultra-Humane“.6

Der Stalinismus machte dem kreativen Überschwang der 1920er Jahre in der Sowjetunion ein Ende. In einer rein technizistischen Variante erwachte die kosmistische Utopie im goldenen Zeitalter der Weltraumforschung jedoch zu neuem Leben – 1957 startete der erste Satellit ins All, 1961 folgte der erste Weltraumflug Juri Gagarins. Fjodorows Philosophie ist eine der wenigen Strömungen, die alle Zäsuren der neueren russischen Geschichte überdauert hat. Er war der letzte Religionsphilosoph, der in der Sowjet­union Erwähnung fand, und der erste, der seit den 1970er Jahren neu publiziert wurde. Unter dem Begriff Kosmismus versammelte sich nun eine bunte Anhängerschar von Theologen, Naturwissenschaftlern und Künstlern.7

Seit dem Ende der UdSSR fügt sich das wieder erwachte Interesse für den Kosmismus in die Suche nach einer neuen „russischen Idee“ ein. Wie der Eurasismus und die Slawophilie wurde auch der Kosmismus in den 1990er Jahren als neue nationale Ideologie und Kommunismusersatz wiederbelebt. Der deutsche Fjodorow-Experte Michael Hagemeister sieht darin den Versuch einer ideologischen Instrumentalisierung: „In der Sowjetunion galt Fjodorow als ‚reiner Materialist‘, jetzt präsentieren ihn seine Anhänger als religiösen Denker, dessen Lehren nach dem Alten und dem Neuen Testament eine dritte Phase eröffnet hätten – die Phase eines aktiven Christentums.“8

1994 gründete das russische Verteidigungsministerium an seiner Militäruniversität in Moskau ein Institut für Nookosmologie, das die „kosmischen Hierarchien“ und die „höhere Vernunft“ des Universums untersuchen soll. Und 1995 empfahl der direkt dem Präsidenten unterstellte Stellvertretende Sekretär des Sicherheitsrats der Russischen Föderation, den Kosmismus zur Grundlage der nationalen russischen Identität zu erheben.9

Heute versuchen nationalistische Ideologen, die technologische Entwicklung mit dem moralischen und religiösen Traditionalismus zu verbinden, ohne sich direkt auf den Kosmismus zu berufen. So etwa der Isborsk-Klub, ein Thinktank für „dynamischen Konservatismus“, zu dessen Mitgliedern der Präsidentenberater Sergei Glasjew, der nationalistische Intellektuelle Alexander Dugin10 und die frühere Abgeordnete Natalja Narotschnizkaja gehören, die in Paris ein der orthodoxen Kirche nahestehendes Institut gegründet hat. „Das Ziel dieser Ideologie und des Reformprogramms ist die Schaffung eines Kentauren aus Orthodoxie und innovativer Ökonomie, aus hoher Spiritualität und Hochtechnologie“, schreibt der Vizepräsident des Klubs Witali Awerjanow. „Dieser Kentaur wird das Gesicht Russlands im 21. Jahrhundert verkörpern.“11

Auch an der Staatsspitze lassen sich die Verteidigung traditioneller Werte und die Förderung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts bestens vereinbaren. Putin unterstützt „die traditionellen Religionen“ wie auch die „traditionelle Sexualität“.12 Gleichzeitig ruft er zu einer technologischen Hypermodernisierung auf. In einer programmatischen Rede versprach er am 1. März 2018 „die Abschaffung aller Beschränkungen für die Entwicklung und umfassende Nutzung von Roboteranlagen, künstlicher Intelligenz, fahrerlosen Fahrzeugen, E-Commerce und Technologien zur Verarbeitung von Big Data“. Die Regierung lanciert immer neue Initiativen zur Förderung der technologischen Entwicklung: die Errichtung von Forschungszentren in Skolkowo oder Akademgorodok, die Gründung von staatlichen Unternehmen wie Rusnano (Russische Gesellschaft für Nanotechnologien) oder Rostec und die Förderung von Forschungseinrichtungen im Rahmen des landesweiten Projekts „Megascience“.

Für die technologische Modernisierung engagieren sich hauptsächlich die liberalen und technokratischen Kräfte in der Regierung, die direkten Erben der politischen Elite der 1990er Jahre. Anatoli Tschubais zum Beispiel war unter Jelzin verantwortlich für die Privatisierung von Staatsbetrieben, heute ist er Direktor von Rusnano. Insbesondere in den Schlüsselindustrien Verteidigung und Raumfahrt wird der Fortschritt in einer romantisch-nationalistischen Rhetorik verklärt.

„Unser Land war seit der Staatsgründung dazu bestimmt, eine große Raumfahrtnation zu werden“, behauptet Dmitri Rogosin, Präsident der Raumfahrtagentur Roskosmos und Vertreter des nationalkonservativen Flügels der Regierung. „Das war durch den Charakter des russischen Menschen vorbestimmt. Er denkt in globalen Kategorien und ist bereit, sein Leben für eine Idee zu opfern. Deshalb kann Russland nicht ohne den Kosmos und nicht außerhalb des Kosmos leben. Es kann seine Träume nicht bändigen, das Unbekannte zu erobern, nach dem die russische Seele strebt.“13

In diesem Geiste wurde im Frühjahr 2018 auch der Kosmos-Pavillon im Allrussischen Ausstellungszentrum wiedereröffnet und ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm gestartet: Zwischen 2016 und 2025 sollen sich neue Forschungsprojekte mit der Vorhersage von Sonnenaktivität und Weltraumwetter beschäftigen. Eine neue Generation von Raumschiffen für den Transport von Menschen wird entwickelt, und fünf automatisierte Weltraumraketen sollen die erste Phase des Programms zur Besiedlung des Mondes einleiten. An den Wänden des Pavillons stehen indes lauter Zitate des Begründers der Kosmonautik Konstantin Ziolkowski: „Erst kommen das Denken, die Fantasie und die Märchen, dann die wissenschaftliche Berechnung.“

Ein Symbol für die Synthese zwischen technologischer Modernisierung und religiösem Traditionalismus ist die orthodoxe Kirche, die im Sternenstädtchen, dem Trainingszentrum für Kosmonauten, errichtet wurde. Als der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill die neue Kirche 2010 weihte, erklärte er den religiösen Sinn des Kosmos: „Der Herr hat uns eingeladen, unseren Planeten und das ganze Universum zu bewohnen und zu erobern. Deshalb ist das Streben des Menschen nach den Sternen keine Laune, kein Hirngespinst, keine Mode, sondern ein Programm, das Gott in die menschliche Natur gepflanzt hat.“14

Juri Gagarin, der nach der Rückkehr aus dem Weltraum verkündet hatte, er habe „Gott nicht gesehen“, wird heute als gläubiger Mensch dargestellt, der den Wiederaufbau der unter Stalin zerstörten Christ-Erlöser-Kathedrale angeregt habe. „Alle großen Wissenschaftler, die den Weltraum erforscht und versucht haben, die Gesetze und die Struktur des Universums zu verstehen, waren zutiefst religiös oder sind zum Glauben gelangt, weil sie gespürt haben, dass die Welt von einem intelligenten Schöpfer organisiert worden sein muss“, behauptet Pater Iow.15 Der Prediger in der Kirche des Sternenstädtchens hat im Auftrag von Roskosmos auch die Raketen im Kosmodrom von Baikonur gesegnet.

Pater Iow weihte die Raketen in Baikonur

Die Synthese zwischen technologischem Fortschritt und Religion vollzieht sich auch bei der Atomkraft. Die von dem konservativen Ideologen Jegor Cholmogorow erfundene „atomare Orthodoxie“ geht noch über eine frühere Erklärung Putins hinaus.16 Der hatte bei einer Pressekonferenz im Februar 2007 erklärt, die Orthodoxie und die Atomstrategie des Landes „sind verbunden, denn die traditionellen Religionen der Russischen Föderation und der atomare Schutz für Russland sind die Elemente, die den russischen Staat festigen und die nötigen Voraussetzungen für die innere und äußere Sicherheit des Landes schaffen“.

Die Stadt Sarow ist sowohl ein heiliger Ort der Orthodoxie, an dem die letzte Heiligsprechung unter dem Zaren stattfand, als auch der frühere geheime Standort für die Entwicklung des so­wje­ti­schen Atomprogramms. Dort gründeten Patriarch Kyrill und Sergei Kirijenko, damals Generaldirektor der russischen Atomagentur Rosatom und heute Direktor der Präsidialverwaltung, 2012 ein spirituelles und wissenschaftliches Zentrum. Es soll Wissenschaftler, Vertreter der orthodoxen Kirche, Regierungsmitglieder und Unternehmer zusammenbringen, um über die Verbindungen zwischen Wissenschaft, Technologie und Religion zu diskutieren. 2016 organisierte das Zentrum unter dem Titel „Die Allianz von Glauben und Wissenschaft, eine Interaktion zum Wohle Russlands“ eine kosmistisch inspirierte Gesprächsrunde.

Die Allianz von Religion und Wissenschaft lässt sich auch in der Hochschulbildung beobachten. In fünfzig weltlichen Universitäten gibt es inzwischen ein theologisches Institut. Die 2013 im angesehenen Moskauer Ingenieur- und Physikinstitut (MIFI) gegründete theologische Fakultät steht unter direkter Leitung des Metropoliten Hilarion. „Was ist die Beziehung zwischen Theologie und Atomforschung?“, fragte er in seiner Eröffnungsrede. „Angesichts der herausragenden und einzigartigen Rolle des MIFI in unserem Bildungssystem bin ich überzeugt, dass das theologische Institut an dieser besonderen Universität die Rolle eines grundlegenden Erneuerers spielen kann, indem es den Dialog zwischen Re­li­gion und Naturwissenschaft fördert.“17 Diese Vermischung findet sich auch in den Reihen der Kir­chen­funktionäre wieder, von denen die meisten noch an den wissenschaftlichen und technischen ­Universitäten der Sowjetunion ausgebildet wurden.

Die orthodoxe Kirche stimmt mit dem Kosmismus zwar in der Ablehnung einer Trennung von Glaube und Vernunft überein; dem radikalen Anthropozentrismus Fjodorows, der das Werk Gottes durch das des Menschen ersetzt, steht sie jedoch kritisch gegenüber. Sie distanziert sich damit von einer anderen, technikorientierten Interpretation der „russischen Idee“, die die Transhumanisten aus dem Kosmismus ableiten. Dazu gehört die vom Oligarchen Dmitri Itzkow gegründete Initiative 2045, die Forschungsprojekte in Molekulargenetik, Neurowissenschaften und Neuronaler Prothetik zur Verlängerung des Lebens und zum Bau androider Avatare fördert. Das Manifest der Bewegung bekennt sich klar zum Kosmismus und erwartet das Kommen einer „Neomenschheit“, die in der Lage ist, eine „Synergie zwischen der technologischen und spirituellen Entwicklung“ herzustellen, um „sich in einem gewaltigen kollektiven Geist, der Noosphäre, zu vereinen“. In einem Brief an Präsident Medwedjew lobte Itzkow 2011 die Bedeutung seines Programms: „Die Unsterblichkeit muss unsere nationale Idee werden.“18

1 Siehe Wladimir Sorokin, „Der Tag des Opritschniks“ (2008) oder „Der Zuckerkreml“ (2011), übersetzt von Andreas Tretner, Köln (Kiepenheuer & Witsch).

2 Dieses und die folgenden Zitate stammen aus Nikolaj Fedorov, „Das Museum, sein Sinn und seine Bestimmung“ in Boris Groys und Michael Hagemeister (Hg.), „Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2005.

3 Nikolaj Berdjaev, „Die russische Idee“, Sankt Augustin (Academia) 2015, S. 195, 197.

4 Michael Hagemeister, „Konstantin Tsiolkovskii and the Occult Roots of Soviet Space Travel“, in: Birgit Menzel, Michael Hagemeister, Bernice Glatzer Rosenthal (Hg.), „The New Age of Russia: Occult and Esoteric Dimensions“, Berlin/München (Sagner) 2012, S. 135–150.

5 Léonid Heller und Michel Niqueux, „Geschichte der Utopie in Russland“, Bietigheim-Bissingen (edition tertium) 2003, S. 249.

6 „Croix d’expiation et croix d’évolution“, in Attila Szekeres (Hg.), „Le Christ cosmique de Teilhard de Chardin“, Paris/Antwerpen (Seuil – Uitgeverij de Nederlandse Boekhandel) 1969.

7 Siehe George M. Young, „The Russian Cosmists: The Esoteric Futurism of Nikolai Fedorov and His Followers“, New York (Oxford University Press) 2012.

8 Siehe „The Hybrid Ideology. Historian Michael Hagemeister traces the trajectory of Russian cosmism“, Interview mit Andrey Shental, www.inrussia.com/the-hybrid-ideology.

9 Michael Hagemeister, „Le ,cosmisme russe’ – la ,philosophie de l’avenir’?“, Slavica Occitania, 2018.

10 Siehe Jean-Marie Chauvier, „Die Wiederentdeckung Eurasiens“, LMd, Mai 2014.

11 Witali Awerjanow, „Wir brauchen andere Menschen“ (russisch), in: Sawtra, Moskau, 14. Juli 2010.

12 Siehe Anaïs Llobet, „Russlands Kirche in Putins Staat“, LMd, März 2018.

13 Dmitri Rogosin, „Ohne den Kosmos kann Russland seine Träume nicht verwirklichen“ (russisch), in: Rossiskaja gaseta, Moskau, 11. April 2014.

14 Siehe Website der Verklärungskirche: www.zvezdnyi.moseparh.ru/istoriya-xrama.

15 Interview mit Pater Iow, Website der Verklärungskirche, 4. Dezember 2013: www.zvezdnyi.moseparh.ru.

16 Siehe Maria Engström, „Contemporary Russian messianism and new Russian foreign policy“, in: Contemporary Security Policy, Heft 3, Maastricht, 2014.

17 Rede des Metropoliten Hilarion, 16. Oktober 2012, www.mospat.ru.

18 Siehe die Website der Bewegung: www.2045.ru.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Juliette Faure ist Doktorandin am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und am Centre de recherches internationales der Sciences Po (Ceri).

Le Monde diplomatique vom 13.12.2018, Juliette Faure