Atlantische Lachse im Südpazifik

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Atlantische Lachse im Südpazifik

Atlantische Lachse im Südpazifik

In Chile ist die industrielle Aquakultur ein wichtiger Wirtschaftszweig – und sie produziert massive ökologische und soziale Probleme

von Cédric Gouverneur

Kurz vor Ablauf ihrer Amtszeit, am 29. Januar dieses Jahres, bestätigte die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, dass im Südwesten Patagoniens das größte Naturschutzgebiet Chiles entstehen wird. Der Nationalpark Kawésqar hat eine Fläche von 2,8 Millionen Hekt­ar und umfasst auch zahllose Inseln und Fjorde.

Allerdings wird sich der Naturschutz nur auf das Festland erstrecken, nicht jedoch auf die Küstengewässer und ihr empfindliches Ökosystem. Dieser unterschiedliche Status hat einen Grund: Die Lachsfarmen, die sich in der Region angesiedelt haben, sollen weiter expandieren können.

Die industrielle Lachszucht hat in den letzten zwanzig Jahren einen regelrechten Boom erlebt. 2016 hat sie weltweit 2,25 Millionen Tonnen auf den Markt gebracht; 1993 waren es erst 300 000 Tonnen;1 mengenmäßig wird lediglich mehr Thunfisch aus den Weltmeeren gefischt. Was das Handelsvolumen betrifft – der Umsatz mit Meeres- und Süßwasserprodukten liegt weltweit bei etwa 136 Milliarden Euro –, stehen Lachs und Forelle mittlerweile auf Platz eins.

In Chile war der Lachs 2017 mit einem Erlös von 3,4 Milliarden Euro nach Kupfer das zweitwichtigste Exportprodukt.2 In den 1980er Jahren hatte die Militärdiktatur die Zucht des Salmo salar eingeführt, der unter dem Namen „Atlantischer Lachs“ eigentlich nur auf der Nordhalbkugel heimisch ist. Dank der klimatischen und geografischen Ähnlichkeiten zu Norwegen, dem Pio­nier der Aquakultur (siehe nebenstehenden Artikel), hat sich die Zahl der zylindrischen Käfige in den fiordos (Fjorden) des Südpazifiks während der letzten Jahrzehnte vervielfacht.

Heute produziert Chile 23,6 Prozent des weltweit konsumierten Lachses. Zwei Drittel der Produktion werden exportiert, vor allem in die USA, nach Japan und Brasilien. Bis Januar 2018 hat die nationale Fischereibehörde (Sernapesca) 1310 Zuchtkonzessionen vergeben, 635 für die Region Aysén, 549 für die Region Los Lagos und 126 für die Region Magallanes.

Das Projekt des neuen Nationalparks betrifft vor allem das indigene Volk der Kawésqar. Deren Vorfahren waren Fischer, die mit ihren Kanus in den patagonischen Gewässern gefischt hatten, ehe sie Mitte des 20. Jahrhunderts sesshaft wurden. Vier der zwölf staatlich anerkannten Kawésqar-Gemeinden lehnen die Schaffung des Nationalparks ab, weil sie Einwände gegen den vorgesehenen Status einer „Küstenzone zur vielfältigen Nutzung“ haben.

„Das Meer ist fester Bestandteil unserer Kosmogonie“, erklärt Leticia Caro, die Sprecherin der vier oppositionellen Kawésqar-Gemeinden: „Es ist unsere Pflicht, das Meer und die Umwelt zu schützen. Dieser Park hat den Namen ‚Kawésqar‘ nicht verdient, er liefert das Meer nämlich der Lachsindustrie aus.“

Leticias Vater, Reinaldo Caro, ist Fischer. „Heute brauchen wir einen ganzen Tag, um die Menge zu fischen, die wir früher in anderthalb Stunden gefangen haben“, erzählt er und sieht die Schuld bei den Lachsfarmen: „Wo die salmoneras sind, ist das Wasser tot, weil sich die Abfälle auf dem Meeresboden ablagern.“ Und Reinaldo Caro hat eine weitere Klage: „Wenn wir Fische fangen, die aus den Zuchtfarmen ausgebrochen sind, und sie weiterverkaufen, müssen wir eine Strafe zahlen. Auch außerhalb der Käfige bleiben sie Eigentum des Unternehmens.“

Ähnliche Kritik kommt von mehreren NGOs: „Die Aquakultur ist allein auf ökonomisches Wachstum aus. Wie das Ökosystem das überstehen soll, ist denen egal“, meint Liesbeth van der Meer, Vizepräsidentin von Oceana Chile. Und Estefanía González von Greenpeace Chile sagt über die südlichste Region Magallanes, wo Wale und Pinguine leben: „Wir haben ausgerechnet, dass es dreißig Jahre dauert, bis sich das Wasser in den Fjorden vollständig erneuert hat. Warum holt man eine so schmutzige Industrie in ein so fragiles Ökosystem?“

Im April 2018 haben die Kawésqar einen ersten Sieg errungen: Die lokalen Behörden wollen das 2008 verabschiedete „Gesetz Lafkenche“, das indigenen Volksgruppen privilegierten Zugang zu ihren angestammten Küstenzonen garantiert, auch auf den neuen Nationalpark anwenden – sehr zum Verdruss der Lachsindustrie.

Bis übergeordnete Stellen endgültig entscheiden, was Jahre dauern kann, liegen über mehrere Jahre 80 Prozent der Konzessionsgesuche in der Region Magallanes auf Eis.

Óscar Garay ist der Geschäftsführer des Unternehmens Salmones Magallanes und zudem stellvertretender Vorsitzender der regionalen Vereinigung der Aquakulturbetreiber (Salmonicultores Magallanes). „Natürlich beeinflusst die Aquakultur die Umwelt“, räumt er ein, meint dann aber: „Wenn du ein Flugzeug nimmst, beeinflusst das auch die Umwelt. Die Frage ist doch, was genau sind die Auswirkungen und wie kann man die eindämmen?“

Und die Einbußen der Fischer? Die gebe es überall auf der Welt, auch da, wo es keine Lachsfarmen gibt: „Die Aquakultur verhindert dagegen, dass die Ozeane weiter leergefischt werden.“

Zum neuen Nationalpark und zum Gesetz Lafkenche meint er nur: „Nur ein paar Kawésqar erheben Anspruch auf das Küstengebiet, die anderen haben kein Problem mit dem Park. Natürlich haben die indigenen Völker Rechte, aber das Gesetz Lafkenche ist zu ungenau; da kann jeder kommen und exklusive Nutzungsrecht beanspruchen, nur weil seine Vorfahren mal ­irgendwo gelebt haben. Ich hoffe, dass Präsident Piñera das bald korrigiert.“

Der Milliardär Sebastián Piñera ist, nach einer ersten Amtszeit von 2006 bis 2010, im März 2018 erneut für die konservative Renovación Nacional (Nationale Erneuerung) in den Präsidentenpalast eingezogen. Im Wahlkampf hatte er versprochen, das Gesetz Lafkenche zu ändern: Der Schutz der indigenen Stätten sei wichtig, dürfe die wirtschaftliche Entwicklung aber nicht bremsen.

Der Veterinär Juan Carlos Cárdenas, Vorsitzender der NGO Centro Eco­cé­anos, sieht das ganz anders: „Die Aquakultur in Chile ist ein Produk­tions­modell, das staatlich kaum kon­trol­liert wird, weil man auf die Selbstregulierung der Unternehmen setzt.“ Nur bei einem von zehn Konzessionsgesuchen wird ein Gutachten zur Umweltverträglichkeit verlangt. Bei neun von zehn begnügen sich die Behörden mit einer schlichten Erklärung – des Betreibers.

„Der Staat steckt mit der Indus­trie unter einer Decke“, sagt Cárdenas. Und der letzte Wirtschaftsminister der Regierung Bachelet namens Jorge Ro­drí­guez Grossi war bis 2015 Direktor bei dem Konzern Australis Seafoods, der zu den größten chilenischen Lachs­züch­tern gehört.

Den umgekehrten Weg ging Felipe Sandoval Precht: Der frühere Staatssekretär für Fischerei im Wirtschaftsministerium stand von 2014 bis 2017 dem Wirtschaftsverband SalmonChile vor, dem praktisch alle Lachsproduzenten des Landes angehören.

Die Nähe zwischen Politik und Aquakulturbetreibern ist keine chilenische Besonderheit: Marit Solberg, die Leiterin der Operativabteilung des norwegischen Marktgiganten Marine Harvest, ist die Schwester von Pre­mier­ministerin Erna Solberg.

Zufällig ist Marine Harvest für einen spektakulären Betriebsunfall verantwortlich, der im Juli dieses Jahres gemeldet wurde. Aus einer Lachsfarm des Konzerns im Südwesten Chiles konnten nach einem Sturm 690 000 Fische „ausbrechen“, die für das Ökosystem eine große Gefahr darstellen.3

Für die chilenische Aquakultur war dies nicht die erste Katastrophe: 2007 waren Farmen an der gesamten Küste von der infektiösen Lachsanämie betroffen. Die hohe Fischkonzentration in den Unterwasserkäfigen beschleunigte die Ausbreitung des Virus, der fast die Hälfte der landesweiten Bestände vernichtete.

Anfang 2016 verendeten rund um Chiles zweitgrößte Insel Chiloé Millionen Lachse aufgrund der explosionsartigen Vermehrung giftiger Chattonella-Algen. Die überforderten Lachszüchter riefen um Hilfe, die Sernapesca genehmigte Sofortmaßnahmen „aufgrund höherer Gewalt“.

Im März 2016 kippte die chilenische Marine 9000 Tonnen verwesenden Lachs ins Meer rund um die Insel, die Folge war eine zweite Blüte toxischer Algen, diesmal vom Typ Alexandrium catenella. Diese sogenannte rote Algenpest dezimierte die gesamte Fauna. Die Fischer der Insel waren empört, denn ihre Meeresprodukte waren nicht mehr zum Verzehr geeignet.

Als Entschädigung wollte die Regierung gerade mal umgerechnet 135 Euro pro Fischer zahlen. „Da sind wir auf die Barrikaden gegangen“, erzählt Marcela Ramos. Die Lehrerin ist zu einer der Anführerinnen der Protestbewegung auf Chiloé geworden: „Wir haben 18 Tage lang die Straßen und Fähren blockiert. Wir wollten, dass die Lachs­industrie ihre Schuld zugibt und für den Schaden aufkommt.“

Vom 2. bis 19. Mai 2016 war die Insel komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Da die Regierung die Blockade unbedingt bis zum Tag der Marine am 21. Mai beendet sehen wollte, hat sie dann höhere Entschädigungen bewilligt. Aber sie hat seitdem nichts getan, um künftigen Katastrophen vorzubeugen.“

Die Demonstranten von Chiloé sind überzeugt, dass die rote Algenpest von den faulen Fischen ausgelöst wurde. Dagegen bestreiten die Anhänger der Aquakultur jeden Zusammenhang und verweisen auf frühere Fälle: Francisco Coloane habe das Phänomen bereits 1945 in seinem Roman „Golfo de ­Penas“ beschrieben. Lachszuchtunternehmer Óscar Garay erinnerte gar an das Sterben einer ganzen Kolonie spanischer Siedler in der Magellanstraße im 16. Jahrhundert: „Die Tragödie von Port Famine soll auch durch eine rote Algenpest verursacht worden sein. Und, gab es damals schon Lachsfarmen?“

Ähnlich sieht es Alicia Gallardo, stellvertretende Leiterin der Abteilung Aquakultur von Sernapesca in Valparaíso: „Das Umweltgericht hat in einem Urteil vom 29. Dezember 2017 klargestellt, dass es keine Beweise für eine Beziehung zwischen der Aquakultur und der roten Algenpest gibt. Die Erklärung sei vielmehr bei der Klimaerwärmung zu suchen.“

Der Meeresbiologe Tarsicio Antezana, der früher Ozeanografie im US-amerikanischen San Diego lehrte, hält dem entgegen: „Der Klimawandel hat mit der roten Algenpest nichts zu tun. Ammoniak, das bei der Verwesung freigesetzt wird, befördert dieses Phänomen. Sernapesca untersteht dem Wirtschaftsministerium. Und was ist diesem Ministerium wohl wichtiger: die Umwelt oder das Wirtschaftswachstum?“

Die chilenische Lachsindustrie beschäftigt 5 bis 6 Millionen Menschen, noch einmal doppelt so viele Arbeitsplätze hängen indirekt von ihr ab. Deshalb können die Unternehmer stets auf die Bedeutung des Sektors verweisen. Unerwähnt bleibt dabei, dass es sich meist um prekäre und schlecht bezahlte Jobs handelt.

Darauf verweist Gustavo Cortez, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Lachsarbeiter auf Chiloé. Er erzählt von seinem Arbeitsplatz in der Fischfabrik des norwegischen Konzerns Marine Farms. Der Monatslohn für den Zehnstundentag liegt bei umgerechnet 535 Euro: „Viele Kollegen machen Überstunden, um über die Runden zu kommen.“

Die rote Algenpest führte, wie schon die Lachsanämie von 2007, zu einer gewaltigen Entlassungswelle. 80 bis 90 Prozent der Farm­arbeiter auf Chiloé wurden arbeitslos. „Wir mussten kämpfen, um überhaupt eine Entschädigung zu bekommen, während die Lachsunternehmen trotz der Krise ein sehr gutes Jahr hatten“, schimpft der Gewerkschafter.

Der Lachspreis stieg von März bis April 2016 von 5,90 Dollar auf 7,33 Dollar pro Kilo, im September erreichte er sogar 9 Dollar.4 Der Unternehmer Garay findet das in Ordnung: „Es ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Sinkt das Angebot und die Nachfrage bleibt dieselbe, dann steigt der Preis.“

Um die Krankheiten zu bekämpfen, setzt die chilenische Lachs­industrie große Mengen Antibiotika ein: fünf- bis siebenmal mehr als in Norwegen. „80 Prozent der importierten Antibiotika gehen in die Aquakultur“, meint Liesbeth van der Meer. Die WHO warnt bereits vor resistenten Keimen, und selbst die Sernapesca fordert, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren.

Hinter vorgehaltener Hand gesteht die chilenische Regierung mittlerweile ein, dass die Aquakultur in den Regionen Los Lagos und Aysén an ihre Grenzen stößt. „Wir werden dort keine weiteren Konzessionen mehr vergeben“, erklärt Alicia Gallardo von Sernapesca. „Im Sinne einer ökologischen und nachhaltigen Entwicklung gehen wir daran, die Lachszucht wieder zu relokalisieren.“

Doch die Industrie schielt bereits nach der Region Magallanes im äußersten Süden Chiles: „Dort gibt es 52 000 Kilometer Küste“, schwärmt Óscar Garay, „ das sind mehr als in den Regionen Los Lagos und Aysén zusammen.“

Im Mai 2017 hat Gabriel Boric, 2011 Anführer der chilenischen Studentenproteste, heute Abgeordneter von Frente Amplio, im Parlament ein Moratorium für den Ausbau der Lachsindustrie vorgeschlagen. Es sollte so lange keine Konzessionen mehr erteilt werden, bis wissenschaftlich geklärt sei, was dem Ökosystem zuzumuten ist. Der Entwurf wurde als verfassungswidrig abgelehnt.

1 „The State of World Fisheries and Aquaculture“, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Rom 2016.

2 Chilenische Zentralbank, Santiago, www.aqua.cl.

3 Siehe Süddeutsche Zeitung vom 2. August 2018. Die Fische selbst sind stark mit Antibiotika belastet, weil sie zu Fischfutter verarbeitet werden sollten.

4 Marktstudien, www.indexsalmon.com.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Cédric Gouverneur ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 13.09.2018, von Cédric Gouverneur