13.09.2018

Schlechte Noten für den Primus

zurück

Schlechte Noten für den Primus

Seitdem es in Schweden immer mehr Privatschulen gibt, fällt das Land im Pisa-Vergleich zurück

von Violette Goarant

Silke Blomeyer, Terrai Slide, 2009/2017, Acryl auf Leinwand, 95 x 120 cm
Audio: Artikel vorlesen lassen

Elsa Heuyer ist Französischlehrerin am privaten Drottning-Blanka-Gymnasium im Süden Stockholms. Als Angestellte des börsennotierten Bildungsunternehmens AcadeMedia musste sie lernen, Zeit und Raum optimal zu nutzen. Das Gebäude wird noch von einer anderen Schule genutzt, weshalb Heuyer in zwei Klassen gleichzeitig unterrichten muss – und das auf einer Teilzeitstelle.

Ihre in Vollzeit beschäftigten Kolleginnen Sandra Nylen und Adrian Reyes unterrichten zwei Fächer und betreuen außerdem jeweils 15 Schülerinnen und Schüler als Mentoren: Per Telefon oder Mail stehen sie in regelmäßigem Kontakt mit den Eltern: „Wenn ein Schüler Probleme hat, dann ist der Mentor schuld“, seufzt Reyes.

So kommt es vor, dass Mentoren ihren Schülern Nachhilfe in Fächern geben, die sie selbst gar nicht unterrichten. „Ich frage meine Schüler ständig, ob alles in Ordnung ist, weil ich weiß, dass mein Direktor mich dafür zur Rechenschaft ziehen wird“, erzählt Nylen. „Aber was soll ich machen, wenn sie gleich in mehreren Fächern schlechte Noten haben?“

Der Schulleiter des Drottning-Blanka-Gymnasiums braucht gute Ergebnisse, sonst melden die Eltern ihre Kinder wieder ab oder gar nicht erst an. Nach dem Regierungswechsel, der 1991 eine bürgerliche Koalition an die Macht brachte, führte Ministerpräsident Carl Bildt von der Moderaten Sammlungspartei „Bildungsschecks“ ein. Seitdem sind die Eltern nicht mehr an das Einzugsgebiet gebunden und können sich die öffentliche oder private Schule selbst aussuchen. Fällt die Wahl auf eine Privatschule (auf Schwedisch friskolor), muss die Kommune dieser Schule einen Scheck oder Gutschein ausstellen. Die Höhe des Gutscheins entspricht der Summe, die die Gemeinde für einen Schüler an einer öffentlichen Schule ausgibt (in Stockholm sind das 10 000 Euro pro Jahr). Das Ergebnis: Während es in den 1990er Jahren kaum Privatschulen gab, lagen 2017 fast 20 Prozent der Grundschulen, die in Schweden von der ersten bis zur neunten Klasse gehen, in privater Trägerschaft.1

Um ihre „Kunden“ zufriedenzustellen, vergeben sie inflationär gute Noten. Da auch die landesweiten Abschlussklausuren an den Schulen intern korrigiert werden, fällt der Schwindel nicht weiter auf. „Im Grunde ist das hier ein Wunschkonzert“, meint Elsa Heuyer, die Ende Juni Nachhilfe geben muss, damit unzufriedene Schülerinnen und Schüler ihre Noten „korrigieren“ können. Viele Lehrer bevorzugen eine Versetzung in die nächste Klassenstufe, anstatt den Schülern schlechte Noten und damit ein Gefühl des Scheiterns zu geben – und sich selbst viel Arbeit und zusätzlichen Stress aufzuhalsen.

So wird eine Erfolgsillusion erzeugt, die dem internationalen Vergleich schon länger nicht mehr standhält. Hatte Schweden in der ersten Pisa-Studie von 2000 noch zu den Spitzenreitern gehört, lag es 2015 nur noch im Mittelfeld der OECD-Länder, insbesondere die Ergebnisse in Naturwissenschaften und Mathematik fielen deutlich schlechter aus.2

Schweden gibt mit über 7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) mehr Geld für Bildung und Erziehung aus als jedes andere europäische Land.3 Zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt das allerdings nicht: Die Leistungsunterschiede zwischen starken und schwachen Schülerinnen und Schülern nehmen zu. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund sind häufig die Leidtragenden.

Gleichzeitig boomen die Privatschulen, auch wenn die Ergebnisse bei gleichem sozioökonomischen Profil an den öffentlichen Schulen besser ausfallen – wie übrigens in den meisten Indus­trie­nationen. Doch da an Privatschulen meist weniger Schüler aus sozial benachteiligten Familien kommen, stehen sie im Gesamtvergleich besser da.

Die Konkurrenz durch Privatschulen beeinflusst auch das öffentliche Schulwesen. Eine Reform zur Individualisierung des Bildungswegs bietet den Schülern mehr Freiheiten, benachteiligt allerdings Kinder aus ärmeren Haushalten. „Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer wird immer mehr zur Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister“, sagt Henrik Wall, Lehrer für Geschichte und Sozialkunde an der staatlichen Grundschule Skarpnäck, einem südlichen Vorort Stockholms. Im Team mit drei Kollegen kümmert er sich um etwa 70 Sechstklässler, jede Woche findet ein „Schülerrat“ statt.

Am Besprechungstisch im Lehrerzimmer trägt Mathematiklehrerin Ida Sjödin die neuesten Forderungen der Schülerinnen und Schüler vor: „Sie wollen während des Unterrichts auf Toilette gehen, Kopfhörer tragen, Kaugummi kauen und ihre Handys benutzen.“

Heiße Schokolade für die Schulschwänzerin

Wall beneidet Frankreich, wo die Lehrer, wie ihm scheint, „nur ihre Stunden vorbereiten, unterrichten und Hausaufgaben korrigieren müssen“. Hier in Schweden sind die Lehrer, abgesehen von den Pausenaufsichten, noch für die Organisation von Prüfungen, Einführungsveranstaltungen und Sportausflügen zuständig. Zudem erstellen sie die Stundenpläne und füttern ihren Blog mit aktuellen Informationen. Die einzelnen Lehrerteams treffen sich jede Woche zum „kollegialen Lernen“. Die gesamte Lehrerschaft ist außerdem zur regelmäßigen Evaluation angehalten: Lehrerinnen und Lehrer verfassen „Reflexionsberichte“ und führen im Auftrag der Schulleitung Umfragen zur Schülerzufriedenheit durch.

Nach dem Vorbild der friskolor fühlen sich auch die Lehrkräfte an staatlichen Schulen verpflichtet, jeden Schüler individuell zu betreuen und zugleich die Gruppendynamik im Blick zu behalten – ein Balanceakt. Wenn Ida Sjödin Mathematik unterrichtet, steht die Klassentür sperrangelweit offen, und die Schüler dürfen Musik hören, während sie ihre Aufgaben erledigen. „Ich kann mich dann besser konzen­trie­ren“, sagt Kevin mitten im Gewusel seiner Klassenkameraden, die auf der Suche nach einem Stift oder einem Radiergummi durchs Klassenzimmer laufen. Manche Kinder arbeiten zu zweit, helfen sich gegenseitig und reden dabei laut aufeinander ein. Wer Ruhe braucht, wie Märta, trägt Schallschutzkopfhörer.

Eine jugendliche Schulschwänzerin wird von ihrer Mentorin auf eine heiße Schokolade eingeladen. Im Anschluss erläutert Sophia Berglin ihren Kollegen den neuen individuellen Stundenplan des Mädchens – auch wenn diese sich nicht dazu verpflichtet hat, dem Plan zu folgen. Ein Störenfried wird bei der Schulpsychologin mit Keksen empfangen.

Alles zielt darauf ab, Konflikte zu vermeiden, zu verhandeln und eine Beziehung „auf Augenhöhe“ zwischen Schülern und Lehrern zu schaffen, erklärt Henrik Wall – und man nimmt das Risiko in Kauf, dass die Jugendlichen die Situation ausnutzen. 2017 verzeichnete die schwedische Arbeitsschutzbehörde insgesamt 767 Anzeigen wegen Körperverletzung oder Gewaltandrohung an Schulen, doppelt so viele wie 2012. Die Gewalt richtet sich dabei vor allem gegen Lehrerinnen und Lehrer.

In der staatlichen Grundschule von Skarpnäck lassen sich die Missstände auch an dem hohen Krankenstand ablesen: Jeden Tag fehlen fast 10 Prozent der Lehrkräfte. Sie werden von Aushilfslehrern einer privaten Firma vertreten. Kann das Vertretungspersonal die Lücke nicht schließen, beaufsichtigen die anwesenden Kollegen die Klassen und unterrichten zuweilen Fächer, in denen sie selbst Laien sind. Erika Frimodig, Sportlehrerin und Gewerkschaftsmitglied, erzählt uns, sie habe zwei Jahre lang in einer sechsten Klasse Französisch unterrichtet: „Ich kann ein bisschen Französisch, meine Tochter wohnt in Paris“, sagt sie, als sei das ganz selbstverständlich.

Ab dem Schuljahr 2018/19 müssen digitale Medien im Unterricht zum Einsatz kommen – so sieht es der frisch ergänzte Lehrplan vor. Die Qualität ihrer IT-Ausstattung nutzen die Schulen, um neue Schüler anzuwerben. Das Drottning-Blanka-Gymnasium gibt MacBook Airs an Schüler und Lehrer aus, während die staatliche Grundschule in Skarpnäck hunderte von iPads angeschafft hat und Experten einlädt, die Vorträge darüber halten, wie die Technik im Unterricht sinnvoll eingesetzt werden kann.

Laptops im Klassenzimmer, aber keine Bibliothek

Trotz neuester technischer Ausstattung verteilen die Lehrer im Drottning-Blanka-Gymnasium aber immer noch Fotokopien und Bleistifte: „Die Schüler lesen nicht gern auf dem Bildschirm“, erklärt Elsa Heuyer, die ganz bestürzt ist von dem Suchtverhalten der Jugendlichen. Sandra Nylen fügt hinzu: „Letzten Donnerstag brach die Internetverbindung zusammen, und mehrere Schüler haben mich gefragt, ob der Unterricht ausfällt.“

Die Kunskapsskolan („Schule des Wissens“) ist einer der wichtigsten Akteure auf dem privaten Bildungsmarkt. Die Digitalisierung zählt hier zu den „sechs Zukunftskompetenzen“, wie man auf der Webseite nachlesen kann; dazu bietet das Unternehmen ein eigenes Online-Lernprogramm namens Kunskapsskolan EDucation (KED) an. Die Grundschule von Enskede, unweit von Skarpnäck gelegen, ist die Vorzeigeschule des Unternehmens. In den Räumen einer alten Fabrik drängen sich auf zwei Etagen 500 Schülerinnen und Schüler, die einzelnen Klassenzimmer sind nur durch Glaswände von­ein­ander getrennt. Anstelle eines Schulhofs hat die Firma einen städtischen Fußballplatz gemietet.

Dagegen sind die beiden Gebäude der staatlichen Grundschule von Skarp­näck viel komfortabler, mit lichtdurchfluteten Räumen, zwei Turnhallen und zwei Schulhöfen mit Basketballplätzen. Neben dem Fußballplatz befindet sich die Kantine, im ersten Stock ist die Schulbibliothek untergebracht.

Die Schüler von Kunskapsskolan haben keine Bibliothek – brauchen sie auch nicht, denn auf Bücher wird komplett verzichtet. Nach einigen Elternbeschwerden gibt es zwar immerhin eine Onlinelizenz für Biologiebücher, das ist jedoch alles. Auch der Stundenplan auf Papier soll bald abgeschafft werden, zum großen Leidwesen der Lehrer. Ihr Arbeitgeber ist da weniger skeptisch: „Die künftigen Generationen müssen auf eine in ständigem Wandel begriffene Welt vorbereitet werden und in der Lage sein, sich an den Arbeitsmarkt anzupassen“, heißt es in einem Werbe­video der „Schule des Wissens“.

Die Schülerinnen und Schüler der Kunskapsskolan erstellen ihren Stundenplan jede Woche selbst – nach ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem jeweiligen Lernrhythmus. Sie besuchen „Ateliers“ und arbeiten am Laptop „Statio­nen“ ab, die anschließend von einer Lehrkraft kontrolliert werden. Jede Woche trifft sich jeder Schüler eine Viertelstunde mit seinem Mentor, um einen neuen „Aktionsplan“ zu erstellen.

Die Englisch- und Französischlehrerin Stéphanie Arsenau-Buissière sitzt in der Cafeteria, die auch als Klassenraum dient, und berichtet vom „familiären Verhältnis“ zu ihren Schülern. Jeder Angestellte bei Kunskapsskolan soll, wie es im Werbeclip heißt, zugleich „Mentor, Ansprechpartner, persönlicher Begleiter, Fachexperte, Freund und Wegweiser“ sein.

Cecilia Carnefeldt ist Geschäftsführerin von Kunskapsskolan, ihr Vater hat das Unternehmen 1999 gegründet. Sie ist begeistert von den Lern­methoden, die ihrer Meinung nach die Selbstständigkeit der Schüler fördern und weniger Lehrpersonal brauchen. Ja, Schweden sei in der Pisa-Studie zurückgefallen, aber die sei ohnehin keine Referenz, vor allem weil sie Kreativität und Teamarbeit nicht bewerte. Sie selbst hat ihre Kinder an der freien Schule im Schloss Fredrikshov angemeldet, wo man Mathematik nach einer Methode aus Singapur unterrichtet – dem Pisa-Spitzenreiter von 2015.

Carnefeldt verteidigt das Profitsystem im Bildungssektor, bei der private Firmen ihren Gewinn allein aus der Vergabe öffentlicher Gelder ziehen: „Es gibt viele private Auftragnehmer des Staats. Manche stellen Möbel her, andere Bücher. Egal um welche Industrie es geht, wenn Sie ernsthaft arbeiten wollen, müssen Sie rentabel sein. Verluste wären für die Kunden nicht vorteilhaft – wenn ich unsere Schüler einmal so nennen darf.“ Kunskapsskolan investiert seine Gewinne derzeit vor allem in die internationale Expansion des Unternehmens (siehe Artikel auf Seite 21).

Bildung sei eine komplexe gesellschaftliche Aufgabe und keine Indus­trie, erwidert Samuel E. Abrams, Leiter eines Studienzentrums an der Columbia University in New York, das sich mit den Folgen der Privatisierung von Bildung beschäftigt: „Diejenigen, die in diesem Sektor Profite erzielen, handeln nicht in erster Linie im Interesse der Bürger. Eltern, Steuerzahler oder Gesetzgeber können sich nicht sicher sein, ob die Schüler tatsächlich das lernen, was sie lernen sollen. Mit der Möglichkeit, Gewinn zu machen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit der Veruntreuung von Geldern.“

Jüngste Studien zeigen, dass vor allem wohlhabende Familien ihre Kinder in die friskolor schicken. „Kinder von Einwanderern und aus sozial benachteiligten Familien kommen nicht zu uns“, bestätigt auch Arsenau-Buissière. Per Kornhall, ein unabhängiger Wissenschaftler, der zu gesellschaftlichen Segregationseffekten des Bildungssystems arbeitet, fügt hinzu: „Wenn Sie in ein Land immigrieren, dessen Sprache Sie nicht sprechen, kommen Sie nicht an die entscheidenden Informationen. Sie melden ihr Kind einfach an der Schule an, wo auch Freunde oder Nachbarn ihre Kinder hinschicken.“ Um diesem Missstand abzuhelfen, gibt es auf der Website der Stadt Stockholm neuerdings einen Schulvergleich, in dem die Schulen nach der Schülerzufriedenheit, dem Betreuungsschlüssel oder dem Prozentsatz qualifizierter Fachlehrer gelistet werden.

Auch frühere Anhänger der Schulprivatisierung betrachten diese mittlerweile als Fehler. „Wir haben die Macht der Wirtschaft unterschätzt“, sagt Åsa Fahlén, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Lärarnas Riksförbund. Sie empfängt uns in ihrem Büro im Gewerkschaftshaus, direkt gegenüber liegt das Grab von Olof Palme. Der 1986 ermordete Premierminister gilt als Symbol­figur des schwedischen Sozialismus alter Schule: engagiert im Kampf für die Arbeiterklasse, die internationale Solidarität und den Feminismus, und Verfechter eines starken Staats. Fahlén gibt zu, dass die beiden wichtigsten Lehrergewerkschaften des Landes (Lärarnas Riksförbund und Lärarforbundet) eine wichtige Rolle bei den Privatisierungen im Bildungssektor gespielt haben: „Wir waren dafür, dass es Privatschulen mit verschiedenen pädagogischen Ansätzen geben sollte“, sagt sie. „Das sollte für mehr Pluralismus und Vielfalt sorgen, und durch die Konkurrenz sollten die Gehälter steigen. Aber es ist genau das Gegenteil eingetreten.“

Für den Erziehungswissenschaftler Emil Bertilsson von der Universität Uppsala haben so „die Gewerkschaften selbst zur Entwertung des Lehrerberufs beigetragen“. Seine Kollegin, die Politikwissenschaftlerin und Verwaltungsexpertin Shirin Ahlbäck Öberg, beklagt: „Lehrer verbringen heute mehr Zeit mit ihren Berichten als mit der Vor­bereitung des Unterrichts. Alles, was den Beruf früher so attraktiv gemacht hat, ist weggefallen.“ Die Zahlen geben ihr recht: Im Schnitt wenden schwedische Lehrkräfte nur noch ein Drittel ihrer Arbeitszeit für die Unterrichtsvorbereitung und das Unterrichten selbst auf.4

Zusätzliche Arbeit verursachen vor allem die Berichte, die die Schulen den Kommunen vorlegen müssen. „Das sind echte Zeitfresser“, sagt Ahlbäck Öberg. „Das Parlament hat bereits versucht, diese Aufgaben zu begrenzen, aber die Gemeinden fordern weiterhin Berichte über die Aktivitäten und Ergebnisse der Schulen, die sie finanzieren. Die Lehrer können nicht mehr in Ruhe arbeiten.“

Der Lehrerberuf wird immer unattraktiver, zumal das Gehalt im Schnitt 200 Euro unter dem schwedischen Durchschnittseinkommen liegt. „Lehrerkinder wollen selbst nicht mehr Lehrer werden – das ist ein Zeichen“, beobachtet Bertilsson. „Die guten Schüler, von denen früher viele ganz selbstverständlich den Beruf ergriffen, entscheiden sich heute für einen anderen Weg.“ Die Zahl der Lehramtsstudenten sinkt, was wiederum die Universitäten dazu veranlasst, bei der Auswahl der Bewerber weniger anspruchsvoll zu sein.

Nach dem Studium sind die angehenden Lehrer den Regeln des Arbeitsmarkts unterworfen. Mit Lebenslauf und Motivationsschreiben bewerben sie sich direkt bei den Schulen, was die qualitativen Unterschiede zwischen den einzelnen Lehranstalten vergrößert. „Die Besten wollen dort arbeiten, wo die leistungsstärksten Schüler sind“, meint Bertilsson.

Auf der anderen Seite hatte nach Angaben der Nationalen Bildungsagentur Skolverket im Schuljahr 2017/18 fast ein Viertel alle Grundschullehrer nicht das entsprechende fachliche Zertifikat. Eine Notlösung, die eigentlich schon seit 2006 verboten ist. Und weil das fachliche Zertifikat auch Voraussetzung für einen Gewerkschaftsbeitritt ist, gibt es weniger Lehrer, die sich wehren und auf die Barrikaden gehen. Manche wissen noch nicht einmal, dass sie ein staatlich garantiertes Streikrecht haben.

1 Pressedienst der Nationalen Bildungsagentur (Skolverket).

2 „PISA 2015 Results in Focus“, OECD, 9. Dezember 2016, www.oecd-ilibrary.org.

3 Statistik der Bildungsausgaben, Eurostat, Juli 2017.

4 Nach Zahlen der Nationalen Bildungsagentur (Skolverket) für 2013.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Violette Goarant ist Journalistin und lebt in Stockholm.

Le Monde diplomatique vom 13.09.2018, von Violette Goarant