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Lehrstück der Ausgrenzung

Lehrstück der Ausgrenzung

An den höheren Schulen Frankreichs wird Arabisch zur exotischen Sprache degradiert von Emmanuelle Talon

Vor anderthalb Jahren fand im Pariser Théâtre du Rond-Point eine Podiumsdiskussion über Populismus statt, bei der der damalige französische Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire ein merkwürdiges Beispiel anbrachte. Es sei populistisch, meinte er, wenn „verschleierte Frauen an öffentlichen Schulen Arabisch unterrichten“ dürften. Erstaunlicherweise reagierte im Publikum niemand auf die Ungeheuerlichkeit dieser ebenso falschen wie verräterischen Aussage.

Wie heißt es noch in Artikel 1 der Verfassung? „Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik.“ Nach dem Grundsatz der Laizität sind religiöse Bekundungen im öffentlichen Dienst also ausdrücklich verboten.1 Den Schulbehörden und Gerichten kann man in diesem Punkt wahrlich keine Laxheit vorwerfen.

Umgekehrt könnte man es hingegen sehr wohl als Populismus bezeichnen, wenn jemand den Arabischunterricht an Schulen mit muslimischem Bekehrungseifer in einen Topf wirft. Dieser weitverbreitete und fatale Trugschluss ist nämlich dafür verantwortlich, dass der Arabischunterricht an Frankreichs öffentlichen Schulen ein Schattendasein führt.

In Frankreich leben vier Millionen arabische Muttersprachler. Arabisch ist die am zweithäufigsten gesprochene Sprache. In Alltag und Kultur ist das Arabische fest verankert.2 So begeistern Komiker und Schauspieler wie Jamel Debbouze („Die fabelhafte Welt der Amélie“) ihr Publikum gerade durch ihr Spiel mit der arabischen Sprache. Und seit Frankreich 1999 „die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ unterzeichnet hat – ratifiziert wurde sie allerdings immer noch nicht –, ist Arabisch als „Sprache in Frankreich“ anerkannt. All das hat nur leider nichts daran geändert, dass die Sprache an dem Ort, wo die Zukunft des Landes ausgebildet wird, sträflich vernachlässigt wird.

In 45 von 101 französischen Departements wird an den öffentlichen Schulen überhaupt kein Arabischunterricht angeboten. In Paris gibt es das Fach lediglich an drei Mittelschulen (Collèges), die mit der 10. Klasse enden, und an acht Lycées (Sekundarstufe II). Dabei rangiert Arabisch oft nur unter der Rubrik „Langue Inter-Établissements“ (LIE), dem Unterrichtsangebot für die sogenannten seltenen Sprachen (wie zum Beispiel Korsisch, Dänisch, Persisch, Niederländisch oder Türkisch). Diese freiwilligen Zusatzkurse mit zwei Wochenstunden finden abends oder am Mittwoch- oder Samstagnachmittag statt.

Von allen Schülern in der Sekundarstufe II entscheiden sich gerade einmal 6 000 für Arabisch, während 15 000 Chinesisch wählen, 14 000 Russisch und 12 000 Portugiesisch. Das Ministerium für Jugend, nationale Erziehung und Wissenschaft behauptet, das liege nicht am Angebot, sondern an der geringen Nachfrage. Daher sehe man sich nicht in der Lage, mehr Arabischkurse einzurichten. Das ist auch der Grund, warum frei werdende Stellen nicht wiederbesetzt und die für den Unterricht an höheren Schulen qualifizierten Lehrerposten abgebaut werden.

Der Staat fördert ungewollt die Koranschulen

Die Behauptung, es gebe zu wenig Interesse an der Sprache, passt allerdings nicht zu den Fakten: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die bei gemeinnützigen, konfessionellen oder säkularen Trägern Arabisch lernen, steigt seit Mitte der 1990er Jahre kontinuierlich an. Laut Innenministerium lernen 65 000 Schüler in Gemeindeeinrichtungen Arabisch, also zehnmal so viele wie an öffentlichen Schulen.

Natürlich können Eltern, die wollen, dass ihr Kind an einer öffentlichen Schule Arabisch lernt, einen Brief an den Schulrat schreiben. Aber das kommt nur selten vor. „Die betroffenen Eltern gehören nicht zu den Leuten, die sich auf die Hinterbeine stellen, um neue Unterrichtsangebote zu erzwingen“, sagt Christine Coqblin, die am Pariser Lycée Diderot Englisch unterrichtet. Der Schulrat kann die Direktoren auch nicht dazu verpflichten, Arabischunterricht anzubieten. Er kann sie nur darum bitten.

2010 war von den sieben weiterführenden Schulen in den traditionellen Intellektuellenvierteln der Rive Gauche keine einzige bereit, Arabischkurse einzurichten. Aus unterschiedlichen Gründen: Es würden bereits mehrere seltene Sprachen unterrichtet, hieß es; man fürchte um den guten Ruf der Schule, da mit dem Arabischangebot eher problematische Schüler angezogen würden; und Schulen mit einem hohen Prozentsatz jüdischer Schüler scheuten die Reaktion der Eltern.

An den Grundschulen hingegen lernen noch 40 000 Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Elco (Enseignements de langue et culture d’origine, dem herkunfts- beziehungsweise muttersprachlichen Unterricht) Arabisch bei Lehrern, die aus den drei Maghrebländern Tunesien, Algerien und Marokko nach Frankreich geschickt und von diesen Staaten auch bezahlt werden. Auch an seiner Hochschule, berichtet Luc Deheuvel, Vizepräsident des Instituts für orientalische Sprachen und Kulturen (Inalco), habe sich die Gesamtzahl der Arabischstudierenden in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Das Problem stellt sich also nur in der Sekundarstufe, ausgerechnet in einer Schlüsselphase der Pubertät.

Wie der Orientalist Jacques Berque bereits 1985 in seiner für das Ministerium für Jugend, nationale Erziehung und Wissenschaft verfassten Studie „Immigranten an der Schule“ festgestellt hat, gehört es zu einer gelingenden Integration, dass die Schule die Sprache und Kultur des Herkunftslands der Eltern anerkennt. Jahrzehnte später sorgt hingegen gerade die gelingende Integration oft dafür, dass Einwandererkinder, die die Sprache ihrer Eltern und Großeltern nicht mehr selbstverständlich lernen, das Bedürfnis verspüren, an ihre kulturellen Wurzeln anzuknüpfen.3

Wenn der Staat sich weigert, auf diese Nachfrage einzugehen, geschieht genau das, was man eigentlich verhindern wollte: die Rückbesinnung auf die muslimische Gemeinde. Dabei schicken viele Eltern ihre Kinder aus rein praktischen Beweggründen in die Koranschule: „Den Eltern wird es lieber sein, wenn ihre Kinder in der Schule Englisch und Spanisch lernen. Aber weil man sie auch in ihrer Freizeit irgendwie beschäftigen muss, meldet man sie eben zum außerschulischen Arabischunterricht an“, erklärt Zeinab Gain, Arabischlehrerin am Lycée Voltaire in Paris.

Man sollte sich aber auch nichts vormachen: Die aus dem Ausland geholten Sprachlehrer an den Koranschulen haben einfach andere pädagogische Grundsätze als ihre säkular geprägte Umgebung in Frankreich. Allein das antiquierte Autoritätsverhältnis zwischen „Meister und Schüler“ oder die Ideologisierung und Mystifizierung der arabischen Sprache stehen in einem krassen Gegensatz zu den Unterrichtsmethoden und -inhalten an den öffentlichen Schulen. An den Gemeindeschulen kommt meist, in Anlehnung an die maghrebinische Unterrichtstradition, auf eineinhalb Stunden Sprachunterricht eine halbe Stunde Islamunterricht.4

Dabei hat Arabisch als Unterrichtsfach in Frankreich eine lange Tradition: Frankreich richtete als erster westeuropäischer Staat 1530 im Kollegium der königlichen Vorleser (Collège des lecteurs royaux, heute bekannt als Collège de France) einen Lehrstuhl für Arabisch ein. Und der Vorläufer des Instituts für orientalische Sprachen, die École des jeunes de langues, die Dolmetscher und Übersetzer für den diplomatischen Dienst und den Handel mit der Levante und dem Osmanischen Reich ausbildete, wurde 1669 von Jean-Baptiste Colbert gegründet, dem Finanzminister Ludwigs XIV. Seit 1906 ist Arabisch staatlich anerkanntes Schulfach.

Um die gegenwärtige Entwicklung zu verstehen, muss man in die 1980er Jahre zurückgehen. 1981 lieferten sich am Stadtrand von Lyon, zwischen den Betonklötzen von Minguettes, arabische Jugendliche und Polizisten regelrechte Straßenschlachten. In Lyon gab es damals den katholischen Priester Christian Delorme, der sich für den interreligiösen Dialog einsetzte. Gemeinsam mit dem jungen Toumi Djaïda aus Minguettes organisierte Delorme im Dezember 1983 einen landesweiten „Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus“, an dem allein in Paris 100 000 Menschen teilnahmen.

1989, im selben Jahr, in dem der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini den britisch-indischen Salman Rushdie mit einer Fatwa zum Tode verurteilte, bekamen in Creil (Region Picardie) drei Mädchen einen Schulverweis, weil sie sich geweigert hatten, während des Unterrichts ihr Kopftuch abzulegen. Sowohl die Unruhen in Minguettes als auch der Widerstand der drei Schülerinnen machten in allen Zeitungen Schlagzeilen. Danach wandelte sich das Bild von den muslimischen Gemeinden in Frankreich.

Die Sprache der Kolonisierten wird erneut unterdrückt

Die Einwanderung aus dem Maghreb wurde auf einmal landesweit zum Streitthema. „Damals begann man ganze Klassen aufzulösen“, erinnert sich Bruno Levallois, Schulrat und Vorstandsvorsitzender des berühmten Institut du monde arabe (IMA). „Viele Schuldirektoren bekamen plötzlich Angst vor den vielen Arabern, die bei uns lebten und die eben auch Arabisch sprachen.“

Weltweit gibt es schätzungsweise 330 Millionen arabische Muttersprachler. Arabisch ist eine der sechs Arbeitssprachen bei den Vereinten Nationen. Aber in Frankreich wird Arabisch in erster Linie als Migrantensprache wahrgenommen und mit Ghettos, arabischem Nationalismus und dem Islam in Verbindung gebracht. Als sich vor ein paar Jahren der damalige Vorsitzende der UMP-Fraktion, Jean-François Copé, in einem Fernsehinterview für den Arabischunterricht an öffentlichen Schulen starkmachen wollte, unterbrach ihn der Moderator: „Wird das nicht zu Auswüchsen führen? Also, Sie wissen doch … wer Arabisch lernt …“

Zwar verbreitete sich mit der Islamischen Expansion seit dem 7. Jahrhundert auch die arabische Sprache, aber viele Muslime sprechen gar kein Arabisch (zum Beispiel Indonesier und Türken). Umgekehrt sind viele arabische Muttersprachler keine Muslime, wie zum Beispiel die Kopten in Ägypten. Wer das Arabische auf seine Funktion als heilige Sprache des Islams reduziert, leugnet einerseits, dass es schon vor der Offenbarung des Korans existiert hat, und spielt andererseits den Extremisten in die Hände, die dieses kostbare Erbe gern für sich allein beanspruchen.

In Frankreich kommt hinzu, dass Arabisch die Sprache der Kolonisierten war. Nun soll sie anscheinend wieder unterdrückt werden, um die eine unteilbare Republik zusammenzuschweißen. Die Ideologie der Einsprachigkeit, ein Erbe der Monarchie und der Französischen Revolution, diskriminiert heute das Arabische genauso, wie sie Jahrhunderte zuvor die Regionalsprachen ausgegrenzt hat.

Im Zwischenbericht der parlamentarischen Kommission zur inneren Sicherheit von 1999 wurde behauptet, bei Migrantenkindern bestehe ein direkter Zusammenhang zwischen Zweisprachigkeit und Delinquenz. Um „abweichendem Verhalten“ bei Kleinkindern vorzubeugen, hieß es dort weiter, müssten sich Mütter mit Migrationshintergrund „verpflichten, zu Hause Französisch zu sprechen“, um ihre Kinder ausschließlich an die Sprache der Mehrheitsgesellschaft zu gewöhnen. Nach heftiger Kritik von Bildungsexperten wurde der Bericht zwar überarbeitet, er zeigt aber, wie verbreitet die Ideologie der Einsprachigkeit in Frankreich ist. Die Autoren gingen sogar so weit, Herkunftssprachen von Einwanderern als „Mundarten“ zu bezeichnen. Das Arabische wie eine Regionalsprache zu behandeln ist dabei nur eine andere Methode der Ausgrenzung.

„Arabisch ist eine Sprache der Zukunft und des Fortschritts, der Wissenschaft und der Moderne […] Ich wünsche mir, dass diese Tagung konkrete Wege zur Entwicklung des Arabischunterrichts in Frankreich aufzeigt“, hieß es vor vier Jahren im Grußwort des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy zur Eröffnung der ersten Konferenz für arabische Sprache und Kultur, bei der er allerdings selbst nicht anwesend war.

Zu Beginn des neuen Schuljahrs im Herbst 2012 wurden in Frankreichs weiterführenden Schulen insgesamt gerade einmal acht neue Arabischkurse eingerichtet. Dafür kann der Schulrat Michel Neyreneuf aus dem Südwesten des Landes berichten, dass ein Collège in Le Mans eine zweisprachige Klasse einrichten werde und auf 25 Plätze 40 Bewerber kamen.

Bei einer Gesprächsrunde über „Die arabische Sprache, ein Trumpf für Beruf und Wirtschaft“ auf der Sprachmesse Expolangues betonten die Teilnehmer, wie wichtig es für Frankreich sei, arabische Muttersprachler auszubilden, wenn man den Anschluss an den schnell wachsenden islamischen Finanzmarkt nicht verlieren wolle. Die Beherrschung des Arabischen eröffne ferner berufliche Möglichkeiten in der Diplomatie sowie im Gaststätten- und Hotelgewerbe (insbesondere in den großen Hotels am Golf). Und der rasante Aufstieg der Informationstechnologie in arabischer Sprache biete außerdem vielversprechende Perspektiven für angehende Onlinejournalisten.

Als Jean-François Copé in dem besagten Interview gefragt wurde, ob er denn auch seine Kinder ermutigen würde, Arabisch zu lernen, gab er die denkwürdige Antwort: „Aber ich entstamme doch gar nicht der arabischen Kultur!“ – als hätten alle 15 000 französischen Mandarinschüler einen chinesischen Migrationshintergrund. Wenn das Arabische von seinem Status als „Einwanderersprache“ befreit wäre und der Arabischunterricht an öffentlichen Schulen mehr gefördert würde, wäre schon viel erreicht: Dann könnten alle, die es wünschen, an dieser „Sprache Frankreichs“ teilhaben.

Fußnoten: 1 Bekanntmachung des Conseil d’État Nr. 217 077 vom 3. Mai 2000. 2 Siehe auch Tahar Ben Jelloun, „Gastlichkeit einer Muttersprache“, Le Monde diplomatique, Mai 2007. 3 François Héran, „Une approche quantitative de l’intégration linguistique en France“, Hommes & migrations, Nr. 1 252, November/Dezember 2004. 4 Yahya Cheikh, „L’enseignement de l’arabe en France. Les voies de transmissions“, Hommes & migrations, Nr. 1 288, November/Dezember 2010. Aus dem Französischen von Barbara Schaden Emmanuelle Talon ist Journalistin und Koordinatorin für Canal France International (CFI) in Libyen.

Le Monde diplomatique vom 12.10.2012,