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Barfuß in Ecuador

Barfuß in Ecuador

von Maëlle Mariette

Als die Andengottheit Pachamama (Mutter Erde) vor zehn Jahren in Ecuadors neue Verfassung aufgenommen wurde, war Alberto Acosta Vorsitzender der Verfassunggebenden Versammlung. Heute ist er ein vielgefragter Umweltaktivist, der seinem ehemaligen Weggefährten, Expräsident Rafael Correa, immer noch übel nimmt, dass er im August 2013 die Yasuní-ITT-Initiative1 abgesagt hat, um im Regenwald wieder Erdöl fördern zu können.

„Für die Indigenen ist die Pachamama nicht einfach nur eine Metapher wie in der westlichen Welt. Für sie ist die Erde wirklich eine Mutter, zu der sie eine sehr enge Beziehung pflegen“, erklärt Acosta. Inzwischen ist der Pachamama-Kult in ganz Ecuador und auch über die geschützten indigenen Gemeinschaften hinaus verbreitet. Die Regisseurin und Produzentin Rocío, die Filme über Indigene dreht und in einem vornehmen Quitoer Viertel wohnt, schickt ihre Kinder grundsätzlich barfuß in den Garten, „damit sie die Erde spüren und den Kontakt zur Pachamama erleben“.

Ein Hotspot der indigenen Quechua-Kultur ist die Stadt Otavalo, wo das ganze Jahr über einer der größten Kunsthandwerksmärkte Lateinamerikas stattfindet. Manche Feste, die früher überhaupt keinen Bezug zu den Quechua-Bräuchen hatten, wurden indigenisiert, wie das Mittsommerfest „Inti Raymi“ (Sonnenfest) oder der Karneval, umbenannt in „Pawkar Raymi“ (Blütenfest).

In der Gemeinde Peguche, ein paar Kilometer vom Zentrum Otavalos entfernt, wird sogar alles gleichzeitig gefeiert: Auf eine Schamanenprozession folgen ein Reggaekonzert, ein Sportturnier, eine katholische Messe, ein Schönheitswettbewerb und eine Wasser-, Mehl-, Eier- und Farbenschlacht. Der Student Edwin, der gerade zu Besuch aus Paris ist, kommt aus der Nachbargemeinde; seine Eltern sind Kunsthandwerker und Musiker. Amüsiert erzählt er, dass die meisten Lokalpolitiker die Indigenen-Sprache Quechua gar nicht beherrschen. Die Reindigenisierung beruht seiner Ansicht nach vor allem auf einer unsicheren Neuinterpretation von Traditionen, die man nur noch aus den Büchern weißer Ethnologen kennt.2

Als wir Luís Tuytuy, einen der Anführer der Sápara, die im Herzen des ecuadorianischen Amazonasgebiets leben, fragen, was Pachamama bedeutet, setzt er eine schmerzverzerrte Miene auf: „Die Pachamama? Also, das war eine ecuadorianische Stiftung, die indigene Gemeinden in ihrem Kampf zur Verteidigung der Natur unterstützte. Die gibt es aber nicht mehr.“ Wir wollen wissen, was „Mutter Erde“ auf Sápara heißt. „Hm, warten Sie. Hm. Tut mir leid, da muss ich passen.“ Die meisten, die wir ansprechen, reagieren wie Luís Tuytuy. In den seltenen Fällen, in denen jemand mit dem Begriff etwas verbindet, heißt es, es gehe um das Land der Ahnen, das man verteidigen müsse.

Von den Achua aus den Regionen Wisui, Chumpi oder Copataza bis zu den Quechua in Curaray sind viele Dorfbewohner mehr mit Alltags- als mit Umweltfragen beschäftigt: Sie wollen Schulen und Straßen, damit sie ihre Produkte in die Stadt bringen und schneller eine Klinik erreichen können (10 Prozent der Todesfälle im ecuadorianischen Amazonasgebiet gehen auf Schlangenbisse zurück). Außerdem brauchen sie UKW-Radios oder Internetzugang, „um im Notfall schnell Hilfe holen zu können“, erklärt der Vorsteher der Cotapaza-Gemeinde und fügt hinzu: „Boote mit Dieselmotor sind gut. Mit den Rudern war es früher viel schwieriger, stromaufwärts zu fahren.“

Jenseits dieser materiellen Sorgen fragt man sich in den Dörfern aber auch, welchen Einfluss die Moderne auf die traditionellen Kulturen haben wird. Alle fürchten, dass die Jugend ihre Wurzeln vergisst. Deswegen sind die Reaktionen auf die Bergbau- und Erdölförderungsprojekte der Regierung zwiespältig: Auf der einen Seite fürchten die Dorfbewohner, dass sie ihre traditionelle Lebensweise aufgeben müssen; außerdem fühlen sie sich von der Regierung, die sich nur für „den Reichtum des Bodens“ interessiert, im Stich gelassen. Auf der anderen Seite hofft man, dass die Förderprojekte, auch wenn sie die Umwelt verschmutzen, die Lebensbedingungen verbessern werden.

Salvador Quishpe von der Indigenenpartei Pachakutik ist Präfekt der Provinz Zamora Chinchipe. Bei der Präsidentschaftswahl 2017, die Correas Exvize Lenín Moreno gewann, hat er dessen Gegenkandidaten von der Rechten unterstützt, den superreichen Banker Guillermo Lasso. Quishpe ist ein Vielflieger mit zwei Smartphones. Doch wenn Indigene die Ölförderung verteidigen, erklärt er ihnen, dass der „großartige Wald“, in dem sie leben, ein „echter Schatz“ sei und dass die wirtschaftliche Entwicklung durch die großen Bergbauprojekte sie „korrumpieren“ und „ihre Kultur zerstören“ werde.

„Schützt die Umwelt“, „Die Natur ist das Leben“, „Die Erde verdient Respekt, schützt sie“: Den Appellen auf den Plakatwänden nach zu urteilen, die überall am Straßenrand stehen, scheint das Umweltbewusstsein in den Indigenengebieten nicht besonders ausgeprägt zu sein.

Umweltschützer organisieren Touren zu Orten der Zerstörung

Doch für Carlos Freire ist die Pachamama „heilig; sie ist unsere Mutter. Wir müssen sie achten.“ Der Mestize aus Puyo leitet die Agentur Hayawaska Tour, die Ausflüge ins Amazonasgebiet anbietet. Am beliebtesten sei die Ayahuasca-Tour mit Schamanen, die Einführungen in das halluzinogene Getränk Ayahuasca3 anbieten: „Das sind besondere Momente, in denen die Leute sehr tiefe Erfahrungen direkt in der Natur machen können.“

Im Namen der Pachamama bekämpfe er außerdem die Erdölförderung, erklärt Freire in seinen Werbebroschüren. Diesem Kampf hat sich auch Diocles Zambranos „Toxic Tour“ verschrieben, die zu den Förderanlagen im Amazonastiefland rund um die Stadt Coca führt. Zambranos Verein arbeitet mit Acción Ecológica zusammen, einer Quitoer NGO, die Alberto Acosta zu ihren wichtigsten Unterstützern zählt.

Ob Umweltschutz, Antiextraktivismus oder Indigenisierung: Für Acosta, Acción Ecológica und andere ihr nahestehende Umweltbewegungen, wie Ya­su­nidos4 und die Konföderation indigener Völker von Ecuador (Conaie), vereint das Banner der großen Pachamama alle Anliegen zu einem ganzheitlichen Kampf.

Das ist nicht nur in Ecuador so. Auch die Wayuu in Kolumbien argumentieren so, hat die Ethnologin Sarah Quilleré festgestellt. Die Indigenenverbände orientierten sich dabei an Vordenkern aus den reichen Industrieländern des Westens, die „in den vorkolonialen Traditionen nach alternativen Modellen zum europäischen Rationalismus suchen“.5

Diese „Pachamamisierung“ der Politik verkörpert in Ecuador kaum jemand besser als Carlos Pérez Guartambel. Der Vorsitzende des Dachverbands Ecuarunari (Konföderation der Quechua-Völker Ecuadors) genießt bei der umweltbewegten internationalen Linken großes Ansehen. Laut Pérez könnten die Indigenen mit der „Weisheit ihrer Ahnen die Menschheit retten“. Und das Internet sei das Mittel, „den Widerstand zu globalisieren“, gegen Bergbau- und Ölförderprojekte, aber auch allgemein gegen die kapitalistische Politik, die zum Ökozid und Ethnozid führe.

Aber wie soll man den Widerstand globalisieren? „Indem man die Pachamama globalisiert und die damit zusammenhängenden Weltanschauungen und Erfahrungen“, sagt Guartambel, der mit seinem indigenisierten Vornamen Yaku angesprochen werden möchte.

Doch sobald Indigene wie die Sápara mit der Regierung zusammenarbeiten, werden sie von den NGOs fallen gelassen und sogar von ihrer eigenen Interessenvertretung, der Conaie, geschnitten. Das wundere ihn nicht, sagt der ehemalige Conaie-Vorsitzende Antonio Vargas. Je stärker sich der Dachverband in die Politik eingemischt habe, desto weiter habe er sich „von seiner Basis entfernt“.6

Ein Teil der aktuellen Conaie-Führung hat 2017 sogar den Banker Guillermo Lasso im Präsidentschaftswahlkampf unterstützt – vermutlich aus Protest gegen die alten Marxisten wie Humberto Cholango, die immer Rafael Correa unterstützt haben. Und so wurde der Weg frei für Anführer wie Salvador Quishpe oder „Yaku“ Pérez, die eine Art indigenen Essenzialismus vertreten.

Marxisten entdecken das Schamanentum

„Viele denken, die Indigenenbewegung hätte schon immer ökologisch argumentiert, aber das stimmt nicht“, erklärt der Politologe Franklin Ramírez. Diese Themen seien erst nach der Wahl Correas und auf Betreiben Acostas in die Politik eingewandert. In den 1990er Jahren kreisten die Forderungen der Indigenen um politische Autonomie, Landbesitz und Nutzungsrechte für Ressourcen; der Naturschutz habe nur am Rande eine Rolle gespielt.

Ramírez argumentiert – und in diesem Punkt stimmt er mit dem Conaie-Führer Floresmilo Simbaña überein –, dass Correa die indigenen Konzepte zum Guten Leben (sumak kawsay) und zur Mutter Erde nur deshalb übernommen hat, um ein heikles Thema unter den Tisch fallen zu lassen: die Anerkennung der indigenen Gemeinschaften als „Nationen“.

Die Entpolitisierung der Pachamama, die ihre konservative Repolitisierung erst ermöglicht hat, begann Ramírez zufolge ebenfalls in den 1990er Jahren: „Ich hatte Freunde an der Uni, die sich eigentlich als Marxisten oder Freudianer bezeichneten und die auf einmal anfingen, lange Zöpfe, Hüte und Ponchos zu tragen; sie traten sogar im Fernsehen auf und hielten Vorträge über die Pachamama.“

Im Windschatten dieser Reindigenisierung sei ein riesiges Angebot an spirituellen Dienstleistungen entstanden, wie der Schamanismus und die Ayahuasca-Rituale, erklärt Ramírez. „Viele Leute aus meinem städtisch und bürgerlich sozialisierten Umfeld haben sich darauf gestürzt. Die Pachamama-Weltsicht erinnert an manche dieser angesagten Yogaschulen: Die Probleme liegen in deinem Inneren. Aber der Einzelne kann die Dinge nicht ändern, damit gibt man praktisch den politischen Kampf auf.“

Als Botschafter der spirituellen Pa­cha­mama kommt Acosta viel herum: „Ich reise ständig durch Europa, vor allem nach Deutschland, Österreich, Spanien und Italien“, erzählt er im Interview per Skype, weil er wieder einmal auf Achse ist. Meist werde er von Wissenschaftlern oder sozialen Bewegungen eingeladen. „Heute Abend fahre ich nach Deutschland, wo man mir einen Preis verleiht. Dort spreche ich über den zivilisatorischen Wandel, mit dem wir aus der anthropozentrischen Welt in eine biozentrische Welt gelangen können.“ Am 23. November 2017 wurde Acosta in Chemnitz mit dem Hans-Carl-von-Carlowitz-Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

1 Acosta war 2007 Energie- und Bergbauminister, als Ecuador vorschlug, die im Yasuní-Nationalpark schlummernden Vorkommen von geschätzten 850 Millionen Barrel Öl nicht zu fördern. Im Gegenzug sollte sich die internationale Gemeinschaft verpflichten, bis 2013 Kompensationszahlungen in Höhe von insgesamt 3,6 Milliarden US-Dollar in einen UN-Treuhandfonds einzuzahlen. Am Ende kamen weniger als ein Prozent dieser Summe zusammen. Siehe Adam Chimienti und Sebastian Matthes, „Verrat am Regenwald“, Le Monde diplomatique, Oktober 2013.

2 Siehe Renaud Lambert, „Pachamama“, Le Monde diplomatique, Februar 2011.

3 Siehe Jean-Loup Amselle, „Auf Trip in Amazonien“, Le Monde diplomatique, Januar 2014.

4 Militante Gruppe, die sich nach dem Scheitern der Yasuní-ITT-Initiative gebildet hat und gegen den Beschluss der Regierung kämpft, einen Teil des Yasuní-Naturparks zur Ölförderung freizugeben. Siehe Aurélien Bernier, „Öko-Poker um Ecuador“, Le Monde di­plo­ma­tique, Juni 2012.

5 Sarah Quilleré, „Écologisation et standardisation des mythes traditionnels. Les Wayuu en lutte pour la sauvegarde du territoire“, in: Revue d’anthropologie des connaissances, Bd. 10, Nr. 4, Paris, 2016.

6 „Bases indígenas desde Santo Domingo exigen ‚diálogo directo con el gobierno’ sin Conaie“, in: El Telégrafo, Guayaquil, 23. Februar 2015.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Maëlle Mariette ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.05.2018, Maëlle Mariette