09.05.2018

Zerstreuen und ersticken

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Zerstreuen und ersticken

Eine kurze Geschichte des Tränengases

von Anna Feigenbaum

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Der Wirtschaftszweig, der sein Geld mit öffentlicher Ordnung und Sicherheit verdient, hat anderen Branchen etwas voraus – er braucht weder soziale Unruhen noch politische Krisen zu fürchten. Im Gegenteil: Sowohl der Arabische Frühling 2011 als auch die vielen anderen Proteste der letzten Jahre ließen die Verkaufszahlen von Tränengas und sonstiger Ausrüstung zur Abwehr von Revolten rasant steigen. Mit ihren Auftragsbüchern in der Hand bereisen die Händler den gesamten Planeten. Heerscharen von Experten lauern auf jedes Murren in der Bevölkerung, um die Hersteller über die Märkte der Zukunft zu informieren. Tränengas ist dabei der Topseller: Den Regierenden gilt es als ebenso verlässliches wie schmerzloses Mittel gegen soziale Unruhen und als Allheilmittel gegen jede Form der Unordnung.

Dabei weiß niemand, welche Schäden Tränengas bei den Opfern verursacht und welche Probleme es für die öffentliche Gesundheit aufwirft. Denn danach fragt niemand. In keinem Land der Welt werden die Opfer von Tränengas offiziell gezählt oder Daten über Liefermengen, Einsatz, Verkaufserlöse und Umweltschäden durch Tränengas erhoben. Seit fast einem Jahrhundert wird ständig behauptet, Tränengas schade niemandem, es sei schließlich nur eine Rauchwolke, die in den Augen brenne. Wenn Menschen durch Tränengas sterben – wie bei den Unruhen in Bahrain 2011/12, bei denen mutmaßlich 34 Menschen durch Tränengaseinsätze ums Leben kamen1 –, entgegnen die Behörden, dabei handle es sich um Unfälle.

Tatsächlich ist Tränengas gar kein Gas. Bei seinen chemischen Bestandteilen, die so hübsche Namen haben wie CS (2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril), CN (omega-Chloracetophenon) und CR (Dibenzoxazepin), handelt es sich um Reizstoffe, die als Spray, als Gel oder in flüssiger Form verkauft werden. Ihre Kombination wirkt sofort auf alle fünf Sinne und fügt den Betroffenen ein körperliches und seelisches Trauma zu. Tränengas verursacht vielfältige Schäden: Tränenfluss, Verbrennungen der Haut, Sehstörungen, Schleimhautreizungen, Schluckbeschwerden, vermehrter Speichelfluss, Husten, Erstickungsgefühl, Übelkeit, Erbrechen. Tränengas wurde auch mit Fehlgeburten in Verbindung gebracht sowie mit anhaltenden Muskel- und Atemproblemen.2

Der Einsatz chemischer Waffen hat eine lange Geschichte. Schon im Peleponnesischen Krieg sollen die Spartaner Schwefeldämpfe gegen belagerte Städte eingesetzt haben. Die ersten Versuche, den Einsatz chemischer und biologischer Kampfstoffe zu beschränken, gab es bei den Haager Friedenskonferenzen 1899 und 1907, doch die Abkommen blieben wegen der vagen Formulierungen weitgehend wirkungslos.

Der Erste Weltkrieg diente dann als Freiluftlabor für die Entwicklung eines neuen Arsenals an Giftstoffen. Im August 1914 feuerte die französische Artillerie erstmals mit Xylylbromid gefüllte Geschosse auf deutsche Frontabschnitte – eine Substanz, die Reizungen verursacht und den Gegner außer Gefecht setzt, aber unter freiem Himmel nicht tödlich wirkt. Die Deutschen schlugen im April 1915 mit dem tödlichen Senfgas oder Yperit zurück – das erste Beispiel in der Geschichte für die Nutzung von Chlorgas als chemischer Kampfstoff.

Die USA waren zunächst skeptisch gegenüber diesen Innovationen. Doch sie setzten noch am Tag ihres Kriegseintritts eine Kommission ein, die „Untersuchungen über Giftgas, seine Herstellung und Gegenmittel für den Einsatz im Krieg“ führen sollte.3 Und sie gründeten eine mit viel Geld und Personal ausgestattete Behörde für chemische Kriegführung (Chemical Warfare Service, CWS). Im Juli 1918 waren fast 2000 Wissenschaftler an entsprechenden Forschungen beteiligt.

Nach dem Krieg bestand Uneinigkeit unter den Militärs. Viele hatten die verheerenden Wirkungen von Chemiewaffen mit eigenen Augen gesehen und verurteilten deren Unmenschlichkeit. Die anderen hielten sie für einigermaßen humane Waffen, weil sie angeblich weniger Menschenleben forderten als die Feuerwalze der Artillerie. John Burdon Sanderson Haldane, ein Biochemiker aus Cambridge, pries die Effizienz chemischer Kampfstoffe und warf ihren Kritikern Sentimentalität vor: Wenn man „mit einem Schwert Krieg führen“ könne, warum dann nicht „mit Senfgas“?

Im Zuge der Debatten nach dem Ersten Weltkrieg etablierte sich die Unterscheidung zwischen „Giftgas“ – das schon in Den Haag Gegenstand der Verhandlungen war – und den neuen Chemiewaffen, die erst in den Kriegsjahren erfunden worden waren. Diese Unterscheidung tauchte danach in inter­na­tio­nalen Vereinbarungen immer wieder auf. Sie diente als Begründung für das Verbot bestimmter Waffen und für die Zulassung von solchen, die angeblich nicht so tödlich sind.

Aus diesem Grund fielen auch die rechtlichen Regelungen zu Tränengas großzügiger aus als die zu anderen giftigen Kampfstoffen. Außerdem nahm man sehr viel Rücksicht auf die Interessen der expandierenden Chemieindustrie. Ihre Kreativität auf militärischem Gebiet einzuschränken, würde ihr inakzeptablen Schaden zufügen – ein Argument, das auch hundert Jahre später noch zählt.

Die Mär vom humanen Kampfstoff

Seit dem Friedensvertrag von Versailles (1919) und dem Genfer Protokoll zum Verbot chemischer und biologischer Waffen (1925) verschmolzen die ökonomischen Interessen der Alliierten mehr und mehr mit dem Völkerrecht. Jetzt, da der Krieg beendet war, ging es den US-Amerikanern und Europäern vor allem um die Aufrechterhaltung des ­Friedens innerhalb der nationalen Grenzen und in ihren Kolonialgebieten. Deshalb interessierten sie sich zunehmend für Tränengas, allen voran der Chemical Warfare Service und sein Direktor, der hochdekorierte General Amos Fries.

In den 1920er Jahren gelang es Amos Fries, an den Aufschwung der Chemiewaffen während des Kriegs anzuknüpfen und das Tränengas zu einem politischen Alltagsinstrument zu machen. Mit aggressiver Lobbyarbeit verpasste er ihm ein neues Image. Auf einmal war es keine Giftwaffe mehr, sondern ein praktisch unschädliches Mittel, um die öffentliche Ordnung zu schützen. Fries scharte Werbeleute, Wissenschaftler und Politiker um sich, die in den Medien für diese „Kampfgase für Friedenszeiten“ werben sollten.

Die Wirtschaftspresse gab ihr Bestes, um das Mantra vom „Gas für den Frieden“ zu verbreiten. Die Zeitschrift Gas Age-Record brachte am 6. November 1921 ein begeistertes Porträt von General Fries. Darin hieß es, der „dynamische Direktor“ des CWS habe sich „intensiv mit der Frage des Einsatzes von Gas und Rauch gegen Menschenmengen und entfesselte Horden befasst. Er ist ehrlich davon überzeugt, dass gesellschaftliche Unruhen und wilde Revolten abnehmen oder sogar ganz aufhören werden, wenn Polizeioffiziere und die Kolonialverwaltungen mit dem Gas vertraut gemacht werden, um die Ordnung zu erhalten und die Machthaber zu schützen.“

Diese frühe Kostprobe von Werbung für Tränengas bewegt sich auf einem schmalen Grat: Es gilt, die Vorzüge des Produkts anzupreisen und gleichzeitig seine Harmlosigkeit zu loben. Auf einem Markt, der bis dahin nur Schlagstock und Gewehr kannte, kam es darauf an, Gegensätze zu versöhnen. Gas verflüchtigt sich. Die Polizei kann so Demonstrationen mit „einem Minimum an negativem Aufsehen“5 auflösen, ohne Verletzungen und Blutergüsse zu hinterlassen. Tränengas sollte nicht als körperliche und seelische Qual wahrgenommen werden, sondern als „humane“ Form staatlicher Gewaltanwendung.

Neben den Präsentationen im Radio und in Zeitschriften inszenierten der General und seine Leute auch öffentliche Vorführungen. An einem sonnigen Julitag 1921 postierte sich Stephen J. De La Noy, ein Freund und Kollege von General Fries, mit einer Ladung Gas auf einem freien Gelände mitten in Philadelphia. Er hatte die Polizisten der Stadt eingeladen, das Produkt zu testen. Zahlreiche Journalisten waren gekommen, um zuzusehen, wie sich 200 Uniformierte Tränengas direkt ins Gesicht sprühen ließen.

Eine Gelegenheit zu einem größeren Praxistest bot sich etliche Jahre später. Am 29. Juli 1932 erhielt die Nationalgarde den Befehl, eine De­mons­tra­tion von tausenden Weltkriegsveteranen aufzulösen, die vor das Kapitol in Washington gezogen waren. Die ehemaligen Soldaten besetzten mit ihren Frauen und Kindern den Platz vor dem Kapitol und forderten die Auszahlung von Boni, die das Veteranen­ministe­rium nicht freigeben wollte.

Allzweckwaffe gegen soziale Proteste

Ein Regen von Tränengasgeschossen ging über der Menge nieder und löste Panik aus. Bei der Räumung starben 3 Menschen, 55 wurden verletzt, eine Frau erlitt eine Fehlgeburt. Zu den Opfern gehörte auch ein Kind, das einige Stunden nach dem Angriff starb – offiziell an den Folgen einer Krankheit. Aber die Tatsache, dass es Giftgas eingeatmet hatte, „hat die Sache sicher nicht besser gemacht“, wie ein Krankenhaussprecher es ausdrückte.

Bei den vertriebenen Veteranen hieß Tränengas von da an „Hoover Ration“ nach Präsident Herbert Hoover (1929–1933), der den Einsatz angeordnet hatte. Die Polizeichefs, die Produzenten und ihre Vertreter verbuchten den Einsatz hingegen als Erfolg. Lake Erie Chemical, der Hersteller des Gases, das vor dem Kapitol verwendet worden war, nahm Fotos von der blutigen Räumung in seinen Verkaufskatalog auf. Später kamen noch Bilder von Streikenden in Ohio und Virginia hinzu, die umhüllt von Gaswolken flohen. „Mit unserem Kampfgas kann ein einziger Mann 1000 bewaffnete Männer in die Flucht schlagen“, stand auf den Plakaten von Lake Erie Chemical. Die Firma rühmte sich, eine „unwiderstehliche Explosion aus blendendem und erstickendem Schmerz“ zu erzeugen, die jedoch „keine dauerhaften Verletzungen“ verursache.

Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahre setzten die USA immer öfter Tränengas bei sozialen Unruhen ein. Einem Senatsausschuss zufolge wurde zwischen 1933 und 1937 Reizgas „hauptsächlich bei oder in Erwartung von Streiks“ eingekauft, die Ausgaben dafür beliefen sich auf 1,25 Millionen Dollar (nach heutigem Geldwert 21 Millionen Dollar).

Ein weiterer wichtiger Absatzmarkt waren die Kolonien. Im November 1933 forderte der britische Hochkommissar für Palästina, Sir Arthur Wau­chope, eine größere Menge des Wundermittels an. In einem Brief an das Kolo­nial­amt in London schrieb er: „Ich denke, dass Tränengas in den Händen der Polizeikräfte in Palästina überaus nützlich sein könnte, um gesetzwidrige Versammlungen und aufrührerische Menschenmengen zu zerstreuen, insbesondere in den engen, gewundenen Straßen der Altstadt, wo der Gebrauch von Feuerwaffen durch Querschläger zu unverhältnismäßig hohen Verlusten an Menschenleben führen kann.“

Eine ähnliche Bitte kam 1935 aus Sierra Leone, wo es die Kolonialverwaltung mit Streiks für Lohnerhöhungen zu tun hatte. Der neue britische Kolonialminister Malcolm Macdonald erhielt den Auftrag, eine globale Strategie für den Einsatz von Tränengas auszuarbeiten. Dazu stand ihm eine Liste der Orte zur Verfügung, an denen diese Waffe ihre Wirksamkeit bereits bewiesen hatte: In Hamburg war Tränengas 1933 gegen Streikende eingesetzt worden, in Österreich hatte es sich 1929 gegen Kommunisten bewährt, in Italien gehörte es zur Grundausstattung der Ordnungskräfte, und in Frankreich war seine Verwendung Alltag.

Damals griffen die Staaten bevorzugt zu Tränengas, um Forderungen nach sozialen Veränderungen abzuwehren und den passiven Widerstand gegen unpopuläre Maßnahmen zu brechen. Tränengas wurde zur üblichen Waffe, wann immer es darum ging, Demonstrationen aufzuhalten oder zivilen Ungehorsam im wahrsten Sinne des Wortes zu ersticken.

Diese Funktion erfüllt es bis heute. Während der Einsatz von Chemiewaffen in Kriegen inzwischen international geächtet ist, dürfen Polizisten Tränengasdosen am Gürtel tragen – zur Freude der Unternehmen, die mit dem „Schutz“ der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ihr Geld verdienen.

1 Siehe „Tear gas or lethal gas? Bahrain’s death toll mounts to 34“, Physicians for Human Rights, New York, 16. März 2012.

2 Siehe „Facts about riot control agents“, Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, 21. März 2013.

3 Zitiert bei Gerard J. Fitzgerald, „Chemical warfare and medical response during World War I“, American Journal of Public Health, Nr. 98, Washington, April 2008.

4 Jean Pascal Zanders, „The road to Geneva“, in: „Innocence Slaughtered. Gas and the Transformation of Warfare and Society“, London (Uniform Press) 2016.

5 Seth Wiard, „Chemical warfare munitions for law enforcement agencies“, Journal of Criminal Law and Criminology, Bd. 26, Nr. 3, Chicago, Herbst 1935.

Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Anna Feigenbaum forscht an der Universität Bournemouth in Großbritannien. Zuletzt erschien von ihr: „Tear Gas. From the Battlefields of World War I to the Streets of Today“, London (Verso) 2017.

Le Monde diplomatique vom 09.05.2018, von Anna Feigenbaum