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Bolognas schöne neue Feinkostwelt

Italien vor der Wahl

Bolognas schöne neue Feinkostwelt

von Jean-Baptiste Malet

Große Tore weisen den Weg zum Eingang von Fico Eataly World, dem größten Food-Freizeitpark der Welt. Das videoüberwachte, umzäunte Areal liegt mitten im Gewerbegebiet von Bologna, drumherum Baumärkte, Sportartikelgeschäfte, Lampen- und Spielzeugläden. Acht der insgesamt 10 Hektar Grundfläche sind mit 4 4000 Sonnenkollektoren überdacht, auf den verbliebenen 2 Hektar sind Tiergehege und kleine Gärten angelegt.

Hinter der Drehtür am Haupteingang ist eine hohe Wand aus hunderten sorgfältig in Regalen angeordneten Äpfeln angebracht. Die Installation wurde von Melinda gesponsert, einem auf Obstanbau spezialisierten Konsortium mit gut 255 Millionen Euro Jahresumsatz (2015). „In Europa gibt es mehr als 1200 Apfelsorten. 1000 in Italien und 200 im Rest Europas. Dafür haben wir die Fico gegründet“, heißt es auf einem Plakat. „Die Äpfel sind echt“, erklärt Silvia Zanelli lächelnd, die Pressesprecherin des Food-Parks. „Alle 14 Tage werden die Früchte ausgetauscht. Die Fico ist ein nachhaltiger Park. Wir werfen die alten Äpfel nicht weg, sondern spenden sie an wohltätige Einrichtungen.“

In deutschen Medien wurde die neue Gourmet-Einkaufslandschaft als „Disneyland für Feinschmecker“ und „kulinarischer Erlebnispark“ beschrieben.1 „Fico“, das italienische Wort für „Feige“, steht hier für „Fabbrica Ita­lia­na Contadina“. Unter dem Dach der „Italienischen Hofwerkstatt“ versammeln sich Firmen wie die Kaffeemarke La­vaz­za, der Dosentomatenproduzent Mutti, das Mortadellakonsortium von Bologna, aber auch der Traktorenhersteller New Holland, Electrolux, Samsung, Whirlpool, die Möbelfirma Kartell, Alessi, der Milchgigant Granarolo und viele weitere Unternehmen. Die Einweihung des Parks fand am 15. November 2017 im Beisein von Ministerpräsident Paolo Gentiloni und den Ministern für Umwelt, Arbeit, Landwirtschaft, Kultur und Tourismus statt. Ebenfalls anwesend waren über 150 Firmenchefs, unter ihnen Oscar Farinetti, Gründer und Chef der Firma Eataly.

Von seinem Vater hat Oscar Farinetti einst UniEuro geerbt, eine Handelskette für Elektrogeräte, die er 2003 verkaufte, um ein Jahr später Eataly zu gründen. In Italien ist der schnauzbärtige Unternehmer inzwischen der Protagonist einer Heldensaga, derzufolge eine ehrgeizige Firma die Wirtschaftsflaute des Landes überwindet, indem sie Lebensmittel in Geschäfte und Restaurants auf der ganzen Welt exportiert.

Eataly besitzt Verkaufsstellen in den USA, in Katar, Saudi-Arabien, Brasilien, Deutschland, Japan, Südkorea, in der Türkei und auf mehreren Kreuzfahrtschiffen. Dank der prominenten Gäste aus Politik und Wirtschaft, die zur Eröffnung in Bologna kamen, ist der aus dem Piemont stammende Farinetti inzwischen fast zu einem Heiligen geworden – ein neuer „Handelskönig“, dessen Konterfei die Titelseiten von Zeitschriften und Werbeflächen an Flughäfen schmückt.

Vor der Apfelwand am Eingang von Eataly Bologna stehen hunderte blaue Lastendreiräder „Made in Italy“, hergestellt von der Firma Bianchi, ebenfalls Kooperationspartnerin des Food-Parks. Wer seinen Ausweis hinterlegt, bekommt für den Einkauf eines dieser Gefährte, auf denen hinten und vorn Holzkisten befestigt sind. „Mit diesen eigens für Fico entwickelten Dreirädern kann man sich ganz bequem auf dem riesigen Gelände fortbewegen und seine Einkäufe transportieren“, begeistert sich die Pressesprecherin. „Wir haben 120 Millionen Euro investiert. Und unseren Berechnungen zufolge muss jeder Besucher mindestens 20 Euro ausgeben, damit sich der Park rentiert.“

Angestrebt werden 6 Millionen Besucher bis 2020: Ein Drittel von ihnen soll aus der Region kommen, ein Drittel aus dem Rest Italiens und ein Drittel aus dem Ausland. Im Eingangsbereich können sich kauffreudige Feinschmecker auf großen Tafeln über die Grundwerte des Parks informieren: „1. Wir arbeiten für Italien. 2. Wir sind ein authentischer Ort. 3. Wir haben Geschichten zu erzählen. 4. Die Erde zuerst. 5. Wir reden mit den Leuten. 6. Spielerisch lernen. 7. Respekt und Geschäftssinn.“

Es ist eine perfekte Synthese der mächtigen italienischen Lebensmittelindustrie, die auf die autarkiefixierte Agrarpolitik des Faschismus zurückgeht, inzwischen bestens an die Vorgaben des Neoliberalismus angepasst ist und ununterbrochen Fantasievorstellungen von einem Bilderbuchitalien erzeugt.

So schön die Verpackungen von Nahrungsmitteln „Made in Italy“ auch aussehen, viele ihrer Inhaltsstoffe kommen gar nicht aus Italien, wie die Statistiken des italienischen Zolls belegen: 2016 hat das Land zwar tatsächlich große Mengen Pasta (im Wert von 2,19 Milliarden Euro), reines Olivenöl (1,42 Milliarden), Kaffee (1,29 Mil­liar­den) und Käse (2,26 Milliarden) exportiert. Möglich war dies jedoch nur durch den massiven Import von Weizen (1,29 Milliarden Dollar), Olivenöl (1,39 Milliarden), Kaffee (1,20 Milliarden) sowie von Milch und Milchprodukten (1 Milliarde).

Nach wenigen Tritten in die Pedale beginnt die kulinarische Reise durch einen völlig neuartigen Konsumtempel: Holzleuchten verströmen warmes Licht, Werbeslogans schwärmen von Umweltbewusstsein, Artenvielfalt, traditioneller italienischer Küche und Gastfreundschaft. „Respekt ist cool“ steht auf einem Schild.

Käselaibe, Salami und Schinkenkeulen, die von der Decke hängen, Flaschen mit Olivenöl, Balsamicoessig, Rotwein und Bier, Keksdosen, Süßigkeiten, verschiedenste Konserven – die Fico ist das weltgrößte Einkaufs­zen­trum für Lebensmittel. Aber nicht nur: „Wir wollen Grenzen auflösen“, erklärt Pressesprecherin Silvia Zanelli. „Wir sind hier im Tempel des Made in Italy. Kein anderes Land auf der Welt kann es mit der italienischen Küche aufnehmen. Dieser Ort hier ist also sowohl Showroom für die italienische Lebensmittelindustrie, Einkaufszentrum, Touristenattraktion als auch ein Raum des spielerischen Lernens.“

Wie in den riesigen Hallen von Ikea ist es auch im Fico-Universum nicht so einfach, die vorgegebenen Pfade zu verlassen. „Der Besuch der Fico wurde als Erlebnis konzipiert“, erklärt Zanelli. Der Übersichtsplan des Parks, der ausgebreitet vor ihr liegt, ist beeindruckend. Die darin eingezeichneten winzig kleinen Menschen essen in einem der 45 Restaurants, nehmen an einer Verkostung irgendwelcher Produkte teil, betreiben in den dafür vorgesehenen Zonen sportliche Ertüchtigung, besuchen einen Kochkurs oder gucken sich die Kühe und Schweine in ihren etwa 10 Quadratmeter großen Ställen an.

Teure Lebensmittel und prekäre Arbeitsbedingungen

Daneben gibt es noch die Leute, die in einer der 40 „Hofwerkstätten“ arbeiten, denen die Fico-Welt ihren Namen verdankt. Diese 40 Betriebe auf dem Gelände sollen den Geist von Eataly World versinnbildlichen – und dienen doch vor allem der Inszenierung. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Zölle nach und nach gesenkt oder abgeschafft. Gleichzeitig hat sich die Herstellung der industriell gefertigten Lebensmittel immer weiter ausdifferenziert. So ist es inzwischen eine Selbstverständlichkeit, dass viele Produkte Zutaten aus weit entfernten Orten enthalten.

Die kleinen Produktionsstätten der „Fabbrica Italiana Contadina“ locken die Kundinnen und Kunden nun mit dem Versprechen, dass sie die Herstellungsprozesse miterleben können. Damit ist jedoch ein klares Ziel verbunden: Wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist, sollen sie im Laden neben der „Werkstatt“ etwas kaufen. Es ist eine ruhige und leicht verständliche Darbietung, die eben nicht in einer riesigen, lauten Fabrik stattfindet, sondern in einer „Werkstatt“, die nicht größer ist als eine geräumige Küche und die nach frisch gebackenem Brot duftet.

Der unauffälligste Stand auf dem Fico-Gelände ist der von der Zeitarbeitsfirma Randstad. „Die meisten Leute, die für die Fico arbeiten, kommen über unsere Vermittlung“, verrät eine Personalerin des Unternehmens. „Wir bieten ausschließlich Monats-, Wochen- und Tagesverträge an, die von einem Tag bis zu vier Monaten gehen können. Aktuell suchen wir Bedienungen, Köche, Techniker und Vorführer.“

Die Beschäftigten im Laden des Lakritzherstellers Amarelli und die Arbeiter von Lavazza gehören mit ihren Drei- oder Viermonatsverträgen zu den bessergestellten Arbeitnehmern. Die jungen Hostessen hingegen, die Äpfel der Sorte „Pink Lady“ verteilen – laut Beschreibung am Stand ein „Tradi­tions­apfel“, in Wirklichkeit jedoch eine Neuzüchtung, für die inzwischen Markenschutz besteht –, haben lediglich Verträge für ein paar Tage.

„Ich mach den Job, weil ich keine andere Wahl habe“, sagt eine junge Frau mit rosa Schirmmütze. „Die Leute hier sind nicht doof. Die wissen alle, dass die Fico auf die prekären Beschäftigungsverhältnisse mit uns angewiesen ist. Im Food-Park gibt es überall Essen im Überfluss zu kaufen. Aber Mahlzeiten für die Menschen, die hier arbeiten, sind nicht vorgesehen, nicht mal Essensmarken gibt es. Ich habe mehrere kleine Jobs. Wenn ich es so wie heute nicht schaffe, mir was zu essen mitzubringen, dann gebe ich von den 43 Euro, die ich pro Tag bei der Fico verdiene, mittags 12 Euro für einen Teller Nudeln aus.“

Hinzu kommt die unentgeltliche Arbeit von Minderjährigen, die zumeist im Hotelgewerbe oder in der Gastronomie eine duale Ausbildung machen. Randstad und die Fico haben 300 000 Stunden unbezahlter Arbeit eingeplant, die 20 000 Schülerinnen und Schüler von 200 Berufsschulen aus ganz Ita­lien erledigen.2

Am Stand des Keks- und Pa­net­tone­giganten Balocco, der 2016 mehr als 170 Millionen Umsatz gemacht hat, präsentiert ein Zeitstrahl „die Universalgeschichte des Getreides“. Schritt für Schritt wird die Kundschaft vom Alten Ägypten über das Goldene Zeitalter des Kapitalismus bis hin zur Gründung der Firma geführt. Durch eine große Fensterfront erhält man zudem Einblick in eine kleine Produktionsanlage der Firma, in der – direkt gegenüber von einer Mojito-Bar – Männer mit weißen Haarnetzen auf dem Kopf zugange sind. Unter dem Blitzlichtgewitter der Besucher stellen sie mithilfe von Werkzeugmaschinen Kekse her.

Im Vorraum erläutern zehn Infotafeln die einzelnen Produktionsschritte. Auf der letzten Schautafel steht: „Bleib nicht hier stehen, denn die Reise durch die Geschichte geht weiter. In der Süßig­keitenboutique kannst du nachempfinden, wie die Atmosphäre in den ersten Konditoreien war, die Francesco Antonio Balocco 1927 im norditalienischen Fossano eröffnet hat. Dort kannst du unsere leckeren Spe­zia­li­täten entdecken.“ Ein paar Schritte weiter präsentiert die Firma in einer Pappmachee-Kulisse neben einer alten Waage ihr komplettes Angebot – mit Ausnahme der Kekse, die Balocco für Discounterketten wie Lidl produziert. Woher denn das Mehl für diese Kekse stamme? „Ich weiß es nicht“, gesteht der Chef des edlen Süßigkeitenladens.

1 Siehe Frankfurter Rundschau, 15. November 2017, sowie Die Zeit, 6. Dezember 2017.

2 „Fico Eataly World e Randstad insieme per alternanza scuola-lavoro“, 9. Oktober 2017, www.adnkronos.com.

Aus dem Französischen von Richard Siegert

Jean-Baptiste Malet ist Journalist und der Autor von „L’Empire de l’or rouge. Enquête mondiale sur la tomate d’industrie“, Paris (Fayard) 2017.

Italien vor der Wahl

Drei Blöcke werden das italienische Parlament dominieren, zu dessen Wahl die Bürgerinnen und Bürger am 4. März aufgerufen sind: der gemäßigt linke Partito Democratico unter Matteo Renzi, der in den letzten fünf Jahren in Rom die Ministerpräsidenten stellte, die Mitte-rechts-Allianz Silvio Berlusconis aus Forza Italia, Lega und Fratelli d’Italia sowie der von dem Komiker Beppe Grillo 2009 gegründete Movimento 5 Stelle (M5S, Fünf-Sterne-Bewegung).

Die Fünf-Sterne-Bewegung, die ihre Tiraden gegen „die Politikerkaste“ mit einer starken Dosis Europaskepsis und weitreichenden sozialen Forderungen verband, hatte 2013 mit ihrem 25-Prozent-Erfolg Italiens politische Landschaft durcheinandergebracht und dem alten Antagonismus zwischen rechts und links, zwischen den Berlusconi-Truppen und den Anti-Berlusconianern, ein Ende gesetzt.

Viele glaubten vor fünf Jahren, die Begeisterung für den M5S werde bald wieder verpuffen. Doch immer wieder hat sich gezeigt, dass das ein Irrtum war. Als Spitzenkandidat tritt nun der 31-jährige smarte Luigi Di Maio an. Der M5S lag zu Beginn des Wahlkampfs in den Meinungsumfragen bei 27 bis 28 Prozent der Stimmen. Befürchtungen, dass ein Triumph der Liste und die Bildung einer Regierung unter M5S-Beteiligung die Europäische Union und den Euro erschüttern könnten, versucht Di ­Maio nach Kräften zu zerstreuen, indem er den Verbleib Italiens im Euro nicht mehr infrage stellt.

Matteo Renzi, seit Dezember 2013 Chef des PD und von 2014 bis Ende 2016 Ministerpräsident, kämpft dagegen ums politische Überleben. Noch vor wenigen Jahren galt er als der neue Mann, der Italiens Politik womöglich auf Jahre dominieren würde. Doch der Lack ist ab, Renzi konnte weder die Verfassungs­reform (gescheitert in einem Referendum) noch die Wahlrechtsreform (verworfen von den Verfassungsrichtern) durchbringen. Vor allem aber gelang es ihm nicht, sich neu zu erfinden. Weiterhin setzt Renzi darauf, seine Partei stromlinienförmig auf die eigene Person zuzuschneiden. Darüber verlor er den linken Flügel, der nun als „Liberi e Uguali“ („Freie und Gleiche“) antritt und den PD vermutlich 7 bis 8 Prozentpunkte kosten wird – Stimmen, die Renzis Truppen nicht mit Gewinnen in der Mitte kompensieren können. Zu Beginn des Wahlkampfs lag der PD bei 23 bis 24 Prozent und damit unter den noch vor fünf Jahren als desaströs empfundenen 25 Prozent.

Einer, der sich dagegen überraschend erfolgreich neu erfunden hat, ist der 81-jährige Silvio Berlusconi. Vor fünf Jahren galt er noch als definitiv erledigt – verurteilt zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung und mit Schimpf und Schande aus dem Senat gejagt. Er selbst ist zwar nicht mehr wählbar, doch seine Allianz hat beste Chancen, mit bis zu 40 Prozent am Ende vorn zu liegen. Berlusconi präsentiert sich – kein Witz – diesmal als Bollwerk gegen den „gefährlichen Populismus der Fünf Sterne“, sein wichtigster Allianzpartner ist jedoch die rechtsextreme Lega, die gegen Migranten hetzt und aus dem Euro rauswill. Nur die Rechte hat Chancen auf eine Mehrheit im neuen Parlament. Völlig offen sind die Szenarien, wenn Berlusconi dieses Ziel verfehlen sollte. Die Spekulationen reichen von schnellen Neuwahlen bis zu einem Technokratenkabinett.

⇥Michael Braun

Michael Braun ist Korrespondent der taz in Rom.

Le Monde diplomatique vom 08.02.2018, Jean-Baptiste Malet