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Transgener Maniok für Afrika

Transgener Maniok für Afrika

Die Saatgutindustrie gibt trotz vieler Misserfolge nicht auf

von Rémi Carayol

Der Baumwollbauer Paul Badoun freute sich, als ihm ein Freund erzählte, sie ­seien endlich die Bt-Baumwolle los. „Bt“ steht für Bacillus thuringiensis, ein Bodenbakterium, das Pflanzen gegen bestimmte Insekten resistent macht. Badouns Felder liegen auf einem Plateau über dem Dorf Konkolekan, an der Fernstraße zwischen der Hauptstadt Oua­ga­dou­gou und Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt in Burkina-Faso.

Die Baumwollbauern sehen die gentechnisch veränderte Baumwolle äußerst kritisch: zu teuer, zu geringe Erträge, gesundheitsschädlich für die Pflückerinnen und das Vieh, das die Blätter frisst. Seit die Bt-Baumwolle zumindest vorläufig von den Feldern verschwunden ist, fällt die Ernte besser aus und das Vieh ist gesund.

Mitte 2016, sieben Jahre nachdem sie die Bt-Baumwolle von Monsanto ins Sortiment genommen hatten, strichen die marktbeherrschenden Unternehmen Sofitex, Socoma und Faso Coton das Produkt wegen schwacher Erträge und mäßiger Qualität aus dem Programm. Damit sank der Anteil von Bt-Baumwolle von 70 Prozent auf null. „Wir bereuen den Schritt nicht“, sagt Ali Compaoré, Geschäftsführer von So­co­ma. „Die konventionelle Ernte der Saison 2016/17 war ausgezeichnet.“ Die burkinischen Produzenten pflückten 683 000 Tonnen Baumwolle, 16 Prozent mehr als im Vorjahr, als die Hälfte des Saatguts aus den Labors von Monsanto und des burkinischen Instituts für Umwelt und Agrarforschung kam. Gleichzeitig stieg der Ertrag um 4 Prozent auf 922 Kilogramm pro Hektar. Außerdem hat sich die Qualität der Fasern verbessert – sie sind wieder länger.1

In Burkina Faso leben 20 Prozent der Bevölkerung direkt vom Baumwollanbau, der gut 4 Prozent des BIPs ausmacht. Bis Anfang der 2000er Jahre war Baumwolle das wichtigste Exportgut des Landes. Produziert wurde sie in 250 000 Agrarbetrieben, zumeist Klein- und Familienunternehmen. Der Baumwollanbau sei „ein Instrument der Armutsbekämpfung“ und verbessere die Lebensbedingungen der Land­be­völke­rung“, hieß es in einem Bericht des Umweltministerium von 2011.

Offiziell hatte man der transgenen Baumwolle ein gutes Zeugnis ausgestellt: vorzügliche Erträge, kerngesunde Bauern und Produktionszuwächse. 2010, nicht mal ein Jahr nach der ersten Bt-Baumwollernte, hatten von Monsanto finanzierte Forscher festgestellt: „Burkina Faso ist ein hervorragendes Beispiel für die Prozesse und Verfahren, die für eine gelungene Markteinführung von Biotechprodukten erforderlich sind.“2 Dabei gab es schon früh Hinweise auf Probleme. Doch Monsanto wiegelte ab und kündigte Verbesserungen an – aber nichts geschah.

Bt-Baumwolle hat neben der minderen Qualität eine Reihe weiterer Nachteile. Vor Einführung der transgenen Sorte machte langfaserige Baumwolle 93 Prozent der burkinischen Produk­tion aus, die kurzfaserige nur 0,44 Prozent. 2015 waren nur noch 21 Prozent der Ernte langfaserig, 56 Prozent dagegen kurzfaserig.3 Mit dem Ergebnis, dass die burkinische Baumwolle an Ansehen und Wert verlor.

Der Grund für das Scheitern ist eindeutig: Monsanto und die Inera haben bei der Genmanipulation gepfuscht. Sie haben statt der üblichen sechs bis sieben Rückkreuzungen nur zwei durchgeführt.4 Doch Anfang der 1990er Jahre war die Zeit knapp. Wegen Raupenbefalls ging die Produk­tion stark zurück, weshalb die verschuldeten Bauern auf Gentechbaumwolle setzten. Da sah der US-Konzern Monsanto die Chance, über das kleine Burkina Faso am Rand der Sahelzone den afrikanischen Markt aufzurollen.

Lange Zeit war Südafrika, das 1997 in die Gentechnik eingestiegen war, das einzige afrikanische Land, in dem transgene Nutzpflanzen angebaut wurden. Heute sind dort 80 Prozent der Mais-, 85 Prozent der Soja- und fast 100 Prozent der Baum­woll­pro­duk­tion genetisch verändert. 2008 kündigte auch Ägypten den Einstieg in die Bt-Maisproduktion an. Im selben Jahr führte Burkina Faso die Bt-Baumwolle ein, 2012 folgte der Sudan mit Bt-Baumwolle „made in China“. Das Ergebnis war in keinem der Länder überzeugend. Mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) macht heute nur noch der Sudan weiter, wo zuverlässige Informa­tio­nen nur schwer zu bekommen sind.

Eine Karawane gegen Monsanto

Der International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (Isaaa), der eigens zur Förderung von GVO in Afrika gegründet wurde, sieht aktuell „eine neue Welle der Akzeptanz“. Mehrere Länder haben Gesetze über die biologische Sicherheit eingeführt; viele erlauben bereits Tests auf ihrem Gebiet. Burkina Faso zum Beispiel gestattet – trotz der schlechten Erfahrungen mit der Bt-Baumwolle – den Testanbau von Genmais und transgenen Augenbohnen, Ägypten von Genmais und Kamerun von Bt-Baumwolle. Dasselbe gilt für Ghana (Baumwolle, Reis, Augenbohne), Kenia (Mais, Baumwolle, Maniok, Süßkartoffel, Sorghum), Malawi (Baumwolle, Augenbohne), Mosambik (Weizen), Nigeria (Maniok, Augenbohne, Sorghum, Reis, Mais), Uganda (Mais, Banane, Maniok, Reis, Kartoffel) und Tansania (Weizen).

Großes Interesse hat die ­Genlobby auch an Kenia (die Afrikazentrale von Monsanto sitzt in Nairobi) und vor allem an Nigeria, dem bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich zweitstärksten Staat des Kontinents. 2015 genehmigte die nigerianische Nationalversammlung die ersten Experimente mit GVO. Im Herbst 2016 stufte die Nigerian Academy of Science GVO als gesundheitlich unbedenklich ein. Im März 2016 protestierten rund 100 Organisationen, darunter Bauerngewerkschaften und Studentengruppen, gegen die Monsanto-Projekte.

Knapp 300 westafrikanische Gruppen organisierten im März 2016 eine Karawane von Burkina Faso über Mali bis nach Senegal, um „für die Gefahren zu sensibilisieren, die von GVO für die Landwirtschaft und die Biodiversität ausgehen“. So formuliert es Ous­mane Tien­dré­béo­go, ein Vorkämpfer des kleinbäuerlichen Widerstands in Burkina Faso, der im Oktober 2016 auch am International Monsanto Tribunal in Den Haag teilnahm.

Neben dem US-Konzern Monsanto, der das Marktpotenzial Afrikas schon vor 20 Jahren erkannt hat, sind in Afrika mittlerweile auch andere Unternehmen im Rennen. Dazu gehören der Pharma- und Chemiekonzern Bayer (der Monsanto übernehmen will), das US-Unternehmen DuPont Pioneer und die von ChemChina aufgekaufte Schweizer Syngenta. In Afrika liegen immerhin 60 Prozent der weltweit noch ungenutzten Agrargebiete – und transgene Pflanzen wachsen erst auf 3 Prozent der Anbaufläche.

Monsanto hat neben seiner Zentrale in Nairobi Filialen in Malawi, Nigeria, Südafrika, Tansania und Sambia. Regionaldirektor Gyanendra Shuk­la stammt aus Indien, wo GVO den Baumwollmarkt längst erobert haben. Nach seiner Ankunft in Nairobi im Januar 2015 sprach er vom „großen Potenzial“ Afrikas, dessen Bevölkerung bis 2100 von 1,1 Milliarden auf 4 Milliarden anwachsen werde. Da derzeit noch 95 Prozent der Böden in Subsahara-Afrika nicht für die kommerzielle Landwirtschaft genutzt würden, wolle er wie in Indien mit den Kleinbauern zusammenarbeiten.5

Bayer ist auf dem afrikanischen Kontinent erst seit kurzem aktiv und bereits sehr gut vernetzt. Der Leverkusener Chemiegigant hat Büros in Kenia und Südafrika. Seine neue Regionalgesellschaft Bayer West and Central Africa (BWCA) mit Sitz in der Elfenbeinküste und Filialen in Ghana, Nigeria, Kamerun, Senegal und Mali erobert nun auch West- und Zentralafrika.

Anfangs setzten die Saatgutkonzerne auf die „starken“ Regierungen Afrikas, die den Druck ihrer Bürger wegstecken: auf die Regime in Ägypten, im Sudan, in Uganda oder in Burkina Faso. Außerdem nutzten sie die unsichere Lage Südafrikas kurz nach dem Ende der Apartheid, um auch hier einzusteigen. Dabei profitierten sie natürlich von hierarchischen Verhältnissen, unter denen die Bauern kein Mitspracherecht bei der Entscheidung über ein bestimmtes Saatgut haben.

Die Saatgutindustrie behauptet beharrlich, GVO-Pflanzen könnten helfen, angesichts des Bevölkerungswachstums den Hunger zu besiegen und den Einsatz von Pestiziden und Insektiziden zu reduzieren. Die meisten in Afrika angebauten GVO (wie Baumwolle und Soja) sind aber gar keine Nahrungspflanzen. Und natürlich lässt sich der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel auch anders verringern als durch GVO.

Um „die Herzen und Köpfe“ für Biotech zu gewinnen, haben die Saatguthersteller zahlreiche Verbände, Stiftungen und NGOs gegründet. Sie heißen Africa Harvest, African Biosafety Network of Expertise (ABNE), AfricaBio, African Agricultural Technological Foundation (AATF) oder eben Isaaa. Finanziert werden sie von den Saatgutherstellern, allen voran Monsanto, oder von großen Stiftungen und der US-Entwicklungshilfeorganisation USAID.

Die AATF versucht afrikanische Behörden dazu zu bringen, die für die Entwicklung der GVO erforderlichen Gesetze zur biologischen Sicherheit zu verabschieden. Auch knüpft sie Verbindungen zwischen den Konzernen und „humanitären“ Programmen wie ­„Niébé Bt“ (Vermarktung von GVO-Saatgut der Augenbohne) oder „Water Efficient ­Maize for Africa“ (Entwicklung dürreresistenter Maissorten).

Solche „humanitären“ Initiativen haben mit der Bekämpfung von Hunger und Armut kaum noch etwas zu tun. In einem seltenen Anfall von Solidarität hat Monsanto 2016 der AATF und testfreundlichen Staaten einige gentechnische Instrumente lizenzfrei überlassen. Damit zieht sich der Konzern wohlwollende Experten heran, die irgendwann in den Kommissionen für biologische Sicherheit sitzen.

Trotz aller Bedenken will jetzt auch Burkina Fasos Nachbarland Elfenbeinküste die Bt-Baumwolle einführen. Im Juli 2016 verabschiedete das ivorische Parlament einstimmig ein Gesetz über die biologische Sicherheit. Man hofft, die Baumwollpflanzen künftig nur zwei- statt sechs- oder siebenmal im Jahr mit Pflanzenschutzmitteln behandeln zu müssen.

Selbst Burkina Faso hat das Kapitel GVO nicht abgeschlossen. Mit Bayer gab es bereits erste Gespräche über Biotechprojekte. Für die GVO-Lobby ist das Scheitern der Bt-Baumwolle in ­Burkina Faso nur ein kleiner Unfall, verursacht durch das übereilte Agieren von Monsanto. Doch eine Untersuchung des gentechkritischen Netzwerks Copagen bei 203 Produzenten hat das ganze Ausmaß der entstandenen Schäden aufgedeckt: Der Einsatz von Bt-Saatgut hat die Produktionskosten der Bauern um 7 Prozent erhöht und zugleich die Erträge um 7 Prozent vermindert.

Von den vielen Versprechen hat die Monsanto-Baumwolle nur eines gehalten: Die Zahl der erforderlichen Insektizidbehandlungen ließ sich deutlich verringern. Die Copagen-Studie zeigt überdies, dass fast 40 Prozent der Produzenten BT-Baumwolle und konventionelle Baumwolle beim Kauf oder nach der Ernte vermischen. Und dass acht Jahre nach der Einführung der GVO die meisten Produzenten gar nicht wissen, was ein GVO ist, und Bt-Baumwolle schlicht für eine verbesserte Saatgutsorte halten.6

Die Bauern kommen in der afrikaweit geführten Debatte praktisch nicht zu Wort. Die Entscheidungen in der ersten GVO-Genehmigungsphase werden – geschützt vor neugierigen Blicken – im kleinen Kreis zwischen privaten und öffentlichen Geldgebern, Aufsichtsbehörden und Wissenschaftlern ausgehandelt. Die große Gefahr der GVO liegt darin, dass sie die afrikanische Landwirtschaft verändern. In Afrika bewirtschaften die Bauern in der Regel kleine Parzellen, auf denen sie verschiedene Produkte anbauen. Sie verbinden Ackerbau und Viehzucht, was der Umwelt, der Biodiversität und den Böden zugutekommt. Der Anbau von GVO ist das genaue Gegenteil: Er läuft auf Monokulturen hinaus, die aus den heutigen Bauern womöglich einfache Landarbeiter machen.

1 Angaben auf einer Pressekonferenz, Ouagadougou, 22. April 2017.

2 Jeffrey Vitale, Gaspard Vognan, Marc Ouattarra und Ouola Traore, „The commercial application of GMO crops in Africa“, AgBioForum, Bd. 13, Nr. 4, Columbia (Missouri), Januar 2010.

3 „Mémorandum sur la production et la commercialisation du coton génétiquement modifié au Burkina Faso“, AICB, Ouagadougou 2015.

4 Bei Rückkreuzungen wird ein hybrides Element mit der Ausgangspflanze gekreuzt, damit sich das neue Produkt nicht zu weit vom Ausgangspunkt entfernt.

5  Jaco Visser, „Monsanto targets smallholder farmers“, Farmer’s Weekly, Pinegowrie (Südafrika), 8. Januar 2015.

6 „Le coton Bt et nous, la vérité de nos champs“, Coalition pour la protection du patrimoine génétique africain (Copagen), 2017, www.copagen.org.

Aus dem Französischen von Markus Greiß

Rémi Carayol ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 12.10.2017, Rémi Carayol