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Die dänische Banane

Die dänische Banane

Landflucht, Windräder und Modellkommunen in der westlichen Provinz

von Nicolas Escach

Vejby war einmal eine lebendige Gemeinde im Norden Jütlands. „Im Ort gab es drei Lebensmittelläden, eine Künstlergruppe und mehrere Bauernhöfe“, erzählt Thessa Jensen, Professorin an der Universität Aalborg. „Zum dreitägigen Sommerfest kamen jedes Jahr 150 Besucher. Jetzt dauert das Fest nur noch einen halben Tag, und es kommen gerade einmal 30 Leute. Bushaltestellen gibt es nicht mehr, und die Kinder gehen inzwischen in eine Schule, die mehrere Kilometer entfernt ist.“ Jensen und ihre Schwester, die Inge­nieu­rin Ilka Müller, haben mitangesehen, wie sich ihr Dorf, wie so viele andere in der Region, in den letzten 15 Jahren entvölkert hat.

Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich die Schere zwischen den immer dichter besiedelten städtischen Zentren, vor allem Kopenhagen und Aarhus, und den ländlichen Regionen immer weiter geöffnet. 2014 wurden allein in der Metropolregion Kopenhagen 41 Prozent des Volksvermögens generiert, während sich der Südwesten Dänemarks langsam entvölkert. Vor allem junge Leute ziehen weg, Fabriken und Läden schließen, die Landwirte finden für ihre Betriebe keine Nachfolger und die öffentlichen Einrichtungen verkümmern. Im Volksmund wird die Region wegen ihres Umrisses die „faule Banane“ (rådne banan) genannt.

Der Journalist Ulrik Høy benutzte 1992 in der Wochenzeitung Weekendavisen erstmals und noch ohne negative Konnotationen den Ausdruck Udkantsdanmark (Außenrand-Dänemark), als er über die malerische Landschaft abgeschiedener Gegenden schrieb. Es war die Zeit, als man in Dänemark über den wirtschaftlichen Niedergang auf den kleinen Inseln, über die Abschaffung des Wohlfahrtstaats und über die Regierungspolitik der Konservativen (1983–1992) diskutierte.

Lange war die Armut vor allem auf die von der Hauptstadt weit entfernten Kommunen beschränkt, doch mittlerweile beginnt sie schon am Rand von Kopenhagen (siehe Karte).

Die Ungleichheit teilt dieses kleine Land mit 5,7 Millionen Einwohnern und 43 094 Quadratkilometern Fläche (ohne die autonomen Gebiete Grönland und Färöer Inseln). Die Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten bedeutet einen Bruch in der jüngeren Geschichte Dänemarks, das einst seinen nationalen Zusammenhalt auf der Grundlage kooperativer Werte gefunden hatte.

Nach dem Verlust der Herzogtümer Schleswig und Holstein 18641 gründete der lutherische Pfarrer Nikolai Grundtvig die dänischen Volkshochschulen, um die Landbevölkerung durch die Kenntnis der nationalen Geschichte zusammenzuschweißen. Gemeinsinn sollte die als fragil empfundene Inte­gri­tät des nationalen Territoriums wahren. In der Folge entstand unter den Bauern eine Genossenschaftsbewegung, die zu einer besonders wettbewerbsfähigen Landwirtschaft führte. In Jütland hat sich aus dieser Zeit eine ausgeprägt unternehmerische Kultur und eine Tradition der gegenseitigen Hilfe gehalten.

Legosteine aus Jütland

Dänemarks – meist liberale – Regierungschefs seit 2001 versprachen immer wieder, sich um die Peripherie des Landes zu kümmern; doch die vielen Initiativen, die lokale Lösungen anstrebten, scheiterten regelmäßig an den Sparplänen der Regierung, die öffentliche Ausgaben vor allem durch Rationalisierungen senken wollte.

Ein Beispiel für diese zwiespältige Politik ist die Verwaltungsreform von 2007: Der Staat reduzierte die Anzahl der Kommunen von 271 auf 98 und die 14 Amtsbezirke auf fünf Re­gio­nen. Mit der Bündelung von öffentlichen Dienstleistungen an einem Ort und dem Neubau von Verwaltungsgebäuden im geografischen Zentrum der neuen Verwaltungseinheiten zielte die Reform auf eine Vereinfachung der administrativen Vorgänge. Aber die Bürger beklagen die größere Entfernung zu den Verwaltungs- und Entscheidungszentren und einen unzureichenden ­Lastenausgleich zwischen reichen und armen Gemeinden, die seit der Reform mehr Aufgaben in den Bereichen, Transport, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Umwelt und Soziales übernommen haben.

Im Zuge der Dezentralisierungspolitik wurden Behörden und Ministerien schrittweise aus der Hauptstadtregion in die Provinzen verlegt: Im Oktober 2015 wurden 10 Prozent der Verwaltungsposten, 3900 Stellen, auf 38 Orte verteilt. Ein Jahr später war nur ein Drittel der Arbeitsplätze tatsächlich umgezogen, und die schwächsten Kommunen waren bei der Verlegung gar nicht erst berücksichtigt worden. Zudem weigerten sich manche Beamte umzuziehen.

Thessa Jensen überrascht das nicht: „Das Desinteresse der Medien und der Regierung an den Randgebieten verhält sich proportional zu den Kilometern, die uns von Kopenhagen trennen. Die Politiker befassen sich allenfalls mit uns, wenn sie eine öffentliche Einrichtung verlegen, aber das ist nichts als eine symbolische Maßnahme. Die Beamten werden anständigerweise befördert, aber dass so viele Jütländer ihre Arbeit verlieren, das kümmert niemanden.“

In den Küstengebieten Jütlands und auf den Inseln, an denen der Transfer der öffentlichen Stellen vorbeigegangen war, beschränkte sich der Staat darauf, günstige Fährtarife einzuführen. So hoffte man wohl, Menschen und Wirtschaftsaktivität in diese Gegenden zu locken. Dabei scheint man vor allem auf Tourismus zu setzen. Die Regierung fördert zehn Projekte an der Küste, in deren Rahmen Freizeitparks, Jachthäfen, Gewerbegebiete und Natur-Informationszentren entstehen. Auf der Insel Møn soll beispielsweise ein Aquapark gebaut werden, zum Teil auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik.

Für einige Infrastrukturmaßnahmen von nationalem Interesse gelten Ausnahmeregelungen: In 29 abgeschiedenen Kommunen, die zwischen 300 Meter und 3 Kilometer von der Küste entfernt liegen, wurden die städtebaulichen Bestimmungen erheblich gelockert. So soll in der Gemeinde Hjørring (Nordjütland) in einem Naturschutzgebiet ein Hotel mit 34 Zimmern und einer Aussichtsplattform entstehen.

Diese Entwicklung zeigt, wie sich der dänische Wohlfahrtstaat dem globalen Wettbewerb anpasst. Von 1940 bis 1980 verfolgten die regierenden Sozialdemokraten eine Politik des nationalen Zusammenhalts und des Wohlstands für alle. Die 1980er und 1990er Jahre brachten eine Kehrtwende. Die Reformen der Konservativen und dann der Liberalen zielten auf die Wettbewerbsfähigkeit der dänischen Wirtschaft und konzentrierten sich auf die Gebiete mit dem höchsten Wertschöpfungspotenzial.

Auf die Entvölkerung der anderen Gegenden reagierten einige dänische Firmen, darunter auch die international bekanntesten wie Danfoss oder Lego; sie errichteten ihre Zentrale abseits der Großstädte. Mit den Zusammenschlüssen von Unternehmen bildeten sich wirtschaftlichen Spezialisierungen heraus. Dem alten Fischereihafen der Westküstenstadt Esbjerg bescherten die erneuerbaren Energien ein zweites Leben: Heute werden hier die Komponenten von Offshore-Windrädern vormontiert und verschifft.

Während der letzten Migrationswelle 2015 appellierten dänische Unternehmen wie Danfoss an die Regierung, bei der Verteilung der Flüchtlinge den jeweiligen Bedarf an Arbeitskräften in den Regionen zu berücksichtigen. Dass sich die Privatwirtschaft der vernachlässigten Randgebiete Dänemarks annimmt, lässt allerdings befürchten, dass Förderungen ungleich verteilt werden. Private Initiativen sind kein Ersatz für fehlendes staatliche Handeln und garantieren nicht die Gleichbehandlung aller Bürger. Das wird unter anderem daran deutlich, dass mehr als ein Drittel der geschlossenen staatlichen Schulen mittlerweile als Privatschulen (friskoler) wiedereröffnet wurden.

Die Bevölkerung der abgehängten dänischen Peripherie entwickelt als Reaktion eine eigene Kultur, die sich in den sozialen Netzwerken verbreitet. Auf Facebook hat Lolland-Falster Lovestorm immerhin 22 000 Abonnenten. Die Seite entstand nach der Ausstrahlung einer mehrteiligen Fernsehdokumentation über die Gegend mit dem Titel „Am Arsch der Welt in Nakskov“. Die Serie zeigt das oft dramatische Schicksal von sieben Familien in der größten Stadt auf der Insel Lolland. Die Gegend leidet unter der Schließung der Werften und hat mit alltäglicher Gewalt und Drogenmissbrauch zu kämpfen.

Zentren für Telearbeit

Doch die Randgebiete Dänemarks könnten sogar interessant für die Wirtschaft werden: Keine Staus wie in den Ballungszentren, günstige Mieten, Synergieeffekte zwischen den verschiedenen Strukturen, Naturnähe: Es gibt viele gute Gründe für Innovationen in der Provinz, sei es im Tourismus, in der Landwirtschaft oder in den neuen Technologien.

Den Dänen ist sehr am Wohlbefinden im Arbeitsleben (arbedjsglæde) gelegen. 26 Prozent der berufstätigen Bevölkerung des Landes arbeiten regelmäßig von zu Hause aus, das ist der höchste Wert innerhalb der EU. In Nordjütland eröffneten mit EU-Fördermitteln mehrere Zentren für Menschen mit Fernarbeitsplätzen, die soziale Kontakte erleichtern sollen. Zusätzlich bieten sie den Unternehmen verschiedene Dienstleistungen an.

Am leichtesten finden Staat und private Initiativen gewiss im Bereich der Energiewende zusammen. Die erweiterten Zuständigkeiten der Kommunen sowie Gesetze, die eine kooperative Energieversorgung unterstützen, haben etwas Neues entstehen lassen, die commonities. Diese Wortschöpfung aus commons, öffentliche Güter, und communities, Gemeinden, stammt von dem ehemaligen Bauern und Umweltwissenschaftler Søren Hermansen.2

Als die Schlachthöfe des Fleischunternehmens Danish Crown Pork von der kleinen Insel Samsø auf das Festland verlegt wurden, schlug Hermansen den Bauern und Politikern der Insel vor, die kommunale Energieversorgung selbst in die Hand zu nehmen. 1997 gewann die 4000-Einwohner-Gemeinde eine Projektausschreibung des dänischen Energieministeriums: Die ausgewählte Region sollte innerhalb von zehn Jahren ihre Energie selbst und ohne staatliche Finanzhilfen erzeugen können.

Mit Geldern der Kommune, aber auch der Bauernschaft und einzelner Bürger entstanden Bio-Heizwerke, On- und Offshore-Windräder und Solaranlagen. Neben den Landwirten und der Kommune besitzen heute 450 Einwohner, also mehr als 10 Prozent, Anteile an den Gemeinschaftsunternehmen. Und das Projekt findet Nachahmer: 5000 Besucher kommen jährlich, um sich das weltberühmte „Modell Samsø“ anzuschauen.

Doch der nationale Zusammenhalt Dänemarks beruht auch auf dem hohen Niveau der sozialen Transferleistungen. Dänemark ist immer noch das europäische Land mit den höchsten Steuern und Abgaben. Durch die öffentliche Förderung kooperativer und genossenschaftlicher Wirtschaftsformen konnten in den vom Niedergang bedrohten abgelegenen Regionen lokale, autonom arbeitende neue Unternehmen entstehen, vor allem auf den kleineren Inseln. Sie sind Teil einer Bewegung von Bewohnern der Provinz, die Dinge abseits der großen Städte selbst in die Hand zu nehmen.

1 Die Herzogtümer wurden von Preußen und Österreich besetzt und 1866 von Preußen annektiert. Der Teil nördlich von Flensburg ging 1920 nach einer Volksabstimmung zurück an Dänemark.

2 Søren Hermansen und Tor Nørretranders, „Commonities = commons + communities“, Samsø Energiakademi, 2011.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Nicolas Escach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sciences Po Rennes. Autor von: „Les Danois“, Paris (Ateliers Henry Dougier) 2017.

Le Monde diplomatique vom 08.06.2017, Nicolas Escach