08.12.2016

Niedergeschrieben

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Niedergeschrieben

von Thomas Frank

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Noch nie hat die US-Presse über Wahlen so einseitig berichtet. Noch nie haben Journalisten einen Präsidentschaftskandidaten so offen, ja genüsslich niedergemacht. In dieser Hinsicht geradezu beispielhaft waren die Kommentare über Hillary Clintons innerparteilichen Rivalen Bernie Sanders in der Washington Post.

Die Post ist heute eine der wenigen Qualitätszeitungen in den USA – und das Gewissen der politischen Klasse. Sie ist mehr als das Referenzblatt für die Hauptstadt, sie ist das Organ einer meritokratischen Elite. Ihre gut ausgebildeten Koryphäen sind bestens vernetzte Journalisten und natürlich auch angenehme Zeitgenossen, und wenn sie mit den angenehmen, gut ausgebildeten Leuten in der Regierung, an den Unis, der Wall Street oder im Silicon Valley zu tun haben, treffen sie auf ihresgleichen.

Die gut verdienenden Freiberufler sind heute die Wählergruppe, die sich am zuverlässigsten von der Demokratischen Partei vertreten sieht, und in den Augen der Demokraten sind diese Leute auch die rechtmäßigen Gewinner unserer Wirtschaftsordnung. Hillary Clinton verkörpert auf ideale Weise die Bestrebungen dieser Klasse: eine hoch qualifizierte, erfahrene Anwältin, außenpolitisch bewandert, von führenden Ökonomen respektiert, auf Du und Du mit vornehmen Sponsoren. Für dieselben Leute bedeutete Bernie Sanders mit seiner „politischen Revolution“ einen Rückschritt in die Johnson-Ära, als Demagogen in zerknitterten Jacketts gegen Banken, Kapitalisten und ausländische Unternehmen wetterten.

Bei der Lektüre der rund 200 Leitartikel und Kommentare, die zwischen Januar und Mai 2016 in der Post erschienen sind, fällt zunächst auf, dass in den wertenden Artikeln über Sanders auf ein positives Urteil fünf negative kamen. Bei den Kommentaren über Hillary dagegen war das Verhältnis annähernd ausgeglichen.

Das Sperrfeuer gegen Sanders begann kurz vor den Vorwahlen in Iowa, als man in Washington zu ahnen begann, dass der Senator aus Vermont eine Chance haben könnte. So erschien am 20. Januar 2016 ein Leitartikel, der Sanders „mangelnden Realismus“ vorwarf. Am selben Tag behauptete die Kolumnistin Catherine Rampell, dass Populisten wie Sanders, die zum alten System der Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken zurückwollen, nur die „Tiefe ihrer Unkenntnis“ dokumentierten.

Tags darauf mokierte sich Charles ­Lane über Sanders’ Aussage, es gebe in den USA eine „Milliardärsklasse“, die eine konservative Politik unterstütze. Viele Milliardäre, so Lane, seien in sozialen Fragen eher progressiv und hätten mehr für den Fortschritt getan als Sanders. Am 27. Januar, nur wenige Tage vor dem Iowa-Caucus, meinte Dana Mil­bank, der Starreporter der Post, Sanders zu nominieren wäre verrückt, weil „Sozialisten in den USA keine nationalen Wahlen gewinnen“.

Die verlorene Ehre des Bernie Sanders

Kurz nachdem Sanders die Vorwahl in New Hampshire gewonnen hatte, wurden Sanders und Trump als „inakzeptable Führer“ bezeichnet, die „einfach klingende“ Lösungen anbieten. Sanders mache die Plutokratie zu einem „bequemen Sündenbock“, er sei gegen Atomkraftwerke, habe kein Rezept für das Trennbankensystem, operiere bei seiner Kritik an Handelsabkommen mit falschen Zahlen und habe wenig Rückhalt bei schwarzen Wählern.

Auf den Blogs der Post erschienen allerdings auch Beiträge von Sanders-Sympathisanten wie dem Post-Karikaturisten Tom Toles oder Gastkommentare von Katrina vanden Heuvel, Chefredakteurin der linken Wochenzeitung The Nation. Und am 26. Mai war sogar auch in der gedruckten Zeitung ein Essay zu lesen, der einige Gesetzesvorschläge von Sanders guthieß.

Ihren grundsätzlichen Standpunkt hatte die Post-Chefredaktion indes bereits im Februar in zwei Leitartikeln dargelegt. Unter der Überschrift „Der Angriff von Mr. Sanders auf die Realität“ bezeichnete sie dessen Ideen als „naiv“ und behauptete, er würde implizit Präsident Barack Obama kritisieren, der schließlich das Beste vollbracht habe, was in diesem System möglich sei. In dem zweiten Leitartikel hieß es, Sanders hänge – wie Ted Cruz – dem schädlichen Glauben an, dass „der Weg zum Fortschritt nicht der Kompromiss, sondern die reine Lehre“ sei. So gesehen wäre der Einsatz für einen umfassenden Wandel strukturell unmöglich, nach dem Motto: „No we can’t.“

In dieser Logik müsste man zum Beispiel jeden Politiker abkanzeln, der sich für eine Beschränkung des Waffenbesitzes einsetzt, da es bekanntlich fast ausgeschlossen ist, dass ein entsprechendes Gesetz durch den Kongress geht und auch noch den Su­preme Court übersteht.

Bernie Sanders hat seine Kandidatur mit Reformvorschlägen untermauert, die den Leuten bei der Post gegen den Strich gingen. Aber statt sich mit seinen Ideen auseinanderzusetzen, verwiesen sie ihn des Feldes und sprachen ihm nach Gutdünken jeden Realitätssinn und in der Konsequenz auch jede Legitimität ab.

Das Ergebnis sind politische Eigentore: Man bejubelt das Programm namens Tarp, das seit Oktober 2008 erlaubt, Anteile an Banken und Geldinstituten zu kaufen, um den Finanzsektor zu stabilisieren; man verhöhnt das Bemühen, die Banken zu regulieren; man verwirft die Idee einer staatlich finanzierten Krankenversicherung als groteske Vision.

Natürlich handelt es sich bei alldem um eine Ideologie der Akademikerklasse, der korrekt denkenden Princeton- und Harvard-Absolventen, die ihre Kollegen von den anderen Fakultäten – ob Wirtschaftswissenschaftler oder Bank-Analysten oder Thinktank-Politologen – gern als „Autoritäten“ zitieren. Aber vor allem ist es eine Haltung, die – trotz der zunehmend prekären beruflichen Lage vieler Journalisten – aus einer gesicherten ökonomischen Position heraus doziert und für das „normale Volk“ nur einen paternalistischen Blick übrig hat.

Bei den publizistischen Angriffen auf Sanders spielte immer wieder das Argument eine Rolle, dass die Demokraten im Kampf gegen Donald Trump ihre stärkste Führungsfigur aufbieten müssten. Wer Sanders wegen seiner besseren Wählbarkeit unterstütze, so der berühmte New York Times-Kolumnist Paul Krugman, dem werde „die Geschichte niemals verzeihen“.

Dabei ergaben Umfragen schon damals genau das Gegenteil: Im hypothetischen Wettbewerb mit Trump lag Sanders ständig in Führung, während das Duell Hillary gegen Trump stets ein Kopf-an-Kopf-Rennen war. Trump vermochte jene weißen Wähler aus der Arbeiterklasse anzusprechen, die Sanders letztlich doch besser fanden als den großmäuligen Milliardär. Hillary dagegen war bei diesen Leuten ex­trem unbeliebt. Sie thematisierte deren Probleme nicht und tat wenig, um ihren Rückhalt bei den Wählern aus der Arbeiterklasse zu stärken.1 Vor ihrer Niederlage hatten die Medien Hillary einhellig hochgejubelt, aber das gewünschte Ergebnis blieb aus. Bei den Vorwahlen der Demokraten hatte die Anti-Sanders-Kampagne noch gewirkt, aber bei den nationalen Wahlen fiel die Reaktion anders aus.

Den US-Bürgern gemeinsam ist ihre Verachtung jeder Arroganz und ihr intuitiver Widerwille gegenüber den belehrenden Tönen, die selbst ernannte Autoritäten – also auch die Medien – von sich geben. Die übereifrige Parteinahme der Zeitungen hat offenbar eine gigantische Gegenbewegung ausgelöst, mit deren Folgen sich die Welt noch jahrelang herumschlagen muss.⇥Thomas Frank

1 Siehe Thomas Frank, „Der Böse und die Heuchlerin“, Le Monde diplomatique, September 2016.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Thomas Frank ist Journalist und der Autor von „Listen, Liberal or What Ever Happened to the Party of the People?“, New York (Metropolitan Books) 2016. Auf Deutsch erschien von ihm „Arme Milliardäre! Der große Bluff oder Wie die amerikanische Rechte aus der Krise Kapital schlägt“, München (Antje Kunstmann) 2012.

Le Monde diplomatique vom 08.12.2016, von Thomas Frank