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Heilige Schwangerschaft

Heilige Schwangerschaft

In Polen kämpfen Kirche und Regierung gegen die Selbstbestimmung der Frauen

von Audrey Lebel

Die 30-jährige Marta Syrwid arbeitet als Journalistin bei der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Am 2. Januar nahm sie, wie Tausende andere Polinnen, eine Reise in die Slowakei auf sich, um für 2000 Złoty (etwa 460 Euro) in einer Privatklinik eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Ende Januar 2016 veröffentlichte sie einen Bericht über diese Erfahrung.1 „Die Frau, die uns abholen sollte, war noch besoffen von Silvester. Deshalb saß nicht sie, sondern irgendein Mann am Steuer, dem sie erklärte, wo er hinfahren solle. Wie waren zu dritt auf der Rückbank, zusammengepfercht in diesem klapprigen Auto, das nach Alkohol stank und in dem man die Fenster nicht öffnen konnte.“

Zwischen 1956 und 1993 waren Schwangerschaftsabbrüche in Polen erlaubt und kostenlos. Heute hat das Land eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. Erlaubt sind Abtreibungen nur, wenn die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist; wenn bei dem Fötus eine schwere Missbildung oder Erkrankung festgestellt wurde und wenn die Frau durch Vergewaltigung oder Inzest schwanger wurde. Doch selbst wenn eine Frau gesetzlich Anspruch auf eine legale und kostenlose Abtreibung in einem öffentlichen Krankenhaus hat, wird ihr diese oft verwehrt.

Ärzte berufen sich auf ihr Gewissen oder zögern Formalitäten und Untersuchungen so lange hinaus, bis die Frist von zweiundzwanzig Wochen für eine Abtreibung verstrichen ist. Sie informieren die Patientinnen nicht über ihre Rechte, obwohl sie dazu verpflichtet wären. „Und es ist sogar noch schlimmer“, erklärt Krystyna Kacpura, Vorsitzende des polnischen Verbands für Frauenrechte und Familienplanung Federa, „sie setzen die Frauen unter psychologischen Druck. Sie spielen schwere Krankheiten des Fötus herunter, indem sie beispielsweise sagen: ‚Ja, Ihr Kind hat eine Missbildung des Gehirns, aber schauen Sie mal, wie es die Beine bewegt.‘ “

Viele Ärzte haben Angst, selbst zur Zielscheibe der Abtreibungsgegner zu werden. Manchem wurde schon das Auto demoliert, oder im Internet war über ihn zu lesen: „Zu dem Arzt solltet ihr nicht gehen, er ist ein Mörder.“ Katholiken demonstrieren vor Krankenhäusern mit Fotos blutverschmierter Föten. In manchen Städten in Südpolen gibt es kein einziges Krankenhaus mehr, das Schwangerschaftsabbrüche durchführt.

Offiziellen Zahlen zufolge ist in Polen mit seinen 38,5 Millionen Einwohnern die Zahl der legalen Abtreibungen von über 130 000 in den 1980er Jahren auf unter 2000 jährlich zurückgegangen.2 Der polnischen Stiftung für das Recht auf Leben sind das immer noch zu viele. Ihre Anhänger hatten Anfang Juli etwa 500 000 Unterschriften für einen Gesetzentwurf gesammelt, nach dem einzig die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben der Mutter als Ausnahme beim Abtreibungsverbot gilt; Ärzte müssen sämtliche Fehlgeburten polizeilich melden; und Frauen, die abtreiben lassen, werden mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.

Die polnischen Bischöfe sprachen sich für den Entwurf aus, waren allerdings gegen die Gefängnisstrafe. Auch die katholische Publizistin Magdalena Korzekwa, Beauftragte des Sprechers der Bischofskonferenz, ist der Meinung, dass das Gesetz schnellstmöglich geändert werden müsse: „Alle ungeborenen Kinder sollten geschützt werden“, meint sie. „Auch ein Kind, das aus einer Vergewaltigung hervorgeht, hat das Recht zu leben. Es ist für die dramatischen Umstände seiner Zeugung nicht verantwortlich. Es ist ein Kind wie jedes andere, es besitzt dieselbe Menschenwürde.“ Und was Abtreibungen bei absehbarer Behinderung des Kindes betrifft, erklärt sie: „Das ist eine Form der Eugenik. Man entscheidet, wer ein Lebensrecht besitzt und wer nicht.“

Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die im Sejm über eine absolute Mehrheit verfügt,3 hatte den Gesetzentwurf am 23. September in erster Lesung angenommen. Doch am 6. Oktober, drei Tage nachdem in den großen Städten des Landes Hunderttausende schwarz gekleidete Frauen ihre Empörung kundgetan hatten, vollzog sie eine Kehrtwende. Um den reaktionären Teil ihrer Wählerschaft zu besänftigen, kündigte Ministerpräsidentin Szydło eine „große Infokampagne zur Verteidigung des Lebens“ an sowie staatliche Hilfe für Frauen, die trotz einer diagnostizierten Behinderung ihres ungeborenen Kindes nicht abtreiben wollen.

Mateusz Kijowski, der Gründer der Bürgerbewegung Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD), gibt zu bedenken, das aufgegebene Gesetzesvorhaben sei „aus der Zivilgesellschaft hervorgegangen. Die PiS hat angekündigt, einen eigenen Gesetzentwurf einzubringen, um das Recht auf Abtreibung weiter einzuschränken, insbesondere bei Missbildungen des Embryos.“ In einem Gespräch mit der polnischen Presseagentur PAP erklärte Präsident Kaczyński, das Ziel sei, dass „auch schwierige Schwangerschaften, wenn das Kind sterben wird und schwer missgebildet ist, erst mit der natürlichen Geburt enden, so dass das Kind getauft und begraben werden kann und einen Namen bekommt.“4

Keine staatlichen Hilfen für behinderte Kinder

Eltern von lebenden behinderten Kindern haben in Polen keinerlei Anspruch auf finanzielle Unterstützung, und etwa eine Million Kinder alleinerziehender Mütter müssen ohne Unterhaltszahlungen des Vaters auskommen. Es gibt zwar staatliche Unterhaltszahlungen in Höhe von 500 Złoty (114 Euro) im Monat, aber Małgorzata Druciarek, Soziologin in der Beobach­ter­gruppe für Geschlechtergleichheit Warschau, erläutert:. „Nur 330 000 Kinder haben etwas davon. Berufstätige Frauen, die nicht als extrem arm gelten, haben darauf keinen Anspruch. Manche müssen sich mit zwei oder drei Jobs über Wasser halten.“

Die hohe Zahl der heimlichen Abtreibungen halten die Pro-Life-Ideologen übertrieben. Frauenverbände wie Federa schätzen sie auf zwischen 150 000 und 200 000 jährlich. Manche Frauen wissen, dass sie auf einschlägigen Websites5 verlässliche Informationen finden und schnell an Abtrei­bungs­pillen gelangen können. Einige haben genug Geld, um in eine Privatklinik in der Slowakei, in Deutschland oder in Tschechien zu gehen. Aber was ist mit den ärmeren oder weniger gebildeten?

„Viele Ärzte nutzen die Notlage dieser Frauen aus“, erklärt Wanda Nowicka, die ehemalige Vizepräsidentin des Sejm. „Öffentlich behaupten sie, sie nähmen keine Schwangerschaftsabbrüche vor, aber dann schalten sie Anzeigen, in denen ‚alle gynäkologischen Dienstleistungen‘ angeboten werden oder die ‚Rückkehr der Regelblutung‘. Manchmal nutzen sie die Ahnungslosigkeit von Frauen aus, die meinen, sie seien schwanger, weil ihre Regelblutung ausbleibt. Dabei ist sie vielleicht nur verspätet, und gewisse Ärzte lassen sich dann für einen vorgetäuschten Eingriff bezahlen.“

Eine Abtreibung, manchmal ohne Narkose, oft ohne medizinische Nachsorge, kostet auf dem Schwarzmarkt etwa 3000 bis 4000 Złoty – bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 4100 Złoty (1000 Euro). „Dabei geht es manchmal zu wie in einem Agentenfilm“, berichtet Marta Syrwid. „Die Frauen werden von Krakau nach Kattowitz gefahren. Dort müssen sie den zweiten Wagen ausfindig machen, der sie in die Arztpraxis bringen soll. Als Erkennungszeichen für den Fahrer sollen sie eine Zeitung unterm Arm halten. Eine Freundin musste nur einige Minuten nach dem Abbruch, als sie noch unter Narkose stand, die Arztpraxis verlassen und einen Kilometer durch den Schnee zum Bahnhof laufen.“

Strafrechtlich verfolgt werden die Frauen offenbar nur in Einzelfällen. Aber Ärzte oder andere Personen, die bei einer illegalen Abtreibung behilflich sind, riskieren eine zweijährige Gefängnisstrafe. (Der abgelehnte Gesetzentwurf hätte diese Strafe auch für sie auf fünf Jahre erhöht.) Und es kommt oft zu Erpressungen. Keine Frau will von ihren Erfahrungen berichten, auch nicht anonym: zu riskant, zu schmerzlich.

Es gibt Frauen, die sich in ihrer Verzweiflung an Tierärzte wenden oder Medikamente gegen Arthrose nehmen, die hoch dosiert eine Fehlgeburt auslösen können. Magdalena Korzekwa sagt, solche Situationen gebe es gar nicht. „Das sind nur falsche Behauptungen von Leuten, die Abtreibungen durchführen.“ Natalia Skoczylas von Feminoteka, einer Organisation zum Schutz von Opfern häuslicher Gewalt, betont dagegen: „Die meisten glauben, es sei übertrieben, dass Frauen durch heimliche Abtreibungen ihr Leben riskieren, aber leider ist es genau so.“ Das nicht ganz logische Gegenargument von Magdalena Korzekwa: „Je stärker der Schutz des menschlichen Lebens gesetzlich verankert wird, desto weniger Frauen bringen ihr Leben durch eine Abtreibung in Gefahr. Und das gilt auch, wenn man heimliche Abtreibungen miteinbezieht.“

Familienkunde statt Sexualaufklärung

Der Verein Federa hat Dutzende Fälle dokumentiert, in denen Frauen Gesundheitsschäden erlitten oder sogar starben. Der bekannteste ist der von Alicja Tysiąc. Am 20. März 2007 sprach der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) den polnischen Staat schuldig, der dreifachen Mutter eine medizinisch erforderliche Abtreibung vorenthalten zu haben, was zu ihrer Erblindung und Berufsunfähigkeit führte. Am 30. Oktober 2012 sprach der EGMR Polen erneut für Zuwiderhandlung gegen Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention schuldig. Verhandelt wurde dieses Mal der Fall einer Jugendlichen aus Lublin, die mit 14 Jahren Opfer einer Vergewaltigung geworden war. Mehrere Krankenhäuser hatten ihr einen Schwangerschaftsabbruch verweigert, vonseiten der Abtreibungsgegner war sie massiven Anfeindungen ausgesetzt.

Im postkommunistischen Polen ist Religion eine ernste Angelegenheit. Das Abtreibungsgesetz von 1993 wurde in einer Phase der sozialen Konflikte und dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen beschlossen. Die katholische Kirche hat während der Teilung Polens im 19. Jahrhundert die Einheit des Landes historisch und territorial, die Idee einer Nation aufrechterhalten. Und sie blieb auch unter der deutschen Besatzung und unter dem Kommunismus das Fundament einer gemeinsamen Identität. Das blieb sie auch in den 1990er Jahren, als der demokratische Staat mit seinen neuen Aufgaben überfordert war, und das ist sie bis heute.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass der umstrittene Gesetzentwurf Stellen aus den Evange­lien und Zitate von Papst Johannes Paul II. enthielt. Im Heimatland von Karol Woj­ty­ła ist der Anteil derer, die sich zum Katholizismus bekennen, immer noch sehr hoch. Nach 1989 setzte die Kirche die Einführung des Reli­gions­un­ter­richts an den Schulen durch; an die Stelle des 1973 eingeführten Sexual­kundeunterrichts trat nun das Fach Familienkunde, das von Priestern gelehrt wird. „Sie zeigen Videos, in denen ein Embryo eines Kindes dargestellt wird“, berichtet Natalia Skoczylas, „und gezeigt wird, wie er angeblich bei einem Schwangerschaftsabbruch zerschnitten wird.“

Das Abtreibungsverbot trat im Januar 1993 in Kraft. Die Linkskoali­tion, die im September desselben Jahres an die Macht kam, beschloss ein Gesetz, das den genannten Ausnahmen die „schwierige soziale Situation der Mutter“ hinzufügte. Doch das Gesetz scheiterte am Veto von Präsident Lech Wałęsa. Ein neues Gesetz, das nach Wałęsas Wahlniederlage 1995 beschlossen wurde, scheiterte am polnischen Verfassungsgericht, das es 1997 wieder aufhob.

Heute ist nicht einmal mehr Verhütung eine Selbstverständlichkeit. In den Großstädten ist es relativ einfach, sich die Pille verschreiben zu lassen oder Kondome zu kaufen. Aber auf dem Land weigern sich viele Ärzte, die Pille zu verschreiben. Die Pille danach ist seit einem knappen Jahr nicht mehr rezeptpflichtig. Doch viele Apotheken halten sie absichtlich nicht vorrätig, andere verkaufen sie zu einem deutlich überhöhten Preis. „Heute sind die Frauen in Polen so schlecht dran wie in den ganzen letzten 25 Jahren nicht“, schimpft Wanda Nowicka.

In den vergangenen Monaten haben sich Hunderttausende Polen in Warschau an Demonstrationen gegen die PiS beteiligt, zu denen insbesondere das Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) aufgerufen hatte – zum ersten Mal seit 1989 wieder. Und durch die Mobilisierung über soziale Netzwerke konnte die Organisation Dziewuchy Dziewuchom (auf Deutsch etwa: Mädels für Mädels) Hunderttausend Menschen für einen Protestmarsch am 18. Juni und für die Demonstration der schwarz gekleideten „Frauen im Streik“ am 3. Oktober gewinnen.

„Diese schwarzen Märsche sind der erschreckende Ausdruck einer Kultur des Todes“, erklärte daraufhin der Erzbischof von Łódź.6 Ganz anders klingt das in den Worten von Ewa Burgunska, einer 51-jährigen Filmproduzentin: „Was uns wirklich dazu gebracht hat, auf die Straße zu gehen, ist, dass wir für das Recht auf medizinische Versorgung kämpfen wollen. Keine der Organisatorinnen ist Feministin oder politisch aktiv, aber dieser Gesetzentwurf ging zu weit. Unsere Stärke ist es, dass wir die Frauen mit einfachen Worten erreichen.“ Noch nie hat es so große Demonstrationen für das Recht auf Abtreibung gegeben. Ein Teil der Gesellschaft ist darüber aufgewacht. Die Menschen haben gesehen, dass es eine Wirkung hat, wenn sie auf die Straße gehen.

1 Marta Syrwid, „Polki jada po aborcje na Słowacje“, Gazeta Wyborcza, Warschau, 28. Januar 2016.

2 Trotz des Abtreibungsverbots geht die Geburtenrate seit 1989 zurück und ist mit 1,3 Kindern pro Frau eine der niedrigsten in Europa.

3 Vgl. Cédric Gouverneur, „Adams Kinder träumen von England. Was die Polen wählen – und warum“, Le ­Monde diplomatique, März 2016.

4 Zitiert nach The Independent, 12. Oktober 2016: www.independent.co.uk/news/world/europe/abortion-ban-poland-warsaw-parliament-vote-party-jaroslaw-kaczynski-pis-a7358036.html.

5 Wie etwa www.womenonweb.org.

6 Agence France-Presse, 3. Oktober 2016.

Aus dem Französischen von Cordula Didion

Audrey Lebel ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 10.11.2016, Audrey Lebel