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Schulstreit in Algerien

Schulstreit in Algerien

Hocharabisch, Darja oder Französisch? An der richtigen Unterrichtssprache scheiden sich die Geister

von Akram Belkaïd

Wenn in Algerien die Abi­tur­prüfungen beginnen, fiebert das ganze Land mit: „Das ist jedes Jahr eine besondere Zeit“, erzählt Abdelmoumen B., ein ehemaliger Hochschulbeamter, der in die Privatwirtschaft gewechselt ist und seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Wir waren früher immer so stolz auf die perfekte Organisation der Prüfungen. Doch heute geht es dabei zu wie überall: schlampig und korrupt.“ Gemeint ist der Leak der Prüfungsaufgaben, der in diesem Jahr hohe Wellen geschlagen hat – in einer ohnehin angespannten Situation. Seit Monaten fragt sich das ganze Land, wie es um die Gesundheit von Präsident Bouteflika steht und ob er überhaupt noch in der Lage ist, zu regieren. So gilt der Leak nicht nur als weiterer Beleg für den miserablen Zustand des Schulsystems, sondern auch des Staats.

Das Gerücht war schon länger im Umlauf, als das Bildungsministerium Anfang Juni zugab, dass einige Aufgaben und zum Teil auch die Lösungen in den sozialen Netzwerken kursierten. Die Polizei wurde eingeschaltet und hatte kaum mit ihren Ermittlungen begonnen, da präsentierte sie schon rund 30 Verdächtige. Mit Verweis auf das „durch die Verfassung garantierte Recht auf Chancengleichheit“ entschied Bildungsministerin Nouria Ben­gha­brit-Remaoun, dass manche Prüfungen zwei Wochen später wiederholt würden.

Zudem wurde beschlossen, während der Wiederholungsprüfungen die sozialen Netzwerke zu blockieren – eine für viele ebenso empörende wie sinnlose Maßnahme. „Es bringt doch nichts, das Internet abzuschalten, die Aufgaben sickern trotzdem durch“, sagt etwa Anissa F., eine junge Lehrerin aus Tizi Ouzou, die sichtlich amüsiert erzählt, wie Tausende User während der Blockade gelernt hätten, die Zensur im Netz zu umgehen.

Der Kern der Auseinandersetzung liegt jedoch woanders. Und dort stehen sich zwei unversöhnliche Lager gegenüber: Während die einen lauthals den Rücktritt der Bildungsministerin fordern – schließlich hatte in einem vergleichbaren Fall 1992 einer ihrer Vorgänger ebenfalls den Hut nehmen müssen –, bezeichnen das die anderen als islamisch-konservative Verschwörung gegen Benghabrit-Remaoun. Ein Großteil der französischsprachigen Presse, die algerische Linke und viele bekannte Persönlichkeiten, die sich der islamistischen Strömung entgegenstellen, sehen eine Intrige am Werk, deren Ziel es sei, die geplanten Reformen zu untergraben.

Tatsächlich steht die 64-jährige Soziologin Benghabrit-Remaoun, die in Paris studiert hat und keinem politischen Lager angehört, seit ihrer Ernennung im Mai 2014 fast permanent unter Beschuss. Sie hatte ihr Reformprogramm noch gar nicht vorgestellt, da wurde die Ministerin, die kein Kopftuch trägt und deren Aussprache im Hocharabischen manchmal etwas holprig klingt, bereits heftig kritisiert, insbesondere von Mitgliedern der zugelassenen religiösen Parteien, aber auch aus den Reihen der „Präsidenten-Allianz“, wie dem Front de libération nationale (FLN, Nationale Befreiungsfront) und dem Rassemblement national démocratique (RND, Nationale Demokratische Sammlung). Als behauptet wurde, die angeblich zu frankofile Benghabrit-Remaoun sei Jüdin, sah sich die Ministerin sogar antisemitisch motivierten Angriffen ausgesetzt – bis Algeriens unabhängige Presse darauf hinwies, dass sie die Großnichte von Si Kaddour Benghrabit ist, dem Gründer der Großen Pariser Moschee.

Im Juli 2015 erregte die „eiserne Lady“, wie sie von einigen Medien genannt wird, die Gemüter, als sie bei einer Konferenz ankündigte, eine der anvisierten Maßnahmen zur Förderung von sogenannten Schulversagern sei die Einführung des algerischen Arabisch (darja) als Unterrichtssprache. Die Konservativen waren außer sich. Seit 40 Jahren ist das klassische Hocharabisch (fusha) offiziell Algeriens einzige Unterrichtssprache, nur einzelne Kurse finden auch auf Französisch (das ab der 3. Klasse unterrichtet wird), in der Berbersprache Tamazight und auf Englisch statt.

Die Arabisierung des algerischen Bildungssystems unter Präsident Houari Boumedienne (1965 bis 1978) ist jedoch nicht unumstritten: „Von der ersten Klasse an werden die Kinder in einer Sprache unterrichtet, die sie nicht verstehen, weil sie sie weder zu Hause noch auf der Straße hören. Von Anfang wird so der Grundstein für ein späteres Scheitern gelegt“, erklärt ein Lehrer. Obwohl es offiziell nicht erlaubt ist, spricht er mit seinen Erst- und Zweitklässlern darja, „auf die Gefahr hin, dass ich von der Verwaltung sanktioniert werde“.

Tatsächlich ist das Ausmaß schulischen Versagens erheblich, wie die Statistiken des Bildungsministeriums zeigen: Zwar schaffen es 84 Prozent der Grundschüler ins Collège (Sekundarstufe I), aber von denen bekommen nur 72 Prozent den Wechsel ins Lycée (Oberstufe) hin. Und nur 52 Prozent der Oberstufenschülerinnen und -schüler machen das Abitur.1 Im Juli 2016 lag die Erfolgsquote sogar nur bei 50 Prozent. Mithilfe der angestrebten Reformen hofft das Ministerium, dass sich diese Quote in einem ersten Schritt auf 70 Prozent erhöht.

Schon der Gedanke, das Hocharabische als einzige Unterrichtssprache infrage zu stellen, empört einen Großteil der politischen Klasse. Schließlich rüttelt er an einer Säule des Regimes: Seit Algeriens Unabhängigkeit von Frankreich (1962) war es die Aufgabe des Bildungssystems, das arabische und muslimische Erbe wiederzubeleben. Erreicht werden sollte das vor allem durch die Verwendung des klassischen beziehungsweise literarischen Hocharabisch. Die Architekten der Res­tauration verachteten das algerische darja, in dem viele französische Wörter und Begriffe aus der Berbersprache vorkommen.

In ihren Augen ist darja, das im Masch­rik, dem arabischen Orient, und am Golf nur schwer verstanden wird, die Sprache der Kolonialmacht, die sie dazu missbraucht hatte, das Land von der übrigen arabischen Welt zu isolieren. In diesem einen Punkt sind sich deshalb die Islamisten und die Erben der nationalen Unabhängigkeitsbewegung selten einig: keine Zulassung des darja als Schulsprache.

Aus den gleichen Gründen war schon vor 40 Jahren ein Modernisierungsversuch für die Schulen gescheitert. Bildungsminister war damals der frühere Widerstandskämpfer und Schriftsteller Mostefa Lacheraf (1917–2007). Der einstige FLN-Anführer konnte die Einheitspartei jedoch nicht von seinem bilingualen Schulmodell (damals Französisch und Arabisch) überzeugen. In seinen Memoiren schildert Lacheraf, wie die Nationalisten sein Reformprojekt torpedierten und ihm sogar mit körperlicher Gewalt drohten. Sie warfen ihm vor, er wolle das algerische Schulsystem an die ehemalige Kolonialmacht verkaufen.2

Dabei habe es sich um eine moderate Reform gehandelt, erzählt ein ehemaliger leitender Beamter aus dem Bildungsministerium. Der FLN verstieg sich indes zu der Behauptung, sie sei der Beweis für die Existenz einer „Franzosenpartei“, der berüchtigten ­„Hizb França“. Als nach Boume­diennes Tod 1978 Oberst Chadli Bendjedid die Macht übernahm, ernannte er einen Arabisten zum Bildungsminister, dessen erste Worte waren: „Der Bilinguismus ist vorbei!“

Die Unterrichtssprache, der sakrosankte Status des klassischen Arabisch und die Rolle des Französischen (siehe Artikel auf Seite 19) sind jedoch nicht die einzigen strittigen Punkte beim Thema Schule: Schon ein kursorischer Blick in die Lokalpresse zeigt das ganze Ausmaß der Kritik an der „maroden Institution“. Das Bildungsministerium hält dagegen und verweist auf positive Entwicklungen und neue Ansätze: Die Alphabetisierung liegt in Algerien heute bei 78 Prozent (zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit waren es 13 Prozent). Das erklärte Ziel ist es, alle Kinder bis zum Ende des Collège zu beschulen. Und angesichts eines Anteils von 65 Prozent Abiturientinnen und 1,5 Millionen eingeschriebenen Studentinnen (doppelt so viele wie Männer) könne sich schon lange niemand mehr über die mangelhafte Schulbildung von Mädchen beschweren.

Der hohe Anteil an Abiturientinnen erklärt sich durch ein leichtes demografisches Ungleichgewicht – bei den unter 20-Jährigen sind die Frauen in der Überzahl – sowie durch die Tatsache, dass Bildung immer noch der beste Weg zur Emanzipation ist. Doch wenn Mädchen in der Schule versagen, schnappt die Falle zu und sie werden viel zu jung in eine meist von der Familie arrangierte Ehe gezwungen. Wohingegen sich Jungen, selbst wenn sie die Schule abgebrochen haben, immer noch mit kleinen Geschäften im informellen Sektor über Wasser halten können.

Häufige Kritikpunkte sind auch die schlechte Infrastruktur und überfüllte Klassen. „In meiner Abschlussklasse sitzen 55 Schüler“, erzählt ein Mathematiklehrer aus der Küstenstadt Annaba. „Da ist es sehr schwer, eine gute Vorbereitung auf das Abitur zu gewährleisten.“

54 Jahre nach der Unabhängigkeit hat Algerien durchaus Fortschritte im Bildungswesen vorzuweisen: Die Zahl der Gymnasien ist von 39 im Jahr 1962 auf 1200 im Jahr 2016 angestiegen. Einen vergleichbaren Zuwachs verzeichnen die Grundschulen und Collèges, deren Anzahl seit 1962 von 379 beziehungsweise 7855 auf 3500 beziehungsweise 15 000 gestiegen ist.

Algerien investiert 14 Prozent seines Staatsbudgets in das Schulsystem. Weitere 7 Prozent fließen in die Hochschulen – doch das reicht bei Weitem nicht, um die Kosten für die steigenden Schülerzahlen zu decken. Denn die algerische Gesellschaft ist relativ jung: Über die Hälfte der 40,4 Millionen Einwohner (Stand: Januar 2016) sind jünger als 15 Jahre. 4 Millionen Kinder besuchen zurzeit die Grundschule, das ist ein Rekord. Einem Arbeitspapier der Regierung zufolge, das dem Autor vorliegt, müsste Algerien seine schulischen Aufnahmekapazitäten bis 2025 um 50 Prozent steigern, um allein die derzeitigen Unterrichtsbedingungen aufrechtzuerhalten.

Die zuständigen Behörden scheint das nicht zu beunruhigen: Man sei der Herausforderung gewachsen, heißt es, und wiederholt wie ein Mantra, dass man schließlich auch im Herbst 1962 den Start ins neue Schuljahr gestemmt habe, nachdem fast das gesamte französische Lehrpersonal das Land verlassen hatte. „Das ist keine Frage der Quantität“, meint ein Exminister, der an der aktuellen Regierung ansonsten viel auszusetzen hat. „Das ist eine Frage des Geldes. Und Algerien ist trotz des niedrigen Ölpreises immer noch reicher als seine Nachbarländer. Die Schwierigkeiten liegen woanders: Es geht vor allem um die Lerninhalte und die Qualifikation der Lehrkräfte.“

Seit der Unabhängigkeit gab es drei große Bildungsreformen. Die erste von 1976 setzte die Arabisierung durch und installierte das Grundschulsystem der „écoles fondamentales“, die bald nur noch als „école fawda-mental“ bezeichnet wurden – fawda bedeutet „Anarchie“. Die zweite Reform von 1999 bestand in einer geringfügigen Nachbesserung der Lehrpläne, und die letzte von 2006 verkürzte die Grundschulzeit von sechs auf fünf Jahre.

Die „zweite Generation der pädagogischen Reformen“, die von diesem Schuljahr an gelten sollen, zielt auf eine verbesserte Lehrerausbildung, ein verändertes Benotungssystem und ein erweitertes Fremdsprachenangebot. In Zukunft sollen die Kinder in der ­Schule zum Beispiel auch Türkisch, Chinesisch oder Koreanisch lernen können.

Viele der genannten Schulpro­ble­me kennt man aus Dutzenden anderen Ländern. Algerien möchte den Unterricht modernisieren und kann sich glücklich schätzen, dass es keinen Lehrermangel gibt. Als im vergangenen Juni 28 000 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden sollten, um die bislang 400 000 Lehrerinnen und Lehrer zu unterstützen (zu Schulbeginn 1963 waren es 14 000), meldeten sich fast 700 000 Bewerber, ein Großteil davon arbeitslose Akademiker. Viele Vertretungslehrer, die bislang vergeblich um eine Festanstellung gekämpft hatten, fühlten sich durch die Ausschreibung übergangen. Es kam zu großen Streiks, die von unabhängigen Gewerkschaften unterstützt wurden.

So reformfreudig und entschlossen die Bildungsministerin in Sachen darja, Fremdsprachenangebot und Lehrerausbildung auftritt, so zögerlich und vorsichtig wird sie, wenn es um den Religionsunterricht, tarbiya diniya, geht. Die Omnipräsenz religiöser Inhalte, ob im Sprachunterricht oder in Fächern wie Geschichte und Philosophie, ist regelmäßig Gegenstand von Elternbeschwerden: „Mein achtjähriger Sohn war traumatisiert, nachdem er sich eine detaillierte Schilderung der Höllenmarter anhören musste“, erzählt etwa Salem H., ein Informatiker aus Blida. „Ich habe mich bei der Direktorin beschwert. Aber die hat mich abblitzen lassen und nur erklärt, unsere Gesellschaft sei eben muslimisch, und es sei normal, dass solche Unterrichtsinhalte dazugehören.“

Manche Eltern machen sich Sorgen wegen der anhaltenden Hasstiraden gegenüber Nichtmuslimen; sie kritisieren den konservativen Religionsunterricht und dass die Schüler nichts über die Geschichte Algeriens vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert lernen. „Man bringt unseren Kindern religiöse Prinzipien bei und beruft sich dabei auf längst vergangene Zeiten. Anstatt sich mit Fragen der Moral, Toleranz und Weltoffenheit zu beschäftigen, verstärkt man bei den Kindern eine in Ritualen erstarrte Vorstellung von Religion“, meint der Informatiker Salem.

1993 ließ die Regierung die Lehrbücher überarbeiten, wobei alle Passagen gestrichen wurden, die den Dschihad verherrlichten. Damals ging es darum, dem zunehmenden Einfluss des radikalen Islamismus durch den Front Islamique du Salut (Islamische Heilsfront, FIS) entgegenzuwirken.3 Zu Beginn des „schwarzen Jahrzehnts“, wie die Zeit des Algerischen Bürgerkriegs (1991–2002) genannt wird, habe man der Schule noch vorgeworfen, dass sie den jungen Leuten nicht beigebracht hat, „rational zu denken und sich von radikalem religiösen Gedankengut zu distanzieren“, erzählt ein Gewerkschafter vom unabhängigen Lehrerverband für höhere Schulen (Conseil des lycées d’Algérie, CLA). Heute sei es gewissermaßen umgekehrt: „Die Gesellschaft ist insgesamt frommer geworden und verlangt von der Schule, dass sie den Kindern islamische Ri­tua­le beibringt. Die Lehrer verbringen Stunden damit, zu erklären, wie man richtig betet und rituelle Waschungen vornimmt. Oder sie erzählen in aller Ausführlichkeit von den Verfolgungen, die die ersten Muslime zu erleiden hatten.“

Man kann die Zurückhaltung der Bildungsministerin verstehen: Eine Forderung wie die von Mostefa Lache­raf, der in den 1970er Jahren den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen abschaffen wollte, würde heute wahrscheinlich noch heftigere Proteste hervorrufen als der Vorschlag, darja als Unterrichtssprache einzuführen.

1 Laut Schulbehörde machen von 1000 eingeschulten Kindern später nur 41 das Abitur. Im Sommer 2016 waren 818 000 Schülerinnen und Schüler zu den Abiturprüfungen zugelassen (10 Prozent der landesweiten Schülerschaft).

2 Mostefa Lacheraf, „Des noms et des lieux. Mémoires d’une Algérie oubliée“, Algier (Casbah Éditions) 1988.

3 Die FIS wurde 1989 gegründet und nach einem sich ankündigenden Erfolg bei den Parlamentswahlen 1991/1992 verboten. Das war der Beginn des Bürgerkriegs.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Akram Belkaïd ist Journalist und Autor. Zuletzt erschien von ihm „Être arabe aujourd’hui“, Paris (Éditions Carnets Nord) 2011. akram-belkaid.blogspot.com.

Le Monde diplomatique vom 13.10.2016, Akram Belkaïd