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Die Märtyrer von Basra

Die Märtyrer von Basra

Eigentlich hätte Basra, die drittgrößte Stadt des Irak, alle Voraussetzungen, um die Wirtschaftsmetropolen der Region – wie Dubai, Abu Dhabi, Doha oder Kuwait City – in den Schatten zu stellen und den Persischen Golf zu dominieren. Ihr Hafen Umm Qasr verbindet eines der größten Erdöl produzierenden Länder mit dem Rest der Welt. Zudem ist der Irak selbst ein großer Absatzmarkt für importierte Konsumgüter. In der Umgebung gibt es Öl und Gas im Überfluss. Und die Förderung ist hier besonders billig, sodass auch bei einem niedrigen Ölpreis satte Gewinne übrig bleiben.

Vor nicht allzu langer Zeit war die Bevölkerung von Basra noch bekannt für ihren Kosmopolitismus, ihre Offenheit und ihre intellektuelle Elite – eine „richtige Stadt“, die zur Drehscheibe des regionalen Handels und ein industrielles Zentrum hätte werden können. Das fruchtbare Hinterland eignet sich für den Anbau von Reis und die einst berühmten Datteln. Und trotzdem: Wenn man heute bei der Ankunft am Flughafen den Schriftzug „Basra, ein Paradies für Investoren“ liest, kann man nur verzweifelt lachen.

Der Staat hat sich hier mehr oder weniger zurückgezogen, nur die Gouvernementverwaltung gibt es noch, aber die hat angeblich seit 2013 kein Geld mehr aus Bagdad erhalten. Vor dem Gebäude ertönen jede Woche die Tiraden von Demonstranten, deren Zahl sich allerdings in Grenzen hält.

Von den Sicherheitskräften ist nicht viel zu sehen, stattdessen machen sich die diversen konfessionell geprägten Milizen breit. Auch internationale Ölkonzerne sind so gut wie unsichtbar. Nur wenn der eine oder andere Stamm sich mit Gewalt einen kleinen Teil des Kuchens zu sichern versucht, stellen sie vielleicht ein paar Leute ein. Die lokale Wirtschaft beruht auf der Verteilung der Öleinnahmen – mit denen die Gehälter gezahlt und Projekte finanziert werden – und auf dem Handel mit Importgütern, vor allem Autos. Daneben sind endemische Korruption, Benzinschmuggel und Drogenhandel alltägliche Realität. Und trotzdem erlebt die Stadt ein enormes Bevölkerungswachstum.

Basra ist das genaue Gegenteil zum Modell des antiken Stadtstaats, das in dem Maße wiederbelebt zu werden scheint, wie die Nationalstaaten zerfallen und die mit natürlichen Ressourcen gesegneten Städte sich selbstständig organisieren. In Basra kommen die Leute, die die Gesetze machen, von weit her. Das Gouvernement ist abhängig von einem extrem zentralisierten System. Selbst einfache Entscheidungen werden in Bagdad gefällt, wo die Vertreter Basras wenig Einfluss besitzen. Die lokale politische Klasse vertritt Parteien und Milizen von außerhalb, mit einem parasitären Verhältnis zur Stadt.

Die massive Präsenz der Stämme geht auf drei Einwanderungswellen zurück: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Kleinbauern, die vor der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer flohen; in den 1980er und 1990er Jahren kamen Bauern und Fischer aus dem nahen Sumpfgebiet, das Saddam Hussein als Rache für den schiiti­schen Aufstand trockenlegen ließ1 ; und schließlich suchten nach 2003 viele in Basra Zuflucht vor der US-Inva­sion.

Besonders großen Einfluss haben jene Stämme, deren Sitten sich stark von den städtischen Gebräuchen unterscheiden, so etwa die Garamscha mit ihrer langen Tradition der Gehorsamsverweigerung, die sie in der Zeit ihrer Besiedlung der Sumpfgebiete kultiviert haben. Die Gegend galt lange als eine Art irakischer Maquis und Hochburg des Widerstands gegen die Zentralregierung.

Basra erlebt die für ressourcenreiche Regionen typische Ausbeutung durch die Zentralgewalt des eigenen Staats, der das Gebiet wie eine Kolonie behandelt – ähnlich wie das pakistanische Belutschistan, der Osten Syriens und Saudi-Arabiens, der Süden Marokkos oder das Nigerdelta in Nigeria. Das nährt in der Regel ein Gefühl der Ungerechtigkeit, das oft in separatistischen Bewegungen gipfelt. Anders in Basra: Proteste sind harmlos, sezessionistische Drohungen wirken halbherzig, und Initiativen, die darauf schließen ließen, dass hier eine Stadt für sich selbst kämpft, gibt es nicht.

Die Basrawis machen eher den Eindruck, als seien sie hin und her gerissen zwischen Wunschträumen, was ihre Stadt sein könnte, und der totalen Resignation der Abgehängten. Die Kluft zwischen Hoffnung und Wirklichkeit ist so groß geworden, dass niemand mehr weiß, wo anfangen. Im „Venedig des Orients“, wie man die Stadt einst nannte, sind die Kanäle mit Müll verstopft. Im majestätischen Schatt al-Arab, in dem Euphrat und Tigris zusammenfließen, schwimmen Benzinlachen und stinkt es nach Fisch. Manche denken schon über den Bau eines gigantischen Turms nach (Bride Tower Project), der es ermöglichen soll, in einer Art hochgelegten, vertikalen Stadt dem Sumpfloch am Boden zu entkommen.

Bagdad ist weit weg

Basra ist bis an die Zähne bewaffnet. Ständig patrouillieren Konvois von Milizen. Überall hängen Bilder von „Märtyrern“, die in emotional aufgeladenen Zeremonien zu Grabe getragen werden. Und die jungen Kämpfer ziehen in der Regel freiwillig in den Krieg, obgleich der sich in weiter Ferne abspielt, am anderen Ende des Irak. Der IS stellt hier in Basra keine Bedrohung dar, die Hauptquartiere der schiitischen Milizen sind nicht einmal durch Befestigungsanlagen geschützt. Die Basrawis treten also zur Rettung eines Landes an, das ihrer Stadt nie einen ähnlichen Dienst erwiesen hat.

Zudem wird der Krieg gegen den IS vor allem von den allgemein verabscheuten islamistischen Parteien und von mit dem Iran verbündeten paramilitärischen Kräften angeführt. Und Teheran wird eher mit Kritik denn mit Sympathie bedacht; argumentiert wird in etwa so: Die Iraner verachten die Araber, egal ob Schiiten oder Sunniten; sie nehmen den Irakern immer noch den Krieg in den 1980er Jahren übel; und sie tun nichts gegen den Drogenschmuggel.

Die Milizen verherrlichen ihre vielen Gefallenen und prahlen oft sogar mit ihren Verlusten. In einem „normalen“ Krieg würde eine so plakative Bekanntgabe von Todesopfern auf die Bevölkerung eher demoralisierend wirken. Doch hier ist die Bereitschaft, sich dem Kampf anzuschließen, stärker und einhelliger als in allen anderen Landesteilen. Die Basrawis brüsten sich gern damit, dass ihre Region mehr als die Hälfte der Mitglieder der Haschd al-Schaabi (Kräfte der Volksmobilisierung) stellt. Diese Einheiten entstanden infolge einer Fatwa, die Ajatollah al-Sistani im Juni 2014 verhängt hatte. Darin rief er die Iraker auf, die Sicherheitskräfte im Kampf gegen den vorrückenden IS zu unterstützen. Wie viele solcher Kämpfer es genau sind, lässt sich nicht sagen.

Die Aufopferungsbereitschaft der Basrawis hat viel mit dem Gehorsamkeitsgebot gegenüber Ali al-Sistani zu tun, der „obersten Referenz“ (marjaa a’la) innerhalb des schiitischen Klerus im Irak. Doch oft verhallen al-Sistanis Worte auch ungehört, zum Beispiel wenn sie den prosaischen Interessen der politischen Klasse, den Gebräuchen des schiitischen Volksglaubens oder anderen sozialen Normen zuwiderlaufen.

Verspielte Chancen nach dem Sturz Saddams

Wenn al-Sistani die Parteien aufruft, unerlässliche und vernünftige Zugeständnisse zu machen, oder die Selbstgeißelung während der Hadsch verbietet oder auch pompöse Begräbnisse und die Anwendung des Stammesrechts untersagt, dann stellen sich plötzlich all jene taub, die seinem Aufruf zur Volksmobilmachung noch gefolgt sind. Aus diesem Grund hat al-Sistani im Februar dieses Jahres angekündigt, sich mit öffentlichen Äußerungen zu politischen Fragen in Zukunft mehr zurückzuhalten.

Tatsächlich sind die Haschd alles andere als wehrpflichtige Rekruten; sie sind eher eine soziale Bewegung, verwurzelt in den Vorstellungswelten und Verhaltensweisen einer schiitischen Gesellschaft, die nach Orientierung sucht. Der Krieg gegen den IS – der sich für ein metaphorisches Aufladen auch deshalb eignet, weil die Front so weit weg ist – wird mit einem der historischen Ausgangspunkte des Schiismus in Verbindung gebracht: dem Massaker an Hussein, dem Sohn Alis (Cousin und Schwiegersohn des Propheten) und seiner Gefährten in der Schlacht von Kerbala im Jahr 680.2 Diese Tragödie ist der zentrale Bezugspunkt für die Volksfrömmigkeit und das kollektive Bewusstsein der Schiiten.

Der Schlacht von Kerbala wird traditionell im ersten Monat des islamischen Mondkalenders (Muharram) gedacht, insbesondere beim Aschura-Trauerfest, mit seinen Ta’zieh-Theateraufführungen und symbolischen Handlungen des Gedenkens wie der symbolischen Selbstgeißelung. Letztere soll die Gläubigen die Selbst­opfe­rung Husseins nachempfinden lassen, die eine zentrale Rolle in der schiitischen Kultur spielt und den selbstmörderischen und heroischen Widerstand gegen die Unterdrückung symbolisiert.

Heute wiederholt sich das Opfer Husseins gewissermaßen jeden Tag im Kampf gegen den IS, der nach Ansicht vieler Schiiten alle Gegner der Anhänger Alis in sich vereint: den dominanten Sunnismus, den imperialistischen Westen, der seine Gegner manipuliert, und – wie es sich für eine Verschwörungstheorie gehört – Israel.

Die Märtyrer, die im Kampf für die Schia sterben, werden in einer für Hussein-Darstellungen typischen Ikonografie verehrt. Dieser eschatologische Kampf wird heute in der Realität – und nicht mehr nur theatralisch – gezeigt, in einer Art Snuff-Film, in dem die Handelnden nicht so tun, als ob sie sterben, sondern tatsächlich ums Leben kommen.

Die Mobilisierung der Haschd hat auch eine soziale Dimension: Viele Jugendliche, die keine Aussicht auf einen Job oder eine Heirat haben, finden darin eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Die Ver­ehrung der Märtyrer ist ein Anreiz, den Kämpfern nachzueifern, und für die Eltern ist sie eine Quelle des Stolzes. Wenn ein junger Haschd-Kämpfer stirbt, ­erhalten die Eltern überdies eine Entschädigung; die Behörden in Basra sind die einzigen im ganzen Land, die eine solche Kompensation auszahlen. Deren Höhe – umgerechnet etwa 750 Euro – sagt freilich ­einiges darüber aus, wie viel ein ­Menschenleben im heutigen Irak wert ist.

Die Beerdigungsfeierlichkeiten schweißen die Gemeinschaft mehr zusammen als jedes andere Ereignis. Dabei werden mehr oder weniger neu erfundene Traditionen belebt, die Sinn stiften und Beziehungen festigen: Stammesvertreter erweisen dem Toten die Ehre, die Nachbarschaft bietet Hilfe an, es wird in die Luft geschossen wie bei einer Hochzeit, und die Taten des Märtyrers werden in einem Heldenepos gerühmt.

Diese morbide Todesverehrung hat letztlich mit politischem Versagen zu tun. Die Vertreter der irakischen Schia haben aus den Chancen, die sich durch den Sturz Saddam Husseins ergaben, nichts gemacht. Die neue Ära, deren Anbruch in den Jahrzehnten der Unterdrückung so sehnlich herbeigewünscht wurde, war von sehr kurzer Dauer. An die Zukunft glaubt schon längst niemand mehr.

Heute kann sich der schiitische Opferkomplex, der aus konfessioneller Unterdrückung entstand, frei entfalten. Nichts wird ihm entgegengesetzt; er ist allgegenwärtig, strukturiert die Gesellschaft und definiert die politische Legitimität. Die gesamte schiitische Führung muss, zumindest äußerlich, einer entfesselten Religiosität das Wort reden, die häufig im Widerspruch steht zur strukturierteren Ideologie und dem zynischen Kalkül der Eliten.

Das musste auch al-Sistani erfahren: Sein Aufruf zur Verteidigung der Nation war nicht konfessionell motiviert. Er ermutigte alle Iraker, sich zusammenzuschließen und die Sicherheitskräfte zu unterstützen. Doch seine Stimme ging schnell in einer emotionalen Reaktion unter.

Das ist die Lektion, die uns Basra lehrt. Die Stadt hat ein enormes Potenzial und zahlreiche konkrete Probleme, die gelöst werden müssen; doch sie lässt sich von sich selbst ablenken und von einer Aufgabe vereinnahmen, die ihre Möglichkeiten übersteigt: der Konstruktion einer schiitischen Identität inmitten einer Spirale des Scheiterns, das zunehmend selbst verschuldet ist. Sie wird sich erst dann nicht mehr drehen, wenn die Stadt Mittel und Wege findet, sich der Zukunft zu öffnen.

⇥Peter Harling

1 Seit 2003 versucht die Regierung mithilfe der UN die Landschaft zu renaturieren, vor allem durch die Sprengung von Deichen, die Saddam Hussein bauen ließ.

2 Im Krieg nach dem Tod des Propheten Mohammed besiegelte die Schlacht von Kerbala schließlich den Sieg des Umayyadenkalifen Yazid I. über die Anhänger Husseins.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Le Monde diplomatique vom 11.08.2016, ⇥Peter Harling