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Satellitenkiller von Roskosmos

Satellitenkiller von Roskosmos

Russland ist trotz seines technologischen Rückstands immer noch der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt. Mit der Modernisierung seiner Rüstungsindustrie und der Inbetriebnahme des neuen Weltraumbahnhofs Wostotschni im April versucht das Land seine geostrategische Führungsposition zurückzugewinnen.

von Olivier Zajec

Premiere in Kubinka. In der Kleinstadt, 60 Kilometer westlich von Moskau, fand im Juni letzten Jahres eine große internationale Waffenmesse statt. Auf der „Army 2015“ waren rund 800 russische und internationale Aussteller vertreten. Der größte Andrang herrschte beim Pavillon der Maschinenbau- und Rüstungsfirma Uralwagonsawod.

Das besondere Objekt der Neugierde, speziell von Besuchern aus Asien und dem Mittleren Osten, ist ein Fahrzeug, auf dem das Flugabwehrraketensystem Buk-M2E montiert ist. Das Produkt von Almas-Antei, dem führenden Hersteller von Boden-Luft-Raketen, ist eine höchst effektive Waffe, die in der Lage ist, 24 Ziele gleichzeitig zu erfassen, also eine ganze Luftflotte abzuwehren und darüber hinaus Kurzstreckenraketen abzufangen. Am Messestand von Uralwagonsawod und im Business Center der Messe kann man beobachten, wie viele Hände geschüttelt und wie massenhaft Anträge auf Kaufoptionen unterschrieben werden.

Sechs Monate später und 3000 Kilometer weiter hat Uralwagonsawod seinen Pavillon erneut aufgebaut: In Teheran wird am 21. Dezember 2015 die Messe „Russisch-Iranischer Handels- und Industriedialog“ eröffnet. Irans Industrieminister Mohammad Reza Nematzadeh zeigt großes Interesse für die Schwerfahrzeuge, begleitet von seinem Amtskollegen Denis Manturow, der das russische Know-how anpreist.1

Szenen wie in Kubinka oder Teheran kann man bei allen großen internationalen Rüstungstreffen beobachten: bei der französischen Eurosatory, der International Defence Exhibi­tion (Idex) in Abu Dhabi oder der Farnborough International Airshow in Süd­eng­land,2 aber auch bei der Luft- und Raumfahrtausstellung Feria Internacional del Aire y del Espacio (Fidae) in Chile. Allerdings dürfen die Vertreter der russischen Rüstungskonzerne in der Regel nur zusehen, wie die ganze Welt sich für ihre Produkte interessiert.

Wenn es zur Sache geht, sind andere zuständig. Potenzielle Kunden müssen sich, um konkret über Leistungen und Preise zu verhandeln oder die Staffelung und Fristen von Lieferungen zu vereinbaren, um Herstellerlizenzen zu erwerben oder Wartungsverträge auszuhandeln, ohnehin an das staatliche Monopolunternehmen Rosoboronexport wenden.

Das Unternehmen wurde im November 2000 per Erlass gegründet, ist aber seit 2008 in die Staatsholding Ros­tec integriert, die ein Jahr zuvor von Wladimir Putin geschaffen wurde. Rostec umfasst insgesamt 663 russische Industrieunternehmen und ist ihrerseits in 13 Holdings gegliedert, von denen 8 direkt zum militärisch-industriellen Komplex gehören. An der Spitze von Rostec, die auch das Monopol für staatliche Rüstungsexporte hat, stehen stets Vertraute des Präsidenten (derzeit Sergei Tschemesow), der Aufsichtsrat besteht aus Ministern und hohen Staatsfunktionären.

2014 und 2015 hat Russland Rüstungsgüter im Wert von etwa 11 Milliarden Dollar verkauft und ist damit der zweitgrößte Rüstungsexporteur der Welt. Die Hauptabnehmer waren in den vergangenen fünf Jahren In­dien, China, Vietnam, Algerien und Vene­zue­la (siehe Karte).

China produziert bald die besseren Kalaschnikows

Die Erzeugnisse von MiG, Kolomensky, Suchoi, OSK oder Kamow gelten als robust und effektiv und sind weltweit verbreitet. „Die russischen Rüstungsfirmen schwimmen auf einer Welle nationaler und internationaler Aufträge. 11 der 100 größten Rüstungsunternehmen sind russisch, ihr Umsatz stieg von 2013 auf 2014 um 48,4 Prozent“, vermerkt Siemon Wezeman vom Stockholm International Peace Research Institut (Sipri).3

Abgesehen von den Boden-Luft-Systemen S-300 und S-400 von Almas-Antei – die das Potenzial haben, die geostrategischen Kräfteverhältnisse in bestimmten Regionen zu verändern – können russische Waffen jedoch nicht mit der neuen Generation von Rüstungsgütern der USA, Deutschlands, Frankreichs oder Schwedens mithalten.

Ihren internationalen Ruf verdankt die russische Waffenindustrie den über­aus robusten Kalaschnikows und den Tokarew-Pistolen. Deren Aufstieg zur Massenware auf den globalen Rüstungsmärkten könnte allerdings zum Nachteil werden. Inzwischen bauen die traditionellen Großabnehmer in ­Afrika und Asien diese Waffen selbst nach, und zwar auch für den Export. China bietet sogar Weiterentwicklungen mit elektronischen Komponenten an, die dem russischen Original bald überlegen sein könnten. Die Russen machen sich darüber offenbar keine Sorgen. Schließlich wissen sie, dass die Chinesen für ihre fünfte Generation von Kampfjets noch immer auf russische Triebwerke angewiesen ist.

Dabei ist Moskau selbst in einigen rüstungstechnischen Bereichen zunehmend von westlicher Technologie abhängig. Allerdings kann die russische Rüstungsindustrie wegen der Sanktionen, mit denen der Westen auf die Annexion der Krim reagiert hat, derzeit keine europäische und US-amerikanische Spitzentechnologie mehr einkaufen (auch nicht für den „dual use“, also für militärische wie zivile Zwecke), es sei denn, man findet Lieferanten, die bereit sind, das Embargo zu umgehen.

Noch schwerer wiegt, dass es keine Zusammenarbeit mehr mit den ukrai­ni­schen Rüstungsunternehmen gibt, die früher viele Bauteile für die russischen Waffensysteme geliefert hatten. So sind die Mi-8-Militärhubschrauber auf Triebwerke von Motor Sitsch und die neu entwickelten Fregatten des Projekts 22350 auf Schiffsmotoren von Sorja-Maschprojekt angewiesen. Auch das Aushängeschild der russischen Militärdiplomatie, das Boden-Luft-Abwehrsystem S-300, enthält Elektronikbauteile der Firma Lorta im ukrainischen Lwiw.

Auf manchen Gebieten könnten die Russen auch Boden gutmachen. Zum Beispiel hat die auf Marineschiffe und U-Boote spezialisierte Sewmasch-Werft in Sewerodwinsk relativ schnell die Aufträge der ukrainischen Nosenko-Werft aus Mykolajiw übernommen. Zu den technischen Problemen kommen Einsparungen im Rüstungshaushalt, der in diesem Jahr um 5 Prozent gesenkt werden soll.4

Die Sanktionen des Westens haben die russische Führung in ihrem Drang nach größerer Autonomie bestärkt. Ob das Land die nötigen Finanzmittel aufbringen kann, ist fraglich, aber es hat kaum eine andere Wahl. Dass Russlands seinen Ruf als strategisch unabhängige Weltmacht mit militärischer Spitzentechnologie verteidigen kann, ist zwingende Voraussetzung, um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern.

Um dieses Ziel zu erreichen, will Moskau vorrangig in die Bereiche investieren, in denen wichtige technologische und strategische Multiplikatoreffekte zu erzielen sind: in die Raumfahrt und die Nukleartechnologie. Während des Kalten Kriegs waren es diese beiden Pfeiler – atomare Abschreckung und Weltraumprojekte –, die Russland den Status einer Supermacht verliehen; und nur dank dieser beiden Bereiche konnte das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seine Position einigermaßen behaupten. Deshalb hat Moskau selbst in der dunkelsten Phase seiner „strategischen Verelendung“ in den 1990er Jahren seine verbliebene Atomtechnologie erhalten und schrittweise modernisiert.

U-Boote sind für Russland das wichtigste Machtsymbol

Es war die Voraussetzung für das russische Comeback auf der internationales Bühne. 2011 kündigte Putin ein Investitionsprogramm von 70 Milliarden Dollar (bis 2020) für die Verbesserung der drei wichtigsten Komponenten strategischer Nuklearwaffen an: interkontinentale Boden-Boden-Raketen, Atombomber, Wasser-Boden-Raketen. Diese Summe muss innerhalb des – bis 2020 geplanten – Investitionsrahmens von 750 Milliarden Dollar umgeschichtet werden. Diesen Rahmen hatte man gleich nach dem Georgienkrieg von 2008 beschossen, in dem die russische Armee trotz ihres Siegs technologische und operative Schwächen offenbart hatte.

Was die erste Komponente betrifft, so will man vorrangig zwei ballistische Raketentypen entwickeln: die RS-26 Ru­besch, die Raketenabwehrsysteme durchdringen kann und 2016 in Betrieb genommen werden soll; und die Sarmat, eine superschwere Rakete mit Flüssigkeitstriebwerk, die bis zu zehn Nuklearsprengköpfe tragen kann. Die Sarmat wird aus unterirdischen Raketensilos abgefeuert und soll die R-36M2 ersetzen. Ergänzt wird dieses Arsenal durch den Atomraketenzug Bargusin, eine mobile Abschussplattform für ballistische Raketen.

Auch in Russland zählt man Atom-U-Boote heute zu den wichtigsten Macht­symbolen. Auf diesem Markt herrscht starke Konkurrenz vonseiten Frankreichs, Deutschlands, Japans und der USA. Allerdings haben russische U-Boote, obwohl sie weltweit verkauft werden (wie beispielsweise die Kilo-Klasse mit Dieselmotor), in puncto Sicherheit einen schlechten Ruf. Und zwar spätestens seit dem Unglück der „Kursk“, die im August 2000 mit 118 Mann Besatzung in der Barentssee versank. Deshalb braucht Moskau ein umfassendes Modernisierungsprogramm, das es derzeit mit der – unter Experten umstrittenen – Klasse Borei (Nordwind) umsetzt, einem Trägersystem für Interkontinentalraketen.

Die atomgetriebenen U-Boote der Bo­rei-­Klasse tragen 12 bis 16 Bulawa-Interkontinentalraketen mit bis zu 8000 Kilometern Reichweite. Zwischen 2004 und 2009 gab es bei diesen Raketen massive Probleme, doch die letzten Tests von 2014/2015 verliefen deutlich besser. Putin persönlich hatte zuvor die Verantwortlichen des Programms in gewohnter Art öffentlich an den Pranger gestellt, so wie einst der gute Zar die bösen Bojaren.

Die Fähigkeiten der Bulawa machen die westlichen Generalstäbe nervös. „Ähnlich wie die landgestützte Variante wurde die Bulawa entwickelt, um die Raketenabwehr des Westens zu umgehen“, erläutert der US-Marinespezialist Tom Spahn. „Sie kann nach dem Start Ausweichmanöver durchführen und diverse Gegenmaßnahmen und Täuschkörper einsetzen, um sich vor einem Abfangen zu schützen.“5

Die Triade der strategischen Kernwaffen wird ergänzt durch den strategischen Langstreckenbomber PAK-DA, der die Typen Tupolew 22, 160 und 95MS ablösen soll. Der neue Bomber kann vielseitiger eingesetzt werden und soll über eine extrem gute Tarnkappentechnik verfügen.

Diese neuen Raketenprogramme beunruhigen die Nato-Länder. „Russland investiert verstärkt in seine Verteidigung allgemein und in seine nukleare Schlagkraft im Besonderen“, vermerkt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Das nukleare Säbelrasseln Moskaus sei „ungerechtfertigt, destabilisierend und gefährlich“ – und ein Grund für die Nato, „die Reaktionsfähigkeit und die Bereitschaft unserer Truppen zu erhöhen“6

Offenbar will Moskau mit dem Thema Atomwaffen auch die Reizschwelle des Westens austesten. Am 10. November 2015, zwei Monate nach dem militärischen Eingreifen Russlands in Sy­rien, filmte ein russischer Fernsehsender bei einer öffentlichen Sitzung mit Putin in Sotschi hinter der Schulter eines Admirals Zeichnungen von dem geheimen Langstreckentorpedo Status 6, der mit einem Atomsprengkopf ausgestattet werden kann. Im Verlauf dieser Sitzung versicherte dann der russische Präsident, sein Land werde „die nötigen Vergeltungsmaßnahmen“ ergreifen und das Potenzial seiner atomaren Streitkräfte erhöhen.

Kurz darauf erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, das geheime Dokument sei „versehentlich“ gesendet worden, man habe das Projekt inzwischen abgebrochen und werde künftig dafür sorgen, dass „wirklich geheime Daten“ nicht durchsickern.7 Daraufhin wurde bei Fox News schon darüber spekuliert, dass Häfen in den USA ein mögliches Ziel nuklearer Torpedos mit 100 Megatonnen Sprengkraft sein könnten. Die meisten Experten sind jedoch überzeugt, dass das „Leck“ inszeniert war, um die USA und ihre Verbündeten zu erschrecken.8

Überlagert werden die – tatsächlichen oder vermuteten – technologischen Neuerungen von der Entwicklung der offiziellen russischen Doktrin in Bezug auf den Einsatz von Nuklearwaffen. Vier Dokumente aus den Jahren 1993, 2000, 2010 und 2015 markieren Wendepunkte, die jeweils auf eine veränderte Wahrnehmung der Bedrohung reagierten.

1993 stand noch das Konzept der Abschreckung im Vordergrund, mit der sich die Atommächte gegenseitig in Schach halten. Das Dokument von 2000, kurz nach der westlichen Militär­intervention im Kosovo verfasst, erwähnt einen möglichen Einsatz, falls ein groß angelegter Angriff mit konventionellen Waffen die „Sicherheit“ des Landes bedrohen sollte.

Die Texte von 2010 und 2015 stellen diese erweiterte Auffassung von Abschreckung zwar nicht infrage, heben aber die Schwelle für einen Atomschlag an: Die Reaktion mit einem massiven konventionellen Angriff hängt nun nicht mehr nur davon ab, dass die „Sicherheit des russischen Staats“ gefährdet erscheint, sondern von einer Bedrohung seines „Überlebens“.9

Die zweite Schlüsseltechnologie, die Russland erneuern möchte, ist die Raumfahrt. Hier gibt es erhebliche Probleme und immer wieder schwere Fehlschläge. Am 16. Mai 2015 stürzte eine Proton-M-Trägerrakete kurz nach dem Start ab; am 5. Dezember wurde ein Kanopus-Satellit zerstört, der sich an Bord einer Sojus-Trägerrakete befand.

Bertrand Slaski, Verteidigungsanalyst bei Frankreichs führender Forschungs- und Consultingfirma zu strategischer Intelligenz, der Compagnie Euro­péenne d’intélligence stratégique (CEIS), konstatiert, dass die Effizienz des russischen Weltraumprogramms ganz allgemein gelitten hat, und macht dafür „die grassierende Korruption, die geringe Produktivität und die mangelnde Qualitätskontrolle“ verantwortlich. Nach Slaski lag im Zeitraum von 2004 bis 2011 die Fehlerquote bei Raketenstarts zwischen 5 und 6 Prozent; im Zeitraum von 2011 bis2013 stieg sie auf 11,1 Prozent, was bedeutet, dass in diesen drei Jahren 8 von 72 Versuchen fehlschlugen. Im selben Zeitraum wuchs das Budget der russischen Raumfahrtagentur jedoch um 78 Prozent.10

Der Kreml reagierte, indem er Dmi­tri Rogosin, den stellvertretenden Ministerpräsident und früheren Vertreter Russlands bei der Nato, mit der Aufgabe betraute, den ganzen Bereich von Grund auf zu erneuern. Die neue, 2015 verkündete Raumfahrtstrategie sieht die Einrichtung eines Raumfahrtrats im Präsidialamt und Investitionen von 4 bis 5 Milliarden Euro jährlich bis 2030 vor. Die russische Raumfahrtbehörde wurde aufgelöst, ihre Vermögenswerte auf die staatliche Welt­raum­agen­tur Roskosmos übertragen.

Inzwischen konnte Roskosmos einen wichtigen Erfolg vermelden: Am 28. April wurde der neue russische Weltraumbahnhof Wostotschni im fernen Sibirien mit dem Start einer Sojus-Rakete in ­Betrieb genommen – wenn auch einen Tag später als geplant. Die Hauptabschuss­rampe für russische Weltraumflüge war bislang der kasachische Weltraumbahnhof Baikonur, für dessen Nutzung Russland jährlich umgerechnet 100 Millionen Euro an das Nachbarland bezahlt hat.

Know-how für die Militarisierung des Weltraums

Russland ist militärisch auf seine Satellitenflotte angewiesen (wie übrigens auch die USA und Frankreich). Die Glaubwürdigkeit seiner Abschreckung und seines Raketenabwehrprogramms A-135 beruht auf einem auto­nomen Zugang zum Weltraum, also einem modernen satellitengestützten Frühwarnsystem und der Fähigkeit zu umfassender Weltraumüberwachung.

Nachdem Moskau sein Raketenabwehrradar Don-2N seit 2007 renoviert hat, wurden im November 2015 neue Satelliten der Generation „Tundra“ in den Orbit entsandt. Diese vernetzten Frühwarnsatelliten sind Bestandteil des integrierten Weltraumsystems, das Russland befähigen soll, vom All aus jeden Start einer Interkontinentalrakete zu erfassen.

Nachdem die Sowjetunion schon im Kalten Krieg über eine fortschrittliche Satellitenabwehr verfügt hatte, baut Moskau heute sein Know-how für die Militarisierung des Weltraums weiter aus. 2013 wurde der Satellit Kos­mos 2499 gestartet, der seine Umlaufbahn wechseln kann. Da der Start zunächst nicht offiziell gemeldet wurde, kamen damals Spekulationen über mögliche Tests von Spionagesatelliten oder Antisatellitenwaffen auf.11

Russlands Entschlossenheit, in die Entwicklung seiner Rüstungs- und Verteidigungstechnologie zu investieren, beginnt sich auch kommerziell auszuzahlen. Nachdem Peking zwischen 1995 und 2005 der Hauptabnehmer russischer Rüstungsgüter gewesen war, hatte es seine Aufträge bis vor Kurzem drastisch zurückgefahren. Dann aber war am 9. Mai 2015 Präsident Xi Jinping in Moskau zu Gast, aus Anlass der Militärparade zur Feier des Siegs der UdSSR über Nazideutschland, die von den westlichen Ländern boykottiert wurde. Nach diesem russisch-chinesischen Wiedersehen – wie so oft mit politischem Hintersinn – konnte der Chef von Rosoboronexport den Verkauf von S-400-Triumph-Flugabwehrraketen an China ankündigen, die just bei dieser Siegesparade zum ersten Mal vorgeführt wurden.12 Experten schätzen das Volumen dieses geopolitisch hochsymbolischen Deals auf rund 3 Milliarden Dollar.

Was die globale Atomwaffen- und Weltraumpolitik betrifft, so sendet Mos­kau mit seiner ­Haushaltspolitik und seiner Verteidigungsdoktrin ein zwei­faches Signal aus. Zum einen zeugt die erhöhte strategische „Wachsamkeit“ von einem verstärkten Miss­trauen gegenüber der Nato, das durch die Ukrai­ne­kri­se neu entfacht wurde. Zum anderen will man, mit Blick auf die internationalen Kunden, die technologische Kreditwürdigkeit ­russischer Rüstungsgüter verbessern. Hier versucht Russland mit einer Mischung aus politischen Aktivitäten, technologischen Investitionen und neuen Waffensystemen seine Position auf dem zunehmend umkämpften globalen Rüstungsmarkt zu behaupten.

1 Siehe RusBusinessNews.com, 28. Dezember 2015.

2 Diese drei wichtigen internationalen Rüstungs- und Luftverkehrmessen finden jeweils alle zwei Jahre statt.

3 „Global arms industry: West still dominant despite decline; sales surge in rest of the world, says Sipri“, Sipri, Stockholm, 14. Dezember 2015.

4 So die Ankündigung der russischen Vizeverteidigungs­ministerin Tatjana Schewzowa, Reuters, 6. März 2016.

5 Tom Spahn, „The Russian submarine fleet reborn“, Proceedings Magazine, Bd. 139/6/1, Nr. 324, Annapolis (Maryland), Juni 2013.

6 „Nato condemns Putin’s nuclear ‚sabre-rattling‘ “, BBC News, 16. Juni 2015.

7 Matthew Bodner, „Russia leaks dirty-bomb submarine drone in state TV broadcast“, DefenseNews.com, 13. November 2015.

8 Steven Pifer, „Russia’s perhaps-not-real super torpedo“, The Brookings Institution, Washington, D. C., 18. November 2015.

9 „Die Militärdoktrin der Russischen Föderation“ (auf Russisch), 26. Dezember 2015: www.static.kremlin.ru.

10 Bertrand Slaski und Florian Gonzales, „Le spa­tial russe dans les étoiles ? Le cas des lanceurs et des tirs“, Compagnie européenne d’intelligence stratégique (CEIS), Paris, 26. Juni 2014.

11 „Kosmos-2499: Is it a spy or an assassin . . . or both?“, RussianSpaceWeb.com, 2015.

12 Matthieu Duchâtel, „Ventes d’armes: lune de miel sino-russe“, Asialyst.com, 11. Mai 2015.

Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein

Olivier Zajec ist Dozent für Politische Wissenschaften an der Universität Jean Moulin Lyon III.

Le Monde diplomatique vom 12.05.2016, Olivier Zajec