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Die Macht der Hisbollah

Die Macht der Hisbollah

von Marie Kostrz

Für ihre Teilnahme am syrischen Bürgerkrieg zahlt die Hisbollah einen hohen Preis. In Dahijeh im Süden Beiruts sieht man Porträts ihrer in Syrien getöteten Kämpfer an jeder Straßenecke. Farah C., die in einem kleinen Laden im Rueiss-Viertel arbeitet, bewahrt das Porträt ihres Verlobten hinter der Theke auf; er wurde 2014 in Ghuta bei Damaskus getötet. „Er ging für zwei Wochen fort, um in Syrien zu kämpfen, dann kam er wieder, ruhte sich eine Woche aus, und brach wieder auf“, erzählt die schwarz verschleierte junge Frau. „Er hatte oft Probleme mit den Augen und den Ohren, wegen des Qualms und der Bomben. Er sagte, er hätte ständig den Geruch von Blut in der Nase. Es war schlimm, aber ich hätte nie gedacht, dass er sterben könnte.“

Als Verlobte hat Farah keinen Anspruch auf finanzielle Hilfe durch die Partei, wie die Witwen getöteter Kämpfer. Das ändert aber nichts an ihrer Unterstützung für die Hisbollah. „Viele Kämpfer sterben. Allein in meiner Nachbarschaft sind sieben gefallen. Aber sie müssen unsere heiligen Stätten verteidigen, und wenn sie nicht kämpfen, kommen die takfiri1 in den Libanon und greifen die Schii­ten an.“

Seit 2013 gab es in den von der Hisbollah kontrollierten Zonen in Beirut und in der Bekaa-Ebene mindestens zehn Anschläge, zu denen sich der IS, teils aber auch mit al-Qaida verbündete Gruppen bekannt haben. Die meisten Opfer forderte das Doppelselbst­mord­attentat vom 12. November 2015 im Burj-al-Barejneh-Viertel von Dahijeh. Es war der schlimmste Anschlag seit Ende des libanesischen Bürgerkriegs 1990: ausgebrannte Autos, zerbrochene Scheiben, überall Leichen auf den Straßen.

Die Hisbollah-Hochburgen sind die bevorzugten Angriffsziele des IS im Libanon; die Bomben sind die Antwort auf die offene militärische Unterstützung der Hisbollah für die syrische Armee seit April 2013. „Syrien hat in der Region wahre Freunde, die nicht zulassen werden, dass das Land in die Hände der Vereinigten Staaten, Israels oder der Takfiri-Gruppen fällt“, hatte damals Parteichef Hassan Nasrallah erklärt. Mit Letzteren waren die sunnitischen Rebellen gemeint, die den bewaffneten Kampf gegen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad eröffnet hatten. Nasrallah bekräftigte damit seine Unterstützung für das syrische Regime, das er neben dem Iran und seiner eigenen Partei als Hauptsäulen des Widerstands gegen Israel sieht.

Wenige Tage nach Nasrallahs Erklärung griff die Hisbollah massiv in den Kampf in Kusseir ein, eine syrische Region an der Grenze zum Libanon, die damals von den Rebellen kontrolliert wurde, während die Assad-treuen Truppen zurückgedrängt worden waren. Dank der Hisbollah konnten die loyalistischen Kräfte die Region innerhalb weniger Wochen zurückerobern. Es war die erste bedeutende Niederlage der Rebellen.

„Zu Beginn des Aufstands gegen Assad fühlte sich die Hisbollah nicht direkt betroffen“, erklärt Chiara Cala­bre­se, die am französischen Forschungsinstitut über die arabische und muslimische Welt (Iremam) arbeitet. Das änderte sich nach der Entführung libanesischer schiitischer Pilger in Aleppo im Mai 2012, den Aufrufen einiger syrischer Oppositioneller gegen die Hisbollah und den ersten Anschlägen in Dahijeh im November 2013.

„Anfangs betonte die Hisbollah die Notwendigkeit, die heiligen schi­itischen Stätten in Syrien zu schützen, die von Rebellengruppen zerstört oder bedroht wurden“, sagt Calabrese. Zum Beispiel durch den Anschlag auf die Sayyida-Zainab-Moschee im Süden von Damaskus, eine bedeutende schii­tische Pilgerstätte mit dem Grab der Tochter Alis und Enkelin des Propheten Mohammeds. „Das Engagement der Hisbollah in Syrien wurde zur heiligen Aufgabe, um den in ihren Augen wahren Islam gegen Gruppen wie den IS zu verteidigen.“

Allerdings regte sich in der Partei bald eine gewisse Unzufriedenheit, deren Ausmaß nur schwer zu erfassen war. Schon 2013 verurteilte der ehemalige Hisbollah-Kämpfer Ali M., dessen Sohn in Syrien kämpfte, die Einmischung im Nachbarland: „Den Widerstand gegen Israel habe ich immer unterstützt, aber ich sehe nicht, was der Konflikt in Syrien damit zu tun hat.“

Die Ausrufung des Kalifats durch den IS nach der Eroberung Mossuls 2014 brachte solche vorsichtig kritischen Stimmen schlagartig zum Verstummen. Seither ist die Hisbollah-Basis überzeugt, dass das Überleben der Organisation davon abhängt, dass sie dem syrischen Regime den Erhalt der Macht ermöglicht.

Ahmad B. war seit 2013 mehrfach in Syrien, aber im Stellungskrieg an der Grenze war er zunehmend kampfes­müde geworden. Doch die Gewalt des IS brachte ihn dazu, seine Entscheidung zu überdenken: „Wir müssen den Terrorismus in Syrien unter allen Umständen bekämpfen, um den IS daran zu hindern, den Libanon anzugreifen.“

Ahmad begrüßt auch das Eingreifen Moskaus und Teherans. Für ihn sind Russland und der Iran die einzigen Mächte, die den Terrorismus bekämpfen, als dessen Förderer er die Türkei, die Golfstaaten, die USA und Israel sieht.

„Die Hisbollah hat es geschafft, die Themen IS und Israel zu verknüpfen“, analysiert Calabrese, „sie verweist dabei vor allem auf den israelischen Militärschlag gegen die Hisbollah vom Januar 2015 auf den Golanhöhen. Weil die israelische Armee Leute tötete, die gegen den IS kämpfen, erschien sie nun als Teil des feindlichen Lagers.“

Innerhalb der schiitischen Gemeinschaft im Libanon wird das Hisbollah-Engagement in Syrien weitgehend unterstützt. Laut einer Umfrage von 2015 von Hayya Bina befürworten 78,7 Prozent der libanesischen Schiiten den Kampf der Hisbollah in Syrien2 . Das erklärt, warum es keinen Mangel an neuen Rekruten gibt, obwohl bereits rund 1500 „Märtyrer“ in diesem Krieg gestorben sind.

Vor allem ganz junge Leute begeistern sich für den Kampf in Syrien. Das hängt unter anderem mit der Perspektivlosigkeit und der Armut in den Hisbollah-Hochburgen zusammen. „Man darf nicht vergessen, dass die Hisbollah auch einen ideologischen Kampf führt“, sagt Hussein M., der im Viertel Kenissé Mar Mikhael am Rand von Dahijeh lebt. „Die Kinder können bei den Pfadfinderlagern der Hisbollah mitmachen, und wenn sie etwa 16 Jahre alt sind, macht man sie mit dem richtigen Kampf vertraut.“

Die Partei organisiert ihnen aber auch Möglichkeiten, den eigenen Alltag zu verbessern: „Die Hisbollah führt ihren Kampf mit Waffen, aber sie wirbt auch kluge Köpfe an. Sie braucht qualifizierte Leute: Journalisten, Inge­nieu­re und so weiter“, erzählt Hussein, der in Syrien zwei Freunde verloren hat. „Die Partei zahlt ihnen das Studium, und später bietet sie ihnen eine Anstellung.“ Zwar hat der andauernde Krieg in Syrien die Hisbollah gezwungen, die Gehälter und finanziellen Hilfen ihrer Mitglieder zu kürzen. Doch in einem Land, in dem der Mindestlohn bei 410 Euro liegt und die Schattenwirtschaft 30 Prozent des nationalen Produktion ausmacht, bleibt sie immer noch eine attraktive Alternative.

Traditionell bezieht die ­Hisbollah ihre Legitimation aus dem Widerstand gegen Israel und dessen Verbündete. Insbesondere nach dem „33-Tage-Krieg“ vom Sommer 2006 im libanesisch-israelischen Grenzgebiet konnte sie auch Nichtschiiten mobilisieren. Mit dem Auftauchen des IS hat sie ihre Legitimationsbasis noch ausgeweitet und sich gewissermaßen unersetzlich gemacht.

Kontrolle über die Grenze zu Syrien

Seither präsentiert sie sich als Garant für die territoriale Unversehrtheit des Libanon angesichts der dschihadistischen Bedrohung aus dem Nachbarland. Dass Teile der libanesischen Grenze nicht von der Armee, sondern von der Hisbollah kontrolliert werden, wurde im Oktober 2014 offenbar, als die mit al-Qaida verbündete Al-Nusra-Front einen Hisbollah-Militärposten südlich von Baalbek angriff.

Heute trifft man in der Bekaa-Ebene hinter dem letzten Kontrollposten der libanesischen Armee nahe der Stadt Nabi Sbat nur noch Hisbollah-Kämpfer, die im Anti-Libanon-Gebirge die gewundenen Straßen patrouillieren. Die Zusammenarbeit zwischen der schiitischen Miliz und regulären libanesischen Truppen zeigte sich bereits im Juni 2013, als die Anhänger des salafistischen Scheichs Ahmad al-Assir in der Küstenstadt Sidon eine Offensive starteten.

Als damals mehrere Panzer und Übertragungssysteme der Armee ausfielen, griff die Hisbollah ein. „Ihre Scharfschützen haben uns Feuerschutz gegeben“, erzählt Imad K., Soldat der libanesischen Spezialkräfte, die bei dem Gefecht im Einsatz waren. Und ein pensionierter Offizier meint verbittert: „Was sollen wir machen? Der Armee fehlt es an Männern und an Material.“ Unabhängig davon, ob sie das politische und religiöse Projekt der Hisbollah gutheißen – ein Teil der nicht-schiitischen Libanesen sieht in ihr die einzige Kraft im Land, die im Stande ist, den IS aufzuhalten.

In diesem Kontext muss man die Entscheidung Saudi-Arabiens vom 19. Februar sehen, sein 3 Milliarden Dollar umfassendes Hilfsprogramm für die libanesische Armee zu stoppen und die zugesagte Milliardenhilfe für den libanesischen Sicherheitsapparat nicht auszuzahlen. Am selben Tag kam es in Sadiyyat, 20 Kilometer südlich von Beirut, zu Zusammenstößen zwischen sunnitischen Milizen und der mit Hisbollah verbündeten Saraya al-Mukawama („Brigaden des Widerstands“). Den Hintergrund erklärt Lokman Slim, Gründer der NGO Hayya Bina: „Die sunnitischen Gruppen blockierten die Autobahn Richtung Süden, was eindeutig eine Botschaft an die Hisbollah war, denn Nasrallah hat immer betont, diese Verbindung zwischen Beirut und den Hisbollah-Hochburgen im Süden müsse unbedingt offen bleiben.“ Laut Slim opponiert Riad entschieden gegen die „Übernahme“ des libanesischen Staates durch die Hisbollah, während zugleich Assad in Syrien mit Hilfe des Iran und Russlands wieder die Oberhand gewinnt.

Einer der Gründe für die saudische Entscheidung war, dass sich die libanesische Regierung im Januar geweigert hat, für eine gemeinsame Erklärung der Arabischen Liga zu stimmen, in der die iranische Politik in der Region verurteilt wurde. Die saudische Führung hat damals sogar libanesische Arbeiter ausgewiesen und die eigenen Bürger aufgefordert, nicht in den Zedernstaat zu reisen. Am 2. März verabschiedete die wahhabitische Monarchie mit den übrigen Mitgliedern des Golfkoopera­tions­rats (GCC) eine Resolution, die die Hisbollah als terroristische Vereinigung qualifiziert. Als Beleg wird angeführt, die Partei blockiere seit Mai 2014 die Wahl eines neuen Staatspräsidenten durch das libanesische Parlament (siehe Kasten links).

Der Konflikt in Syrien hat die Posi­tion der Hisbollah im Libanon gestärkt, zugleich aber auch die Spannungen zwischen den konfessionellen Gruppen verschärft. Ein Teil der libanesischen Sunniten, die größtenteils die syrische Opposition unterstützen, hat den Ton verschärft und sich zunehmend radikalisiert.

„In dieser Situation ist die Position der Hisbollah in Syrien extrem problematisch“, meint Slim. „Die Verhärtung der Fronten innerhalb des Libanon ist umso gefährlicher, als sich 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Land aufhalten, die der Hisbollah größtenteils feindselig gegenüberstehen.“ Ein weiteres Element, das die Lage verschärft, sind die Sanktionsbeschlüsse des US-amerikanischen Kongresses vom Dezember 2015, die Strafen für alle Banken vorsehen, die mit der schiitischen Partei Geschäfte machen. Ob dies Hisbollah langfristig schwächen wird, ist für Slim offen, „aber kurzfristig werden diese Maßnahmen den Hass sicher weiter schüren“.

1 Gemeint sind dschihadistische sunnitische Gruppen wie der Islamische Staat. takfir wird im Islam die Praxis genannt, einen Muslim als Ungläubigen (kafir) zu bezeichnen.

2 Zivilgesellschaftliche Organisation, die für einen interkonfessionellen Dialog eintritt. Ihr Gründer Lokman Slim ist für seine kritische Haltung gegenüber der Hisbollah bekannt.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Marie Kostrz ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 07.04.2016, Marie Kostrz