Artikel drucken zurück

Kasserine im armen Westen

Kasserine im armen Westen

Eindrücke aus der tunesischen Provinz

von Laura-Maï Gaveriaux

Das Graffiti neben einer Bahntrasse in Kasserine stammt aus der Zeit der Revolution von 2011: „Hier herrscht die Wut nicht erst seit gestern.“ Gültig ist es immer noch, denn in der seit Jahrzehnten vernachlässigten Region hat sich nach dem Sturz des Diktators vor fünf Jahren nichts geändert. Es steht auch in einer langer Tradition: Von den Stammesrevolten gegen die Beys von Tunis1 im 19. Jahrhundert bis zum Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich war Kasserine schon immer ein Zentrum des Widerstands.

Heute ist Kasserine mit seinen 80 000 Einwohnern die Hauptstadt der gleichnamigen Region, in der alle Pro­ble­me des Landes zusammenkommen. Im Juli 2012 veröffentlichte das Ministerium für regionale Entwicklung eine landesweite Studie zu den Fortschritten bei Arbeit, Bildung, Recht und Gesundheit. Von Tunesiens 24 Regionen steht Kasserine auf dem letzten Platz: Die Arbeitslosenrate beträgt offiziell 26,2 Prozent (landesweit 17,6 Prozent); die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 70 Jahren (in den großen Küstenstädten sind es 77 Jahre), und während landesweit 90 Prozent der Haushalte Zugang zur Wasserversorgung haben, sind es in Kasserine nur 50 Prozent.2

Ezzouhour (Die Blumen) ist das ärmste Viertel der Stadt. Halbfertige Häuser, aus denen Stahlbetonstreben hervorragen, säumen die schachbrettartig angeordneten Straßen. Die Jugend hier kennt vor allem zwei Dinge: Arbeitslosigkeit und Langeweile. Die Kinder hängen auf der Straße herum, denn nach Schulschluss gibt es nichts zu tun. Die Schulen selbst dienen als Treffpunkt für Drogendealer und Anwerber des Dschihad.

Direkt vor der Stadt sickern die Abwässer einer Zellulosefabrik ungefiltert in den Boden. Man vermutet, dass in Kasserine deshalb so viele Kinder mit Missbildungen auf die Welt kommen. In Ezzouhour fehlt es an allem. Die Menschen fühlen sich von einem überforderten Staat im Stich gelassen, der trotz aller Versprechen kein einziges großes Infrastrukturprojekt angestoßen hat.

Viele Bewohner meinen, die drei großen Stämme der Region – Frachich, Majer und Ouled Ali – würden dafür bestraft, dass sie sich dem Machtzentrum in Tunis seit jeher widersetzt haben. Samir Rabhi, Fran­zö­sisch­lehrer und Schulleiter, gibt sich mit dieser Erklärung jedoch nicht zufrieden. An der Misere ist seiner Ansicht nach der „ultraliberale“ Kurs von Habib Bourguiba schuld, der in den 1980er Jahren die Vorgaben des IWF befolgte. Damals förderte die tunesische Regierung nur die Exportwirtschaft und setzte auf den Massentourismus; das Nachsehen hatten die Regionen im Landesinnern. 1984 kam es zu „Brotrevolten“, die unter anderem in Kasserine begannen. Auslöser war damals die Erhöhung der Getreidepreise. Nach Angaben von Gewerkschaftern kamen dabei 143 Menschen zu Tode. Offiziell liegt die Opfer­zahl bei 73.

Die Diskriminierung wurde während der 23 Jahre andauernden Ben-Ali-Herrschaft nicht infrage gestellt, so dass Kasserine nie von der staatlichen Entwicklungspolitik profitiert hat. Am 22. Juni 2015 hat das Tunesische Forum für ökonomische und soziale Rechte (FTDES), unterstützt von der französischen Organisation Avocats sans frontières (ASF), bei der Wahrheitskommission (IVD) den Antrag gestellt, Kasserine den offiziellen Status einer „Opferregion“ zu verleihen, damit die Re­gion ihren Anspruch auf Entschädigung geltend machen kann.

Märtyrer der Revolution

Die am 24. Dezember 2013 eingerichtete Wahrheitskommission soll die jahrzehntelange Untätigkeit unter der Diktatur aufarbeiten. Früher habe sich die Regierung nur ums Überwachen und Strafen gekümmert, sagt Samir Rabhi. „Für die jungen Leute hier verkörpert der Polizist, der zuschlägt, den Staat, der nicht mehr ist als ein Wort im Personalausweis. Deshalb ist die Region mit der Zeit in die informelle Wirtschaft abgerutscht.“

Kasserine war auch in den revolutionären Wochen zwischen Dezember 2010 und Januar 2011 an vorderster Front dabei. Mehr als 50 „Märtyrer“ hat die Stadt zu beklagen; in Ezzouhour war die Repression besonders brutal. Am 9. Januar 2011 schossen auf den Dächern postierte Scharfschützen im Auftrag des Regimes auf Demonstranten und Teilnehmer eines Trauerzugs. Die Polizei hatte freie Hand bekommen für die Niederschlagung des Aufstands.

Karima3 , Friseurin in Ezzouhour, trägt ein Kopftuch nach Art der Berber und lächelt: „Ich hab mich vor die Polizisten hingestellt und sie angeschrien: ‚Schämt ihr euch nicht, eure eigenen Brüder so zu behandeln? Das sind doch alles junge Leute und Frauen!‘ Dann hat mich einer von denen zusammengeschlagen, und ich hab das Tränengas voll abbekommen, als ich auf dem Boden lag.“ Die nächste Szene, die Karima erzählt, ist in ganz Tunesien bekannt: „An dem Tag haben die Polizisten abgelaufene Tränengaskartuschen ins Frauenbadehaus geworfen. Also sind sie alle rausgerannt, nackt! Und die Polizisten haben sich totgelacht.“

Hichem ist 38 Jahre alt. Er wohnt mit seinen Eltern am Ortseingang von Ezzouhour, in der Nähe der Bahntrasse, wo jeden Tag die illegalen Obst- und Gemüsestände aufgebaut werden. Einige Bewohner lassen ihre Schafe zwischen den Abfällen grasen. Hichem zeigt auf eine Stelle auf dem Bürgersteig, nur ein paar Meter von seinem Elternhaus entfernt. Hier wurde einer seiner Mitstreiter von einem Scharfschützen erschossen.

Hichem hat an der naturwissenschaftlichen Fakultät in Monastir studiert. Er ist einer der vielen „diplomierten Arbeitslosen“ – offiziellen Angaben zufolge sind fast zwei Drittel der unter 40-jährigen Tunesier ohne Arbeit. Hichem hat immerhin die Aufnahmeprüfung für den Staatsdienst bestanden und verdient inzwischen ein biss­chen Geld mit Gelegenheitsarbeiten.

Ein Stück weiter wirken die Behausungen noch heruntergekommener. Am Ende einer Straße steht ein graues zweistöckiges Haus. Hier lebt die Familie des jungen Mannes, dessen Namen die Straße heute trägt: Saber Rtibi. Er wurde am 9. Januar 2011 von der Polizei getötet. Vier Jahre später ist der „Prozess der Märtyrer“ immer noch nicht abgeschlossen. Bisher sind von den Leuten, die das Feuer auf die Demonstranten eröffnet haben, nur wenige verurteilt.

Beim letzten Prozess vor einem Militär-Berufungsgericht im Januar 2014 wurde der ins saudische Exil geflüchtete Expräsident Ben Ali verurteilt. Die meisten anderen Angeklagten wurden entweder freigesprochen oder erhielten geringe Strafen. Die Familie Rtibi bekam Geld angeboten – und den Straßennamen für ihren getöteten Sohn. Diese Abwehrhaltung der Justiz nährt den Groll gegen die Regierung, egal welcher politischen Richtung sie angehört.

Seit Ende 2012 gilt Kasserine zudem als gefährlich. Nur 17 Kilometer entfernt, im Chaambi-Bergmassiv, einem Teil des Tellatlas an der Grenze zu Algerien, greifen islamistische Rebellen regelmäßig das Militär und Vertreter des Staates an und attackieren die Bewohner des Bergmassivs, wenn sie diese für Informanten der Staatsmacht halten.

Schmuggel und Dschihad

Abdelmajid Dabbabi, ein Zöllner aus Ezzouhour, wurde in Bouchebka, einer Kleinstadt in der Nähe des Grenzpostens, aus dem Hinterhalt erschossen. Seine Witwe Yasmine will uns zunächst nicht die Tür öffnen. Schließlich lässt uns sein Vater Taieb herein. Er will reden. Taieb erzählt, sein Sohn habe in der Mordnacht angerufen, um Bescheid zu sagen, dass er nach seiner Patrouille nach Hause komme. Die Familie versteht nicht, warum die Grenzbeamten auf eine so gefährliche Route geschickt wurden. „Abdelmajid hat seine Vorgesetzten noch gewarnt“, erzählt Yasmine. „Sie haben ihn nicht ernst genommen. Außer einer Ehrenzeremonie und einer Pension haben wir von der Regierung nichts bekommen. Auch kein Journalist ist aufgetaucht. Meine Kinder haben Albträume, sie stellen Fragen, und ich habe keine Antworten.“ Zum Abschied gibt sie uns ein Foto von ihrem Mann. So endet jeder Besuch bei einer „Märtyrer“-Familie – mit einem Passbild, das uns wie ein Pfand überreicht wird, um die Erinnerung wachzuhalten.

Im September, nur einen Monat nach seiner Ernennung, verkündete Chedly Bouallague, der neue Gouverneur von Kasserine, dass das Sicherheitsproblem gelöst und die bewaffneten Gruppen zerschlagen worden seien. Offiziell kontrolliert das Militär die verbotene Zone. In Wahrheit aber sind die bewaffneten Gruppen immer noch aktiv, zum Beispiel die Uqba ibn Nafi, die sich al-Qaida angeschlossen hat, und die Splittergruppe Jund al-Khilafa, die sich dem Islamischen Staat (IS) zuordnet. Der Schmuggel mit Waffen und Nahrungsmitteln aus dem benachbarten Algerien geht ebenfalls weiter.

In den kleinen Dörfern an den Berghängen wohnen immer noch viele Menschen, weil sie sich das Leben in der Stadt nicht leisten können. Die täglichen Zusammenstöße sowie die Artillerie- und Luftangriffe der Armee haben ihre kleinen landwirtschaftlichen Flächen mehr oder weniger zerstört. Jeder Journalist, der in diese Gegend reisen möchte, braucht eine Genehmigung und wird von der Armee eskortiert. Bei unserer Fahrt ins Dorf Fej Bouhacie, eine Dreiviertelstunde von Kasserine entfernt, haben wir uns nicht daran gehalten. In Fej Bouhacie haben die Bienenzüchter fast all ihre Bienenstöcke verloren und die Kooperative für Biohonig wurde aufgelöst.

Mbarka lebt mit ihrer Familie am Rand eines einst berühmten Naturreservats. Sie hat Angst und würde alles dafür geben, wegzugehen. Das Einzige, was der 60-jährigen Mbarka geblieben ist, sind die Kräuter, die rund um ihr Haus wachsen. Davon ernährt sie sich. Ihr Haus liegt in Schussweite der Höhlen, in denen sich die Dschihadisten verschanzt haben. Abends hört sie die Kugeln zischen.

Hichem ist – wie viele Einwohner von Ezzouhour – wütend auf die bewaffneten Gruppen, auch weil sie das „business“ der Schmuggler zerstören. „Es gibt keinen Platz für die in Tune­sien. Sollen sie nur von den Bergen herunterkommen und gegen uns kämpfen. Dann werden sie sehen, dass sie hier niemand haben will!“

Der 30-jährige Kais wohnt ebenfalls in Ezzouhour. Nach seinem Elek­trotechnikstudium schlug er sich bis vor Kurzem mit Gelegenheitsjobs durch. Dann fand er eine befristete Stelle als Arabischlehrer im öffentlichen Dienst. Er liebt seinen Job, trotz der misera­blen Bedingungen. Auch Kais hat keinerlei Sympathie für die Untergrundkämpfer des Chaambi: „Sie töten Tunesier, und sie werden nicht von der wahren Religion geleitet. Das sind einfach nur Mafiosi, die mit der Regierung unter einer Decke stecken.“

Unsere Gesprächspartner verurteilen zwar die lokalen bewaffneten Gruppen. Aber wenn es um die Situa­tion in Syrien oder um die dschihadistischen Anschläge in anderen Weltregionen geht, ändert sich der Ton. Am Tag nach den Anschlägen von Paris sitzt Kais in einem Café in Ezzouhour und schimpft: „Frankreich verdient, was ihm jetzt geschehen ist! Das ist wegen Charlie Hebdo. Hätten die Franzosen nicht den Propheten beleidigt, wäre das nicht passiert. Frankreich hat in Libyen interveniert, obwohl es da nichts zu suchen hatte. Was den Dschihad in Sy­rien angeht, das ist eine Opera­tion von außerislamischen Kräften; wie wenn Frankreich loszieht und Krieg in Mali macht. Die Anschläge sind eine gerechte Antwort auf diese Sachen. Zumal mehr syrische Kinder durch die Bomben des Westens gestorben sind, als ihr in Paris verloren habt!“

Kais unterstützt den Dschihad in Syrien und hilft wahrscheinlich auch bei der Organisation der Ausreise einiger seiner Freunde nach Syrien. Ezzouhour ist – wie viele Armenviertel des Landes, auch in der Hauptstadt Tunis – ein Rekrutierungsbecken für die islamistischen Terroristen. Nach offiziellen Angaben sollen sich fast 5000 Tune­sier dem IS oder der Al-Nusra-Front angeschlossen haben – das ist das weitaus größte ausländische Kontingent in den Reihen der syrischen Dschihadisten.

1 Die Beys von Tunis waren die Stadthalter des Osmanischen Reichs in Tunesien. Sie erlangten ab dem 18. Jahrhundert eine weitgehende Unabhängigkeit vom Sultan.

2 Siehe „Plan régional de développement durable (PREDD)“ des Gouvernements Kasserine, Daten vom Februar 2012 und von „Avocats sans frontières“.

3 Manche unserer Gesprächspartner wollten ihren Familiennamen nicht nennen.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Laura-Maï Gaveriaux ist Journalistin und Wissenschaftlerin.

Le Monde diplomatique vom 07.01.2016, Laura-Maï Gaveriaux