14.06.2013

Wo die Rentner wohnen

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Wo die Rentner wohnen

Im chinesischen Qin Zhuang sind die meisten alt – und alle arm von Jordan Pouille

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Hinter den Hallen einer Fabrik für Verpackungsmaschinen liegt das 800-Seelen-Dorf Qin Zhuang. Von Peking aus sind es 330 Kilometer bis hierher, die man am besten über den Großen Kanal zurücklegt, eine technische Meisterleistung der Sui-Dynastie aus dem 6. Jahrhundert, die den Norden der Volksrepublik mit der Handelsstadt Hangzhou im Süden verbindet.

Kurz vor der Ankunft entdeckt man im Fahrwasser einen zitronengelben Schaum, der im Röhricht am Ufer hängen bleibt – das Abfallprodukt einer etwa 80 Kilometer entfernten Papierfabrik. Doch der strenge Geruch, der einem entgegenschlägt, kommt nicht von der Papierfabrik, sondern aus den Düngemittelfabriken in der Nachbarschaft. Schließlich tauchen hinter einer Uferböschung in winzige Parzellen aufgeteilte Weizenfelder auf, und man erblickt, von Pappelreihen geschützt, kleine Ziegelhäuschen. Hier leben die alten Bauern von Qin Zhuang, eines von sechzig Dörfern im Distrikt Dongguang.

Qin Xuexi, 65 Jahre alt, Kurzhaarschnitt, diskret geschminkt, mit Ärmelschonern aus Nylon über dem Kunstpelzmantel, hat uns schon erwartet. Sie bereitet uns einen herzlichen Empfang und bietet mir zur Begrüßung erst einmal eine Zigarette an. Dann führt sie uns durchs Dorf: „Hier haben wir mit eigenen Mitteln eine Straße gebaut.“ Ein Pfad aus diagonal verlegten Pflastersteinen führt zu einem kleinen buddhistischen Tempel: „Dieses Jahr haben wir ihn rot angestrichen, damit er wieder nach etwas aussieht. Manche Bauern kommen hierher und beten darum, Beamte zu werden.“ Qin Xuexi hat offensichtlich Sinn für Humor, und sie scheint eine ziemlich energische Person zu sein. „In ganz China sind 14 Prozent der Bevölkerung über 60, in Qin Zhuang sind es 70 Prozent – und 100 Prozent sind arm.“

Das Amt der KP-Leitung im Dorf hat die pensionierte Bäuerin vor zwei Jahren gegen eine Aufwandsentschädigung von 600 Yuan (74 Euro) pro Monat zur Leiterin ernannt. Zum ersten Mal seit Gründung der Volksrepublik wird in Qin Zhuang die Partei von einer Frau angeführt. „Sie ist die Erste, die sich wirklich für uns einsetzt. Sie hat immerhin fünf Kinder großgezogen.“ – „Sie ist clever, sie lässt sich von den ausgefallenen Plänen der Beamten nicht beeindrucken“, heißt es über sie im Dorf. Ihr Kollege im Nachbardorf, Zheng Ronglin, ist hingegen bei den Bauern verhasst, seit er sich vom Besitzer einer umweltverpestenden Zellulosefabrik bestechen ließ.

In Qin Zhuang sind alle der Meinung, dass Qin Xuexi ihre Arbeit gut macht. Sie sorgt dafür, dass es den alten Leuten wieder besser geht, die darunter leiden, dass sich ihre Kinder zu wenig um sie kümmern. Seit der ungezügelten Ausbreitung der Schwerindustrie hat sich die Lebensqualität immer weiter verschlechtert. Das fing schon in den 1990er Jahren an. Damals verließen die Dorfbewohner nach und nach ihre Felder, um in den überall im Lande entstehenden Fabriken und Baustellen zu arbeiten. Viele schickten Geld nach Hause, um die Bauernhöfe zu erhalten oder zu vergrößern. Die letzte Generation von Wanderarbeitern wollte das neue – und teurere – Leben in der Stadt schließlich gar nicht mehr aufgeben.

Knapp fünfzehn Kilometer weiter warten die Kleinstädter von Dongguang (70 000 Einwohner) immer noch auf ihre erste McDonald’s-Filiale. Bis es so weit ist, begnügt man sich mit dem chinesischen Ersatz Dico’s. Eine sechsspurige Schnellstraße wurde gerade fertiggestellt, links und rechts davon ist das Land noch kahl, doch ein Wald von Kränen kündet bereits vom Bau neuer Wohnblocks.

Auf den riesigen Stelltafeln sind weitläufige Grünanlagen zwischen jedem Wohnblock zu sehen; der Quadratmeter soll 4 000 Yuan (493 Euro) kosten. „Wir nehmen auch Hukou vom Lande!“, verspricht der Werbetext. Selbst wenn sie schon lange in der Stadt wohnen, haben Wanderarbeiter in China offiziell nicht das Recht, eine Wohnung zu kaufen oder ihre Kinder einzuschulen: Sie sind mit ihrem hukou (der staatlichen Wohnsitzkontrolle) nach wie vor am Herkunftsort registriert und werden daher nicht als Stadtbürger anerkannt. Die Stadt Dongguang dehnt sich nunmehr auf die Felder aus und nimmt die Bauern aus der Umgebung auf, die von einem städtischen Leben träumen.

Im November 2012, kurz nach dem 18. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), wurde Qin Xuexi von der Partei nach Dongguang eingeladen. Brav hörte sie sich die Verlesung eines 64-seitigen Dokuments an, in dem sämtliche Verdienste des scheidenden KP-Generalsekretärs Hu Jintao rekapituliert wurden. Dann fuhr sie mit dem Bus zurück in ihr Dorf.

Die Dorffunktionärin hält ihre wöchentlichen Treffen im Hinterzimmer des einzigen Tante-Emma-Ladens von Qin Zhuang ab, wo fast alle Einwohner denselben Nachnamen tragen: Qin. Die Genossen sitzen auf Bierkisten oder auf dem kang des Krämers, dem gemauerten, mit Briketts beheizten Ofenbett. Auf einem Poster werden die Heldentaten der Volksbefreiungsarmee gerühmt, ein anderes preist die aphrodisierende Wirkung eines billigen Reisschnapses an. Auf dem Boden stapeln sich die Kartons mit Hunderten von Getränkedosen.

Zhou sammelt leere Flaschen, Qin Bing arbeitet auf dem Bau

Innerhalb von sieben Jahren sind vier Fabriken ins Land der Qin gekommen. In den weiß-blauen Wellblechhallen, die manchmal direkt zwischen zwei verfallenen Bauernhöfen stehen, bauen junge Männer Maschinen zusammen, die Zellophan oder Wellpappe produzieren sollen. Natürlich stammt keiner von ihnen aus dem Dorf, ja nicht einmal aus der Provinz Hebei. Die Arbeiter kommen aus Qinghai, einer armen Provinz im Westen Chinas, wo das durchschnittliche Monatseinkommen 800 Yuan (98 Euro) nicht übersteigt.

Im Dorf gibt es fünf motorisierte Fahrzeuge: den grauen Wu-Ling-Kleinlaster des Krämers und vier rote, dreirädrige Kleinfahrzeuge im Wert von jeweils 20 000 Yuan (2 468 Euro), die eigentlich nur für Behinderte gedacht sind. „Die Leute hier sind zu alt. Sie haben weder das Geld noch den Mut, zwischen all den herumrasenden Lastwagen ein Auto zu fahren“, erklärt Qin Xuexi.

Wenn die Bauern nicht aufpassen, werden die Felder von Qin Zhuang für immer verschwinden. Im letzten Jahr begann im Nachbardorf ein Bauunternehmer auf den verlassenen Feldern vier Wohnblocks zu errichten. „Man behauptet, damit würden unsere Lebensbedingungen verbessert, wir könnten nicht wie früher weiterleben, mit einem Brunnen für das Wasser und einem Plumpsklo im Hof.“ Aber die Wohnungen sind zu groß geplant – zwischen 120 und 300 Quadratmetern – und kosten mindestens 240 000 Yuan (30 000 Euro). Das kann sich hier niemand leisten.

„Hier werden Geschäftsleute wohnen, die zwischen 200 000 und 300 000 Yuan [37 000 Euro] im Jahr verdienen“, erklärt der Bauunternehmer und streicht dabei über seine Hermès-Gürtelschnalle. Er führt uns zu der mit zwei vergoldeten Säulen geschmückten Einfahrt der Wohnanlage. Er ist sehr stolz auf sein Projekt. Über dem Tor prangt eine Marmortafel mit der eingemeißelten Inschrift: „Die schöne Stadt nahe am Fluss“. Eine Zementpiste verbindet die Anlage mit der Hauptstraße.

Qin Xuexi hält es für wichtiger, dass die Bauern auch im Ruhestand weiterhin ihr Land bestellen, auch wenn ihre Ausbeute nur aus ein paar Säcken Mais oder Mehl besteht. „Jedes Jahr Ende Januar bekommen alle Bauern eine Prämie von 687 Yuan.“ Offiziell haben sie sich damit zwar verpflichtet, bei der ortsansässigen Firma Hua Ge chemische Düngemittel einzukaufen. „Aber sie können mit dem Geld machen, was sie wollen. Wir mögen hier nämlich eigentlich keinen Chemiedünger.“ Kein Wunder: Die Fabrik hat das Trinkwasser der sechzig Dörfer des Distrikts verseucht. Eines Tages klebten seltsame Zettel an den Mauerwänden: „Wenn sie mit sauberem Wasser duschen wollen, rufen Sie folgende Nummer an …“

Gegen einen Jahresbeitrag von 40 Yuan (5 Euro) können sich die Rentner von Qin Zhuang neuerdings von der nationalen Gesundheitsvorsorge 80 Prozent ihrer Arztkosten und 30 Prozent ihrer Ausgaben für Medikamente erstatten lassen. Die Behandlungsmöglichkeiten halten jedoch nicht immer mit den Erkrankungen Schritt, die aufgrund der Wasserverschmutzung immer bedrohlicher werden. In den Schubladen des Dorfarztes stapeln sich vor allem Pillen gegen Bluthochdruck. „Zweimal pro Jahr, im Frühling und im Herbst, pilgern die Dorfbewohner zum Krankenhaus von Lian Zheng, zu Fuß eine halbe Stunde“, berichtet der junge Mediziner, der seinen Posten vom Vater übernommen hat. „Dort bleiben sie eine Woche, lassen sich von Kopf bis Fuß durchchecken und bekommen irgendwelche Spritzen. Das Ganze kostet sie nur 200 Yuan [24 Euro].“

Der andere wichtige Mann im Dorf ist der 65-jährige Qin Ru He. Seit 45 Jahren führt er den einzigen Laden im Dorf. Qin Ru He ist das Bindeglied zwischen seinen ländlichen Kunden und der Konsumgesellschaft, die man hier eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt. Abgesehen von Eiern und Gemüse liegt alles andere in Plastik verpackt auf soliden Holzregalen: Etwa dreißig Zigarettenmarken, Instanttees oder Chips in fünf Geschmacksrichtungen. „Anfangs hatte ich nur etwa 20 Produkte im Angebot. Mit 150 Yuan hätte man den ganzen Laden leerkaufen können!“ In den 1980er Jahren schenkte ihm jemand eine Kühltruhe. Da konnte man in Qin Zhuang erstmals Speiseeis kaufen.

Heute deckt sich der Lebensmittelhändler mit seinem Kleinlaster selbst in der Stadt mit Vorräten ein. „Ich kann mich noch erinnern, wie ich den Dorfbewohnern beibringen musste, ein Feuerzeug zu benutzen. Manche weigern sich einfach, den Fortschritt anzunehmen! Für meine Kunden hole ich auch noch meinen alten Abakus heraus.“ Seit einem Jahr bietet Qin Ru He sogar Telefonkarten für das 3G-Netz von China Telecom an. „Aber hier kann keiner mit dem Computer umgehen, geschweige denn mit einem Smartphone.“ Er besitzt keine Kasse, nur eine „mindestens 200 Jahre alte“ Holztruhe im Nebenraum, mit einem Schlitz in der Mitte für die Geldscheine.

Die Nachbarn behaupten, er habe 100 000 Yuan (12 334 Euro) gespart: eine enorme Summe. Und sie beneiden ihn um sein zweites Kind, eine Tochter, die heute 32 Jahre alt ist und zu Beginn der Ein-Kind-Politik geboren wurde. Er musste damals nur 200 Yuan Strafe zahlen; später kostete ein solches „Vergehen“ das Zehnfache. Um der Strafe zu entgehen, töteten manche aus Verzweiflung ihr Kind oder versuchten es heimlich großzuziehen.

Bei Qin Ru He können die Bauern auf Pump einkaufen und ihre Schulden nach der Ernte zurückzahlen. Außerdem hält sie der Ladenbesitzer immer auf dem Laufenden: „Ich lese die Zeitung, und man fragt mich, was es Neues aus Peking gibt.“ Und für die etwa fünfzig Enkel der Bauern, die in einem der Nachbardörfer zur Schule gehen, versucht er stets die neuesten Süßigkeiten auf Lager zu haben, die der Comic-Kanal Kaku TV bewirbt: „Letztes Jahr wollten alle orangefarbene Kaugummis. Und die waren so schwierig aufzutreiben! All diese Kinder werden von alten Leuten aufgezogen, die Eltern sind weit weg. Da können sie sich vorstellen, wie traurig das manchmal ist.“

Während unseres Aufenthalts in Qin Zhuang haben wir zweimal bei Zhou Fenjun und seiner Frau Ge Hairong übernachtet. Auf dem Giebel ihres alten Bauernhofs erkennt man immer noch die Inschrift „Der Osten ist rot“ aus der Zeit der Kulturrevolution. Die Einrichtung ist bescheiden: Es gibt weder einen Kühlschrank noch eine Waschmaschine, aber einen mit Kohle beheizten Dampfkessel und eine Klimaanlage, die das Ehepaar vor vier Jahren anschaffen konnte, als die Regierung beschloss, die Bauern zu unterstützen, damit sie sich elektrische Geräte kaufen konnten.

Unsere Gastgeber, 64 und 62 Jahre alt, sind beide behindert. Vor vielen Jahren hatte sie eine professionelle Ehevermittlerin zusammengebracht, die damals 50 Yuan dafür bekam. Es war Liebe auf den ersten Blick. „Meine Frau ist mutig und sehr einfühlsam“, sagt Zhou Fengjun. „Sie kocht für mich und schenkt mir den Reisschnaps ein, wenn ich nach Hause komme. Dafür erledige ich die Einkäufe. Und ich wechsle so selten wie möglich die Kleidung, damit sie nicht so oft waschen muss.“ Trotz seiner Behinderung baut Zhou Fenjun ganz allein auf 0,3 Hektar Baumwolle und Mais an. Seine Frau kümmert sich außerdem noch um das Kind ihres einzigen Sohnes, der zehn Monate im Jahr als Handelsreisender unterwegs ist.

Vor zwei Jahren rutschte Ge Hairong vor dem Bauernhof auf dem Eis aus und brach sich das Kniegelenk, das bereits durch Kinderlähmung vorgeschädigt war. Die Operation kostete 16 000 Yuan (1 974 Euro), die sie nicht ersetzt bekam. Dafür könne sie jetzt das Wetter vorhersagen: „Wenn es schmerzt, wird es am nächsten Tag garantiert regnen.“

Um die Krankenhausrechnung bezahlen zu können, arbeitete ihr Mann auf der Baustelle für die Schnellzug-Trasse nach Nanchang, die Hauptstadt der Provinz Jangxi. Er schuftete für 80 Yuan am Tag, den Lohn bekam er jedoch erst bei Vertragsende ausgezahlt. „Unser Sohn hat uns nur 3 000 Yuan geschickt“, klagt Zhou Fengjun. „Und er hat seine Mutter noch nicht einmal im Krankenhaus besucht.“

Ge Hairong fällt das Gehen schwer. Sie verlässt kaum noch das Haus. Dafür hütet sie alle Kleinkinder des Dorfs. Ihr Bauernhof hat sich in einen richtigen kleinen Kindergarten verwandelt, mit Tierpostern, Schriftzeichen auf jeder Tür zum Lesenlernen und einem Drachen, der an der Wand hängt. „Wenn jemand ein Kind zu viel hat, wird es versteckt, solange bis die Eltern die Strafgebühr bezahlen können. Zu meiner Zeit wurde das noch viel strenger gehandhabt! Wir wurden damals gezwungen, unsere Zweitgeborenen umzubringen. Der Beamte gab uns das Gift.“ Zwei Straßen weiter steht in großen Schriftzeichen auf einer brüchigen Mauer: „Seid ehrlich zum Familienplanungsbüro!“

Wenn die Piste trocken ist, steigt Zhou Fengjun um acht Uhr morgens auf sein elektrisches Dreirad und klappert die zehn umliegenden Dörfer ab. Er sammelt leere Plastikflaschen, die er wiederverkauft; der Preis richtet sich nach dem Gewicht. Ständig schimpft er auf seinen Sohn, der kein Geld schicke, nur Kleider und Trockenmilch für das Baby. Pro Kopf und Monat bekommt das Ehepaar umgerechnet 60 Euro Rente. Seit September 2009 erprobt die Regierung ein Rentensystem auf dem Land: Jeder Bürger zwischen 18 und 59 muss einen Beitrag zahlen, der sich je nach Einkommen zwischen 100 und 500 Yuan pro Jahr bewegt. Ab 60 hat jeder ein Anrecht auf eine Mindestrente von 59 Euro pro Monat.1

Auf die Frage, wofür sie denn am meisten Geld ausgäben, antwortet Zhou Fengjun ohne Zögern: „Für den Reisschnaps.“ Dann ruft er „auf ex!“ und stürzt seinen vierten Becher in einem Zug hinunter, erbricht seine gesamte Mahlzeit auf den Tisch und entschuldigt sich danach wie ein Kind. Als ich zu Bett gehe, warnt er mich: „Nehmen Sie sich in Acht vor dem Krämer, er erzählt allen, Sie seien ein Spion.“

Die 63-jährige Liu Ruiyan ist für die Alten von Qin Zhuang ebenfalls unverzichtbar. Sie ist Ehevermittlerin und wohnt seit dreißig Jahren hier. Von morgens bis abends sieht man sie von Haus zu Haus wandern. Sie sei früher Christin gewesen, erzählt Liu Ruiyan, „aber als der Pastor uns gesagt hat, Mahjong-Spielen sei schlecht, da wollte ich von der Religion nichts mehr wissen.“ Im Januar hat sie zwei Fünfzigjährige zusammengeführt: „Sie hatten beide schon Kinder. Der Ehemann der Frau hatte sich umgebracht. Er hatte seine ganzen Ersparnisse seinem Bruder gegeben, der ein Geschäft gründen wollte, aber der Bruder hat alles durchgebracht. Der neue Mann besitzt viel Land. Er suchte eine Frau, die gern arbeitet. Seine frühere Ehefrau aus der Mandschurei war Kettenraucherin und spielte gern. Sie hat ihn nach zehn Jahren Ehe ganz plötzlich verlassen.“ Liu Ruiyan führt manchmal auch Frauen zusammen, zwei alte Damen, die sich gegenseitig helfen können. „Aber keine Männer, nein. Da hätte ich zu viel Angst, dass hinter meinem Rücken geredet wird.“

Doch der Job als Ehevermittlerin bringt nicht genug ein. Deshalb heuert Lius Mann Qin Bing Zhan mit seinen 64 Jahren immer noch regelmäßig in der Stadt auf Baustellen an. Beim Verlassen des Dorfs fällt unser Blick auf das kleine Werbeplakat eines Studios für Hochzeitsfotos – „Les Charmes Exotiques de Paris“ in Dongguang. Direkt darunter hat jemand hastig eine Telefonnummer hingekritzelt: die Nummer eines Abrissunternehmens für verlassene Bauernhöfe.

Fußnoten: 1 Siehe „China extending pension program to countryside“, China Daily, Peking, 16. September 2011. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Jordan Pouille ist Journalist in Peking.

Le Monde diplomatique vom 14.06.2013, von Jordan Pouille