Das beste Dubai der Welt

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Das beste Dubai der Welt

Geschichte einer Pleite der Superlative von Ibrahim Warde

Die 2007 ausgebrochene Finanzkrise schien das arabische Dubai anfangs verschont zu haben. Das Emirat am Persischen Golf kurbelte zu dieser Zeit noch ein wirtschaftliches Großprojekt nach dem anderen an, und die Staatsfonds des Emirats kauften massenhaft Aktien der internationalen Großbanken auf.1

Noch im Oktober 2008, auf dem Gipfel der Krise, zog das staatseigene Bauunternehmen Emaar unbeirrt den höchsten Turm der Welt hoch (damals noch unter dem Namen „Burdsch Dubai“). Und der zweite staatliche Baugigant Nakheel kündigte die Errichtung eines noch höheren Turmbaus an, der einen vollen Kilometer in die Höhe streben und zum Zentrum einer neuen, 270 Hektar großen Stadt werden sollte. Die Kosten für dieses „Herz des neuen Dubai“ waren auf 160 Milliarden Dollar veranschlagt, davon 45 Milliarden für den Turm.

Zu dieser Zeit hatte das Emirat weit mehr zu bieten als eine Erfolgsstory: Es präsentierte sich dem Rest der Welt als ein ganz neues, eigenständiges Entwicklungsmodell, obwohl es, von seinen Häfen und der günstigen geografischen Lage abgesehen, nur wenige Trümpfe vorweisen kann. Aber gerade wegen seines kleinen Territoriums, seiner geringen Einwohnerzahl und weil Erdölvorkommen fehlen, hatte sich das Emirat schon seit längerem auf die Zeit nach dem Öl vorbereitet. Nach dem Vorbild von Hongkong und Singapur setzte es dabei nie auf den Aufbau demokratischer Strukturen, sondern allein auf die Förderung von Wirtschaftswachstum und privatem Unternehmertum.

Die 1985 eingeweihten gigantischen Hafenanlagen von Jebel Ali mit ihrer angeschlossenen „freien Wirtschaftszone“ haben Dubai schon sehr früh auf die Rolle einer „Lagerhalle“ für die ganze Region festgelegt. Seitdem investiert der Staat in großem Stil in die Infrastruktur für den Straßen- wie für den See- und Luftverkehr. Um Unternehmen aus den Bereichen Finanzindustrie, Internettechnologie, Medien und Medizin, und auch Nichtregierungsorganisationen anzuziehen, wollte man diesen Branchen mit gezielten Projekten besonders günstige Bedingungen der Ansiedlung bieten.2

Damit diese Expansionsstrategie aufgeht, hat man zudem das Tor für Arbeitsimmigranten weit geöffnet. Die stellen heute mehr als 90 Prozent der Bevölkerung und arbeiten zum Beispiel in der Bauindustrie unter Bedingungen, die manchmal einer Leibeigenschaft gleichkommen.

Eine weitere Besonderheit des Dubai-Modells besteht darin, dass ein Potentat die ganze Macht in seinen Händen hält. Scheich Mohammed Bin Raschid al-Maktum ist Gouverneur von Dubai und zugleich Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Er hat sich Stil und Sprache des modernen Managements bereits lange vor seinem Eintritt in die Politik perfekt angeeignet. Seine Art passt genau zu einem Land, das ökonomisch von zwei riesigen Staatsunternehmen beherrscht wird: von Dubai World und von der Investment Corporation of Dubai (ICD). Als globaler Handelsreisender für die „Marke“ Dubai verkündet „Scheich Mo“ – der in der Klatschpresse ebenso präsent ist wie in den Fallstudien der Business Schools – rastlos seine persönliche „Vision“. Deren Inhalt ist schlicht, dass Dubai „Weltklasse“ und überhaupt „in allem weltweit Erster“ sein müsse.3

Als im Januar 2008 Professor Michael Porter von der Harvard Business School, der unschlagbare Guru für Unternehmensstrategie, zu einer Konferenz mit dem Thema „Die Wettbewerbsfähigkeit der Emirate“ anreiste, thronte „Scheich Mo“ bei seinem Vortrag in der ersten Zuhörerreihe, umgeben von seinen Ministern und etwa 350 Spitzenbeamten und Managern. Auch in den Medien und den wichtigsten sozialen Netzwerken ist er stets präsent. Nach der Konferenz schickte er vier Twitter-Kurzmeldungen an seine Anhänger, um ihnen in Echtzeit seine Eindrücke zur Konferenz zu übermitteln.4

Das Modell Dubai genießt die Bewunderung vieler Meinungsmacher in aller Welt. Sein größter Fan ist der New-York-Times-Kolumnist Thomas Friedman, der die gesamte arabische Welt immer wieder auffordert, dem Emirat nachzueifern. Sein Argument: „Die Bevölkerung von Dubai baut ihre Zukunft lieber auf Butter statt auf Kanonen, auf Privateigentum statt auf Willkür, auf Dienstleistungen statt auf Öl, auf weltweit konkurrenzfähige Unternehmen statt auf Terroristennetzwerke. Dubai will die arabische Würde nicht durch Selbstmordattentate wahren, sondern durch wirtschaftlichen Erfolg. Mit einem Satz: Die Bürger Dubais wollen die Zukunft ergreifen und nicht in die Luft sprengen.“5

Das Modell hat inzwischen Schule gemacht. Andere Emirate wie Abu Dhabi, Bahrein oder Katar bieten ebenfalls – und häufig billiger – freie Wirtschaftszonen, Badestrände und als Zugabe alle möglichen Kultur- oder Bildungsveranstaltungen. So haben sie es geschafft, die berühmtesten Museen und renommiertesten Universitäten Europas und der USA anzuziehen.6

Angesichts solch nachahmender Konkurrenz beschloss man in Dubai, noch einen Gang höher zu schalten. Wenn die regionalen Rivalen den Ehrgeiz entwickelten, sich ebenfalls in Tempel des Konsums, des Vergnügens und der Eventkultur zu verwandeln, konnte Dubai sie nur durch Gigantomanie und seine Maßlosigkeit ausstechen: Wenn alle Luxusherbergen mit fünf Sternen bauen, muss es in Dubai eben ein Sieben-Sterne-Palast sein.

Als ob es gälte, die neuesten Seiten des Guinessbuchs der Rekorde zu belegen, kündigte man die extravagantesten Projekte an. Der Stadtstaat sollte alle Su perlative erfüllen und sich zur „weltweit ersten Urlaubsadresse“ entwickeln. Hier sollte alles geboten sein, was das Touristenherz vermeintlich begehrt: das größte Einkaufs- und Vergnügungszentrum der Welt, das größte Aquarium, eine Skipiste mitten in der Wüste, Strände mit gekühltem Sand, rotierende Wolkenkratzer und der schon erwähnte höchste Turm der Welt.

Mit weiteren pharaonenhaften, aber natürlich auf Pump finanzierten Projekten versuchte man, eine atemberaubende Erlebniswelt zu schaffen, ohne jede Rücksicht auf die menschlichen, ökologischen oder finanziellen Kosten.7 Immer neue Projekte wurden geplant. Zum Beispiel Dubailand, eine Art „ultimativer Erlebnispark“, doppelt so groß wie Disney World und mit Nachbauten der sieben Weltwunder; oder Palm Island, ein zum „achten Weltwunder“ erklärtes Dreier-Ensemble von Stränden, Luxushotels und Eigenheimen, deren Terrain – als Halbinsel mit den Umrissen einer Palme – künstlich im Meer aufgeschüttet wurde; und schließlich The World: ein geplantes Archipel von dreihundert künstlichen, eine Weltkarte nachzeichnenden Inseln mit Hotels und Zweitresidenzen für die Reichen der Welt.

Waren solche Pläne schlicht Größenwahn oder handelte es sich schon um die Flucht nach vorn? Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass eine spekulative Blase entstanden war, und die Regierung tat alles, um deren Platzen hinauszuzögern. Weltstars wie David Beckham oder Brad Pitt wurden zum Kauf eines Wohnsitzes in einer der Luxusanlagen animiert, um weitere Kunden anzulocken. Ausländern wurde beim Erwerb einer Immobilie ein Dau eraufenthaltsrecht in Dubai angeboten. Aber alle Werbetricks blieben erfolglos. Das Überangebot ließ die Nachfrage drastisch sinken.

Ein Panorama von Hochhausruinen

Einer der Gründe war der sinkende Ölpreis, der im Juli 2008 auf 147 Dollar pro Barrel angestiegen war, sich im Gefolge der Weltwirtschaftskrise aber wieder halbierte. Die multinationalen Finanzkonzerne, die ihr Kapital während des Booms überproportional in Immobilien angelegt hatten, fuhren ihr Engagement bei den regionalen Projekten nun drastisch zurück. Und die reichen Ausländer, die man zum Erwerb einer Ferienresidenz hatte drängen wollen, blieben aus. Deshalb begann der Immobilien markt einzubrechen, und die Finanzierungsgesellschaften sahen sich nicht mehr in der Lage, den Bauinvestoren weitere Kredite zu gewähren.

Für das Emirat Dubai wurde 2009 damit zu einem Schreckensjahr. Während sich die Regierung in Schweigen hüllte, um ja keine Panik auszulösen, ließ sich die Öffentlichkeit nicht länger täuschen: Der Wald von Baukränen verschwand und gab den Blick frei auf ein Panorama von Hochhausruinen und halbleeren Apartmentkomplexen. Am 14. Januar kündigte das Unternehmen Nakheel eine „Verzögerung“ beim Bau seines Turmgiganten an; ähnliche Botschaften dürften sich künftig häufen, ebenso die Entlassungen von Bauarbeitern. Am 16. Februar vollzog die Regierung die diskrete Fusion der beiden Staatsfonds – der Dubai International Capital (DIC) und der Dubai Group – und degradierte zwei Topmanager.

Am 22. Februar griff das Emirat Abu Dhabi dem verschuldeten Mitglied des gemeinsamen Staatenbunds unter die Arme, als die Zentralbank der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) eine staatliche Anleihe Dubais in Höhe von 20 Milliarden Dollar zur Hälfte zeichnete. Diese 10 Milliarden sind mit Schatzbriefen des erdölreichen Nachbaremirats abgesichert.

Danach versuchte die Regierung von Dubai, den Eindruck einer Rückkehr zu business as usual zu vermitteln. Doch dann folgte am 25. November 2009 der nächste Schock: Das staatliche Konglomerat Dubai World – bestehend aus zehn Unternehmen, darunter der Baugigant Nakheel und die weltweit drittgrößte Hafenbetreibergesellschaft DP World – gab bekannt, dass es seinen Schuldendienst ausgesetzt und seine Gläubiger um sechs Monate Zahlungs aufschub bis Ende Mai 2010 ersucht hatte. Die Märkte reagierten zunächst nicht allzu heftig, weil die Ankündigung mit dem Beginn des islamischen Opferfestes Eid al-Adha und dem amerikanischen Thanksgiving zusammenfiel.

Die 3,5 Milliarden Dollar an islamischen Anleihen (Sukuk), die das Unternehmen Nakheel aufgenommen hat, sind in naher Zukunft dennoch fällig. Die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit wird die Angst vor einer neuerlichen Erschütterung der Weltwirtschaft wecken.

Nach der Moratoriumsforderung vom 25. November stufte die Ratingagentur Moody’s die Bonität der staatseigenen oder staatsnahen Gesellschaften von Dubai drastisch zurück. Die Zentralbank der VAE musste mehrfach intervenieren, um die Liquidität des Finanzsystems zu sichern und die Investo ren vorläufig zu beruhigen. Dubai World bemühte sich, in Verhandlungen mit rund hundert Gläubigern (Finanzfirmen und Finanzierungsfonds) die Schulden neu zu ordnen und die Unternehmen der Holding umzustrukturieren.8

Am 30. November beantragte die angeschlagene Muttergesellschaft Nakheel erneut die Aussetzung der Zahlungen auf seine börsennotierten Schuldverschreibungen. Freilich ist die islamische Form der Anleihe, um die es hier geht, mit den üblichen Schuldscheinen kaum zu vergleichen, denn sie gewährt ihren Besitzern das Zugriffsrecht auf die als Sicherheit unterlegten Aktiva.9 Die Aasgeier beginnen also wieder über Dubai zu kreisen. Hedgefonds haben begonnen, die Schuldscheine zu Schleuderpreisen aufzukaufen. Sie spekulieren darauf, dass entweder das Emi rat Abu Dhabi das marode Unternehmen Dubai World wieder flottbekommt oder dass ein juristisches Vorgehen gegen die Regierung von Dubai zu einem lukrativen Geschäft wird.

Das Ganze zeigt, wie undurchsichtig diese Finanzkonstruktion ist. Dubai World ist zu 100 Prozent im Besitz des Emirats, dessen Regierung dennoch versichert, dass es für die Schulden der Staatsholding, die derzeit auf 59 Milliarden Dollar geschätzt werden, nicht lückenlos bürgt. Ähnlich ungeklärt ist das Ausmaß der staatlichen Gesamtverschuldung des Emirats. Offiziell ist von 80 Milliarden Dollar die Rede, aber die internationalen Bankinstitute gehen von mindestens der doppelten Summe aus.

Wenn also das Emirat immer wieder von guter Regierungsführung (good governance) spricht, so setzt es davon kaum etwas in die Praxis um. Der Eindruck hat sich verstärkt, seit das Emirat Abu Dhabi am Morgen des 14. Dezember 2009, am Fälligkeitstag der Nakheel-Anleihe, erklärt hat, man werde 10 Milliarden Dollar aufbringen, um das Unternehmen Dubai World wieder flottzumachen. Das ist genau die Summe, die Abu Dhabi beim Kauf der Staatspapiere von Dubai hinterlegt hat. Aber handelt es sich dabei um ein Darlehen oder ein Geschenk? Das Kommuniqué drückt sich in diesem Punkt unklar aus: Der Betrag könne sowohl für die Rückzahlung der Anleihen nach islamischen Recht als auch dafür genutzt werden, „die Zinsen und die laufenden Geschäfte von Dubai World bis zum 30. April 2010 zu finanzieren, unter der Bedingung, dass die Gesellschaft, wie angekündigt, die Verhandlungen mit den Gläubigern über ein Schuldenmoratorium erfolgreich abschließt.“

Und noch eine Unsicherheit bleibt weiter bestehen: Welche politischen oder wirtschaftlichen Gegenleistungen hat Abu Dhabi für seine Hilfe erhalten? Da gibt es immerhin ein Indiz: Bei der Einweihung des höchsten Bauwerks der Welt am 4. Januar wurde der 828 Meter hohe Turm umgetauft. Er firmierte bislang als „Burdsch Dubai“, jetzt heißt er „Burdsch Chalifa“. Das ist der Name des Scheichs Chalifa Bin Zayed al-Nahyan, seines Zeichens Gouverneur von Abu Dhabi und Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate.

Fußnoten:

1 Siehe Ibrahim Warde, „Räuber, Retter, Verlierer. Staatsfonds der Schwellenländer zahlen einen hohen Preis für die Aufnahme in den Club der Weltfinanz“, Le Monde diplomatique, Juni 2008. 2 Siehe Aamir Rehman, „Dubai & Co. Global Strategies for Doing business in the Gulf States“, Columbus, Ohio (McGraw Hill) 2007. 3 Siehe Ian Parker, „The Mirage“, The New Yorker, 17. Oktober 2005. Der Scheich publizierte selbst ein Buch (auf Arabisch) mit dem Titel „Meine Vision – Herausforderungen auf dem Weg zur Exzellenz“. 4 Siehe http://twitter.com/HHSHKMOHD. 5 New York Times, 15. März 2006. 6 Akram Belkaid, „Auf nach King Abdullah Economic City“, Le Monde diplomatique, August 2008. 7 Die Finanzierung lief auch über geschlossene Immobilienfonds in Deutschland, deren Anteilsscheine zum Beispiel die Alternative Capital Invest (ACI) anbietet. Siehe Alexander Mühlauer, „Die große Luftnummer“, Süddeutsche Zeitung, 27. November 2009. 8 Siehe Robin Wigglesworth, Anousha Sakoui und Simeon Kerr, „Cost of Dubai default insurance rises sharply“, Finanical Times, 15. Februar 2010. 9 Siehe IbrahimWarde, „Islamische Banken im globalen Finanzsystem“, Le Monde diplomatique, September 2001.

Aus dem Französischen von Ulf Kadritzke

Ibrahim Warde ist Außerordentlicher Professor an der Fletcher School of Law and Diplomacy, Massachusetts.

Le Monde diplomatique vom 12.03.2010, von Ibrahim Warde