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Südafrikas Erbe - Das Apartheid-Regime und die Größe Mandelas

Südafrikas Erbe

Das Apartheid-Regime und die Größe Mandelas von Achille Mbembe

Sein Name steht weltweit für Widerstand, Befreiung und die Universalität der Menschenrechte. Dem hartnäckigen und gewitzten Kämpfer Nelson Mandela, der am 19. Juli 95 Jahre alt wurde, ist die Vorstellung, man werde ihn einst am Fuße einer Statue betrauern, ein Graus. Vorwärtsgehen, hat er stets verlangt, und weiter für das große Ziel der Emanzipation eintreten.

Nelson Mandela ist eine emblematische Figur des 20. Jahrhunderts. Er wollte nie ein Heiliger sein, wurde aber während und nach seiner jahrzehntelangen Haft zu einem lebenden Mythos. In ihm hat der aus den Zufällen der Geschichte entstandene Staat Südafrika seine einigende Idee gefunden. Und weil die südafrikanische Gesellschaft sich vor der Zeit, die auf diesen Mythos folgen wird, fürchtet, hält sie an ihm fest, solange es irgend geht.

Die Apartheid, gegen die Mandela unbeirrt gekämpft hat, war keine gewöhnliche Form der Kolonialherrschaft und der Rassenunterdrückung. Sie hat viele ungewöhnliche und furchtlose Frauen und Männer hervorgebracht, die unter unvorstellbaren Opfern das Ende des Regimes erzwangen. Das Besondere an Nelson Mandela war, dass er an jedem Scheideweg, zuweilen unter dem Druck der Umstände, oft aber ganz bewusst, eine unerwartete Entscheidung traf. Er war stets wachsam, er brach immer wieder auf, und seine ebenso unerwartete wie wunderbare Rückkehr trug jedes Mal dazu bei, seinen Mythos zu verstärken.

Ein Mythos nährt sich nicht nur aus dem Verlangen nach Heiligkeit und einem Hauch von Geheimnis. Er gedeiht meist in der Nähe des Todes, der radikalsten Trennung und Entwurzelung überhaupt. Mandela ist dem Tod früh begegnet. Er war neun Jahre alt, als sein Vater, Mphakanyiswa Gadla Mandela, vor seinen Augen mit der Pfeife im Mund an einem Hustenanfall erstickte, den nichts, auch nicht der geliebte Tabak, beruhigen konnte. Auf diesen ersten Abschied folgte ein anderer. Mit seiner Mutter verließ der junge Mandela Qunu, den Ort seiner Kindheit und frühen Jugend, den er in seiner Autobiografie sehr liebevoll beschreibt. Jahrzehnte später, nach seiner langen Haft, ließ er sich wieder dort nieder, nachdem er dort ein Haus gebaut hatte, das bis in Details eine Nachbildung seines letzten Gefängnisses war.

Als junger Mann widersetze er sich den Sitten seines Volkes und brach ein zweites Mal auf. Gleich einem flüchtenden Kronprinzen ließ er sein Leben und seine Zukunft beim Regenten der Thembu, dessen Ziehsohn er nach dem Tod des Vaters geworden war, hinter sich. Er ging nach Johannesburg. Die expandierende Bergbaustadt war das Zentrum der sozialen, kulturellen und politischen Widersprüche, die aus dem bizarren Gemisch von Kapitalismus und Rassismus entstanden, das 1948 die Gestalt und den Namen Apartheid annahm. Statt ein Führer seines Stamms, der Thembu, zu werden, konvertierte Mandela zum Nationalismus, wie andere zu einer Religion. Die Stadt der Goldminen wurde zur wichtigsten Bühne für seine Begegnung mit dem Schicksal.

Nun begann ein langer und schmerzhafter Leidensweg, geprägt von Entbehrungen, wiederholten Verhaftungen, ständiger Verfolgung, zahlreichen Gerichtsverfahren, regelmäßigen Aufenthalten in den Kerkern mit ihren Ritualen der Folter und Demütigung, mehr oder weniger langen Phasen der Illegalität, der Umkehr von Tag und Nacht, mehr oder weniger spontanen Verkleidungen, einem zerrütteten Familienleben, fluchtartig verlassenen Unterkünften. Den verfolgten Kämpfer, den ewigen Flüchtling leitete die Überzeugung, er werde irgendwann zurückkehren.

Mandela ging unvorstellbare Risiken ein. Für sein eigenes Leben, das er so intensiv führte, als müsste er jedes Mal alles von vorn beginnen, als sei jedes Mal das letzte. Aber auch für viele andere, angefangen bei seiner Familie, die einen hohen Preis für sein Engagement und seine Überzeugungen bezahlte. Er wusste, dass er die Schuld, die er damit auf sich lud, nie würde begleichen können, und das quälte sein Gewissen nur noch mehr.

1964 entging er nur knapp der Todesstrafe, die die Staatsanwaltschaft im Rivonia-Prozess gefordert hatte und mit der Mandela und seine zehn Mitangeklagten gerechnet hatten. „Wir haben darüber gesprochen“, erzählte er in einem Gespräch mit Ahmed Kathrada lange nach dem Ende seiner Gefangenschaft. „Wir würden unter einer Wolke des Ruhms verschwinden, wir würden zurückschlagen. Das ist der Dienst, den wir unserer Organisation und unserem Volk erweisen können.“1 Dieser eucharistischen Vision fehlte dennoch jedes Bedürfnis nach Märtyrertum. Und im Unterschied zu vielen anderen, von Ruben Um Nyobé über Patrice Lumumba, Amilcar Cabral, Martin Luther King bis hin zu Mahatma Gandhi, entging er dem Tod.

Auf der Gefängnisinsel Robben Island stellte er unter Zwangsarbeit, Todesgefahr und Verbannung seinen ganzen Lebenswillen unter Beweis. Das Gefängnis wurde zum Schauplatz der schwersten Prüfung. An diesem Ort der Isolation, des Zurückgeworfenseins auf sich selbst und der größten Mittellosigkeit lernte Mandela in der Zelle zu leben, in der er über zwanzig Jahre verbringen sollte, wie ein Lebender, der gezwungen wird, einen Sarg zu heiraten.2

In quälend langen Stunden der Einsamkeit, bis an den Rand des Wahnsinns getrieben, fand er das Wesentliche, das in der Stille und im Detail liegt. Alles sprach wieder zu ihm: eine Ameise, die irgendwohin läuft; das eingegrabene Korn, das zunächst einzugehen scheint, doch zu neuem Leben erwacht und die Illusion eines Gartens schenkt; irgendein kleines Überbleibsel; die Stille der öden Tage, die sich gleichen, scheinbar ohne zu vergehen; die gedehnte Zeit; die Langsamkeit der Tage und die Kälte der Nächte; die selten gewordenen Worte; die Welt jenseits der Mauern, von der man kein Rauschen mehr vernimmt.

Die Schrecken von Robben Island hinterließen ihre Spuren auf seinem vom Schmerz geformten Gesicht, in seinen vom Sonnenlicht welken Augen, in den Tränen, die keine waren, in seinen Lungen, auf seinen Nägeln. Aber stärker als all das waren sein fröhliches, strahlendes Lächeln, die stolze, aufrechte Haltung, die geballte Faust, die Bereitschaft, die Welt zu umarmen und den Sturm neu zu entfachen.

Nachdem man ihm fast alles genommen hatte, kämpfte er mit aller Kraft um seine verbliebene Menschlichkeit, die seine Kerkermeister ihm unbedingt entreißen wollten, um sie als letzte Trophäe vor sich hertragen zu können. Weil man ihn zwang, mit fast nichts zu leben, lernte er, an allem zu sparen, aber er entwickelte auch eine große Gleichgültigkeit für die Dinge des normalen Lebens, selbst für das Vergnügen der Sexualität. Um schließlich, wenn auch Gefangener zwischen dicken Mauern, keines Herren Sklave mehr zu sein.

Ein Staat der bewaffneten Bürger

Mandela ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, und er hat ganz nah an der Katastrophe gelebt. Er ist in die Nacht des Lebens und in die Finsternis vorgedrungen, auf der Suche nach einer Idee, wie man ohne Rassentrennung und Rassismus leben kann. Seine Entscheidungen haben ihn an den Rand des Abgrunds geführt. Er hat die Welt beeindruckt, weil er lebendig aus dem Reich der Schatten zurückgekehrt ist, Kraftquell in einem alternden Jahrhundert, das nicht mehr träumen konnte.

Die Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts, die Emanzipation der Frauen und der Traum vom Ende der Sklaverei haben unsere Gegenwart geprägt. Dieser Traum mündete Anfang des 20. Jahrhunderts in die Kämpfe gegen die Kolonialherrschaft. Mandelas politische Erfahrung ist Teil der besonderen Geschichte der großen afrikanischen Unabhängigkeitskämpfe. Diese Kämpfe hatten von Anfang an auch eine internationale Dimension. Ihre Bedeutung war niemals auf eine Region beschränkt, sie waren immer global. Auch wenn sie auf einem begrenzten nationalen Territorium geführt wurden, waren sie Ausgangspunkt einer transnationalen, oft weltweiten Solidarität.

Mit jedem Kampf wurde die Gültigkeit von Rechten ausgedehnt oder allgemein durchgesetzt, die bis dahin nur für die Weißen gegolten hatten. Der Triumph der Gegner der Sklaverei im 19. Jahrhundert machte diesem Widerspruch, auf dem die modernen Sklavenhalterdemokratien beruhten, ein Ende. In den USA zum Beispiel bahnte die Befreiung der Sklaven und später die Bürgerrechtsbewegung den Weg, der von den Ideen der Gleichheit und der Staatsbürgerlichkeit zur politischen Praxis führte. Auch in den afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen gab es eine solche Universalität. Sie strebten nach einer neuen, ihrer eigenen Schöpfungsgeschichte – der Fähigkeit des Menschen zum aufrechten Gang, zum Leben in der Gemeinschaft, zur Selbstbestimmung.

Nelson Mandela hat, indem er zum Symbol des weltweiten Kampfs gegen die Apartheid wurde, diese universalisierbare Bedeutung weiter ausgedehnt. Sein Ziel war es, eine Gemeinschaft jenseits der Rassengrenzen zu schaffen. Heute, da der Rassismus wieder mehr oder minder vertraute Formen angenommen hat, ist das Ziel der universellen Gleichheit aktueller denn je.

Südafrika hat sich nach der Befreiung und dem Ende der Apartheid von einer Kontrollgesellschaft zu einer Konsumgesellschaft gewandelt. Während der Apartheid bestand die Kontrolle darin, die Schwarzen zu verfolgen und in ihrer Mobilität einzuschränken. Es war genau festgelegt, in welchen Gebieten sie leben mussten, denn schließlich wollte man ihre Arbeitskraft so weit wie möglich ausbeuten. Dazu wurden die sogenannten Homelands geschaffen, die wie Tiergehege oder Reservate funktionierten. Kontakte zwischen einzelnen Personen waren entweder verboten oder strengen Regeln unterworfen, wenn diese Personen unterschiedlichen „Rassenkategorien“ angehörten. Die Kontrolle erfolgte also durch Abstufungen der Brutalität, die den Trennlinien aufgrund der Hautfarbe, die nach dem Willen der Machthabenden nicht übertreten werden durften, entsprachen.

Die Brutalität des Apartheidregimes diente drei Zielen. Zunächst hatte sie die Aufgabe, die Schwarzen körperlich zu verletzen, sie zu lähmen und nötigenfalls auch zu töten. Zweitens sollte sie die Fähigkeit der Schwarzen zur sozialen Reproduktion einschränken. Diese waren nie in der Lage, die Mittel aufzubringen, die für ein menschenwürdiges Leben unverzichtbar sind, ob es um den Zugang zu Essen, Wohnung, Bildung und Gesundheit oder um grundlegende Bürgerrechte ging. Und drittens griff sie ihr Nervensystem an: Sie wollte ihren Opfern die Fähigkeit nehmen, sich eigene Symbolwelten zu schaffen. Sie brauchten fast ihre ganze Energie für den Kampf ums Überleben, jeden Tag aufs Neue, wieder und wieder. Das war die Wirkung, die der Rassismus erzielen wollte. Gewalt und Brutalität sind dadurch in einem Ausmaß verinnerlicht worden, das niemand wahrhaben will. Sie werden seit 1994 im privaten und im öffentlichen Leben auf allen Ebenen reproduziert. Sie äußern sich tagtäglich in der sozialen Interaktion, von der Privatsphäre über die Strukturen des Begehrens und der Sexualität bis hin zum unstillbaren Konsumbedürfnis.

Dieser Konsumismus wird für den Kern der Demokratie und der Bürgerrechte gehalten. Doch die große Mehrheit der Schwarzen erlebt den Übergang von der Kontrollgesellschaft zur Konsumgesellschaft in Form von Mangel und Entbehrung. Extremer Reichtum und extreme Armut bestehen nebeneinander, und der Verlauf des Grabens, der sie trennt, wird zunehmend durch Gewalt und unzulässige Bereicherung bestimmt.

Die Post-Mandela-Demokratie besteht mehrheitlich aus Schwarzen ohne Arbeit, Wanderarbeitern und Flüchtlingen aus anderen afrikanischen Ländern, die fast keine Eigentumsrechte genießen. Prägend für die Geschichte Südafrikas war und ist der Gegensatz zwischen der Regierung, der Herrschaft durch das Volk über das Volk – und dem Recht der Besitzenden.

Bis vor Kurzem waren Letztere fast ausschließlich Weiße, weshalb der Klassenkampf immer auch ein „Rassenkampf“ war. Das ist heute nicht mehr ganz so. Die entstehende schwarze Mittelklasse kann jedoch ihr jüngst erworbenes Eigentum nicht in voller Rechtssicherheit genießen. Denn das auf Kredit gekaufte Haus kann ihr durch Gewalt oder infolge ungünstiger ökonomischer Umstände wieder genommen werden. Diese Unsicherheit ist ein Kennzeichen ihrer Klassenpsyche.

Die einstige Befreiungsbewegung, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), hat sich in den Fallstricken einer noch widersprüchlicheren Entwicklung verfangen. Die Mächtigen und Vermögenden rechnen zwar damit, dass es angesichts der wachsenden Armut und Ungleichheit vielleicht irgendwann zu Aufruhr, Streiks und gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Daraus wird jedoch kaum eine Gegenkoalition entstehen, die den Kompromiss von 1994 grundsätzlich infrage stellen könnte, der dem ANC die politische Macht brachte und die wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit der weißen Minderheit zementierte.

Für Südafrika beginnt eine neue Phase seiner Geschichte, in der sich die Kapitalakkumulation nicht mehr wie im 19. Jahrhundert über die direkte Enteignung der Reichtümer des Landes durch die Europäer vollzieht. Sie finden heute in Form der Aneignung und Privatisierung öffentlicher Ressourcen, der Anpassung der Brutalität an die neuen Verhältnisse und der Instrumentalisierung von Unordnung statt.

Die Bildung einer neuen Führungsschicht aus Weißen, Schwarzen und Farbigen vollzieht sich in einer hybriden Synthese aus dem russischen, dem chinesischen und dem postkolonialen afrikanischen Modell. Gleichzeitig findet eine allmähliche „Balkanisierung“ statt – das Land zerfällt. Viele Weiße verlassen das Hinterland und sammeln sich an den Küsten, vor allem in der Provinz Westkap. Sie haben Angst vor dem schleichenden Prozess der „Afrikanisierung“ und träumen davon, hier die Grundpfeiler einer weißen Republik zu errichten, die die zerschlissenen Lumpen der Apartheid abgelegt hat, aber die Privilegien von einst bewahrt.

Das paradoxe Festhalten am psychischen Gerüst der Rassentrennung ist zum Teil eine Reaktion auf die Verwandlung Südafrikas in einen Staat der bewaffneten Bürger, in eine Art Garnisonsnation mit einer korrupten und militarisierten Polizei. Die Reichen genießen scheinbaren Schutz, sie kaufen ihn bei Tausenden von privaten Sicherheitsfirmen und Wachdiensten, die häufig den machthabenden Baronen und ihren Kumpanen gehören.3 Das neue Kontrollregime, den Gesetzen der Warenwelt gehorchend, konsolidiert sich vor dem Hintergrund einer drastischen Umverteilung der Ressourcen der Gewalt.

Eine bewaffnete Gesellschaft ist aber alles andere als eine Zivilgesellschaft und schon gar keine echte Gemeinschaft. Sie ist ein Konglomerat von Einzelpersonen, die der Macht isoliert gegenüberstehen, die durch Angst und Misstrauen voneinander getrennt und unfähig sind, als Masse aufzutreten. Sie sind eher bereit, sich unter die Fuchtel einer Miliz oder eines Demagogen zu stellen, als disziplinierte Organisationen aufzubauen, wie sie für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar sind.

Mandelas Leben erinnert uns daran, dass es nur eine Welt gibt und dass wir alle das Gefühl oder wenigstens den Wunsch teilen, ganz und gar Mensch zu sein und Erfüllung im Menschsein zu finden. Um diese eine Welt als unsere gemeinsame Welt zu gestalten, müssen wir denen, die durch den Lauf der Geschichte einem Prozess der Entfremdung und der Verdinglichung unterworfen wurden, den Anteil Menschlichkeit zurückgeben, der ihnen einst geraubt wurde. Es wird kein Bewusstsein einer gemeinsamen Welt geben, solange diejenigen, die extreme Entbehrung erlitten haben, nicht den Bedingungen entkommen sind, die sie im Dunkel eines inferioren Lebens gefangen halten.

In Mandelas Denken stehen Versöhnung und Wiedergutmachung im Zentrum bei der Schaffung eines gemeinsamen Bewusstseins der Welt, das heißt, der Vollendung einer globalen Gerechtigkeit. Seine Gefängniserfahrung hat ihn gelehrt, dass es eine dem Menschen innewohnende Menschlichkeit gibt, die jeder Einzelne in sich trägt. Darin sind wir, bei allen Unterschieden, einander gleich. Die Ethik der Versöhnung und der Wiedergutmachung bedarf demzufolge auch der Anerkennung dessen, was man den Anteil des Anderen nennen könnte, der nicht der meine ist und für den ich dennoch bürge, ob ich will oder nicht. Die Vorstellung vom Ich, von Gerechtigkeit und Recht, von der Menschheit und von universeller Gültigkeit von Rechten ist ohne die Annahme dieses Anderen nicht denkbar.

Unter diesen Umständen nützt es nichts, Grenzen zu errichten, Mauern und Zäune zu bauen, einzuteilen, zu klassifizieren, zu hierarchisieren, zu versuchen, diejenigen auszugrenzen, die man erniedrigt, die man verachtet, die uns nicht ähneln oder von denen wir denken, dass wir uns nie mit ihnen verstehen werden. Es gibt nur eine einzige Welt, und wir sind alle gemeinsam ihre Erben, auch wenn die Art, wie wir sie bewohnen, nicht für alle gleich ist – daher rührt die Pluralität der Kulturen und Lebensweisen. Damit soll die Brutalität und den Zynismus, die die Begegnungen der Völker und Nationen noch immer prägen nicht geleugnet werden. Aber es ist eine unmittelbare, unerbittliche Tatsache, deren Ursprung in den Anfängen der Neuzeit liegt: dass der Prozess der Vermischung und Durchdringung der Kulturen, Völker und Nationen unumkehrbar ist.

Oft entsteht der Wunsch nach Anderssein gerade da, wo die Ausgrenzung besonders spürbar ist. Das Beharren auf dem Anderssein ist dann die Kehrseite des Wunsches nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Für diejenigen, die die Kolonialherrschaft erlitten haben oder denen ihr Anteil an der Menschheit geraubt wurde, verläuft deren Rückgewinnung oft über die Proklamation ihres Andersseins. Aber wie man bei einem Teil der modernen afrikanischen Kritik sieht, ist dieses Anderssein nur ein vorübergehender Aspekt in einem viel größeren Projekt, dem Projekt einer künftigen Welt, deren Bestimmung global ist, einer von der Bürde der Rassen – den Vorurteilen und dem Rachedurst, wie ihn jede Form des Rassismus hervorruft – befreiten Welt.

Fußnoten: 1 Nelson Mandela, „Bekenntnisse“, München (Piper) 2012, S. 122. 2 Siehe Nelson Mandela, „Der lange Weg zur Freiheit“, Frankfurt am Main (S. Fischer) 1997. 3 Siehe Sabine Cessou, „Trois émeutes par jour en Afrique du Sud“, Le Monde diplomatique, März 2013. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Achille Mbembe ist Professor für Politologie an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Im Oktober erscheint sein neuestes Buch: „Critique de la raison nègre“, Paris (La Découverte) 2013.

Le Monde diplomatique vom 09.08.2013,