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Kleine Geschichte der Urbanisierung

von Philip S. Golub

Seit 2007 lebt erstmalig über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Heute wohnen 3,3 Milliarden Menschen in urbanen Ballungsräumen, davon mehr als 500 Millionen in Megacitys und Großstädten mit mehr als 5 Millionen Einwohnern. Nach UN-Prognosen wird die weltweite Urbanisierungsrate im Lauf der nächsten Jahrzehnte noch beträchtlich steigen: Im Jahr 2030 wird sie 59,7 Prozent und im Jahr 2050 schließlich sogar 69,6 Prozent erreichen; der demografische Zuwachs der kommenden Jahrzehnte wird sich fast ausschließlich in den alten und neuen urbanen Zentren vollziehen.1

Diese gravierende Veränderung wird in erster Linie die dicht bevölkerten Entwicklungs- und Schwellenregionen erfassen. In den Industrieländern, die bereits stark urbanisiert sind, ist nur ein relativ schwacher Anstieg der urbanen Bevölkerung von heute 74 auf 85 Prozent bis Mitte des Jahrhunderts zu erwarten. Mit diesem Zuwachs werden die Städte an die Grenzen ihrer Expansionsmöglichkeiten stoßen. Dieselbe Entwicklung zeichnet sich auch in Lateinamerika ab, das wegen seiner frühen Verstädterung schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Sonderstellung unter den armen Weltregionen einnimmt. Aber hier handelt es sich um eine ganz andere Art der Urbanisierung als in den reichen Ländern.

Afrika und Asien stecken mitten in einem dramatischen Umbruch. Zwischen 1950 und heute ist in Afrika die Zahl der in Städten lebenden Menschen um mehr als das Zehnfache gestiegen (von 33 Millionen auf 373 Millionen), 2050 werden es 1,2 Milliarden sein. Das wären dann rund 63 Prozent der Gesamtbevölkerung des Kontinents.

In Asien wohnten Mitte des vergangenen Jahrhunderts 237 Millionen Menschen in Städten, heute sind es ungefähr 1,65 Milliarden, und in den nächsten Jahrzehnten werden es mit zirka 3,5 Milliarden noch einmal mehr als doppelt so viele sein. Mehr als die Hälfte der Inder, knapp drei Viertel der Chinesen und vier Fünftel der Indonesier werden dann in Städten leben.

Von der Steinzeit zur Betonwüste

Die ganze Welt ist inzwischen, wie der amerikanische Historiker und Stadtforscher Lewis Mumford in den 1960er-Jahren vorausschauend formuliert hat, zu einer einzigen Stadt geworden, beziehungsweise zu einem Netz von teils riesigen städtischen Polen, die die Knotenpunkte im globalen Wirtschaftsraum bilden.

Die extensive Urbanisierung in den Entwicklungs- und Schwellenländern verändert in immer rasanterem Tempo die Lebensumstände und Verhaltensweisen eines großen Teils der Menschheit. Sie ist zugleich Ursache und Auswirkung von zunehmenden Migrationsbewegungen, bringt damit neue soziale Schichten hervor und verschärft die vom Menschen verantworteten Eingriffe in das Ökosystem der Erde.

Um die Tragweite des Phänomens zu erfassen, muss man es aus einer historischen Perspektive betrachten. Die extensive Massenurbanisierung ist unlösbar mit dem „Anthropozän“ verbunden. Diese Bezeichnung haben Wissenschaftler für das Erdzeitalter geprägt, in dem die Menschheit erheblich auf die Entwicklung des Planeten und damit auf seine eigene Umwelt einwirkt. Als Beginn des Anthropozän gilt allgemein die Industrielle Revolution.

Die Industrialisierung erforderte eine intensive Nutzung fossiler Energieträger und veränderte damit grundlegend den Siedlungsraum der Menschen. Vor diesem Bruch war das ökonomische und soziale Leben über Jahrtausende vom langsamen Rhythmus traditioneller Wirtschaftsformen bestimmt gewesen. Dörfer und erste Städte lebten in einer „symbiotischen Beziehung zur natürlichen Umwelt“.3 Der Mensch konnte die Natur zwar stellenweise beeinflussen, nicht aber das Gleichgewicht des Ökosystems ins Wanken bringen. Von der agrarischen Revolution im Neolithikum, die den Weg zu Sesshaftigkeit und Bevölkerungskonzentration eröffnete, bis zum 19. Jahrhundert blieb der Anteil der in Städten lebenden Menschen an der Weltbevölkerung begrenzt. Der Wirtschaftshistoriker Paul Bairoch hat ältere, zu hoch angesetzte Schätzungen korrigiert und spricht je nach Region und Epoche von 9 bis 14 Prozent städtischer Bevölkerung.

Natürlich entstanden während der langen vorindustriellen Phase große Ballungsgebiete wie etwa Babylon, Rom, Konstantinopel, Bagdad, Peking oder Nanking. Einige dieser Städte waren Herrschaftszentren und hatten zehn-, ja hunderttausende Einwohner. Um 1300 n. Chr. lebten in Peking 500 000 bis 600 000 Menschen.4

Im Mittelalter kam es in Europa mit der Bildung eines Netzes von Handelsstädten und Stadtstaaten mit 20 000 und mehr Einwohnern zu einem urbanen Schub. Aber auch diese Entwicklungen haben das Gleichgewicht zwischen Stadt und Land sowie die sozialen Verhältnisse nicht grundlegend verändert.

1780 gab es weniger als 100 Städte auf der Welt, in denen mehr als 100 000 Einwohner lebten. Man kann für diese Zeit also, weder in Europa noch anderswo, von einer Dominanz des Urbanen sprechen.

Mit der Industriellen Revolution bildete sich eine „neue symbiotische Beziehung zwischen Urbanisierung und Industrialisierung“ heraus.5 Die Industrialisierung verlangte die Konzentration von Arbeit und Kapital und trieb damit eine Umstrukturierung der Arbeitsteilung und eine beispiellose Verstädterung voran. In Großbritannien wuchs die Stadtbevölkerung von knapp 20 Prozent im Jahr 1750 in eineinhalb Jahrhunderten auf 80 Prozent an. Im Durchschnitt verzehnfachte sich in den neu industrialisierten Regionen (außer Japan) zwischen 1800 und 1914 die Zahl der in Städten lebenden Menschen auf 212 Millionen. Damit wuchs die Stadtbevölkerung dreimal so schnell wie die Bevölkerung insgesamt, und die Urbanisierungsrate stieg von 10 bis auf 35 Prozent im Jahr 1914.

Koloniale Urbanisierung

Knapp die Hälfte der in Städten arbeitenden Menschen war damals in der Industrie beschäftigt – eine Entwicklung, die getragen war von einer stetigen Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft. Wie gewaltsam und einschneidend diese Veränderungen waren, wird deutlich, wenn man sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor Augen führt. Freilich führte diese Entwicklung im Laufe des 20. Jahrhunderts dann zu einer allmählichen Steigerung des allgemeinen Lebensstandards.

In den Kolonien verlief die Urbanisierung anders. Hier war die Industrielle Revolution an die territoriale Expansion des Westens gebunden. Dies führte zu einer neuen internationalen Arbeitsteilung, bei der der Fernhandel eine immer wichtigere Rolle spielte. Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben diese erste Globalisierung 1848 in ihrem Kommunistischen Manifest: „Die uralten nationalen Industrien […] werden verdrängt durch neue Industrien, […] [die] den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen.“

Die asymmetrische Abhängigkeit, die um die ungleichen Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie herum strukturiert war, führte in den kolonisierten und abhängigen Regionen zu einer völlig neuen Ausrichtung von Raum und Wirtschaft. Die den Kolonialländern aufgenötigte Verflechtung in den Weltmarkt zerstörte dort die gewachsenen Verbindungen zwischen Stadt und Land, außerdem gerieten die inneren Wirtschaftskreisläufe ins Hintertreffen. Von da an hatte der Export Vorrang, für den verstärkt Grunderzeugnisse wie Baumwolle, Zucker, Opium, Getreide, Metall et cetera produziert wurden. Die in den kolonialen Handelsverträgen aufgezwungenen Restriktionen hatten zur Folge, dass in Indien, China und anderen Ländern die vorindustrielle Produktion deutlich zurückging. In Indien, wo vor 1750 weltweit die meisten Stoffe hergestellt wurden, führte diese Entwicklung zu einer starken Deindustrialisierung.

In den Kolonialländern blieb die Urbanisierung zwar insgesamt relativ schwach, doch bewirkte die veränderte Struktur des Welthandels ein dramatisches Bevölkerungswachstum in den Küstenstädten, von wo aus die für den Weltmarkt bestimmten Rohstoffe auf den Weg geschickt wurden. Vergleichbar mit der Entwicklung in den nordafrikanischen Küstenstädten, die sich im Zuge der französischen Kolonisierung von Grund auf veränderten, führte der Welthandel Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Subsahara-Afrika zu einer wirtschaftlichen „Dekontinentalisierung“ zugunsten der Küstengebiete. In Indien kam es in dieser Phase zu einem starken Bevölkerungswachstum in den Hafenstädten Bombay, Kalkutta oder Madras.

Die rasche Urbanisierung dieser Regionen im 20. Jahrhundert, vor allem während der Beschleunigungsphase nach 1950, vollzog sich im Großen und Ganzen ohne wirkliche Entwicklung. Eine Ausnahme sind die großen Ballungsräume, die in den neuen Industrieländern Ostasiens entstanden: Seoul, Taipeh, Singapur, Hongkong und heute Schanghai oder Peking. Die chaotische Urbanisierung der ehemaligen Kolonialländer ist das Resultat des ökonomischen und sozialen Ungleichgewichts innerhalb dieser Länder, das teils auf Strukturen der Kolonialzeit zurückgeht und durch die Kräfte des Weltmarkts noch verschärft wurde.

In Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Südasien ließ die Abwanderung der armen Landbevölkerung in städtische Zentren gigantische Ballungsgebiete entstehen (Lagos, Dakar, Mexiko-Stadt, Caracas, Kalkutta, Dhaka, Jakarta, Manila). Sie breiten sich demografisch wie auch räumlich immer weiter aus und sind von Massenarbeitslosigkeit, Slumbildung, miserabler Infrastruktur und großen ökologischen Problemen gekennzeichnet. In diesen urbanen Gebieten liegen unermesslicher Reichtum und bittere Armut dicht beieinander. Der amerikanische Historiker Mike Davis spricht angesichts dieser Entwicklung vom „Planeten der Slums“.6

Natürlich sind, wie der spanische Soziologe Manuel Castells zeigt, auch die großen urbanen Zentren der reichen Länder „duale Städte“, die den „Norden“ wie den „Süden“ in sich tragen: Sie sind sozial stark segmentiert, und auch hier leben zahllose Tagelöhner und sozial Ausgeschlossene – von denen viele aus den ehemaligen Kolonialländern stammen.7 Dennoch lässt sich die soziale Ungleichheit in „Global Cities“ wie New York, Los Angeles, London oder Tokio, wo Reichtum, Kultur und Wissen zusammentreffen, nicht mit der Situation in den globalisierten urbanen Zentren der „Dritten Welt“ vergleichen.

Die Urbanisierung lässt die Spannungen und Widersprüche der Industrialisierung und der Globalisierung geballt zutage treten. Darauf hat der französische Soziologe Henri Lefebvre schon vor Jahrzehnten hingewiesen. Seiner Meinung nach findet die urbane Gesellschaft – als Sinn und Zweck der Industrialisierung – zu ihrer Form, indem sie sich selbst sucht.8

Gegensätze auf engstem Raum

Die Urbanisierung ist ein irreversibler Prozess, der unsere Fähigkeit herausfordert, Gemeingüter wie Bildung, Kultur, Gesundheit und eine saubere Umwelt für die gesamte Bevölkerung zugänglich zu machen. Denn sie sind die wichtigste Voraussetzung für eine Entwicklung, die langfristig das allgemeine Wohlergehen und die persönlichen Freiheiten der Menschen sichert.

Schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts führte die Bildung der großen urbanen Zentren in den Industrieländern zu allerlei Überlegungen: Um im viktorianischen Zeitalter das soziale Problem der Slums zu lösen, schlugen reformerische Urbanisten vor, das Leben in der Stadt durch die Schaffung kleinerer Einheiten angenehmer zu gestalten und die Verwaltungsstrukturen zu dezentralisieren – diesen Weg gehen heute auch China und Indien. Später entwickelten Lewis Mumford und andere regionale Stadtplanungskonzepte, die auf der Nutzung lokaler Ressourcen und kurzen Versorgungsketten basierten und ein ökologisches Gleichgewicht anstrebten – heute spricht man in diesem Zusammenhang von der „nachhaltigen Entwicklung des urbanen Raums“. Viel bewirkt haben diese Überlegungen jedoch nicht.

In den 1970er- und 1980er-Jahren florierten Ansätze einer „kommunitaristisch“ ausgerichteten Stadtentwicklung, nach denen es den Bürgern selbst überlassen werden sollte, ihren Lebensraum zu gestalten („community design“).9 Die Frage, wie sich die Bewohner ihre Städte im wörtlichen Sinne aneignen können, ist bis heute unbeantwortet – sie wird eine zentrale Herausforderung des Jahrhunderts bleiben.

Fußnoten: 1 „World Urbanisation Prospects: The 2007 Revision Population Database“, United Nations Population Division (UNPD), Department of Economic and Social Affairs; esa.un.org/unpp. 2 Lewis Mumfort, „Die Stadt. Geschichte und Ausblick“, München (dtv) 1987 (dt. Erstausgabe 1963). 3 Paul Bairoch, „De Jéricho à Mexico. Villes et économie dans l’histoire“, Paris (Galllimard) 1985. 4 Tertius Chandler, „Four Thousand Years of Urban Growth“, Lewiston (Edwin Mellen) 1987. 5 Edward W. Soja, „Postmetropolis. Critical Studies of Cities and Regions“, Oxford (Blackwell) 2000. 6 Mike Davis, „Planet der Slums“, Berlin (Assoziation A) 2007. 7 Manuel Castells, „The Informational City. Information, Technology, Economic Restructuring and the Urban-Regional Process“, Cambridge (Blackwell) 1989, und „Dual City. Restructuring New York“, New York (Russell Sage Foundation) 1991. 8 Siehe Rémi Hess, „Henri Lefebvre et l’aventure du siècle“, Paris (Métailié) 1988, S. 276. 9 Peter Hall, „Cities of Tomorrow“, Oxford (Blackwell) 1996.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Philip S. Golub ist Professeur associé an der Université Paris VIII. Sein letztes Buch, „Power, Profit and Prestige. A History of American Imperial Expansion“, erscheint im Mai bei Pluto Press, London.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2010,