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Der Dreck von Gujarat

Der Dreck von Gujarat

Indiens Musterstaat hat viele dunkle Seiten von Clea Chakraverty

Mansingh Popatbhai Riniya kneift die Augen zusammen. Vor ihm erstreckt sich ein weißes Meer, so weit das Auge reicht. Und in der Ferne glitzert ein blaues Band. Riniya ist heute morgen gesprächig. Er freut sich, ein wenig Gesellschaft zu haben.

Seit etwa 30 Jahren ist er in den Salinen des Kleinen Rann von Kachchh unterwegs. Unter der sengenden Sonne sticht er Beete ab, gräbt Becken und Meerwasserkanäle und harkt die Salzkristalle zusammen. Er ist 47 Jahre alt, aber mit seinem zerfurchten Gesicht sieht er aus wie 60. Sein Schwager Kalubhai, ein schweigsamer Mann, hilft ihm mit dem Traktor. Er rückt seinen Turban zurecht, wirft seine Bidi-Zigarette weg und zündet gleich eine neue an. Wie man an ihren buschigen Bärten, den schwarzen Lidstrichen und ihrem Dialekt erkennen kann, sind sie Miyana, die einer synkretistischen Religion aus Hinduismus und Islam anhängen. Und sie gehören zu einer der ärmsten Gruppen in Gujarat, den Agariya – so nennt man die Salinenarbeiter, von denen es im Kleinen Rann von Kachchh 60 000 geben soll.1

In der Salzgewinnung arbeiten Männer, Frauen und manchmal auch Kinder (drei Viertel des indischen Salzes werden hier sowohl für die Industrie als auch für Nahrungsmittel hergestellt). „Das System ist nach wie vor feudal: Die meisten Agariya leben in einer Form versteckter Leibeigenschaft. Sie kennen weder ihre Rechte noch die Gesetze des Marktes, deshalb verschulden sie sich bei den Salzproduzenten und den Zwischenhändlern, die den Salzpreis festlegen. Obwohl die Regierung versprochen hat, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, leben die Agariya-Familien während der Saison mitten in den Salinen“, erzählt Jhanvi Andharia, Mitbegründerin der NGO Anandi (Area Networking and Development Initiatives), die Agariya unterstützt und weiterbildet.

Der Kleine und der benachbarte Große Rann von Kachchh sind Gujarats touristische Vorzeigeregionen. Seit 2001 wird der Bundesstaat im äußersten Westen von Narendra Modi regiert, dem schillernden Star der hinduistisch-nationalistischen Partei BJP (Bharatiya Janata Party) und Spitzenkandidaten bei den Wahlen.2 „Der Kachchh ist so etwas wie ein Schaufenster für Modi“, erklärt Pankti Jog vom gemeinnützigen Verein Janpath. „Nach dem Erdbeben von 2001 hat die Region viel Geld bekommen, um hier Industrie anzusiedeln, angeblich, um die Wirtschaft wieder voranzubringen.“

In den Salinen des Kleinen Rann von Kachchh, weit entfernt von Schulen und Kliniken, stehen aus Blech und Lumpen zusammengezimmerte Hütten. „Die neuen Gesundheitsstationen, die unsere Regierung so anpreist, haben kein festes Personal und sind zu weit entfernt. Das Einzige, was hier funktioniert, ist der Rettungswagen, den die Agariya rufen, wenn sie sich in Bhayppan, dem nächstgelegenen Dorf, behandeln lassen müssen“, sagt Jhanvi Andharia. Abseits der asphaltierten Autobahnen führt hier nur eine 15 Kilometer lange Schlaglochpiste nach Bhayppan.

„Unsere Frauen müssen zur Geburt nach Bhayppan, wenn es Komplikationen gibt. Sonst gebären sie zu Hause. Aber wir müssen die Versorgung bezahlen. Hier müssen wir sogar das Trinkwasser bezahlen“, schimpft Riniya. „Die Regierungsbeamten tauchen hier nur auf, wenn gewählt wird. Dann holen sie uns im Lastwagen ab und sagen, wen wir wählen sollen!“

Offiziell haben alle Zugang zu Wasser und Strom, das behauptet zumindest Gujarats Regierung. Auch die Trennung der Gesellschaft nach Kasten existiere nur noch als Mythos. Doch nicht weit vom ländlichen Kachchh entfernt, im Distrikt rund um die Stadt Mehsana, besteht das Kastensystem nicht nur fort, es wurde sogar institutionalisiert.

Mit einem kurzen Besen und einem Schaber in der Hand, in Sandalen und ohne Kopfbedeckung ziehen Harishbhai und seine Frau jeden Morgen ins Stadtzentrum von Mehsana. Während sie akribisch die Kothaufen beseitigt, die hier und da auf den Bürgersteigen liegen, reinigt er die überlaufenden öffentlichen Latrinen. Die beiden sind Balmiki, eine Unterkaste der Dalit (Unberührbaren), und als solche traditionell zuständig für die Beseitigung von menschlichen Fäkalien und Tierkadavern. Offiziell ist diese Zuweisung seit 1993 per Gesetz verboten, Ende 2013 wurde sogar ein Zusatzartikel angefügt, der die Balmiki gleichstellt. Nach Angaben des International Dalit Solidarity Network, das sich auf die Internationale Arbeitsorganisation ILO beruft, soll es 1,3 Millionen Balmiki im gesamten Land geben, davon 95 Prozent Frauen.3

Lügen und Autokratie

„In unserem Staat muss niemand mehr diese Tätigkeit ausüben“, versichert der für den Mehsana-Distrikt zuständige Beamte S. J. Patel. Tatsächlich wurden Harishbhai und seine Frau aber von einer privaten Vermittlungsagentur angeheuert und sind bei der Kommunalverwaltung angestellt. „Wir wissen, dass dieser Beruf verboten ist“, sagt eine andere Angestellte, „aber wenn wir die Arbeit nicht machen wollen, bedrohen uns die Beamten.“ Manjula Pradeep, die den Navsarjan Trust leitet, eine der wichtigsten Dalit-Organisationen, berichtet von einer Studie, die der Trust mit Hilfe des Robert-F.-Kennedy-Zentrums für Menschenrechte in 1 500 Dörfern durchgeführt hat.4 Darin sind zahlreiche Diskriminierungsfälle verzeichnet, zum Beispiel von Balmiki-Kindern, die gezwungen wurden, die Toiletten ihrer Schule zu reinigen, oder von regelmäßigen Übergriffe, von Belästigungen über Prügel bis hin zu Vergewaltigungen. Doch die Regierung habe ihre Studie zurückgewiesen und eine Gegenexpertise in Auftrag gegeben, erzählt Pradeep.

„Da werden doch nur hohle Reden geschwungen“, sagt uns ein Journalist einer regionalen Tageszeitung, der anonym bleiben möchte, weil er Angst vor Vergeltungsmaßnahmen hat. „Sobald man sich in entlegenere Gegenden begibt, merkt man das sofort. Aber die Lokalpresse und die Forschungsinstitute stehen unter großem, vor allem finanziellen Druck. Aktivisten bekommen verdeckte Drohungen. Wir wissen auch, dass der Mann an der Spitze dieses Bundesstaats manche Posten absichtlich nicht besetzt hat, um die Macht in seinen Händen zu konzentrieren.“

Die Regierung Modi wirbt derweil mit einem „dynamischen Gujarat“ um Investoren. In der Tat verzeichnete der Bundesstaat – man spricht auch vom „Modell Gujarat“ – zwischen 1994/1995 und 2010/2011 ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 10 Prozent,5 deutlich mehr als der indische Landesdurchschnitt. Aber „der Anteil Gujarats am indischen Bruttoinlandsprodukt hat sich nicht vergrößert“, erklärt der Ökonom Nagaraj vom Forschungs- und Entwicklungsinstitut Indira Gandhi in Mumbai. „Der ist stabil bei 7 bis 8 Prozent geblieben.“6

Das Wachstum wurde zudem vor allem durch Subventionen erzielt. Obwohl die Industrie nur für 37 Prozent des produzierten Reichtums verantwortlich ist, erhielten die großen und mittleren Betriebe fast drei Viertel (exakt 72 Prozent) aller Finanzhilfen und Subventionen7 , für die sich der Bundesstaat hoch verschuldet hat: 178,3 Milliarden Rupien (2 Milliarden Euro) im Haushaltsjahr 2011/2012, im Vergleich zu nur 26 Milliarden Rupien im Unionsterritorium Delhi. Außerdem beruhen die Erfolge vor allem auf der Ölförderung, die nach Angaben von Nagaraj inzwischen 22,8 Prozent der gesamten, stark exportorientierten Industrieproduktion in Gujarat ausmacht.

In der Landwirtschaft werden immer weniger Nahrungsmittel und immer mehr Industriepflanzen angebaut, wie etwa die transgene Bt-Baumwolle. Das belastet nicht nur die Umwelt und laugt die Böden aus, sondern zementiert auch die gesellschaftlichen Ungleichheiten. Bei der Alphabetisierung steht Gujarat auf dem 18. Platz der 35 indischen Bundesstaaten und Territorien (79 Prozent der Bevölkerung dort können lesen und schreiben) und auf dem 10. Platz in puncto Kindersterblichkeit und Armut.

Im März 2012 widmete das Time Magazine8 Narendra Modi eine Titelstory. Darin erklärt der Chief Minister, er habe „die natürlichen Vorteile Gujarats genutzt: die kilometerlangen Küsten, die nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft und die Böden“; dazu komme noch eine „effiziente Verwaltung“ und ein „hochwertiges Stromnetz für die Großindustrie“. Amrish Patel, Anwalt und Generalsekretär des Gewerkschaftsverbands Gujarat Federation of Trade Unions, meint dazu: „Historisch haben die Gewerkschaften in Gujarat eine sehr bedeutende Rolle gespielt, denn hier war die Textilindustrie ansässig. Heute vergeben die großen Firmen ihre Aufträge an kleine, weniger transparente Subunternehmen, die nur zu prekären Bedingungen einstellen. Die Gewerkschaften sind entmutigt. Eine andere Strategie besteht darin, den Ortsvorstehern in den Dörfern, wo die Arbeiter leben, Geschenke zu machen, damit sie jede Protestbewegung im Keim ersticken. Oder man stellt Streikbrecher ein. Die Gesetze zu Mindestlohn, Arbeitszeit und Entschädigungszahlungen werden überhaupt nicht eingehalten.“

Sonderwirtschaftszonen und eine verwüstete Küste

Davon profitieren vor allem die Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones, SEZ). „Da die Vorschriften in diesen Zonen den Arbeitgebern erlauben, ihre eigenen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen festzulegen, stellen die Industriebetriebe natürlich lieber Einwanderer aus armen Regionen wie etwa Orissa ein“, erklärt Patel. Um die Sonderwirtschaftszonen einzurichten, hat die Regierung trotz aller Proteste auch landwirtschaftlich genutzte Flächen umgewidmet. Gujarats Küste wurde daraufhin von der Öl- und Zementindustrie verwüstet. „Die Dattelproduktion ist um die Hälfte zurückgegangen, und die Großen Sapoten sind ganz verschwunden“, erzählt der Umweltaktivist Usman Gani und verweist auf eine Studie, die belegt, dass die Speisefische abwandern und die Mangroven an der Küste zerstört werden.9

In der historischen Stadt Ahmedabad, die mit ihren neuen, glänzenden Shoppingzentren, perfekt geteerten Straßen und Luxusimmobilien zum Symbol der indischen Moderne aufgestiegen ist, hofft man daher auch zu sehen, wie die Bevölkerung von den Früchten des wirtschaftlichen Aufschwungs profitiert. Zumal Chief Minister Modi nicht müde wird, den wiedereingekehrten Frieden zwischen Muslimen und Hindus zu preisen. Nach den antimuslimischen Pogromen von 2002 habe sich die Struktur der Stadt sehr verändert, berichtet die Stadtplanerin und Forscherin Renu Desai vom Centre for Urban Equity in Ahmedabad. „Die Muslime leben praktisch nur noch am Stadtrand. Das kann man natürlich als eine Form von Frieden betrachten.“

Man braucht sich nur ein wenig von den ruhigen, baumbestandenen Straßen der neuen Wohnstadt mit ihren internationalen Schulen und Privatkrankenhäusern zu entfernen, um in Viertel zu gelangen, die sich in Ghettos verwandelt haben, wie etwa Juhapura. „Terroristen“, „Verbrecher“, „Nichtsnutze“, „Fanatiker“: So lauten die gewöhnlichen Schimpfwörter für die Einwohner dieses großen Viertels, das ein paar Kilometer außerhalb des Zentrums von Ahmedabad liegt.

In den ineinander verschachtelten ein- oder zweistöckigen Häusern, die aussehen wie in vielen indischen Slums, wohnen fast 400 000 Menschen. Das Viertel hatte erst den Opfern der schweren Überschwemmungen von 1976 Zuflucht geboten, dann wurde es nach den religiösen Unruhen der 1980er und 1990er Jahre erweitert. Seit den Ausschreitungen 2002 hat sich die Bevölkerung verdoppelt – die Infrastruktur jedoch nicht.10 Die Wohnbereiche der Hindu-Familien sind mit Stacheldraht und Polizeiposten abgegrenzt.11

Die Regierung hat einige Grundstücke im hinduistischen Teil des Slums erworben und von Immobilienfirmen entwickeln lassen, während die muslimischen Teile weiterhin als „illegal“ gelten. „Die Regierung erzielt mit den Grundstücken einen hübschen Mehrwert. Außerdem finden Muslime in Ahmedabad sonst keine Wohnung mehr. Die Reichen kaufen sich hier in Juhapura ihre Villa, und die Armen müssen im illegalen Teil bleiben“, fasst Fahrah Sheikh, die mitten im Ghetto die Frauenkooperative Mahila Patchwork gegründet hat, die Entwicklung zusammen. Sie lebt hier schon seit 30 Jahren. In Juhapura gehen Wasserstellen und Abwasserkanäle ineinander über, es gibt nur eine öffentliche Toilette für vier Wohnungen, der Spielplatz der Gemeindeschule gleicht einer Müllhalde, die Klassenzimmer sind heillos überfüllt.

Am Ausgang des Viertels sieht man relativ nah die neu gebaute Autobahn nach Mumbai. An den Seiten stehen Reklametafeln einer Immobilienfirma aus den Arabischen Emiraten, auf denen eine „typische“, freundliche Muslimfamilie abgebildet ist: ein gutaussehender Mann mit gepflegtem Bart, eine verschleierte Frau, ein hübsches Kind, das lächelnd betet. Der Werbetext preist Gujarat und seine Immobilien „für alle“ an. Für alle, aber bitte jeder für sich.

Fußnoten: 1 Charul Bharwada und Vinay Mahajan, „Yet to be freed“, National Consultation of Salt Workers, Ahmedabad 2008. 2 Siehe Christophe Jaffrelot, „Herr Modi aus Gujarat“, Le Monde diplomatique, April 2014. 3 Bhasha Singh, „Unseen: The Truth about India’s Manual Scavengers“, Neu-Delhi (Penguin Books India) 2014. 4 Siehe „Understanding Untouchability“, Navsarja, 2010: www.navsarjan.org. 5 Das Fiskaljahr in Indien beginnt jeweils am 1. April. 6 R. Nagaraj und Shruti Pandey, „Have Gujarat and Bihar outperformed the rest of India? A statistical note“. Economic & Political Weekly, Mumbai, 26. Oktober 2013. 7 Indira Hirway, „Pertial view of outcome of reforms and Gujarat ‚model‘ “, Economic & Political Weekly, 26. Oktober 2013. 8 Jyoti Thottam, „Modi mans business“, Time Magazine, New York, 26. März 2012. 9 „Report of the Committee for inspection of M/s Adani port & SEZ Ltd Mundra, Gujarat“, Umweltministerium in Neu-Delhi, April 2013. 10 Zahir Janmohamed, „Butter chicken in Ahmedabad“, The New York Times, 20. August 2013. 11 Darshan Desai, „Worlds apart in a divided City“, The Hindu, Neu-Delhi, 28. Oktober 2013. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Clea Chakraverty ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 08.05.2014,