Das System Itorero

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Das System Irorero

Das System Itorero

Ruanda belebt eine uralte kriegerische Tradition wieder von Thomas Riot

Tanz und Kriegsgedichte, „Nachtwachen für die Entwicklung“, Kampfsport und Gemeinschaftsarbeit – offiziell soll die Wiederbelebung der präkolonialen „Itorero“-Schule den Wiederaufbau und die Versöhnung in Ruanda fördern. Hunderttausende beteiligen sich jährlich an der Itorero-Ausbildung, die die Regierungspartei, die Ruandische Patriotische Front (RPF), ins Leben gerufen hat. Mitmachen kann jeder, der einen ruandischen Pass besitzt und unter 24 ist. Zwischen 2009 und 2013 haben mehr als 1 Million Ruander – bei einer Gesamtbevölkerung von 11 Millionen – an den eigens dafür eingerichteten staatlichen Akademien für Bildung, Militär, Politik und Wirtschaft den Itorero-Abschluss gemacht. Danach winkt den frischgebackenen ntore („Auserwählten“) ein Posten im öffentlichen Dienst, entweder in Ruanda oder im Ausland, zur Betreuung der ruandischen Gemeinden in der Diaspora.

In Regierungserklärungen dient die Pflege der Itorero-Tradition sowohl dem Gedenken an die gefallenen Krieger als auch der Bekämpfung einer Ideologie, die 1994 zum Völkermord an den Tutsi geführt hat. Diese Ideologie gefährde, wie die Regierung unermüdlich betont, nach wie vor die territoriale und gesellschaftliche Einheit im „Land der tausend Hügel“.1 So wirft Präsident Kagame den Flüchtlings- und Exilnetzwerken – insbesondere in der Demokratischen Republik Kongo – vor, die Spaltung der ruandischen Gesellschaft zu betreiben.2

Mehr als zwanzig Jahre nach dem Massenmord soll eine alte, militaristische Tradition die Nation mobilisieren und die Staatsmacht stärken, deren Legitimation auf der Erinnerung an den Genozid basiert. Der Itorero war seit jeher ein Herrschaftsinstrument: Vor der Kolonialisierung Ruandas, zu Zeiten des Königreichs Nyiginya, mussten alle Kadetten der königlichen Armee die Itorero-Schule durchlaufen. Während der belgischen Kolonialherrschaft (1916 bis 1962) war sie dann nur noch den Söhnen der Tutsi-Clanchefs vorbehalten, die nach ihrer Ausbildung als ntore einen Posten im kolonialen Staatsapparat bekamen.

Erst die Belgier waren nämlich auf die Idee gekommen, die Bevölkerung in Tutsi und Hutu zu unterteilen. So definierte die Kolonialmacht 1933 jeden Ruander, der mehr als zwölf Kühe besaß, als Tutsi und ließ das auch in den Personalausweis eintragen. Die Belgier bedienten sich der Tutsi-Minderheit für Verwaltungsaufgaben und die Ausbeutung ihres Kolonialreichs, dessen Bevölkerung mehrheitlich aus Hutu bestand.

Als die Belgier 1959 einen Aufstand von Hutu-Bauern gegen die Tutsi-Vorherrschaft duldeten, wendete sich das Blatt. 1962 wurde die unabhängige Republik Ruanda gegründet. Ihr erster Präsident, Grégoire Kayibanda, verfolgte eine strikte Diskriminierungspolitik gegen Tutsi. Hunderttausende Tutsi flohen daraufhin in die Nachbarländer Uganda, Burundi und Kongo, darunter auch die Familie des heutigen Präsidenten Paul Kagame.

Nachdem Kayibanda 1973 von seinem Verteidigungsminister (und Cousin) Juvénal Habyarimana gestürzt worden war, führte dieser die ntore-Kultur zur Mobilisierung der „Volksmassen“ und ideologischen Unterstützung seiner Partei, des Mouvement républicain national pour la démocratie et le développement (MRND), wieder ein. Die Itorero-Schule wurde nun für die Anti-Tutsi-Propaganda genutzt. So wurde behauptet, Tutsi würden die Entwicklungspolitik der Regierung behindern. Angesichts dieser damals weit verbreiteten Propaganda ist davon auszugehen, dass die französische Regierung, die enge Kontakte zu Habyarimana pflegte, von den rassistischen Umtrieben des Regimes wusste.

Präsident Kagames neue Ordnung

Gleichzeitig schlossen sich in Uganda einstige Tutsi-Flüchtlinge, die nach den ersten Massakern 1959 aus Ruanda geflohen und als ntore ausgebildet worden waren, der von Paul Kagame gegründeten Ruandischen Patriotischen Front (RPF) an. Kagame, der fünf Jahre alt war, als seine Familie 1962 aus Ruanda floh, war damals Chef des Militärischen Geheimdienstes von Uganda. Die RPF beendete den Völkermord, bei dem innerhalb von drei Monaten, zwischen April und Juli 1994, schätzungsweise 800 000 Menschen, meist Tutsi, von Angehörigen der ruandischen Streitkräfte und der extremistischen Miliz Interahamwe getötet wurden.3

Die Geschichte Ruandas zeigt, dass sich das Land bei jedem Regimewechsel vor die – mehr oder weniger ausgesprochene – Aufgabe gestellt sah, eine neue nationale Ordnung zu errichten. Während der Kolonialzeit (1897 bis 1962) sprach man von „Evolution“, dem Übergang von der Feudalherrschaft zur Demokratie, die als „Erwachen des Hutuvolks“ dargestellt wurde. Zwischen 1961 und 1973 wurde die Erste Republik unter den „demokratischen“ Vorzeichen einer „Hutu-Revolution“ errichtet, die unter anderem in die Anti-Tutsi-Pogrome von 1963 und 1964 mündete. Von 1973 bis 1994 propagierte das Habyarimana-Regime schließlich eine rassistische Ideologie, der am Ende hunderttausende Tutsi zum Opfer fielen.

Nach dem Völkermord – von dem alle Ruander betroffen waren, ob als Täter, Opfer oder Mitwisser – musste wiederum eine neue nationale Ordnung entstehen. Sechs Jahre nach seiner Machtübernahme präsentierte Präsident Kagame die zeitgenössische Form einer alten Tradition, die die Zukunft des Landes entscheiden sollte: Angesichts der unübersichtlichen Zahl von potenziell Beteiligten wurde im März 2001 die Einrichtung von Zivilgerichten unter Vorsitz ehrenamtlicher Laienrichter beschlossen, die im Anklang an die traditionellen Dorfversammlungen als Gacaca-Gerichte bezeichnet wurden.4 Allerdings sollten vor diesen, im Übrigen nicht unumstrittenen Gerichten, nur minderschwere Taten verhandelt werden. Nach über einer Million Verfahren wurden die Gacaca-Akten vor vier Jahren geschlossen und laufende Verfahren an ordentliche Gerichte in Ruanda übergeben.

Die „Rückkehr“ des Itorero wurde 2008 beschlossen. In einem Vierjahresplan wurden vier strategische Bereiche festgelegt: Gemeindeämter, Schulen, öffentliche und private Einrichtungen sowie die Diaspora, um die Verbindungen zu den Ruandern im Ausland zu stärken und die ruandische Kultur zu internationalisieren. Kurz darauf erschien in der regierungsnahen Zeitschrift Rwanda die Nachricht, dass die Umuco, eine der wenigen oppositionellen Wochenzeitungen, bereits gegen die Maßnahme polemisiere und behaupte, die Itorero-Ausbildung der RPF erinnere an die Propaganda unter dem Habyarimana-Regime.5

Derweil betont die Regierung den präkolonialen Ansatz dieser Tradition: „Itorero war eine Schule für die Ruander“, die Werte wie Einheit, Patriotismus, Heroismus, Menschlichkeit und die ruandische Mentalität vermittelt habe.6 Das wahre Wesen des nationalen Erbes scheint dabei in Vergessenheit geraten zu sein. Tatsächlich dienten die ntore-Einrichtungen unter Habyarimana ebenso wie die heutige Aufwertung des Itorero zur Begründung neuer Konzepte der ruandischen Nation: ethnonationalistisch unter Habyarimana, politisch unter Kagame. Itorero ist gewissermaßen der kulturelle Sockel, auf dem eine politische Miliz im Dienste eines ebenso nationalistischen wie militaristischen Regimes aufgebaut werden soll. Die teilweise ähnlich klingenden Ziele lauten: „nationale Einheit Ruandas, Patriotismus, Nationalgefühl, nationale Expansion und Protektion, Würde und Heldentum der Ruander, Stolz auf die Zugehörigkeit zu Ruanda“.7

Ausbildung für die künftige Elite

Die Regierung nutzt die Tradition, um die Bevölkerung gleichzuschalten, die Opposition abzuschrecken und deren Diaspora in Afrika und aller Welt zu überwachen. Durch die Botschaften und die Vereine der Exilruander wird Itorero nach Kanada, Großbritannien und in die einstige Kolonialmacht Belgien exportiert. In Frankreich versucht die ruandische Regierung vor allem über ihre Botschaft, Jugendliche zur Teilnahme an Itorero-Kursen zu motivieren, die jedes Jahr im Militärlager Gako, im Südosten von Ruanda, stattfinden.

Die Itorero-Ausbildung hat einen Glaubenskrieg zwischen der RPF und den Exilruandern in der Demokratischen Republik Kongo und in Kanada ausgelöst, wo die Diaspora besonders aktiv ist. In Kanada riefen Abgesandte aus Kigali 2011 eine Itorero-Bewegung ins Leben, womit sie bei einer Gruppe von Kanadiern ruandischer und kongolesischer Herkunft sofort Misstrauen weckten. Diese Gruppe, die sich Congrès rwandais du Canada (CRC) nennt, gilt in Ruanda als ein Netzwerk zur Internationalisierung jener Ideologie, die zum Völkermord geführt hat. Laut CRC wiederum beabsichtigt Ruanda ntore-Kader auszubilden, die Oppositionelle und Zeugen von Verbrechen, die das Kagame-Regime zu verantworten hat, bedrohen sollen.8

In Großbritannien wurde das Itorero-Programm schnell wieder eingestellt, nachdem die Oppositionsgruppe Coalition of Rwandan Community Associations und der britische Geheimdienst interveniert hatten. Nach Information der Zeitung Umuvugizi vom 27. Juni 2011 hatten britische Agenten entdeckt, dass der geplante Itorero „dazu bestimmt war, Jugendliche auszubilden, die möglicherweise für terroristische Aktivitäten gegen Exilruander rekrutiert werden sollten“. Es gab die Warnung, dass zwei in London lebende ruandische Staatsangehörige in Lebensgefahr schwebten. Zwischen 2011 und 2014 wurden der Kagame-Regierung wiederholt Auftragsmorde an Oppositionellen im Ausland zur Last gelegt. Mit der Ermordung von Oberst Patrick Karegey am 1. Januar 2014 in Südafrika hat sich dieser Verdacht erhärtet.

In der Demokratischen Republik Kongo wurde nach der Veröffentlichung eines UN-Berichts9 der Vorwurf erhoben, Ruanda mische sich in den Kivu-Krieg10 ein. Das Dokument spricht sogar von „Völkermord“ und beschreibt die Kriegsverbrechen, die zwischen 1994 und 2003 in der DR Kongo durch Kräfte verübt worden seien, die mit dem Kagame-Regime verbündet waren.11 Der Präsident ließ daraufhin die Anschuldigungen der DR Kongo öffentlich zurückweisen und nutzte dazu einen symbolischen Anlass. Bei der Eröffnungsfeier des Itorero für 258 ruandische Studenten und Vertreter der Diaspora in Gako erklärten Kagame und sein Ministerpräsident Pierre Damien Habumuremyi: „Diese Unterstellungen sind falsch. Ruanda hat keinen Grund, die Bewegung 23. März zu unterstützen. Wir haben uns vielmehr unermüdlich dafür eingesetzt, dass die DR Kongo Frieden findet.“12

Im Juli und August 2013 wurde in Gako die nächste Gruppe von 270 ntore aus der Diaspora ausgebildet. Gleichzeitig setzt sich die Itorero-Bewegung auf allen Ebenen der Gesellschaft fest. Der Wunsch des Präsidenten, die Deutungshoheit über den Völkermord zu behalten, mag zwar verständlich sein. Doch die bürokratische, militärische und erzieherische Verbreitung einer wiederbelebten Kriegerkultur aus der monarchistischen Vergangenheit scheint nicht dazu beizutragen, die nach wie vor bestehenden Gräben zwischen den Ruandern im In- und Ausland zu schließen.

Andererseits sind auch die Netzwerke der Völkermord-Leugner immer noch aktiv, vor allem in Frankreich, wo viele Massenmörder Zuflucht gefunden haben. Sie verbreiten weiterhin ihre sehr einseitige Kritik an Kagames Politik und führen ideologische Schlachten, die die Wunden der Vergangenheit immer wieder aufreißen.

In Ruanda treffen zwei gegensätzliche nationale Konzepte aufeinander: Hier eine von der Hutu-Mehrheit angeführte Zwei-Nationen-Gemeinschaft, dort ein Nationalstaat, der die alten Gräben einzuebnen vorgibt. Der Kampf gegen die genozidale Ideologie ist die stärkste patriotische Legitimierung der Kagame-Regierung. Doch hinter diesem Kampf verbergen sich auch Militarismus und Korruption.

Fußnoten: 1 Siehe Boniface Rucagu, „Itorero ry-Igihugu“, Ministerium für Lokalverwaltung (Minaloc), Juli 2012, „Itorero Program Strategy“, Minaloc, Juli 2012, und die Website: www.rwandandiaspora.gov.rw/programs/itorero/. 2 Umgekehrt beklagt Kinshasa seit vielen Jahren die Übergriffe vonseiten Kigalis im Ostkongo. Vgl. Dominic Johnson, „In der Region der Großen Seen zeichnet sich die Zukunft Afrikas ab“, Le Monde diplomatique, Februar 2002. 3 Einen sehr guten Überblick zur Vorgeschichte und den Folgen des Völkermords von 1994 liefert Dominic Johnsons Nachwort zu Roméo Dallaire, „Handschlag mit dem Teufel“, Frankfurt am Main (Zweitausendeins) 2005. 4 Gacaca (wörtlich: die Wiese) bezeichnet den Dorfplatz. Colette Braeckman, „Der Brand schwelt weiter“, Le Monde diplomatique, Juli 1996. 5 Umuco, Nr. 314, Kigali, 22.–28. Januar 2008. 6 Boniface Rucagu, „Itorero ry-Igihugu“, siehe Anmerkung 1. 7 Siehe Anmerkung 1. 8 Siehe L’Aut’Journal, Montreal, 4. August 2011. 9 „République démocratique du Congo. 1993–2003“, UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Genf, August 2010. 10 Siehe Sabine Cessou, „Zwanzig Jahre Krieg“, Le Monde diplomatique, Januar 2014. 11 Siehe Michel Galy, „Ist es Völkermord?“, Le Monde diplomatique, Januar 2014. 12 Rwanda Broadcasting Agency, Nr. 994, Kigali, 2.–6. August 2012. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Thomas Riot ist Wissenschaftler am Institut des mondes africains (Imaf), Paris.

Le Monde diplomatique vom 08.05.2014, von Thomas Riot