08.04.2011

Am Anfang war der Rote Scheich

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Am Anfang war der Rote Scheich

Eine kleine Geschichte des libyschen Öls von Jean-Pierre Sereni

Auf den ersten Blick ist es unerklärlich. Selbst die wenigen Partner, die mit ihm Geschäfte machten, hielten ihn für unberechenbar, sprunghaft und bizarr. US-Präsident Ronald Reagan nannte ihn 1986 „the mad dog of the Middle East“1 – den Irren von Nahost. Und schickte die 6. US-Flotte nach Libyen, ließ Tripolis bombardieren und setzte ein strenges Erdölembargo durch. Jetzt war der Mann offiziell zum Schurken geworden. Zwanzig Jahre später hatte Oberst Muammar al-Gaddafi das Kunststück fertiggebracht, dass sein Land zur führenden Gruppe der erdölexportierenden Länder gehörte und das nicht zuletzt mit Hilfe der großen US-Ölkonzerne. Wie hat er das geschafft?

Sicher ist, dass „der Ölmagnat Gaddafi“ auf wirtschaftlichem Gebiet mehr Vernunft gezeigt und vorsichtiger agiert hat als bei seinen diversen innen- oder außenpolitischen Initiativen. Sicher ist auch, dass die Ölkonzerne aus aller Welt gelernt haben, sich in dem besonders instabilen, wenn nicht sogar feindlichen libyschen Umfeld zurechtzufinden – und Geld zu verdienen, viel Geld. Dennoch ist das Ganze ein Paradox.

Um den Widerspruch zu erklären, muss man weit in die Geschichte zurückgehen. 1951 wurde Libyen – das die Italiener 1912 dem Osmanischen Reich abgenommen hatten – ein souveräner Staat, der freilich arm war wie eine Kirchenmaus. Die damalige Monarchie unter Idris I. (1951–1969) war Produkt einer anachronistischen Allianz zwischen dem niedergehenden britischen Imperialismus und einer islamischen Bruderschaft aus der Sahara, der Sanussi (die auch den König stellte). Das einzige Exportgut des Landes war der Schrott, den man auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zusammenklauben konnte.

Schon die ersten Untersuchungen italienischer Geologen in den 1930er Jahren – die zwanzig Jahre später von Experten der US-Armee fortgesetzt wurden – legten nahe, dass in der Erde unter dem großflächigen Land (1 700 000 Quadratkilometer) fossile Brennstoffe lagern. Das 1955 verabschiedete Erdölgesetz brach mit dem bis dahin im Nahen Osten geltenden Usus, Förderkonzessionen nur an ein einziges Unternehmen zu vergeben: Im Iran war das die Anglo-Iranian Oil Company, in Saudi-Arabien die Aramco, im Irak die Iraq Petroleum Company.2 In Libyen hingegen wurden die Konzessionen auf fünf Jahre begrenzt und auch nur für bestimmte Felder erteilt. Eine kluge Entscheidung in einer Zeit, in der das Erdöl überall sprudelte und entsprechend billig war.

Zehn Unternehmen beteiligten sich damals an der Exploration. Nach sechs Jahren konnte 1961 der erste Tanker an dem von Exxon eröffneten Ölterminal in Marsa al-Burayqah (Brega) anlegen. Innerhalb von knapp fünf Jahren war die Produktion auf eine Million Barrel pro Tag angestiegen. 1962 waren 19 internationale Konzerne im Land, darunter Exxon, Shell, BP und Eni; 1968 war die Zahl auf 39 gestiegen. In Libyen hatte sich ein neues Modell etabliert, das sich in der restlichen Welt rasch durchsetzen sollte.

Am 1. September 1969 putschte sich Gaddafi an die Macht und begann sofort seine ehrgeizigen Pläne in die Tat umzusetzen. Zunächst wollte er unbedingt höhere Preise für sein Rohöl erzielen. Beraten vom ehemaligen saudischen Erdölminister Abdullah al-Tariki (der auch als „roter Scheich“ bekannte Minister hatte 1962 aufgrund von Differenzen mit Kronprinz Faisal sein Amt verloren) spielte er die Ölkonzerne gegeneinander aus, und zwar zuerst den Riesen Esso gegen das kleinere US-Unternehmen Occidental. Als er eine Halbierung der täglichen Fördermenge verfügte, um über höhere Preise die Einnahmen der Staatskasse zu erhöhen, konnte Esso den Ausfall durch seine Produktion in anderen Ländern wettmachen. Occidental dagegen war in einer schwächeren Position, weil 90 Prozent seiner Ölförderung aus Libyen stammten und die „Seven Sisters“, das Kartell der sieben größten Ölkonzerne der Welt,3 nicht bereit waren, ihm auch nur ein einziges Barrel abzutreten. „Sie haben alles auf eine Karte gesetzt“, feixten die libyschen Verhandlungspartner, und Occidental-Chef Armand Hammer musste erheblich höhere Ölpreise und höhere Abgaben hinnehmen.4 Doch weil das libysche Öl wegen der Schließung des Suezkanals (seit 1967) noch immer das günstigste war, kapitulierten im September 1970 auch die Seven Sisters.5 Preise und Abgaben stiegen auf einen Schlag um 20 Prozent.

Für die übrigen erdölexportierenden Länder war damit der Beweis erbracht: Es ist vorteilhafter, mit mehreren ausländischen Konzernen zusammenzuarbeiten als mit einem einzigen, und als Gegengewicht zu den Seven Sisters auch kleinere Unternehmen ins Spiel zu bringen, die keine alternativen Bezugsquellen haben. Für die Unabhängigen und die europäischen Staatsunternehmen war dies der Durchbruch auf dem internationalen Erdölmarkt.

Pionierarbeit im Umgang mit den Ölkonzernen

Als gelehrige Schüler des ägyptischen Präsidenten Nasser machten sich Gaddafi und sein Revolutionsrat daran, die Verfügung über den nationalen Reichtum zurückzugewinnen. Dabei lernten sie auch von den unseligen Erfahrungen, die vor ihnen andere gemacht hatten: etwa der iranische Regierungschef Mohammad Mossadegh, der 1953 von der CIA entmachtet wurde, weil er es gewagt hatte, gegen die Anglo-Iranian Oil Company vorzugehen; oder der algerische Staatschef Houari Boumedienne, der mit der Verstaatlichung der in französischem Besitz befindlichen Erdölvorkommen 1971 ein Embargo provozierte, das Algerien teuer zu stehen kam.

Auch in dieser Hinsicht leistete Tripolis Pionierarbeit. Am 7. Dezember 1971 wurde British Petroleum (BP) unter einem dürftigen Vorwand verstaatlicht.6 BP besaß damals den Großteil des bedeutendsten libyschen Ölfelds Sarir. Nach harten juristischen Auseinandersetzungen kam ein Abkommen zustande, mit dem Libyen wieder die Kontrolle über sämtliche Erdöllagerstätten im Land übernahm.

Es folgten weitere Machtproben, die alle nach demselben Muster verliefen: Schikanen und Störmaßnahmen gegen ausländische Techniker beeinträchtigten die Arbeiten auf den Ölfeldern und ließen die Fördermenge sinken. Entnervt gaben Gulf, Philips, Amoco, Texaco, Socal und andere ihre Förderstätten auf. Die wurden anschließend durch die Libyan National Oil Company (LNOC) übernommen, ein nach US-amerikanischem Vorbild aufgebautes Staatsunternehmen, das die Förderung ohne größere Probleme weiterfahren konnte. Innerhalb von zehn Jahren verfünffachten sich die Staatseinnahmen, die sich 1979 auf jährlich 10 000 Dollar pro Kopf beliefen.

Die Probleme begannen in der Außenpolitik. Im Dezember 1979 veröffentlichte das US-Außenministerium eine erste Liste von Staaten, denen sie Sympathien für den Terrorismus unterstellten. Auf dieser Liste stand das Gaddafi-Regime an prominenter Stelle, vor allem wegen seiner Unterstützung radikaler Palästinenserbewegungen. Kurz darauf schloss Washington seine Botschaft in Tripolis und verbot US-Staatsangehörigen den Kauf von libyschem Rohöl. Im Juni 1986 schließlich erklärten die USA jegliche Handelsbeziehung mit der Dschamahirija für illegal (der neu erfundene Staatsname setzt sich aus den arabischen Wörtern für „Volksmassen“ und „Republik“ zusammen).

Das Attentat gegen eine Boeing 474 der PanAm, die am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Lockerbie explodierte, und der Anschlag gegen eine DC10 der französischen Fluggesellschaft UTA im November 1989 lösten internationale Sanktionen aus, die auch die libysche Erdölindustrie trafen, die schon unter den sinkenden Ölpreisen zu leiden hatte. Für weitere Probleme sorgten die Mammutbaustellen und der Niedergang der Volkswirtschaft – eine Folge der praktischen Umsetzung von Empfehlungen, mit denen Gaddafi in seinem „Grünen Buch“ einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Marxismus schaffen wollte.

Zwar fiel es dem Staatskonzern LNOC nicht schwer, neue Märkte in Europa, der Türkei und Brasilien zu erschließen, doch das US-Embargo torpedierte sämtliche Pläne, weitere Lagerstätten zu erkunden, die eigene Petrochemie auszubauen und neu entdeckte Erdgasvorkommen zu nutzen. Da mit dem westlichen Kapital auch wichtige moderne Technologien ausblieben, gerieten alle großen Projekte ins Stocken. Zwar gelang es, das Embargo mittels neuer Vertriebswege über Tunesien und Ägypten zu umgehen. Doch das System war teuer, weil man an beiden Küsten des Mittelmeers spezielle Handelsagenten anheuern musste, die gewaltige Risikoaufschläge verlangten. Als die Förderanlagen veralteten, lief dem Regime die Zeit davon. Wenn es den Zusammenbruch der Produktion vermeiden wollte, mussten neue Explorationen in Gang kommen.

Besonders kritisch war die Phase zwischen 1992 und 1999. Das Wirtschaftswachstum sank auf nur noch 0,8 Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen ging um 20 Prozent zurück. Die Unzufriedenheit wuchs, es kam zu Putschversuchen und Rebellionen, vor allem im Osten, in der vernachlässigten Kyrenaika. Gaddafi war zum Einlenken gezwungen. Ohne jeden Skrupel lieferte er der britischen Justiz die eigenen Geheimdienstleute aus, die wegen des Lockerbie-Anschlags angeklagt waren, und zahlte den Angehörigen der 270 Opfer großzügige Entschädigungen (etwas bescheidenere auch für die 170 Opfer der DC10). Nach dem 11. September 2001 stellte sich Tripolis im Kampf gegen den Terror vorbehaltlos an die Seite Washingtons. Und am 19. Dezember 2003, neun Monate nach Beginn des Irakkriegs, verkündete Gaddafi den Verzicht auf alle atomaren Rüstungspläne.

Am 13. November 2003 wurden die letzten internationalen Sanktionen gegen Libyen aufgehoben; der Wiederbelebung des Erdölgeschäfts stand nichts mehr im Weg. Gaddafi träumte von einer raschen Verdopplung der Fördermengen auf mehr als 3 Millionen Barrel pro Tag, also ebenso viel wie der Iran. Das wäre gleichbedeutend mit dem Aufstieg in die Führungsgruppe der Opec, der Organisation erdölexportierender Länder, die den Preis des schwarzen Goldes steuert.

Als die LNOC im August 2004 die Lizenzen für 15 neue Explorationsfelder versteigerte, standen die Bewerber Schlange. 120 Unternehmen bekundeten ihr Interesse, darunter mehrere britische und US-amerikanische Ölriesen, die sich 1986 aus Libyen zurückgezogen hatten, obwohl sie nie verstaatlicht wurden. Von den 15 Explorations-„Blöcken“ wurden 11 US-Unternehmen wie Occidental, Amerada Hess und Chevron Texaco zugeschlagen. Die libysche Führung war natürlich darauf aus, die internationalen Konzerne an die nationale Industrie anzubinden. Dafür nahm sie in Kauf, europäische Unternehmen wie Total, die auch in der Ära der Sanktionen zu Gaddafi gehalten hatten, vor den Kopf zu stoßen.7 Die internationalen Ölkonzerne wollten mit Gaddafi unbedingt ins Geschäft kommen, obwohl die Bedingungen streng waren (130 Millionen Dollar wurden schon bei Vertragsunterzeichnung fällig, mindestens 300 Millionen müssen in die Exploration investiert werden) und die Rendite bescheiden war. Im besten Fall behalten sie 38,9 Prozent der Produktion für sich, praktisch dürfte dieser Anteil gerade mal bei 10,8 Prozent liegen.

Woher rührt diese wechselseitige und anhaltende Faszination zwischen der Ölindustrie – und zwar kleinen Unternehmen wie multinationalen Konzernen – und einem so schwierigen Land wie Libyen? Zum Beispiel ist das libysche Rohöl von exzellenter Qualität, und seine Fördergebiete liegen in kostengünstiger Entfernung zu den europäischen Raffinerien. Gegenwärtig macht das libysche Erdöl rund 15 Prozent des Verbrauchs in Frankreich aus und knapp unter 10 Prozent des Gesamtverbrauchs der Europäischen Union.

Der entscheidende Faktor ist jedoch, dass sich in den letzten fünfzig Jahren das Kräfteverhältnis geändert hat. 1960 kontrollierten die angelsächsisch dominierten Seven Sisters den Großteil der Ölproduktion der nichtkommunistischen Länder. Diese dominierende Rolle haben inzwischen die staatseigenen Unternehmen der Förderländer übernommen.8 Als die Eigentümer der Ölfelder kontrollieren sie heute den Zugang zu der nach wie vor wichtigsten Energieressource, auch wenn sie für die Exploration – also die entscheidende Phase der künftigen Mineralölförderung – fast immer auf internationale Unternehmen angewiesen sind.

Die Suche nach Öl ist gefährlich und kostspielig und erfordert modernste Technologie. An beiden fehlt es den Staatsunternehmen. Deren Einnahmen fließen größtenteils nicht in die nationale Erdölindustrie (dagegen einiges in die Taschen der Gaddafi-Sprösslinge – fünf Söhne und eine Tochter), und auch Investitionen jenseits der eigenen Staatsgrenzen sind höchst selten. Deshalb müssen sich beide Seiten – unabhängig von Revolution, Regimewechsel und Verstaatlichung – zwangsläufig irgendwann wieder zusammenraufen, ob mit oder ohne Gaddafi.

Fußnoten:

1 CNN, 21. April 1986. 2 Ruth First, „Libya. The Elusive Revolution“, London (Penguin African Library) 1974, S. 187. 3 Die „sieben Schwestern“, auch die sieben Majors genannt, sind die vier in der Aramco in Saudi-Arabien vereinigten US-Mineralölgesellschaften Exxon, Mobil, Chevron und Texaco sowie das US-Unternehmen Gulf und die britischen Konzerne Shell und BP. Sie hatten sich zwischen 1929 und 1932 zu einem Kartell zusammengeschlossen, dem es bis Anfang der 1970er Jahre gelang, die Rohölpreise einzufrieren. 4 Daniel Yergin, „The Prize, the Epic Quest for Oil, Money, and Power“, New York ( Simon & Schuster) 1991, S. 578. 5 Siehe dazu: Anthony Sampson, „The Seven Sisters – The Great Oil Companies and the World They Made“, Kapitel 10: journeytoforever.org/biofuel_library/sevensisters/7sisters10.html. 6 Kurz zuvor hatten iranische Truppen die Insel Abu Musa und die beiden kleineren Tunb-Inseln im Persischen Golf besetzt, um kurz vor dem Abzug der Briten aus der Region vollendete Tatsachen gegenüber den arabischen Golfemiraten zu schaffen. 7 Dirk Vandewalle, „A Modern History of Libya“, Cambridge (University Press) 2006, S. 189. 8 Siehe „Neue Regeln für den Erdölmarkt“, Le Monde diplomatique, März 2007. Aus dem Französischen von Barbara Schaden Jean-Pierre Sereni ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 08.04.2011, von Jean-Pierre Sereni