09.12.2011

Gewaltopfer und Präsidentinnen

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Gewaltopfer und Präsidentinnen

Zur Lage der Frauen in Lateinamerika von Lamia Oualalou

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Am Freitagabend, den 9. März 2001, ordnete der damalige Bürgermeister von Bogotá, Antanas Mockus, eine ungewöhnliche Maßnahme an: Von sieben Uhr abends bis ein Uhr morgens durften nur Frauen in der Stadt unterwegs sein. Zum Ausgleich sollte die Stadt in der folgenden Woche unter den gleichen Bedingungen ausschließlich männlichen Vergnügungen überlassen sein. Hier die Frauen, da die Männer? Seit einigen Jahren gehen die Fortschritte bei der Gleichberechtigung der Geschlechter in Lateinamerika zuweilen erstaunliche Wege. Und die Lateinamerikanerinnen beklagen sich darüber ganz gewiss nicht.

In den letzten Jahren haben vier Frauen die höchsten Staatsämter bekleidet. Als Cristina Fernández de Kirchner 2007 Präsidentin Argentiniens wurde, verglichen sie viele Beobachter mit Isabel Martínez de Perón (von 1974 bis 1976 im Amt). Beide waren zunächst als „Ehefrau von“ ins Amt gekommen: Isabel als Witwe von Juan Perón, der von 1946 bis 1955 und von 1973 bis 1974 an der Macht war und Cristina als Gattin ihres Vorgängers Nestor Kirchner (2003 bis 2007). Doch heute ist von solchen Parallelen nicht mehr die Rede. Im Oktober 2011 wurde die argentinische Präsidentin als erste Frau in einem lateinamerikanischen Staat zum zweiten Mal in dieses Amt gewählt. Sie erreichte im ersten Wahlgang 54 Prozent der Stimmen. Heute spricht in Argentinien niemand mehr von Cristina Kirchner wie zu Beginn ihrer Amtszeit, alle nennen sie bei ihrem Mädchennamen Cristina Fernández.

Argentinien ist nicht das einzige Land, in dem die Frauen heute auf berühmte Ehemänner verzichten können. Anfang 2006 trat Michelle Bachelet in Chile die Nachfolge des Sozialisten Ricardo Lagos an. Sie hatte im Exil gelebt und ihre drei Kinder allein großgezogen. Das war umso bemerkenswerter, als Ehescheidungen in Chile damals gerade erst rechtlich möglich geworden waren. Im Oktober 2010 übernahm eine andere Geschiedene, Dilma Rousseff, die Macht in Brasilien. Sie war für ihre Zugehörigkeit zu linken Guerillagruppen während der Diktatur in den 1960er und 1970er Jahren bekannt. Wenige Monate zuvor war in Costa Rica trotz der traditionellen Machokultur die Mitte-links-Kandidatin Laura Chinchilla zur Präsidentin gewählt worden.

Diese Entwicklung ging in einigen Ländern mit Maßnahmen zur positiven Diskriminierung einher. Argentinien übernahm dabei eine Pionierrolle: 1991 schrieb ein Gesetz den Parteien eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent vor. Mit 38 Prozent weiblicher Abgeordneter im Parlament gehört das Land heute zu den zwölf führenden Staaten weltweit bei der Beteiligung von Frauen an der Legislative. Inzwischen folgten weitere elf Länder in der Region diesem Beispiel: Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Ecuador, Honduras, Mexiko, Panama, Paraguay, Peru, die Dominikanische Republik und Uruguay.

„Die Wahl von Frauen wie Michelle Bachelet lässt sich vor allem dadurch erklären, dass sie weniger mit Korruption in Verbindung gebracht werden“, meint María de los Ángeles Fernández, Direktorin der Stiftung Chile 21 in Santiago. Da sie zuvor von der Macht ausgeschlossen waren, tauchten sie kaum in den Skandalen um Bestechung, Veruntreuung und dergleichen auf – ein Vorzug, der mit ihrem zunehmenden Engagement in der Politik schwindet. Die von Bachelet durchgesetzte Gleichheit hat ihre Amtszeit allerdings nicht überlebt: Unter ihr wurde die Hälfte der Ministerien von Frauen geführt. Im Kabinett ihres konservativen Nachfolgers Sebastián Piñera liegt der Anteil der Frauen nur noch bei einem Fünftel.

Guter Wille allein genügt nicht. Als Dilma Rousseff in den Präsidentenpalast von Brasília einzog, verkündete sie ihre Entschlossenheit, die Frauen zu fördern. Die Presse höhnte daraufhin über die „Republik auf hohen Absätzen“. Rousseff gelang es nur bei 24 Prozent der Ministerämter und 21 Prozent der Posten auf der „zweiten Ebene“ in den Ministerien und großen Staatskonzernen Frauen durchzusetzen. Die Parteien in der Regierungskoalition, abgesehen von der Arbeiterpartei (PT), neigen weniger zu positiver Diskriminierung. Nach einer Studie der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) wurden 16 Prozent der lateinamerikanischen Parteien 2009 von Frauen als Generalsekretärinnen oder Vorsitzende geführt; sie hatten außerdem 19 Prozent der leitenden Posten in Parteigremien inne.

In Venezuela beteiligten sich vor allem Frauen an den Instrumenten der partizipativen Demokratie, die Präsident Chávez in den letzten zehn Jahren eingeführt hat. Die Soziologin Margarita López Maya von der Universidad Central in Caracas kandidierte bei den venezolanischen Parlamentswahlen 2010 für die linke Oppositionspartei „Patria Para Todos“ (Heimatland für alle, PPT). Sie meint, dass das alte Klischee immer noch stimme: „Die Frauen beteiligen sich, wenn es um konkrete Fragen geht, sie interessieren sich weniger für das Spiel der Politik.“ Zwar stehen drei Frauen an der Spitze staatlicher Organe, meint López Maya, „aber sie wurden wegen ihrer Loyalität zum Präsidenten ausgewählt und um die Wählerstimmen der Frauen zu gewinnen“.

Nicht immer kümmern sich Frauen an der Macht auch darum, die Rechte ihrer Geschlechtsgenossinnen zu fördern: „Sie bringen zwar die traditionelle gesellschaftliche Ordnung ins Wanken, aber das heißt noch nicht, dass sie eine progressivere Einstellung hätten. In Mittelamerika waren und sind die Präsidentinnen bei wirtschaftlichen Fragen ebenso konservativ wie bei sozialen, sogar wenn sie unmittelbar Frauenrechte betreffen, wie etwa das Recht auf Abtreibung“, meint die Soziologin María Florez-Estrada Pimentel von der Costa-Rica-Universität.

Abgesehen von Kuba, wo Abtreibung erlaubt ist, und im Bundesdistrikt Mexiko-Stadt, wo die kommunalen Abgeordneten ein entsprechendes Gesetz durchgesetzt haben, ist Schwangerschaftsabbruch in ganz Lateinamerika nach wie vor ein Tabu.

Reizthema Abtreibung

Die militanten Feministinnen Brasiliens waren überrascht, mit welcher Heftigkeit diese Frage bei der Präsidentenwahl im Oktober 2010 diskutiert wurde. Evangelikale Pastoren agitierten im Internet mit Videos toter Embryonen gegen Dilma Rousseff, weil sie sich vor einigen Jahren gegen die Kriminalisierung von Abtreibungen ausgesprochen hatte. José Serra, Rousseffs Gegenkandidat, der eigentlich als fortschrittlich gilt, begann sich schon Chancen auszumalen, wenn er mit einer Bibel in der Hand auftrat, während seine Frau in den Armenvierteln gegen Leute hetzte, die „kleine Kinder töten wollen“. (Sie unterschlug allerdings, dass sie selbst schon einmal eine Abtreibung vorgenommen hatte, wie die Tageszeitung Folha de São Paulo enthüllte).

Dilma Rousseff geriet dermaßen unter Druck, dass sie vor dem zweiten Wahlgang eine Verpflichtung unterschrieb, keinen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen im Parlament einzubringen. Dabei haben illegale Abtreibungen, in Brasilien schätzungsweise 800 000 pro Jahr, dramatische gesundheitliche Folgen.1 „Ich glaube, vor zwanzig Jahren wäre es leichter gewesen, die Debatte voranzubringen, als heute“, vermutet Maria Luiza Heilborn, Wissenschaftlerin am Lateinamerikanischen Zentrum für Sexualität und Menschenrechte (Clam) der Universität Rio de Janeiro.

Durch die schriftliche Verpflichtung der Präsidentin haben die Kirchen die Gewissheit, dass die Legalisierung von Abtreibungen nicht mehr auf der Agenda steht. Im Gegenteil: Im Nationalkongress, wo sich die Zahl der religiös orientierten Abgeordneten bei den letzten Wahlen auf 63 Sitze verdoppelt hat, liegen mehr als dreißig Anträge vor, die auf eine Verschärfung der Ausnahmeregelungen für Schwangerschaftsabbrüche abzielen und diese sogar bei Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Mutter verbieten wollen.

Wer sich allerdings eine Abtreibung in einer privaten Klinik leisten kann, bekommt keine Schwierigkeiten. Nach einer 2010 veröffentlichten Studie der Universität von Brasília hat in Brasilien jede fünfte Frau schon einmal abgetrieben.2 „Trotzdem ist das Recht auf Abtreibung gesellschaftlich undenkbar. Sogar Frauen, die es schon gemacht haben, sind dagegen und stellen ihre eigene Entscheidung als Ausnahme dar“, sagt María José Rosado, Gründerin der NGO „Katholikinnen für Entscheidungsfreiheit“.

Das einzige Land der Region, wo es einen Rückschritt in dieser Frage gibt, ist Nicaragua. 2006 schloss Daniel Ortega, der Verbündete suchte, um wieder an die Macht zu kommen, ein Abkommen mit der katholischen Kirche. Nach seiner Wahl verschärfte er das Abtreibungsgesetz, so dass nicht einmal mehr Vergewaltigungsopfer ausgenommen sind.

Im Kolumbien des erzkonservativen Präsidenten Álvaro Uribe (2002 bis 2010) dagegen wurden die Möglichkeiten der legalen Abtreibung auf medizinische Indikationen erweitert, die großzügig ausgelegt werden und auch bei psychischen Problemen gelten können.

In Venezuela ist trotz verschiedener Gesetzentwürfe seit dem Machtantritt von Hugo Chávez eine Legalisierung unwahrscheinlich: „Ihr mögt mich für konservativ halten, aber mit Abtreibung bin ich nicht einverstanden. Wenn ein Kind mit einem Problem zur Welt kommt, muss man ihm Liebe geben“, verkündete er im April 2008. Dennoch gibt es heftige Debatten, zumal die Teenagerschwangerschaften extrem zugenommen haben: 2009 waren 20 Prozent der Mütter bei der Geburt zwischen 10 und 18 Jahre alt.3

In Uruguay legte Präsident Tabaré Vásquez (2005 bis 2010), Chef einer Mitte-links-Regierung, sein Veto gegen die Entscheidung des Parlaments ein, Abtreibungen zu legalisieren. Am 8. November 2011 griff der Senat die Initiative wieder auf. Die Legalisierung, von 63 Prozent der Bevölkerung befürwortet, wird wahrscheinlich beschlossen – Präsident José Mujica hat wissen lassen, dass er sich nicht widersetzen wird.

Verhandlungen gibt es auch in Ecuador, Bolivien und Argentinien, wo jedes Jahr 500 000 illegale Abtreibungen vorgenommen werden. Obwohl sich Cristina Fernández persönlich dagegen ausspricht, soll in den nächsten Monaten im Parlament ein Gesetzentwurf diskutiert werden, der die Bedingungen für eine Abtreibung flexibler gestaltet. Für Mario Pecheny, Politikwissenschaftler an der Universität Buenos Aires, ist zudem das Votum des argentinischen Parlaments für die Homoehe im vergangenen Jahr ein ermutigendes Zeichen.

Die größte Sorge der lateinamerikanischen Frauen bleibt jedoch die Gewalt. „Femizide, also Morde an Frauen, weil sie Frauen sind, nehmen in Mittelamerika und Mexiko explosionsartig zu“, berichtet María Flórez-Estrada Pimental. El Salvador hält den traurigen Rekord mit einer Quote von 13,9 ermordeten Frauen pro 100 000 Einwohner im Jahr. In Guatemala liegt die Quote bei 9,8. In den mexikanischen Bundesstaaten Chihuahua (wo Ciudad Juárez liegt, das seit zwanzig Jahren für systematische Frauenmorde bekannt ist4 ), Baja California und Guerrero hat sich die Quote zwischen 2005 und 2009 verdreifacht und erreicht 11,1 Frauenmorde pro 100 000 Einwohner. Diese Eskalation ist vor allem auf die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Drogenhändlern zurückzuführen.

Fortschritt und Geburtenknick

Hinzu kommt, dass „der Krieg gegen die Drogen und das organisierte Verbrechen besondere Konsequenzen für die Frauen“ hat, wie Patsilí Toledo, Juristin an der Universität Chile, analysiert hat: „Wie in jedem Krieg schafft die Vergewaltigung von Frauen einen Zusammenhalt innerhalb bewaffneter Gruppen, die damit ihre Männlichkeit bestätigen und den Gegner herausfordern.“5

In Mexiko ist die Zahl der Frauen, die wegen schwerer Straftaten – vor allem Drogenhandel – im Gefängnis sitzen, seit 2007 um 400 Prozent gestiegen.6 Gleichzeitig diversifizieren die Drogenbarone ihre Einnahmequellen durch Prostitution und Frauenhandel. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration soll allein der Frauenhandel in Lateinamerika jedes Jahr 16 Milliarden Dollar einbringen, wofür tausende Frauen und selbst kleine Mädchen entführt werden.7

Maria Luiza Heilborn meint, der Feminismus habe sich trotzdem verbreitet, auch wenn er nicht so sichtbar sei wie die LBGT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender-Movement). So haben etwa die ärmsten Frauen von der Sozialpolitik der letzten Jahre deutlich profitiert.

In Brasilien beispielsweise werden die Familienbeihilfen (Bolsa Família), die fast 13 Millionen Haushalte bekommen, bevorzugt an Frauen ausgezahlt. Gleiches gilt für das Wohnungsbauprogramm „Mein Haus, mein Leben“: Die Regierung setzt sich sehr dafür ein, dass das Immobilieneigentum auf den Namen der Frauen eingetragen wird. „Das verleiht ihnen eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Männern und stärkt die Situation der Familie, weil sich vor allem die Frauen um die Gesundheit und Ernährung der Kinder kümmern“, erklärt Rebecca Tavares, Leiterin der UN-Frauenorganisation in Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay.

Eine andere wesentliche Veränderung der letzten Jahrzehnte ist der wachsende Anteil der Frauen an der arbeitenden Bevölkerung.8 Seit 1980 strömten in Lateinamerika mehr als 70 Millionen Frauen auf den Arbeitsmarkt. Der informelle Anteil bleibt dennoch beträchtlich: In den bolivianischen Städten zum Beispiel arbeiten Frauen zu 71 Prozent ohne reguläres Arbeitsverhältnis, bei den Männern sind es 54 Prozent. Die berufstätigen Frauen leisten dabei auch hier immer noch die meiste unbezahlte Familienarbeit (wie Haushalt, Versorgung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen). Sie stellen die alte Machokultur infrage und müssen sich gleichzeitig abmühen, all ihre verschiedenen Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen. Der radikale Rückgang der Fruchtbarkeit in der Region ist eine der Folgen.

In Brasilien ist die Reproduktion der Bevölkerung infolge des Geburtenknicks nicht mehr gewährleistet: Angesichts der Arbeitsbelastung und der hohen Kosten, die der Unterhalt einer Familie mit sich bringt – Bildung und Gesundheitswesen sind weitgehend privatisiert –, entscheiden sich immer mehr Frauen in den besseren Vierteln wie in den Favelas für nur ein Kind, höchstens zwei oder bleiben gleich kinderlos. Ähnlich verläuft die Entwicklung in Uruguay, Costa Rica, Chile und Kuba, wo die Bevölkerung beschleunigt altert – was in den Staatshaushalten bisher nicht berücksichtigt wird.

„Die Frauen sind autonomer, sie wollen studieren, konsumieren und reisen. Sie wollen sich nicht länger nur um die anderen kümmern“, stellt María Flórez-Estrada Pimentel fest. „Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hat sich geändert, aber weder die Staaten noch die Unternehmen investieren genug, um eine soziale Infrastruktur zu schaffen, die dieser neuen Realität entspricht.“

Fußnoten: 1 250 000 Frauen ziehen sich dabei Infektionen oder schwere Verletzungen zu. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 65 Frauen pro 100 000 Schwangerschaften. „Aborto no Brasil e países do Cone Sul“, Staatliche Universität Campinas, Oktober 2009. 2 „Segredo guardado a sete chaves“, Universität Brasília, Brasília, Juni 2010. 3 Nach Angaben der Venezolanischen Gesellschaft für Säuglingspflege und Pädiatrie (Sociedad Venezolana de Puericultura y de Pediatria). 4 Siehe Sergio González Rodríguez, „Massengräber am Straßenrand“, Le Monde diplomatique, August 2003. 5 Patsilí Toledo, „The Drug-War Femicides“, Project Syndicate, 9. August 2011. 6 Zitiert nach Damien Cave, „Mexico’s Drug War, Feminized“, New York Times, 13. August 2011. 7 „Human trafficking: an overview“, Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, New York 2008. 8 Seit 1980 stieg der Frauenanteil von durchschnittlich 35 auf 53 Prozent im Jahr 2007; siehe: „Latin America: 70 Million Additional Women Have Jobs Following Gender Reforms“, Weltbank, Washington, März 2011. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Lamia Oualalou ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2011, von Lamia Oualalou