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Hundert Jahre des Verschweigens

Hundert Jahre des Verschweigens

Der türkische Nationalstaat und der Untergang der Armenier von Vicken Cheterian

Jahrzehntelang war das Schicksal der zwangsweise islamisierten und türkifizierten Armenier mit einem Tabu belegt. Erst 90 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern beendete die türkische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Fethiye Cetin das große Schweigen, als sie die Memoiren ihrer Großmutter veröffentlichte. 1915 war die Familie des armenischen Mädchens deportiert und anschließend ermordet worden, während sie selbst entführt und in eine türkische Familie gebracht wurde.1

Nach der Veröffentlichung erhielt die Autorin Dutzende Briefe von Leuten, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren war. Als sie diese Geschichten dann ebenfalls als Buch herausbrachte,2 wagte es keiner der Betroffenen, sich mit seinem beziehungsweise ihrem Namen oder anderen Daten wie dem Geburtsort zu erkennen zu geben. Konvertierte Armenier oder im Geheimen praktizierende Christen sehen sich auch noch in der heutigen Türkei mit Repressalien und Diskriminierung konfrontiert.

Es gibt kaum Informationen über die Zahl der Nachkommen der 200 000 oder 300 000 armenischen Frauen und Kinder, die entführt und zwangsweise zum Islam bekehrt wurden. Es könnten bis zu 2 Millionen allein in der Türkei sein. Über Jahrzehnte hinweg hüllten sie sich in Schweigen über ihre Herkunft und das Schicksal ihrer Vorfahren, aber dennoch wussten alle um sie herum, wer sie waren. Von ihrem Umfeld wurden sie verachtet als Konvertiten, die den Islam nicht aus Glaubensgründen angenommen hatten, sondern aus purem Eigennutz. Weil sie so dem sicheren Tod entgehen wollten, waren sie für ihre Nachbarn nur „die vom Schwert Übriggelassenen“.3 Überdies führte auch der türkische Staat Buch über ihre wahre Identität, um sie von bestimmten Positionen etwa im Militär und im Bildungssystem fernzuhalten.

Beim Völkermord an den Armeniern, der sich am 24. April zum 100. Mal jährt, geht es nicht bloß um Geschichte, um die Erinnerung an vergangene Ereignisse. Es geht auch um uns, die (Über-)Lebenden, um unsere Kultur und ihr Scheitern. Gescheitert ist sie nicht nur daran, den Opfern des armenischen Holocausts Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihr Versagen zeigt sich auch darin, dass die Türkei das Verbrechen seit einem Jahrhundert leugnet und dass die Öffentlichkeit dem weitgehend gleichgültig gegenübersteht.

Die Türkei, die als Staat die Verantwortung für das Morden trägt, behauptet nach wie vor, dass ein Völkermord niemals stattgefunden habe. Vielmehr habe es sich lediglich um einen bürgerkriegsartigen Konflikt zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gehandelt, oder um eine Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung allein aus militärischer Notwendigkeit im Zuge des Ersten Weltkriegs, oder gar um eine Rebellion der Armenier, denen so gesehen selbst Massenmord vorzuwerfen wäre.

Ein Verbrechen, das nicht als solches anerkannt wird, setzt sich immer weiter fort. Der Völkermord von 1915 zielte zwar in erster Linie auf die Armenier, doch auch die osmanischen Griechen, Assyrer und Jesiden wurden Opfer von Massakern und Deportationen, die das Ziel verfolgten, diese Gemeinschaften zu zerschlagen.4

Luxushotels auf dem einstigen Friedhof

Der Versuch, die Minderheiten auszulöschen, hörte mit dem Ende des Ersten Weltkriegs keineswegs auf, sondern setzte sich auch in der neu gegründeten Türkischen Republik fort. Nachdem das Osmanische Reich kapituliert hatte und von alliierten Streitkräften besetzt wurde, kehrten einige der armenischen und assyrischen Überlebenden zurück in ihre Häuser. Als jedoch die türkischen Nationalisten und Mustafa Kemal die Macht übernahmen, leiteten sie nicht nur einen Bevölkerungsaustausch mit Griechenland ein, der die Vertreibung von rund 1,2 Millionen Griechen aus der Türkei bedeutete, sondern zwangen darüber hinaus auch die wenigen Rückkehrer zum Auswandern ins damals unter französischem Mandat stehende Syrien oder in den britisch beherrschten Irak. Auf diese Weise wurde dafür gesorgt, dass die angestammte christliche Bevölkerung aus Anatolien vollständig verschwand.

Istanbul, wo bis 1914 die Christen die Mehrheit gestellt hatten, war der einzige Ort in der Türkei, in dem nach diesen Verheerungen überhaupt noch Griechen und Armenier lebten. Doch auch hier wurde die christliche Bevölkerung durch staatlich sanktionierte Gewalt beständig dezimiert, das wirtschaftliche Überleben wurde ihnen erschwert und ihre körperliche Unversehrtheit verletzt.

In den 1930er Jahren wurden große Besitztümer der armenischen Kirche und zahlreiche ihrer wohltätigen Einrichtungen konfisziert – darunter übrigens auch der armenische Pangalti-Friedhof direkt am Gezipark, auf dem jetzt mehrere Luxushotels stehen. Die wohlhabende jüdische Gemeinde im europäischen Teil der Türkei wiederum wurde im Zuge der – ebenfalls staatlich unterstützten – Thrakien-Pogrome von 1934 dezimiert.5

Der Zweite Weltkrieg bot anschließend eine weitere Gelegenheit, die Minderheiten ihrer ökonomischen Grundlagen zu berauben. Vorgeblich um gegen Spekulanten vorzugehen, führte die Regierung eine extrem ungerechte „Reichensteuer“ ein, deren Höhe die zuständigen Beamten willkürlich festlegten und die von Gemeinde zu Gemeinde stark variierte: In manchen Orten mussten Armenier das Fünfzigfache des Satzes bezahlen, der für die türkischen Muslime galt.

Diese Steuer diente in Wirklichkeit nur dem Zweck, den bürgerlichen Teil der Minderheiten auszuschalten. Ihr Eigentum wurde nebenbei zu einem Bruchteil des wahren Werts an Muslime verkauft. All diejenigen, die die Steuer nicht aufbringen konnten, verloren nicht nur ihr gesamtes Hab und Gut, sondern wurden zudem noch in Arbeitslager in der Gegend von Erzurum im Osten des Landes verschleppt.

Die zunehmenden Spannungen in der Zypernfrage setzten den Minderheiten weiter zu. Im September 1955 kam es erneut zu Pogromen, wiederum mit staatlicher Billigung. Zuvor waren falsche Gerüchte in Umlauf gesetzt worden, denen zufolge es einen Angriff auf das Haus Atatürks im griechischen Thessaloniki gegeben habe. Geheime Kommandos brachten Busladungen mit Schlägertrupps in den stark griechisch geprägten Istanbuler Stadtteil Pera, das heutige Beyoglu. Dort zerstörten sie Geschäfte, Schulen und religiöse Einrichtungen der Griechen, aber auch anderer Minderheiten, während die Polizei zusah und nur einschritt, wenn die Randalierer sich versehentlich an muslimischem Eigentum vergriffen.

In Anatolien wurde unterdessen jegliche Erinnerung an die deportierten Bevölkerungsgruppen ausgelöscht. Tausende armenische, assyrische, kurdische oder arabische Ortsnamen wurden durch türkisch klingende Namen ersetzt, Tausende Kirchen und Klöster in die Luft gesprengt.6 All dies geschah zur gleichen Zeit, in der Atatürk die arabische durch die lateinische Schrift ersetzte, was lange als ein Sieg der Moderne gefeiert wurde.

Ein paar Zahlen genügen, um das Ausmaß der Zerstörung zu illustrieren: 1914 lebten bei einer Gesamtbevölkerung von 16 Millionen Menschen rund 2 Millionen Armenier im Osmanischen Reich. In der heutigen Türkei gibt es nur noch 60 000 Armenier. Von 2 538 armenischen Kirchen und 451 Klöstern sind gerade einmal 40 Kirchen übrig geblieben, bis auf sechs alle in Istanbul.

Seit vielen Jahren argumentieren Menschenrechtsaktivisten, dass ein Völkermord, der ungestraft bleibt, geradezu eine Ermutigung für künftige Verbrechen darstelle. Im Ersten Weltkrieg stand das osmanische Heer unter deutschem Oberbefehl, weshalb Tausende deutsche Offiziere zu unmittelbaren Zeugen oder sogar Mittätern bei der Zerschlagung des türkischen Christentums wurden (siehe nebenstehenden Artikel).

Die furchtbaren Folgen der Straflosigkeit sind vor allem in der Türkei selbst zu beobachten: In den östlichen Landesteilen traf es bald die Kurden, die zuvor ihrerseits noch eine wichtige Rolle bei der Vernichtung der osmanischen Armenier gespielt hatten. Die Kurden waren loyal gegenüber den Osmanen, ebenso wie gegenüber den Jungtürken und Mustafa Kemal. Dieser aber brach sein Versprechen, ihnen Autonomie zu gewähren, und ersetzte das Kalifat einfach durch einen türkischen Nationalstaat. Als die Kurden dagegen rebellierten, wurde nicht nur der Aufstand brutal niedergeschlagen. Es folgten auch danach noch Massaker und Deportationen, und selbst die Existenz einer kurdischen Identität wurde geleugnet. Kurden gab es dieser Logik zufolge einfach nicht mehr, und jeder, der es wagte, zu widersprechen, wurde hart bestraft.

Trauma und Paranoia, Folgen des Genozids

Die Türkei ist das Erbe des Völkermords nie losgeworden. Im Gegenteil: Institutionen, die dieses Verbrechen erst möglich gemacht hatten, bildeten das Rückgrat der kemalistischen Republik – so wie die „Spezialorganisation“ Teskilat-i-Mahsusa, eine geheime Unterabteilung innerhalb der früheren Regierungspartei Komitee für Einheit und Fortschritt, die mit dem Ziel gegründet worden war, Aufstände von Muslimen im Zarenreich und im britischen Empire anzuzetteln. Zwar hatte sie damit keinen Erfolg, doch leistete sie einen wesentlichen Beitrag zur Ermordung und Deportation von Armeniern und anderen Minderheiten im Inland.

Auch während des Befreiungskriegs (1919 bis 1923), den Mustafa Kemal sowohl gegen Griechenland als auch gegen französische und britische Streitkräfte führte, spielten die Offiziere der Spezialorganisation eine entscheidende Rolle. Später wurden sie zu einem zentralen Bestandteil des sogenannten tiefen Staats in der Türkei, eines Netzwerks von hohen Militärs und Beamten, das über enorme Macht verfügt, ohne jede Legitimation und ohne je für seine Taten zur Verantwortung gezogen zu werden. Dieser Machtzirkel war nicht nur ständig damit beschäftigt, alle demokratischen Entwicklungen der türkischen Gesellschaft zu unterdrücken und kurdische oder linke Guerillas zu bekämpfen. Seine Mitglieder waren darüber hinaus tief verstrickt in Drogengeschäfte, alles unter dem Dach des Staates.7

Vergangene Gewalt erzeugt oft neue Gewalt. Als die Bevölkerung der in Aserbaidschan gelegenen armenischen Enklave Berg-Karabach in den letzten Jahren der Sowjetunion, ermutigt durch Gorbatschows Reformversprechen, den Anschluss an die Sowjetrepublik Armenien forderte, bestand die Reaktion darauf nicht in einer politischen oder völkerrechtlichen Debatte, sondern in ethnischen Pogromen. Die Türkei ergriff sofort Partei für Aserbaidschan und verhängte eine Blockade gegen Armenien. Die türkisch-armenische Grenze ist bis heute hermetisch verschlossen und schwer bewacht, ganz wie in den Hochzeiten des Kalten Kriegs.

Die Türkei hätte durch die Anerkennung der Verbrechen gegen die osmanischen Armenier durchaus eine positive Rolle bei der Suche nach einer friedlichen Lösung des Berg-Karabach-Konflikts spielen können. Stattdessen bestärkte sie mit ihrer unnachgiebigen Haltung die aserbaidschanische Führung darin, an ihren maximalistischen Forderungen festzuhalten und diese gegebenenfalls auch mit Gewalt durchzusetzen.

Nach einer 90 Jahre währenden Stille erinnerte sich die Türkei dann relativ plötzlich doch wieder an die Armenier. Dies war das Werk einer Handvoll mutiger Männer und Frauen – darunter der Verleger und Menschenrechtsaktivist Ragip Zarakolu, der Bücher über den Völkermord ins Türkische übersetzte, wofür er und seine inzwischen verstorbene Frau mehrfach angeklagt und ins Gefängnis gebracht wurden. Oder Taner Akcam, der über Folter in der Türkei forschte und dabei auf Pogrome gegen Armenier im späten 19. Jahrhundert und schließlich auch auf den Völkermord stieß. Gemeinsam mit dem US-Historiker Vahakn Dadrian verfasste er nicht nur mehrere ausgezeichnete historische Bücher,8 sondern initiierte auch einen Austausch und sogar Freundschaften zwischen armenischen und türkischen Intellektuellen – so etwas hatte es seit dem Völkermord nicht mehr gegeben.

An der Universität von Michigan wiederum begann eine kleine Gruppe von Professoren damit, die armenisch-türkische Geschichte zu erforschen. Dank der insgesamt sieben Konferenzen, die sie zu dem Thema organisierten, entwickelte sich der Völkermord an den Armeniern von einem akademischen Randthema zu einem zentralen Bestandteil wissenschaftlicher Untersuchungen über das Osmanische Reich ebenso wie über Völkermorde.9

Es blieb jedoch dem türkisch-armenischen Journalisten und Agos-Herausgeber10 Hrant Dink vorbehalten, mehr oder weniger im Alleingang in der türkischen Bevölkerung ein Bewusstsein für die Armenienfrage zu schaffen. Er appellierte in einfachen Worten an das Gewissen der Türken, indem er sie fragte: Es gab einmal ein Volk namens Armenier, die in diesem Land lebten, aber es existiert nicht mehr – was ist mit ihm geschehen? Der türkische Staat verfolgte ihn gnadenlos, schleppte ihn von einem Gericht ins nächste, bis er schließlich am helllichten Tag direkt vor seinem Zeitungsbüro ermordet wurde. Die Trauerfeier für Dink geriet zur Großdemonstration, bei der 100 000 Menschen seinem Sarg folgten und dabei riefen: „Wir sind alle Hrant Dink! Wir sind alle Armenier!“ Hrant Dink hat einmal gesagt, dass beide Völker auf ihre Weise krank seien: „Die Armenier leiden an einem Trauma und die Türken an Paranoia.“ Könnte die Wahrheit womöglich die Heilung bringen?

Fußnoten: 1 Fethiye Cetin, „Meine Großmutter: Erinnerungen“, Engelschoff (Verlag Auf dem Ruffel) 2011. 2 Ayse Gül Altinay und Fethiye Cetin, „Les Petits-Enfants“, Arles (Actes Sud) 2011. 3 Laurence Ritter und Max Sivaslian, „Les restes de l’épée. Les Arméniens cachés et islamisés de Turquie“, Paris (Thadée) 2012. 4 Siehe zum Beispiel Joseph Yacoub, „Qui s’en souviendra? 1915: Le génocide assyro-chaldéo-syriaque“, Paris (Éditions du Cerf) 2014. 5 Rifat Bali, „Model Citizens of the State: The Jews of Turkey during the Multi-Party Period“, New Jersey (Fairleigh Dickinson UP) 2012, S. 9–10. 6 Siehe Raymond Kévorkian, „The Armenian Genocide: A Complete History“, London (I. B. Tauris) 2011. 7 Siehe Kendal Nezan, „Verbrecher mit Diplomatenpass“, Le Monde diplomatique, Juli 1998, sowie Ryan Gingeras, „Heroin, Organized Crime, and the Making of Modern Turkey“, Oxford (Oxford UP) 2014. 8 Siehe beispielsweise Vahakn Dadrian und Taner Akcam, „Judgement at Istanbul: The Armenian Genocide Trials“, Oxford/New York (Berghahn Books) 2011. 9 Einige der Aufsätze finden sich in Ronald Suny und Müge Göcek, „A Question of Genocide: Armenians and Turks at the End of the Ottoman Empire“, Oxford (Oxford UP) 2013. 10 Agos ist die erste zweisprachige türkisch-armenische Wochenzeitung der Türkei. Sie erscheint in Istanbul.

Aus dem Englischen von Nicola Liebert Vicken Cheterian ist Journalist und der Autor von „Armenians, Turks, and a Century of Genocide“, London (Hurst & Company) 2015.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2015,