13.07.2001

Der Zorn der Kabylen

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Der Zorn der Kabylen

Von IGNACIO RAMONET

OBWOHL die gewaltsame Unterdrückung des Aufstands bereits mehr als sechzig Menschenleben gekostet hat, weitet sich der Protest aufgebrachter Bürger in Algerien aus. Er begann am 18. April in der Kabylei, als Gendarmen in Beni Douala einen jungen Gymnasiasten mit dem symbolträchtigen Namen Massinissa Guermah1 ermordeten. Nicht zufällig ist die neuerliche Revolte in einer Region entbrannt, die sich vom übrigen Algerien kulturell abhebt und traditionell als aufrührerisch gilt. Hier fand 1871 der Große Kabylenaufstand statt, und er wurde damals von denselben französischen Generälen im Blut erstickt, die schon die Pariser Kommune niedergeschlagen hatten. Hier, wo sich die koloniale Unterdrückung besonders brutal zeigte, fanden in den Jahren 1954 bis 1962 die entscheidenden Kämpfe im Unabhängigkeitskrieg statt. Und hier brach im „Berber-Frühling“ am 20. April 1980 die Studentenrevolte aus, die eine Anerkennung der unterdrückten Amazigh-Kultur forderte.

Im Laufe zahlreicher Invasionen wurden die Kabylen2 ebenso wie andere Gruppierungen des nordafrikanischen Amazigh-Volkes (der „Berber“) nach und nach in die Bergregionen abgedrängt und dort isoliert. Rom assimilierte nur einen kleinen Teil der Berber, auch die Christianisierung blieb relativ erfolglos, und der Islam konnte erst im 12. Jahrhundert endgültig Fuß fassen, 400 Jahre nach seinem Siegeszug durch Arabien.

In einer feindlichen Umwelt lernten die Kabylen, ihre kulturelle Eigenheit hartnäckig gegen äußere Einflüsse zu verteidigen. Das findet Ausdruck in ihrer Weigerung, sich zu unterwerfen, der Bewahrung ihrer eigenen Sprache, des Tamazight, in der Liebe zu ihrem Land, ihrer besonderen Lebensweise, einer einzigartigen Literatur. Und in einem auf dörflicher Selbstverwaltung beruhenden Regierungsprinzip, das tief in den Sitten und Gebräuchen verankert ist: unmittelbare und strenge Kontrolle einer gewählten Zentralgewalt. Diese Form der partizipativen Demokratie erlebt in einem Verbund von „Dorfräten“ („urusch“) derzeit einen neuen Frühling und verleiht dem Aufstand den Charakter eines spontanen Volksprotestes (siehe den Beitrag von Ghania Mouffok, Seite 8). Den traditionellen Parteien – inklusive den in der Kabylei verwurzelten politischen Gruppierungen – begegnen die Bürger hingegen mit Misstrauen.

DIE Hoffnung auf eine stärkere Anerkennung ihrer kulturellen Eigenheiten – auch der Anerkennung des Tamazight als eine der offiziellen Landessprachen3 – ist eine Konstante der kabylischen Forderungen, wie im Übrigen auch der anderen Amazigh-Gruppen im Maghreb, in Algerien wie in Marokko (Rif, Atlas, Sous). Diese auf die eigene Identität zielenden Forderungen gehörten zwar vor Ort zu den Auslösern des Widerstands, bilden aber keineswegs das Hauptziel der Aufständischen. Behauptungen, sie wollten „die Teilung Algeriens“ oder sie verfolgten „ethnische Ziele“, sind nichts als Propaganda. Die massive Mobilisierung der letzten Wochen, die in die gigantische Demonstration in Algier am 14. Juni mündete, wurde mit Parolen gegen eine bestimmte Politik geführt, die das Land insgesamt betrifft. Die kabylischen Demonstranten haben ausdrücklich klar gemacht, dass sie das ethnische Stereotyp nicht bedienen werden, sondern im Interesse aller Algerier gegen ein verfaultes System rebellieren.

Dass dies keine leeren Worte waren, zeigte sich daran, dass der Aufstand auch auf Regionen übergriff, die nicht zur Kabylei gehören, aber ebenso unter Wohnungsmangel, verfallenden Straßen, Unterbrechungen der Strom- und Wasserversorgung, gewalttätigen Übergriffen der Ordnungskräfte, Willkür, Hoffnungslosigkeit, fehlender Demokratie, Korruption, Arbeitslosigkeit und Elend zu leiden haben. Der derzeitige Protest geht in seiner Grundsätzlichkeit weit über Forderungen nach Anerkennung hinaus. Vielmehr handelt es sich um eine grundsätzliche Ablehnung des Systems mit seiner Mischung aus Terror und Korruption – ein politischer, sozialer und ebenso ein moralischer Aufstand.

Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, und rund vierzig Prozent der Erwerbsbevölkerung sind arbeitslos. Die letzten zehn Jahre waren geprägt von militärischen Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und aufständischen Islamisten – ein Krieg, der „als einer der blutigsten der Welt“4 gilt und den Vorwand für die Fortschreibung eines archaischen, repressiven und undurchschaubaren politischen Systems lieferte. Noch immer liegt die Macht im Wesentlichen in den Händen einer Clique von Militärs, die alle entscheidenden Schalthebel der Wirtschaft kontrolliert und nur in die eigene Tasche wirtschaftet.

Von 1998 bis 2000 haben sich die Erlöse aus dem Export von Erdölprodukten, dem Hauptreichtum des Landes, nahezu verdoppelt. Die Bevölkerung bekam von diesem Geldsegen, rund 25 Milliarden Euro, so gut wie nichts zu sehen. Allerdings nahm die soziale Ungleichheit weiter zu, und die Regierung schien in ihrem unerschütterlichen Autismus nicht im Geringsten daran interessiert, etwas zu verändern. Nur zu verständlich, dass die „Hoffnungslosen“ nun auf die Straße gegangen sind und mit ihrer Parole „Wir kennen kein Pardon!“ eine Art von gesellschaftlicher Generalabrechnung fordern.

Fußnoten: 1 Massinissa hieß im 2. Jh. v. Chr. der mächtigste König Numidiens, eines alten Berber-Reiches, dessen Gebiet sich ungefähr mit dem heutigen Nordalgerien deckt. 2 Das Wort stammt vom arabischen „kbail“ (Stamm) ab und fand als „kabyle“ Eingang in die französische Sprache. Im 18. Jahrhundert tauchte es in der englischen Reiseliteratur auf. 3 Laut Präambel der Verfassung von 1996 gründet die algerische Identität auf der arabischen, der islamischen und der Amazigh-Kultur. 1995 wurde ein Hochkommissariat für Amazigh-Kultur gegründet, und die Berber-Sprache Tamazight wird in immer mehr Schulen unterrichtet. Dazu das Dossier „Que veulent les Berbères?“, Jeune Afrique-L’Intelligent, Paris 24. April 2001. 4 International Herald Tribune, 16. Juni 2001.

Le Monde diplomatique vom 13.07.2001, von IGNACIO RAMONET