17.05.2002

Die Herren der Netze

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Die Herren der Netze

Anfangs ging es um Wasser und öffentliche Versorgungsbetriebe, und zwar nur in einem einzigen Land: Frankreich. Dann bekam das Unternehmen einen anderen Namen: Vivendi Universal. Und es wuchs. Wenn der weltweit zweitgrößte Medienkonzern und größte private Arbeitgeber Frankreichs, Vivendi-Universal, jetzt kränkelt, ist nicht nur die Medienbranche betroffen. Die Vertrauenskrise droht auch die Finanzmärkte insgesamt zu erfassen.

Von IGNACIO RAMONET

WIE ein riesiges Spinnennetz spannt sich die „globale Informationsgesellschaft“ über den Globus der „World Culture“. Unterstützt durch die digitale Revolution breitet sich eine Informationsinfrastruktur über unsere Erde aus, die eine wechselseitige Durchdringung von Telekommunikationsdiensten und Massenkultur begünstigt. Datenverarbeitung, Telefonieren und Fernsehen verschmelzen zur multimedialen Einheit. Das vor zehn Jahren noch unbekannte Internet revolutioniert den Kommunikationssektor.

Drei Zeichensysteme stehen uns für unsere Kommunikation zur Verfügung: Schrift, Ton und Bild. Jedes hat seine eigene Technik, sein eigenes System hervorgebracht: Aus der Schrift ergaben sich das Verlagswesen, Buch und Zeitung, Satz und Druck, die Schreibmaschine; aus dem Ton entstanden die Sprache, Telefon und Radio, Tonband und Schallplatte, das Bild brachte Malerei und Gravur, Fotografie und Comics, Film, Fernsehen und Video hervor.

Mit der industriellen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts übernahm die Dampfmaschine, was bis dahin von menschlicher Muskelarbeit und Körperkraft geleistet worden war; mit dem technologischen Wandel von heute werden Funktionen nicht der Muskeln, sondern des Gehirns ersetzt. Im Zuge der digitalen Revolution konvergieren die drei Zeichensysteme zu einer Einheit: Schrift, Ton und Bild finden ihren gemeinsamen Ausdruck im Bit. Nullen und Einsen transportieren unterschiedslos Text, Ton und Bild über ein System, das mit Lichtgeschwindigkeit arbeitet. Dadurch wurde der Medien- und Unterhaltungssektor von Grund auf verändert und eine beispiellose Fusions- und Konzentrationswelle ausgelöst.

Im Lauf der letzten Jahre schlossen sich Elektronikhersteller mit Telefongesellschaften, Kabelnetzbetreibern und Verlagshäusern zu integrierten Mediengiganten zusammen. Der Umsatz der Kommunikationsindustrie im weiteren Sinn lag 1995 bei 1 000 Milliarden Euro, in fünf Jahren wird er sich voraussichtlich verdoppelt haben und 10 Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes erreichen.

Die Megaunternehmen der Computer-, Telefon- und Fernsehindustrie wittern in der Digitaltechnologie fantastische Gewinnchancen. Sie wissen aber auch, dass ihr angestammtes Territorium nicht länger gegen Eindringlinge geschützt ist, dass die Großen der angrenzenden Sektoren ein begehrliches Auge auf ihr Jagdgebiet werfen. Die Telefongesellschaft will ins Film- und Fernsehgeschäft einsteigen, der Datenverarbeiter möchte Videospiele produzieren, der Wasserversorger Mobiltelefonnetze betreiben, verschlüsseltes Privatfernsehen anbieten, Musik vermarkten.

Die Kommunikationsbranche hat sich zu einer Schwerindustrie entwickelt, vergleichbar der Stahlindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder der Automobilindustrie der 1920er-Jahre. Sie ist inzwischen der Sektor mit dem höchsten Investitionsvolumen. Sämtliche Netzbetreiber, vor allem die Anbieter von allem, was sich in irgendwelchen Leitungen transportieren lässt – Wasser, Gas, elektrischer Strom, Sprach- und Bildimpulse, Eisenbahn- und Straßentransporte –, wollen einen Teil des neuen Eldorados unter ihre Kontrolle bringen.

Die Warlords in diesem Krieg um die Netze, die weltbeherrschenden Megakonzerne, sind überall dieselben: AmericaOnline hat Netscape, Intel und Time-Warner-CNN aufgekauft, Vivendi-Universal hat Havas, Canal+, USA Networks und die Seagram-Gruppe übernommen; AT&T ist Weltmarktführer im Telefoniebereich; Microsoft beherrscht die Softwareindustrie und will mit der X-Box den Markt für Spielekonsolen erobern; General Electric übernahm vor kurzem das Fernsehnetz NBC; NTT beherrscht den japanischen Telefonmarkt; Disney kaufte das Fernsehnetz ABC; Bertelsmann dominiert die Kommunikationsbranche in Deutschland; zum Pearson-Imperium gehören die Financial Times, Penguin Books und BBC Prime; Prisa ist der führende Kommunikationskonzern Spaniens, und dann gibt es natürlich noch IBM, Viacom, Rupert Murdochs News Corporation, Telefónica, France Télécom, Bouygues, die Lyonnaise des Eaux und andere mehr.

Bei dieser großen Transformation des Kapitalismus dominiert die Logik des Vernichtens. Es geht nicht um Bündnisse, sondern um Kontrolle und feindliche Übernahmen. Die Akteure dieses Krieges sind die so genannten Content Provider, die Inhalteproduzenten der Print-, Ton- und Bildmedien ebenso wie die Telekommunikations- und Softwarefirmen, die diese Inhalte aufbereiten, übertragen, verarbeiten, ver- und entschlüsseln. Der Reichtum, auf den es die neuen Raubtierkapitalisten abgesehen haben, sind die unaufhörlich anwachsenden Datenströme: Gespräche, Mitteilungen, Texte, Bilder, Musik, Filme, Sendungen, Spektakel, Nachrichten, Börsendaten, Zeichen jedweder Art. In den letzten zwanzig Jahren hat die Welt mehr Informationen hervorgebracht als während der vorangegangenen 5 000 Jahre.

Jeder dieser Herren der Netze will sich als alleiniger Kommunikationspartner des Bürgers positionieren, ihm Informationen, Unterhaltung, Ablenkung, Sport, Kultur, berufliche Dienstleistungen, Finanzdaten liefern. Und ihn mit allen verfügbaren Mitteln – Telefon, Handy, Fax, Kabel- und Satellitenfernsehen, Computer, E-Mail und Internet – in den Zustand allgemeiner Vernetztheit versetzen.

Realisierbar ist dieses Ziel nur unter der Voraussetzung, dass sämtliche Inhalte ungehindert um den Globus zirkulieren. Aus diesem Grund hat das Land, in dem das Internet erfunden wurde und die führenden Unternehmen der Branche ihren Sitz haben, sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen, um der Deregulierung zum Durchbruch zu verhelfen. Die Öffnung der Grenzen möglichst vieler Länder für den „freien Fluss der Informationen“ läuft darauf hinaus, diese Staaten den US-amerikanischen Raubtierkapitalisten zum Fraß vorzuwerfen.

Die Europäische Union hat die Liberalisierung des Telefonmarkts am 1. Februar 1998 beschlossen. Da vorhersehbar war, dass auf den nationalen Märkten ein harter Konkurrenzkampf ausbrechen würde, wurden die Telefonmonopole abgeschafft und die staatlichen Anbieter privatisiert. Die staatlichen Unternehmen British Telecom und Telefónica (Spanien) wurden privatisiert, während die französische und die deutsche Telekom einen Teil ihres Kapitals auf den Aktienmarkt warfen.

Was die neuen Raubtierkapitalisten vor allem anderen interessiert, ist die Frage, wie viele Kunden ihr Medienangebot nutzen, wie viele Zuschauer ihr Bezahlfernsehen abonnieren, wie viele Surfer das Internet durch ihr Portal betreten. Die Menge der „User“ gilt fortan als der wahre Reichtum eines Mediums, nicht der Inhalt oder das Team, das ihn produziert. Dies ist etwas völlig Neues. Bislang verkauften die Medien Informationen oder Unterhaltung an Bürger. Nun verkaufen sie Verbraucher (Leser, Zuhörer, Zuschauer und Surfer) an Werbetreibende. Je höher dabei die Zahl der (vorzugsweise wohlhabenden) Konsumenten, desto teurer die Anzeigen.

Nur deshalb können Informationen seit neustem kostenlos angeboten werden. Sie fungieren im Internet gewissermaßen als Lockvogel für das „Eigentliche“: die Reklame. Über 3 000 Zeitungen – von den Radio- und Fernsehsendern ganz zu schweigen – sind im Netz derzeit gebührenfrei zugänglich.

Um im weltweiten Konkurrenzkampf zu überleben, steuern die Herren der Netze zwei Ziele an: hinreichende Unternehmensgröße und Diversifizierung. Das geltende Kartellrecht wird immer weniger respektiert. Drei der maßgeblichen Mediengiganten – AOL-Time-Warner, Viacom und die News Corporation – haben kürzlich vor Gericht die Aufhebung des Verbots bestimmter Unternehmenszusammenschlüsse erwirkt.1 So konnte Viacom die Sendeanstalt CBS erwerben, und nichts kann mehr verhindern, dass AOL zum Beispiel NBC aufkauft, das einstweilen noch zu General Electric gehört. Selbst die übelsten Tricks scheinen in dieser Atmosphäre allgemeiner Konkurrenz erlaubt. Der Chef der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF, Louis Gallois, meinte: „Jedes Mal wenn ich mit den Großen der Telefonbranche spreche, habe ich den Eindruck, einen Raubtierkäfig zu betreten.“2

In Frankreich übernahm am 6. Februar 1997 der damals noch unter „Générale des Eaux“ bekannte Vivendi-Konzern3 die Nachrichtenagentur Havas und den Fernsehsender Canal+. Ziel der Operation war es, „in einer einzigen Mediengruppe sämtliche Kompetenzen zu vereinigen, die insbesondere zu ihrer internationalen Weiterentwicklung erforderlich sind“, und ein „integriertes Medienunternehmen von globalem Ausmaß“ zu schaffen. Vivendi-Chef Jean-Marie Messier erklärte die Notwendigkeit dieser Fusion mit „der raschen Konvergenz der Telekommunikations- und Medienbranche“ und führte weiter aus: „Es wird nicht mehr lange dauern, bis Bild, Ton, Multimedia und Internet über einen einzigen Anschluss ins Haus kommen. Diese Entwicklung hat bereits begonnen. In zwölf bis achtzehn Monaten wird der Markt so weit sein. Aus diesem Grund bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir unsere Margen nur dann sichern können, wenn wir die gesamte Verwertungskette beherrschen: Inhalte, Produktion, Vertrieb und Abonnement.“4

Treffender lässt sich die Ambition der neuen Titanen der Informationsindustrie wohl kaum beschreiben. Alles, was über die Netze zirkuliert – ob Filme, Fernsehsendungen, Musik oder geistige Kreationen –, gilt ihnen als Kommunikation, ergo in erster Linie als Ware, über die ihre Unternehmen nach Gutdünken und getreu den Gesetzen des Markts verfügen sollen. Nun herrscht aber derzeit überall Hyperkonkurrenz, die Aktionäre fordern fantastische Renditen. „Eine Firma wie Vivendi“, schreibt Messier, „gehört den Aktionären und nur den Aktionären. Die Unternehmensleitung macht Vorschläge, der Verwaltungsrat trifft Entscheidungen, doch das letzte Wort hat der Markt, der die Börsenkurse fallen oder steigen lässt.“5

In einer Welt, in der die Massenkommunikation und -kultur in den Händen solcher Herren liegt, können der französische Kulturschutz und das künstlerische Schaffen allgemein wohl nichts anderes sein als ein Archaismus oder eine Fata Morgana.

dt. Bodo Schulze

Fußnoten: 1 Le Figaro, 4. März 2002. 2 Le Nouvel Observateur, Paris, 20. Februar 1997. 3 In einem Gespräch mit Philippe Sollers erklärte Jean-Marie Messier die Namenswahl für seinen Konzern folgendermaßen: „Ich liebe Musik, die lateinische Kultur. Der Name Vivendi gefiel uns, weil er aus dem Lateinischen kommt, gewissermaßen als Anspielung auf die Geschichte Europas, gleichzeitig aber auch als Symbol für Lebensbejahung und Zukunftsorientierung“ (Air France Magazine, Paris, Januar 2002). 4 Le Monde, 8. Februar 1997. 5 Jean-Marie Messier, „j6m.com. Faut-il avoir peur de la nouvelle économie?“, Paris (Le Livre de poche) 2001.

Le Monde diplomatique vom 17.05.2002, von IGNACIO RAMONET