14.06.2002

Wir wollen keinen weltfremden Islam

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Wir wollen keinen weltfremden Islam

BEI ihrem Treffen Ende Mai im saudischen Dschidda erklärten die sechs Mitgliedstaaten des Golf-Kooperationsrates ihre Besorgnis im Hinblick auf die Lage in Palästina und einen möglichen Angriff der USA auf den Irak. In den Staaten der Golfregion tun sich als lauteste Stimmen des Protests gegen „den Westen“ die islamistischen Organisationen hervor. Diese stehen auch deshalb unter Rechtfertigungsdruck, weil einige ihrer Mitglieder in die Anschläge vom 11. September verwickelt waren. Doch die Islamisten sind untereinander gespalten und unsicher, welche Art von islamischer Gesellschaft sie anstreben – vor allem in Kuwait.

Von WENDY KRISTIANASEN *

.„Ich bin dafür, dass Frauen das Recht bekommen, zu wählen und sich für einen Parlamentssitz zu bewerben. Aber ich glaube auch, dass Frauen eigene Schulen und Universitäten besuchen sollten. Beide Forderungen sind für mich religiös begründet“, sagt Dr. Hassan Joha. Kuwaits Frauen haben kein Wahlrecht – und von diesem Sommer an sollen sie auf eigene Universitäten gehen. Dr. Joha ist Abgeordneter der kuwaitischen Nationalversammlung, eines der wenigen gewählten Legislativorgane in der Golfregion. Der Schiite Joha sieht sich als gemäßigten, unabhängigen Islamisten. Auch die sunnitische Muslimbruderschaft will Frauen das Wahlrecht gewähren, doch der politische Arm der Organisation, die Islamische Verfassungsbewegung (ICM), hat dagegen gestimmt.

Im Mai 1999, das Parlament war gerade suspendiert, hatte der Emir von Kuwait verfügt, dass Frauen das aktive wie passive Wahlrecht erhalten. Das Wahlalter wurde von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Doch dann weigerte sich das Parlament, den Erlass des Emirs zu ratifizieren. Als die liberale Opposition ein neues Gesetz vorlegte, fehlten zwei Stimmen zur Mehrheit. Dieser Rückschlag war paradoxerweise eine Nebenfolge des Demokratisierungsprozesses, den die Herrscherfamilie der al-Sabah eingeleitet hatte. Einerseits wird die kuwaitische Regierung nicht vom Parlament gewählt, sondern von der Herrscherfamilie ernannt, deren Mitglieder viele Ministerposten besetzen; andererseits gibt es eine vorbildliche Verfassung und rechtsstaatliche Strukturen, eine offene Presselandschaft und ein Parlament mit fünfzig gewählten Mitgliedern.

Das islamistische Lager aus Schiiten und Sunniten hat bei den Wahlen vom 3. Juli 1999 von den fünfzig Sitzen achtzehn erobert und ist damit stärkste Kraft im Parlament. Sechs ihrer Sitze fielen an Schiiten und zwölf an Sunniten. Unter den sunnitischen Abgeordneten gehören fünf zur politischen Front der Muslimbruderschaft, der ICM, und drei zu den so genannten Salafisten1 . Die übrigen vier sind unabhängige Islamisten, vorwiegend Beduinen.

Der Emir hatte den Beduinen in den 1970er-Jahren die Staatsbürgerschaft verliehen, weil er sie für eine willfährige Gegenkraft gegen die mächtige Klasse der Händler und deren progressive, von arabischen Nationalisten und Sozialisten beeinflusste Verbündete hielt. Doch der Emir hatte nicht damit gerechnet, dass die Beduinen ihren Bildungsrückstand aufholen würden, erklärt Schamlan al-Essa von der Fakultät für Politische Wissenschaft der Universität Kuwait: „Die Regierung konnte sie nicht mehr kontrollieren, und sie wandten sich den Islamisten zu.“ Seitdem rekrutieren die sunnitischen Islamisten, mittlerweile stärkste politische Kraft in Kuwait, ihren Anhang unter den Beduinen – dem nach wie vor konservativsten Teil der kuwaitischen Gesellschaft.

Rechtsanwalt Dr. Jaakub Hajati, der Repräsentant Kuwaits im Golf-Kooperationsrat GCC2 , meint dazu: „Kuwait ist eine religiöse Gesellschaft; sie ist konservativ, aber nicht fanatisch. Vor dem Öl waren wir Seefahrer, die fühlten, dass ihr Schicksal in Gottes Hand liegt.“

Kuwaiter sind nur die knapp eine Million Staatsbürger des Emirats, von denen zwei Drittel Sunniten und ein Drittel Schiiten sind. Die etwa gleich vielen Ausländer, die keine kuwaitische Staatsbürgerschaft besitzen, kommen in der politischen Debatte praktisch nicht vor. Das Land ist noch immer traumatisiert durch die irakische Invasion vom August 1990. Seitdem sind die Kuwaiter den USA und ihren Verbündeten sehr dankbar, und entsprechend eng fühlen sie sich den USA verbunden.

Kioske fürs Spendensammeln

DIE sunnitischen Islamisten bilden im Parlament einen islamischen Block. Der verurteilte, mit den schiitischen Islamisten und anderen Fraktionen, sowohl die terroristischen Aktionen vom 11. September als auch die Intervention der USA in Afghanistan. Der 11. September traf die kuwaitischen Islamisten auch deshalb wie ein Schock, weil Suleiman Abu Ghaith, der Sprecher von al-Qaida, kuwaitischer Staatsbürger ist. Auch gab es Berichte über Kuwaiter, die in Afghanistan kämpfen oder als Gefangene in Guantánamo sitzen. Im Januar 2002 reiste US-Finanzminister Paul O‘Neill an, um die Finanzierungsquellen für die al-Qaida zu blockieren3 . Es folgte eine umfassende Aktion gegen alle nicht offiziell genehmigten Spendenaktivitäten der Islamisten, wobei man vor allem Hunderte von kurshk schloss (Kioske, über die islamische Spendensammlungen laufen).

Die Ereignisse in Palästina haben diesen Druck vorübergehend gemildert. Islamisten und progressive weltliche Kräfte vergaßen ihre Differenzen, die Islamisten machten bei den Solidaritätsdemonstrationen für das palästinensische Volk (und die Hamas) in vorderster Reihe mit – obwohl die Kuwaiter es Jassir Arafat noch nicht verziehen haben, dass er sich bei der irakischen Invasion hinter Saddam Hussein gestellt hatte. Deshalb wurden nach dem Golfkrieg die meisten der 400 000 im Emirat lebenden Palästinenser ausgewiesen. Den liberalen politischen Kräften kam es gerade recht, dass die Aktivitäten der Islamisten nach dem 11. September genauer durchleuchtet und die Spendenfonds, deren Geld für das Ausland bestimmt war, der Kontrolle eines staatlichen Komitees unterstellt wurden.

Dem Gesetz zur Geschlechtertrennung an der Universität von Kuwait hat die Regierung aus taktischen Gründen zugestimmt, ohne die öffentliche Empörung darüber vorauszusehen. 70 Prozent der Studierenden sind Frauen, männliche Studenten studieren vorwiegend im Ausland. Wie der Politikwissenschaftler al-Essa meint, arbeiten die Frauen härter, denn das Studium ist für sie „die einzige Möglichkeit, aus dem Haus zu kommen“. Auf dem Campus sitzen die Studentinnen separiert von ihren männlichen Kollegen. Die meisten tragen lange Röcke, Jeansjacken, Kopftücher und reichlich Make-up. Einige tragen auch Jeans oder knielange Röcke, das lange Haar unbedeckt.

Die Islamisten wollen die Rolle der Scharia, auf der das kuwaitische Personenstandsrecht beruht, noch ausweiten. Sie wollen Artikel 2 der Verfassung ändern, der die Scharia als „eine Hauptquelle der Gesetzgebung“ bezeichnet; diesen Wortlaut wollen sie durch „die Quelle der Gesetzgebung“ ersetzen. Und sie haben es auf den Artikel 79 abgesehen, wie Dr. Ahmad al-Baghdadi, Professor an der Universität Kuwait, berichtet. Artikel 79 lautet: „Kein Gesetz darf verkündet werden, ohne dass es von der Nationalversammlung verabschiedet und vom Emir sanktioniert wurde.“ Die Islamisten wollen einfügen „und der Scharia entspricht“.

Nasser al-Sane ist 46 Jahre alt und nach seinem Auslandsstudium ein sehr westlich geprägter Mensch. Gegenüber ausländischen Frauen gibt sich al-Sane freundlich und ungezwungen. Der Abgeordnete der ICM gibt zu, dass die Islamisten „die Scharia gerne auf andere Gebiete ausdehnen würden, aber wir müssen langsam vorgehen und das Terrain vorbereiten. Wir wollen keinen weltfremden Islam.“ Der sunnitische ICM macht sich Gedanken selbst über das Bankensystem, das Erziehungs- und sogar das Gesundheitswesen. Es gibt bereits eine Finanzinstitution, die nach islamischen Grundsätzen funktioniert: Das „Kuwaitische Finanzhaus“ wird von der Regierung mit einer großen Kreditsumme von angeblich über 100 Millionen Dollar unterstützt und vergibt leicht zugängliche und zinsfreie Kredite.

Die kuwaitischen Schiiten wollen überkommene Ungleichheiten verändern. Auch fordern sie eine Entschuldigung für den während des Iran-Irak-Kriegs erhobenen Vorwurf, eine „fünfte Kolonne“ des Iran zu sein. Doch der Vorwurf ist verstummt, seit die Schiiten sich während der irakischen Invasion als loyale Kuwaiter erwiesen haben. Politisch sind sie nicht so gut organisiert wie die Sunniten und auch weniger homogen. In den tagespolitischen Fragen kooperieren sie je nachdem mit unterschiedlichen Bündnispartnern. Nach Abdel Wahhab al-Wazan, liberaler Schiit und ehemaliger Minister, könnten sie mehr als die gegenwärtig sechs Abgeordneten stellen, wenn sie besser organisiert und einiger wären: „Wir können uns zwar über außenpolitische Fragen wie Palästina verständigen, aber nicht über Fragen des Islam, da sind wir einfach zu gespalten.“

Die Salafisten sind zwar politisch präsent, konzentrieren sich aber auf ethische Fragen. Ihr Hauptvertreter, die „Gruppierung der Islamischen Salafi“, hat zwei Parlamentssitze. Einen davon besetzt der Minister für Justiz und für Islamische Stiftungen. Dessen Frau ist zwar Apothekerin, aber er ist gegen das Frauenwahlrecht: „Es wird unsere ganze Lebensweise verändern. Wir wollen den Islam nicht aufzwingen, wie in Iran bei der Einführung des Tschadors; aber wir wollen ihn fördern.“

Von der Hauptgruppierung abgespalten hat sich die „Bewegung der Salafisten“, auch bekannt als „Wissenschaftliche Salafisten“. Ihr einziger Abgeordneter in der Nationalversammlung, Walid Tebtaba‘i, erklärt die Differenzen zwischen seiner Gruppierung und dem ICM für „überwunden“. Doch ICM-Generalsekretär Ismail Schati hält die Salafisten immer noch für „so etwas wie die Wahhabiten“4 und unterstellt ihnen Verbindungen zu den Taliban.

Das ICM wurde 1991 von der Muslimbruderschaft gegründet, die in Kuwait eine bewusst unauffällige Existenz führt. Die Kuwaiter Sektion geht auf Mitglieder der ägyptischen Muslimbruderschaft zurück, die 1928 von Hassan al-Banna in Ismailia gegründet wurde. Al-Bannas Bewegung verbreitete sich schnell über die arabische Welt und darüber hinaus. Bis heute beansprucht die ägyptische Organisation unter den nationalen Bruderschaften eine Führungsrolle.5 Für die kuwaitische Organisation bedeutete die irakische Invasion eine Katastrophe und den Bruch mit der internationalen Bewegung.

Für den Konflikt zwischen ICM-Generalsekretär Schati und der internationalen Bruderschaft gibt es zwar viele Belege, aber hier wie in Ägypten glauben viele, die kuwaitischen Muslimbrüder seien längst in den Schoß der Mutterorganisation zurückgekehrt und tatsächlich deren Finanzier.

Wie aber steht die kuwaitische Regierung zu ihren einheimischen Islamisten? Wie weit ist es mit der Aufdeckung der islamistischen Strukturen gediehen, die durch den 11. September in Gang gekommen ist? Niemand kann genau wissen, ob die Maßnahmen gegen das unkontrollierte Spendenwesen in der islamistischen Bewegung gegriffen haben.6 Überdies befasst sich die Herrscherfamilie derzeit weniger mit den Regierungsgeschäften als mit der Frage, wer die Nachfolge von Emir Dschabir al-Ahmad al-Sabah antreten soll, der über siebzig und bei schlechter Gesundheit ist. Die Frage ist, ob die Familie al-Sabah tatsächlich gewillt ist, das politische Gleichgewicht zu verändern, denn das hat sie – getreu dem Prinzip „teile und herrsche“ – schließlich selbst etabliert. Insgesamt dürfte es ihr immer noch leichter fallen, sich gegen die Islamisten zu behaupten, als gegen die säkularen Liberalen.

aus dem Engl. von Niels Kadritzke

* Publizistin, London; Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe von Le Monde diplomatique

Fußnoten: 1 Das Wort „Salafisten“ bezieht sich auf die ersten Muslime (salaf, die „Vorfahren“). Die gleichnamige fundamentalistische Bewegung wurde von dem berühmten ägyptischen Vordenker Raschid Rida (1865–1935) gegründet. Politisch und gesellschaftlich aktiv sind die Salafisten in Kuwait erst seit Beginn der 1980er-Jahre. 2 Im Golf Cooperation Council (GCC) arbeiten folgende Staaten zusammen: Kuwait, Katar, Oman, Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate. 3 Spendenorganisationen sind u. a. das „Unterstützungskomitee für Afghanistan“ und die afghanische und pakistanische Filiale der „Revival of Islamic Heritage Society“ (RIHS). Siehe: Außenministerium der USA, International Information Programmes, 9. Januar 2002. 4 Die Bewegung der Wahhabiten ist benannt nach ihrem Gründer Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der seit etwa 1730 auf der arabischen Halbinsel wirkte. Die Bewegung wird von der Al-Saud-Familie unterstützt und zeichnet sich durch einen extremen Glaubenseifer aus. In Kuwait ist „Wahhabiten“ ein abwertender Begriff. 5 Siehe Wendy Kristianasen, „Die Muslimbrüder orientieren sich neu“, Le Monde diplomatique, April 2000. 6 Ahmad Bishara, Generalsekretär der Nationaldemokratischen Bewegung und führender Liberaler, macht geltend, man habe keine Belege über die Geldsammlungen der überwiegend illegalen etwa 160 Stiftungen gefunden.

Le Monde diplomatique vom 14.06.2002, von WENDY KRISTIANASEN