09.06.2022

Energiekrieg

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Energiekrieg

Die Sieger stehen schon fest

von Mathias Reymond und Pierre Rimbert

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Mit tiefer Verbeugung und verlegenem Lächeln bezeugte der deutsche Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck dem katarischen Scheich Tamim bin Hamad al-Thani am 20. März 2022 seinen Respekt. Es war kein guter Tag für den ökologischen Umbau und die „Diplomatie der Werte“, die dem prominenten Grünen so am Herzen liegen.

Habecks Einknicken vor dem Emir von Katar und tags darauf sein Kotau vor dessen Amtskollegen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) dienten dem Zweck, klimapolitisch nicht ganz so korrekte Energie einzukaufen: Flüssigerdgas (LNG) als Ersatz für das russische Gas, das bis dato die deutsche Wirtschaft am Laufen gehalten hat. Die Fotos von dieser Visite stehen sinnbildlich für das, was der russische Krieg in der Ukraine und die westlichen Sanktionen gegen Moskau in Europa angerichtet haben. Binnen weniger Wochen hat die Frage der Energiesicherheit die Klimafrage eingeholt und verdrängt.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist die Versorgung mit fossilen Ressourcen für Staaten und Imperien eine so wichtige Frage, dass sie stets bereit waren, ihre Energiesicherheit mit allen Mitteln zu gewährleisten: Sie haben Menschen ausgebeutet, Landschaften um­gestaltet, andere Kontinente kolonisiert, Verbündete zu Vasallen gemacht und Re­gio­nen besiedelt oder entvölkert.

Zwischen 2007 und 2011 war Exxon Mobil die Nummer eins an der Wall Street, zwischenzeitlich abgelöst von Petrochina. Heute jedoch gehört den Ölmultis von den zehn wertvollsten Aktiengesellschaften der Welt nur noch die teilprivatisierte Saudi Aramco. Acht der zehn kapitalstärksten AGs sind Hightech-Giganten.

Das digitale Zeitalter, das seine energieintensive Infrastruktur hinter kleinen Displays verbirgt, und der mühsam vorangehende Umstieg auf erneuerbare Ressourcen haben eine offenkundige Tatsache aus dem Blickfeld gerückt, die Generationen westlicher Staats- und Regierungschefs Kopfschmerzen bereitet hat: Die Souveränität und Macht der Staaten hängt vom Zugang zu Energiequellen ab.

Drei Monate nach dem Beginn der russischen Invasion tobt jenseits der Ukraine eine Schlacht um die Energie, bei der bereits absehbar ist, wer zu den Verlierern und wer zu den Nutznießern zählt. Europa und vor allem Deutschland gehören ohne Zweifel zur ersten Gruppe.

Die EU hat sich seit Kriegsbeginn gleich zwei fahrlässige Entscheidungen geleistet. Zum einen hat man Europas massive Abhängigkeit vom russischen Gas (Anfang 2002: 45 Prozent) und vom russischen Erdöl (27 Prozent) überstürzt statt planvoll reduziert, ohne über eine ähnlich zuverlässige und bezahlbare Ersatzlösung zu verfügen. Am 8. März 2022 präsentierte die Brüsseler Kommission das Programm REPowerEU1 mit dem erklärten Ziel, „Europa deutlich vor 2030

von fossilen Brennstoffen aus Russland unabhängig zu machen“. Konkret sollen die russischen Gaslieferungen, die 2021 noch mehr als die Hälfte aller europäischen Gasimporte ausmachten, bis Ende 2022 um zwei Drittel reduziert werden.

Das Programm REPowerEU enthält zwar reichlich Hinweise auf grünen Wasserstoff, Solarenergie, Windkraft und Biogas, aber im Wesentlichen setzt es auf die Nutzung von flüssigem Erdgas (LNG). Dieser Energieträger, der in LNG-Tankern vor allem von den USA, Australien und Katar exportiert wird, ist heiß begehrt. Ein Drittel des internationalen Handels wird nicht über langfristige Verträge abgewickelt, sondern am Spotmarkt, also gegen Cash. Das heißt: Der Meistbietende bekommt die Tankerladung.

Die moralischen Begründungen, mit denen die EU-Exekutive die Diversifizierung der europäischen Energieversorgung rechtfertigt, machen ähnlich fassungslos wie Habecks nahöstliche Bittstellertour. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte folgende „strategische Überlegungen“ vor: „Als Demokratien wollen wir die Welt von morgen gemeinsam mit Partnern gestalten, die unsere Vorstellungen teilen“. Und nannte dann als Energiepartner der Zukunft – neben den USA – drei weitere Musterdemokratien: Aserbaidschan, Ägypten und Katar.2

Bis nach den Verhandlungen tatsächlich Gaslieferungen erfolgen, werden Monate oder gar Jahre vergehen. Die Exportkapazitäten der USA reichen nicht aus, um das russische Gas zu ersetzen; Katar ist bis 2026 mit den vor allem für Asien bestimmten Lieferungen ausgelastet; Ägypten exportiert zum größten Teil nach China und in die Türkei. Angesichts der instabilen Lage in Libyen und des Algerien–Marokko-Konflikts, der zur Sperrung der Ma­ghreb-­Europa-Gaspipeline führte, ist wohl auch von Nordafrika keine Lösung zu erwarten. Die Konsequenz: Am 27. April lag der Gaspreis in Europa sechsmal höher als ein Jahr zuvor.3

Einen zweiten Fehler begingen die EU-Kommission und Deutschland, als sie entgegen der europäischen Interessen auf die Position Washingtons einschwenkten. Für die USA ist es kein Problem, ein Öl- und Gasembargo gegen Russland zu beschließen, denn sie sind von den Sanktionen nicht betroffen. Es trifft vielmehr nur die Bevölkerung des Alten Kontinents, wenn die russischen Öllieferungen und Raffinerieprodukte bis Ende dieses Jahres auslaufen, wie es die EU-Kommission am 8. März beschlossen hat. Die großen Leidtragenden bei diesem Energiedeal zwischen Brüssel und den USA sind vor allem die einkommensschwachen Schichten.

Die künftigen hohen Brennstoffpreise lassen sich nicht komplett und auf Dauer durch die staatlichen Maßnahmen auffangen, die verhindern sollen, dass europaweit Gelbwesten-Proteste ausbrechen. Auch im Hinblick auf das Ziel, die Energiequellen der EU zu diversifizieren, liegt ein Boykott gegen Moskau nicht im europäischen Interesse. Zudem ist bereits die erste Sollbruchstelle zutage getreten: Im Gegensatz zu Polen und den baltischen Staaten, die ganz auf der Linie Washingtons liegen und fest entschlossen sind, möglichst schnell auf das Öl und Gas zu verzichten, „mit dem Putin seinen Krieg finanziert“, haben Ungarn und die Slowakei beim jüngsten EU-Gipfel Ausnahmeregeln gefordert und durchgesetzt. Sie dürfen, wie auch Tschechien, auf unbestimmte Zeit weiter russisches Öl über die Druschba-Pipeline beziehen.

Alle inneren Widersprüche der europäischen Position bündeln sich im Fall Deutschland. Zur Sicherung seiner Energieversorgung hat Berlin auf billiges Gas, Verträge mit langer Laufzeit und dauerhafte Infrastrukturen wie Nord Stream 1 und 2 gesetzt. Diese Strategie datiert vom Anfang des neuen Jahrtausends. Damals sah die EU in dem geschwächten und gefügigen Russland, das auf kurzem Wege reichlich Öl und Gas liefern konnte, ein handelspolitisches Druckmittel gegenüber Lieferanten in Nordafrika oder im Nahen Osten.

Als Bundeskanzlerin Merkel 2011 beschloss, aus der Atomenergie auszusteigen, wuchs die deutsche Abhängigkeit von russischen Ressourcen, auch wenn sie parallel auf einen schnellen Umstieg auf sogenannte grüne Energieträger setzte. Noch vier Jahre nach der russischen Annexion der Krim widerstand Merkel dem Ansinnen der USA, Nord Stream 2 aufzugeben. Damals verständigten sich Berlin und Moskau darauf, ihre Gasgeschäfte und Infrastrukturen als rein kommerzielles Projekt zu definieren, um es so weit wie möglich vor den Unwägbarkeiten der Weltkonjunktur und der russlandfeindlichen Politik Washingtons zu schützen.

Die harsche Kritik aus den USA, die Beteiligung der Grünen an der neuen Regierungskoalition in Berlin und schließlich der russische Einmarsch in die Ukraine haben diesen Status quo zerschmettert.4 Am 7. Februar 2022 stellte US-Präsident Joe Biden im Beisein von Olaf Scholz klar, dass über die deutsche Energiepolitik in Zukunft in Washington entschieden wird und nicht in Berlin: „Wenn Russland einmarschiert, das heißt Panzer oder Truppen über die Grenze der Ukrai­ne fahren, dann wird es kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden das beenden.“ Man stelle sich vor, wie das Weiße Haus reagiert hätte, wenn Berlin bei einer Invasion im Irak gedroht hätte, eine großes US-­In­fra­struktur­projekt zu „beenden“.

LNG-Umweltsünden werden verschwiegen

Unter dem Eindruck der Bombardierung Kiews schwenkte Berlin innerhalb weniger Wochen auf die US-Position ein: Ausstieg aus Nord Stream 2, schleunigste Reduzierung der Abhängigkeit vom russischen Gas (von Januar bis April 2022 wurden die Gasimporte bereits von 55 auf etwa 35 Prozent zurückgefahren) bis zur vollständigen Unabhängigkeit Mitte 2024, neue Lieferverträge mit den Niederlanden, Norwegen, den USA, Katar und Polen. Am 1. Mai kündigte die Bundesregierung an, Pachtverträge für vier schwimmende Flüssiggasterminals abzuschließen und zwei weitere LNG-Anlagen zu bauen; am 2. Mai folgte die Zustimmung zu dem von Washington angeregten Ölembargo.

Eine so zentrale Angelegenheit wie die Energiesicherheit von jetzt auf gleich komplett umzukrempeln, müsste jeden Regierungschef, der auf die strategischen Interessen seines Landes bedacht ist, in Angstzustände versetzen. Vor allem, wenn die von den USA versprochenen zusätzlichen LNG-Exporte nach Europa kaum ein Zehntel der bisherigen Importe aus Russland ausgleichen würden und die neuen In­fra­strukturen, die für eine Volumensteigerung benötigt werden, nicht vor 2026 betriebsfertig sein werden.5

Trotz seines Sinneswandels geriet Olaf Scholz massiv unter Beschuss. „Mit seiner Weigerung, die Gaslieferungen aus Russland zu stoppen, macht Deutschland sich de facto mitschuldig am Massenmord“, dozierte Paul Krugman am 7. April in der New York Times. Am 8. April forderte die französische Tageszeitung Le Monde, „mit dem russischen Gas Schluss zu machen“ und dafür auch „Produktionsunterbrechun­gen samt Kurzarbeit, Wegfall von Arbeitsplätzen und höhere Kosten für Hersteller und Verbraucher“ in Kauf zu nehmen.

Hier tritt die Pikanterie des Falls voll zutage: Die in Washington beschlossenen und von Brüssel tapfer mitgetragenen Sanktionen gegen Moskau belasten vor allem die Europäer. Das hat US-Finanzministerin Janet Yellen unverblümt zugegeben: Ein euro­päi­sches Ölembargo gegen Russland werde „einen geringen negativen Effekt auf Russland haben“, aber die Preise in die Höhe treiben, wovon Moskau unmittelbar profitieren werde.6

Grundsätzlich wirft die Neuordnung auf Europas Gasmarkt ein dreifaches Problem auf – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und ökologisch. Im Gegensatz zum Erdöl ist der LNG-Preis regional unterschiedlich: Im ersten Quartal 2002 wurde 1 Million British Thermal Units (MBTU), was 293 Kilowattstunden entspricht, am US-Spotmarkt mit 7 Dollar, in Europa mit 32,30 und in Asien mit 30,70 Dollar gehandelt.7 Der höchste Preis wurde am 7. März mit 72 Dollar aufgerufen. Europa ist in der misslichen Lage, neue Verträge zu einem Zeitpunkt abschließen zu müssen, in dem die Preise durch die Decke gehen; im Sommer 2020 kostete das Gas nicht einmal 2 Dollar je MBTU.

Ein weiteres Problem ist die Versorgungssicherheit: Im Unterschied zu den mit Russland und Katar geschlossenen Langzeitverträgen, bei denen es sich um verbindliche Zusagen souveräner Staaten handelt, findet der LNG-Handel mit privaten Förderunternehmen der USA auf einem volatilen Markt statt. Die Irrfahrt des Gastankers „British Listener“ lässt ahnen, wie viele schlaflose Nächte auf die EU-Energieminister zukommen. Am 21. März legte der Tanker in Texas vom LNG-Terminal Freeport ab, um durch den Panamakanal Asien anzusteuern. Am 1. April kehrte er wieder um, passierte die Schleusen in entgegengesetzter Richtung und nahm Kurs auf Europa – wo höhere Preise lockten.8

Doch die größte Heuchelei bei der Entkopplung Europas von russischen Öl- und Gaslieferungen betrifft die Umweltpolitik. Bei Produktion und Transport von LNG aus den USA entsteht ein doppelt so großer CO2-Fußabdruck wie beim konventionellen russischen Gas. Ein Beispiel: Für den Transport nach Frankreich fallen 58 statt 23 Gramm CO2 pro Kilowattstunde an.9 Rechnet man die durch Fracking verursachte Umweltzerstörung hinzu, kommt der Fußabdruck des „Freiheitsgases“, das Trump und Biden anpreisen, auf 85 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Das heißt: Während die deutsche Wirtschaft eigentlich immer grüner werden sollte, fällt die CO2-Bilanz des grünen Ministers dank des transatlantischen LNG ausnehmend dreckig aus.

Von der Gewinnung über den Transport bis zum Absatz an die Verbraucher ist der Handel mit fossilen Brennstoffen seit Jahrzehnten vielfach vernetzt. Aufgrund der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Produzenten- und Verbraucherländern hatten die Marktanbeter prophezeit, dass ein neues Weltzeitalter mit weniger Konflikten anbrechen würde.

Diese Mär haben Henry Farrell und Abraham Newman in ihrem viel beachteten Text „Weaponized Independence“ zerpflückt: Anders als von neoliberaler Seite behauptet, produzieren die vernetzten Strukturen keine fragmentierte und kooperative Welt mit flachen Hierarchien und diffusen Machtverhältnissen: „Im Gegenteil: Letztlich führen sie zu einem spürbaren und dauerhaften Ungleichgewicht.“10

Manche Staaten sind tatsächlich in der Position, die gegenseitige Abhängigkeit als Druckmittel einsetzen zu können – wie etwa die USA mit dem Zahlungssystem Swift oder Russland mit seinem Gas. Schon vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine fürchtete man im Westen, dass Moskau als Erpresser auftreten könnte, wie es dann im auch März geschah, als Putin forderte, Gaslieferungen künftig in Rubeln zu bezahlen.

Im großen Spiel der wechselseitigen Abhängigkeiten sind die USA in einer privilegierten Lage: Während China und Indien immer mehr fossile Brennstoffe importieren müssen, sind die USA inzwischen Selbstversorger (siehe den Artikel auf Seite 16). Diese Position hat der Krieg noch gestärkt, während die private Fracking-Industrie dem angeschlagenen Rivalen Russland das Leben schwermacht.

Am Horizont ziehen indes auch dunkle Wolken auf: Nachdem die Lieferketten schon durch Lockdowns, Logistikchaos, Komponenten- und Rohstoffknappheit zwei Jahre lang gestört waren, gefährdet nun der plötzliche Anstieg der Energiepreise nicht nur den Wohlstand der US-Aktionäre, sondern auch den sozialen Frieden. Zu Beginn der Sommerreisesaison und sechs Monate vor den US-Zwischenwahlen kostet das Benzin an US-Tankstellen doppelt so viel wie 2020: Und der Benzinpreis ist in den USA ein noch brisanteres Thema als in Frankreich. Das Gleiche gilt für die Gaspreise. „Die Regierung muss auf mögliche Kostensteigerungen reagieren, die der rasante Anstieg der Gasexporte für die amerikanischen Familien bedeutet“, forderte im Februar eine Senatoren-Gruppe in einem offenen Brief an die Energieministerin Jennifer Granholm, in dem „Sofortmaßnahmen“ gefordert wurden.

Seit russische Panzer auf ukrainischem Staatsgebiet vorgedrungen sind, starrt man in Washington auf diese tickende Zeitbombe. Angesichts dessen sucht man sogar das Gespräch mit zwei Ländern, denen die USA mit ihren Sanktionen zuvor die Luft abgeschnürt haben: Venezuela und Iran.

Im Vergleich zu den USA, die trotz gewisser Probleme auf der Gewinnerseite stehen, wirkt Russland – neben Europa – wie der zweite Verlierer in einem Konflikt, den man allerdings selbst ausgelöst hat. Der Abbruch der Handelsbeziehungen mit dem Westen, der Russland noch 2021 mehr als die Hälfte seiner Erdölproduktion und drei Viertel seiner Gasexporte abgenommen hat, lässt die Einnahmen der Russischen Föderation auf Dauer schwinden.

Ende April zahlten die EU-Mitgliedstaaten zwar noch jeden Tag rund 1 Milliarde Euro an Russland, um ihre Energierechnung zu begleichen; auch kann die Staatskasse in Moskau trotz der Sanktionen dank der astronomischen Preissteigerungen sogar mit höheren Erlösen aus dem Ölgeschäft als 2021 rechnen.11 Doch die Devisenzuflüsse aus dem Westen werden zurückgehen, und über kurz oder lang wird der Rückzug der Großkonzerne wie Shell, BP und Exxon die Entwicklung neuer Vorhaben bremsen.

Unter dem Eindruck der Sanktionspakete und dem Aus für die Pipeline Nord Stream 2 appellierte Wladimir Putin am 14. April an die russischen Wirtschaftsführer, „den Trend der vergangenen Jahre zu festigen und unsere Exporte schrittweise auf die wachstumsstarken Märkte im Süden und Osten auszurichten“.12

Die Idee, Russland als Drehscheibe für den Energiehandel mit Asien zu etablieren, ist nicht neu. Schon die 2003 verabschiedete „Russische Energiestrategie für den Zeitraum bis 2020“ warb für diese Umorientierung. Seitdem wurde die Idee mehrfach bekräftigt13 bis sie 2012 mit der 4740 Kilometer langen Ostsibirien-Pazifik-Pipeline konkrete Formen angenommen hat, durch die täglich 1,6 Millionen Barrel Öl nach China und Japan fließen.

Auch beim Gashandel sucht Russland seine allzu exklusive Abhängigkeit von Europa zu überwinden. 2019 wurde die Pipeline „Kraft Sibiriens“ eingeweiht, die irgendwann 38 Milliarden Kubikmeter pro Jahr nach China bringen soll (zum Vergleich: bei Nord Stream 1 sind es 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr). Geplant ist der Bau einer zweiten Gasleitung durch die Mongolei mit einer Kapazität von 50 Mil­liar­den Kubikmetern pro Jahr. Zwischen den Giganten Russland und China, die beide darauf bedacht sind, sich nicht zu stark wechselseitig abhängig zu machen, befindet sich die Mongolei in einer ähnlich eingezwängten Lage wie die Ukraine zwischen Europa und Russland.14

Um mögliche Probleme beim Bau von Gasleitungen in schwierigem Gelände auszugleichen, will sich Moskau verstärkt auf dem Flüssiggasmarkt engagieren, womit man zugleich den USA, Katar und Australien Konkurrenz machen könnte. Deshalb realisiert Russland inzwischen mehrere Infrastrukturvorhaben, insbesondere vor der Küste der Insel Sachalin und auf der Halbinsel Gydan (Arctic LNG 2). An der ersten LNG-Anlage sind trotz der Sanktionen japanische Unternehmen beteiligt; an der zweiten bislang der französische Konzern TotalEnergies.

Die Umorientierung nach Osten geht nicht problemlos vonstatten. Abgesehen von den technologischen, logistischen und finanziellen Schwierigkeiten, die durch die Sanktionen entstehen, muss Russland mit asiatischen Kunden verhandeln, die fest entschlossen sind, ihre starke Position maximal zu nutzen. Im April 2022 erhielten unabhängige Raffinerien in China ein Barrel russischen Rohöls zu einem Vorzugspreis, der 35 Dollar unter dem Kurs der Ölsorte Brent lag.15 Ein glänzendes Geschäft: Im ersten Halbjahr 2022 legten die chinesischen Energieimporte aus Russland gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent zu. Kurzfristig möchte die chinesische Parteiführung verhindern, dass sich die gigantischen Stromausfälle vom vergangenen Herbst wiederholen. Mittelfristig soll die Abhängigkeit von der Kohle, Chinas bislang wichtigster Primärenergiequelle, beendet werden.

Das entscheidende langfristige Ziel ist jedoch, die Energiesicherheit der Volksrepublik zu garantieren.16 Da China drei Viertel seines Ölbedarfs und 40 Prozent seines Gasbedarfs importiert, ist es auf Seewege angewiesen, die von den USA und deren Bündnispartnern kontrolliert werden. Bereits im November 2003 hat der damalige Präsident Hu Jintao als logistische Schwachstelle das „Malakka-Dilemma“ benannt: eine mögliche Blockade der Straße von Malakka zwischen Malaysia und der Insel Sumatra – oder auch des Phillip-Kanals zwischen Singapur und Indonesien – durch die 80 Prozent der chinesischen Öl- und Gasimporte transportiert werden. Für diesen Fall bietet Russland mit Transportrouten – über Land und durch das arktische Meer – eine attraktive Lösung an, die sich mit der Neuen Seidenstraße (Belt and Road Initiative, BRI) ergänzen würde.

Neben China gibt es noch einen zweiten großen Kandidaten, der sich die Chance auf eine billige Energieversorgung nicht entgehen lassen wird: Indien. Die Modi-Regierung zeigt sich unbeeindruckt vom Druck aus Washington und hat die Ölimporte aus Russland von Dezember bis Ende April sprunghaft gesteigert: von nahe null auf 700 000 Barrel pro Tag – das sind 17 Prozent der indischen Importe (siehe den Artikel auf Seite 5).

Bei einem Preisnachlass von 30 Prozent gegenüber dem geltenden Kurs17 dürfte die Nachfrage sogar noch steigen, falls die russischen Ölkonzerne mehr Schiffe auftreiben können. Dann könnte Indien dank seiner beträchtlichen Raffineriekapazitäten russisches Rohöl zu Diesel verarbeiten und mit satten Gewinnen nach Europa weiterverkaufen.18 Die Geopolitik der Sanktionen hat mitunter seltsame Folgen.

Die dreckigste Energie kommt zurück

Vier Monate nach der russischen Offensive sind die USA in Sachen Energiepolitik obenauf und die Russen in der Bredouille. Und zwischen Europa auf der einen Seite und China und Indien auf der anderen tut sich eine große Kluft auf: Während die EU-Länder hastig ihre Öl- und Gasversorgung umkrempeln und sich dafür eine Inflation mit großer sozialer Sprengkraft und höhere Industrieproduktionskosten einhandeln, decken sich China und Indien – der größte und der drittgrößte Energieverbraucher der Welt – mit den verbilligten Brennstoffen aus Russland ein.

Bei alledem behindert der westliche Konsens, wonach Russland wirtschaftlich in die Knie und Putin zum Rückzug aus der Ukraine gezwungen werden muss, den Umstieg auf sogenannte grüne Energieträger. Daniel Yergin, einer der Päpste der fossilen Energiegewinnung, hat der EU kürzlich in der Financial Times einen Tipp gegeben, wie sie ohne russisches Gas auskommen können: Sie sollten „für die Stromerzeugung mehr Kohle verfeuern“ und das aus Umweltgründen stillgelegte Gasfeld im niederländischen Groningen wieder ausbeuten.

„How dare you?!“, müsste sich da Greta Thunberg entsetzen. Und doch denkt man derzeit sowohl in Berlin als auch in Rom darüber nach, die zwecks Rettung des Planeten ausrangierten Kohlekraftwerke zu reaktivieren. Seit der russischen Invasion feiert der dreckigste fossile Energieträger ein rauschendes Comeback. Angesichts der Energiekrise steigt der weltweite Kohleverbrauch so explosionsartig an, dass die Bergbaugiganten mit der Produk­tion kaum hinterherkommen.19

Damit ist ein Teufelskreis entstanden: Auf der einen Seite heizen die Sanktionen gegen Russland die weltweite Nachfrage nach sofort verfügbaren und flexi­blen – sprich fossilen – Energieträgern an, während die Erneuerbaren erst ein Drittel der Stromerzeugung abdecken. Auf der anderen Seite schrecken die Big Player mit Blick auf die Klimaschutzverpflichtungen – und mehr noch auf den Wiedereintritt der USA in das Pariser Abkommen – davor zurück, große fossile Abbauprojekte zu finanzieren. Dazu haben sie auch allen Grund, haben sie doch versprochen, bis zur Jahrhundertmitte so etwas wie CO2-Neutralität zu erreichen.

Den teuflischen Stand der Dinge haben die En­er­gie­ex­per­ten:in­nen Kevin Crowley und Laura Hurst messerscharf diagnostiziert: „Die Erdölkonzerne streichen nie dagewesene Profite ein, investieren den Geldsegen aber nicht in neue Produktionskapazitäten, mit denen man das russische Öl und Gas ersetzen könnte. Im Gegenteil: Die Manager belohnen die Aktionäre und bereiten die Welt auf einen noch angespannteren Energiemarkt vor.“20 Es hat ganz den Anschein, als könnten sich Shell, Qatargas, TotalEnergies, Saudi Aramco, BP, Exxon und Chevron als die eigentlichen Sieger in diesem Krieg gegen die Ukraine erweisen.

1 Europäische Kommission, „REPowerEU: gemeinsames europäisches Vorgehen für erschwinglichere, sichere und nachhaltige Energie“, Straßburg, 8. März 2022.

2 Les Échos, Paris, 4. Februar 2022.

3 The Wall Street Journal, New York, 28. April 2022.

4 Siehe „Der Kampf um Europas Gasmarkt“, LMd, Mai 2021.

5 The New York Times, 7. Mai 2022.

6 The Wall Street Journal, 29. April 2022.

7 Cedigaz, „Quarterly report – Q1 2022 – International natural Gas prices“, 19. April 2022.

8 Sergio Chapa, „Another LNG Tanker Took a Dramatic U-Turn in Pursuit of Higher Prices“, Bloomberg, 8. April 2022.

9 Siehe Le Monde, 19. April 2022 und Alexandre Joly und Justine Mossé, „Importations de gaz naturel: tous les crus ne se valent pas“, carbone4.com, Oktober 2021.

10 Henry Farrell und Abraham L. Newman, „Weaponized Interdependence: How Global Economic Networks Shape State Coercion“, International Security, Bd. 44, Nr. 1, 2019.

11 Siehe The Wall Street Journal, 29. April 2022, und Washington Post, 11. Mai 2022.

12 Wladimir Putin, „Meeting on current situation in oil and gas sector“, 14. April 2022, kremlin.ru.

13 Siehe Vladimir Kutcherov, Maria Morgunova, Valery Bessel und Alexey Lopatin, „Russian natural gas exports: An analysis of challenges and opportunities“, Energy Strategy Reviews, Bd. 30, Juli 2020.

14 Munkhnaran Bayarlkhagva, „A New Russian Gas Pipeline Is a Bad Idea for Mongolia“, Thediplomat.com, 1. Mai 2022.

15 Financial Times, 4. Mai 2022.

16 Siehe John Kemp, „China’s five-year plan focuses on energy security“, Reuters, 19. März 2021.

17 Siehe The New York Times, Internationale Ausgabe, 5. Mai 2022, und The Washington Post, 11. Mai 2022.

18 Emily Schmall und Stanley Reed, „India Finds Russian Oil an Irresistible Deal, No Matter the Diplomatic Pressure“, The New York Times, 4. Mai 2022.

19 Will Wade und Stephen Stapczynski, „Russia’s War Is Turbocharging the World’s Addiction to Coal“, Bloomberg, 25. April 2022.

20 Kevin Crowley und Laura Hurst, „Big Oil Spends on Investors, Not Output, Prolonging Crude Crunch“, Bloomberg, 7. Mai 2022.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Mathias Reymond ist Wirtschaftswissenschaftler.

­Pierre Rimbert ist Redakteur bei LMd, Paris.

Le Monde diplomatique vom 09.06.2022, von Mathias Reymond und Pierre Rimbert