10.09.2020

Der neue Konservatismus der Jugend

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Der neue Konservatismus der Jugend

von Marlène Laruelle

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Die Hälfte der zentralasiatischen Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Damit hat die Region eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt. Selbst in Kasachstan, dem Land mit dem höchsten Durchschnittsalter, wurden 51 Prozent der Einwohner erst nach der Unabhängigkeit von 1991 geboren.

Die wachsende demografische Bedeutung der Millennials und der „Generation Z“ (der 2000er und 2010er Jahrgänge) geht einher mit einer zunehmenden sozialen und kulturellen Ausdifferenzierung, für die der Wegfall des sowjetischen Wohlfahrtsstaats und 30 Jahre liberale Wirtschaftsreformen verantwortlich sind.

Im ländlichen Raum sind Ackerbau, Viehzucht und informelles Kleingewerbe die einzigen – meist unsicheren – Erwerbsmöglichkeiten. Viele wandern deshalb nach Russland aus: nach Moskau, Sankt Petersburg, aber auch nach Sibirien (Krasnojarsk), in den Fernen Osten (Wladiwostok) oder den arktischen Norden (Murmansk).

Die Kommunen in der Provinz geraten dadurch in Schwierigkeiten: Bildungswesen, Gesundheitsversorgung und Industrie dünnen aus, es fehlt an Geld und kulturellem Leben. Im Ex­tremfall gehen junge Menschen in die irakischen oder syrischen Kriegsgebiete; aus den ehemaligen Bergbausiedlungen im kasachischen Dscheskasgan zum Beispiel ziehen immer mehr junge Menschen freiwillig in den Dschihad.1

Die großen Ballungsgebiete und vor allem die Hauptstädte bieten bessere Perspektiven – zumal für die aufstrebende Mittelschicht, die es sich leisten kann, ihre Kinder zum Privatunterricht und dann zum Studium ins Ausland zu schicken. Dort sind die kulturellen Angebote vielfältiger und die Internetverbindungen stabil.

Während in Tadschikistan über 60 Prozent der Heranwachsenden nur sporadisch Zugriff aufs Internet haben,2 entwickelt sich in Kasachstans ehemaliger Hauptstadt Almaty eine Hipsterkultur mit Szenebars und Biorestaurants, alternativen Kulturorten und einem „glokalisierten“ – also globalisierten, aber an die lokalen Gegebenheiten angepassten – Lifestyle.

Die dieses urbane Milieu prägenden, oft sehr gut ausgebildeten Jungen haben allerdings bei der übrigen Bevölkerung ein schlechtes Image und werden von ihr als „ausländische Agenten“ oder als moralisch verkommen eingestuft.

Die junge Generation zeichnet sich nicht nur durch eine Diversifizierung ihrer Lebensweisen aus, sondern auch durch eine zunehmende ideologische Polarisierung, wie Erhebungen vor allem in Kasachstan zeigen.3

Die große Mehrheit ist konservativ eingestellt und bekennt sich zu tradi­tio­nellen Werten wie Patriotismus, Achtung vor dem Alter oder Familie auf Basis einer heterosexuellen Paarbeziehung. In Kasachstan akzeptieren nach eigener Aussage nur 4 Prozent der Jugendlichen Homosexualität; zwei Drittel sind gegen Abtreibung.3

In den sozialen Medien oder an den Universitäten entzünden sich Konflikte an den Themen Gender und sexuelle Identität. Befeuert wird dies durch russische Onlineportale, die in Zen­tral­asien eine große Reichweite erzielen. Diese Portale instrumentalisieren das Thema, um regelmäßig gegen Europa Stimmung machen, das sie „Gayropa“ nennen.

Angesichts der massiven Abwanderung von Männern im heiratsfähigen Alter wächst bei den unter 25-Jährigen die Akzeptanz für die Vielehe. Offi­ziell zwar verboten, ist sie bei den Eliten weit verbreitet und gilt dort als Zeichen hohen gesellschaftlichen Ansehens. Die Rechte, die Frauen zu Sowjetzeiten genossen, werden mehr und mehr infrage gestellt – nicht durch Gesetzesänderungen, sondern durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Die Situation ist freilich von Land zu Land verschieden ausgeprägt. Über das öffentliche Meinungsbild in Turkmenistan zum Beispiel ist kaum etwas zu erfahren. Kasachstan befindet sich augenscheinlich auf einem ähnlichen Kurs wie Russland, wo die traditionellen Werte, die der Kreml seit der konservativen Wende von 2011/12 im großen Stil fördert, die gesellschaftliche Diskussion beherrschen.

In Kirgistan gewinnt der Ethnonationalismus an Boden. Patriotische Gruppierungen wie die Kyrgyz Choroloru spielen sich als paramilitärische Wächter auf und patrouillieren in den Straßen. Sie nehmen Westler und Chinesen ins Visier; sie verprügeln Prostituierte, Homosexuelle oder Kirgisinnen, die sich mit Ausländern einlassen, und filmen sich dabei – unter dem Vorwand, diese Gruppen würden die kirgisische Nation beschmutzen und gegen ihre Traditionen verstoßen.

In Tadschikistan, wo ein Drittel der Bevölkerung es gern sehen würde, wenn die Scharia Teil der Rechtsordnung würde,4 wenden sich junge Menschen – insbesondere wenn sie als Migranten im Ausland leben – eher salafistischen oder anderen strengreligiösen Gruppierungen zu. Viele von ihnen leben unter erniedrigenden Bedingungen in Russland und sehen im islamischen Puritanismus einen Weg zum Heil, der ihnen ihr Selbstwertgefühl zurückgibt, körperliche und geistige Hy­gie­ne honoriert und sie mit der Aureole des Gottesfürchtigen in ihr Heimatdorf zurückkehren lässt.5

In welche Richtung die gesellschaftliche Entwicklung in Usbekistan geht, wo ausländischen Beobachtern lange Zeit der Zutritt verwehrt war, ist noch nicht erkennbar. Aber die starke Präsenz islamistischer Milieus in den sozialen Medien dürfte ein Indiz dafür sein, dass auch hier die Hinwendung zum moralischen Konservatismus in vollem Gange ist.

Die Bedeutung des Islam im öffentlichen Raum wird deshalb eines der großen Themen sein, über die sich die junge Generation Zentralasiens in den kommenden Jahren verständigen muss. Die christlich-orthodoxen russischen und slawischen Minderheiten ausgenommen, identifiziert sich die überwältigende Mehrheit mit dem Islam. Doch hinter diesem Zugehörigkeitsgefühl verbergen sich ganz unterschiedliche Einstellungen zur Religion.

Ähnlich wie ihre sowjetisch sozialisierten Eltern sehen manche darin eine Art nationale Tradition – eine Kombination aus kulturellen Praktiken und Ritualen wie Beschneidung, Totenfeiern, Pilgerreisen zu den heiligen Stätten, Verzicht auf Schweinefleisch und Alkohol sowie die Almosengabe (Zakat).

Auf der anderen Seite wächst die Zahl derer, die eine strengere Einhaltung islamischer Grundsätze befürworten: Sie ernähren sich halal, beten fünfmal am Tag, sind für die Wahrung der klassischen Geschlechtertrennung und Islamunterricht in der Schule (da die zentralasiatischen Staaten nach 1991 laizistisch blieben, steht dort Religion nicht im Lehrplan). Insbesondere die Halal-Ernährung hat in den vergangenen Jahren Zentralasien erobert. In der städtischen Mittel- und Oberschicht in Kasachstan und Kirgistan avancierte sie regelrecht zum Trend.

Viele westliche Beobachter sehen Zentralasien im Spannungsfeld zwischen dem türkischen und dem iranischen Modell des Islam. Eine größere Faszination übt auf die dortige Jugend jedoch der Islam aus, wie er in den Vereinigten Arabischen Emiraten praktiziert wird. Denn der bringt Globalisierung, moderne Technologien und moralische Strenge unter einen Hut. Auch Malaysia erscheint jungen Zen­tralasiaten als attraktives Vorbild, weil sie das Land als gelungene Verbindung von Autoritarismus, wirtschaftlichem Wohlstand und islamischer Identität empfinden.

Daneben gibt es noch eine Minderheit überzeugter Salafisten, die einem radikaleren Islam das Wort reden und dessen Restriktionen am liebsten der ganzen Gesellschaft aufzwingen würden. Sie sehen in dem geerbten Säkularismus einen Feind, der für die Korruption und Vetternwirtschaft der amtierenden Regime verantwortlich ist und den es zu bekämpfen gilt.

Im Zentrum der Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen steht die Verschleierung der Frau: Die einen sehen den Schleier als Ausdruck einer individuellen Entscheidung, die anderen wollen ihn verpflichtend vorschreiben. Die junge Generation muss künftig auf jeden Fall mit sich verschärfenden kulturellen Spannungen fertig werden und sich ein neues Gesellschaftsmodell einfallen lassen, das den Erfordernissen der wirtschaftlichen Entwicklung gerecht wird.

Marlène Laruelle

1 Siehe Noah Tucker, „Terrorism without a god. Reconsidering radicalization and counter-radicalization models in central Asia“, CAP Papers 225, Washington, D. C., September 2019.

2 „Adolescent baseline study 2018“, Center for Strategic Research under the President of Tajikistan, Juli 2018 (abrufbar auf www.unicef.org).

3 Tolganay Umbetaliyeva, Botagoz Rakisheva und Peer Teschendorf, „Youth in central Asia: Kazakhstan“, Friedrich-Ebert-Stiftung Kasachstan, Almaty 2016.

4 „The world’s muslims: religion, politics and society“, Pew Research Center, Washington, D.  C., 30. April 2013.

5 Vgl. Sophie Roche, „Illegal migrants and pious muslims. The paradox of bazaar workers from Tajikistan“, in Marlène Laruelle (Hg.), „Tajikistan on the Move.Statebuilding and Societal Transformations“, Lanham (Lexington Books) 2018.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Le Monde diplomatique vom 10.09.2020, von Marlène Laruelle