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Die Aufgabe der Wissenschaft

von Wolfgang Wodarg

Ein Geldschein ist nicht mehr als ein buntes Stück Papier, sobald wir das Vertrauen in seinen Wert verloren haben. Auch eine Doktorarbeit ist nichts mehr wert, wenn sie nicht von der aufrichtigen wissenschaftlichen Suche nach neuen Wahrheiten zeugt. Wie das Geld, so ist auch der überwiegende Teil unseres Wissens Vertrauenssache.

Geld und Wissen haben somit etwas gemeinsam. Beide sind gesellschaftliche Medien, die unseren Alltag leichter machen können. Das Geld bringt zeitliche und örtliche Unabhängigkeit für unsere Geschäfte und Transaktionen und verrät uns durch den Preis einer Ware oder Dienstleistung etwas über deren Verfügbarkeit am Markt. Der jeweilige Stand der Wissenschaft hilft uns bei komplexen Problemen Entscheidungen zu treffen. Voraussetzung hierfür ist, dass das primäre Interesse der Wissenschaftler – die Wahrheitssuche, die Pflege des Mediums Wissen – nicht durch sekundäre Interessen wie das Streben nach Gewinn, Karriere, Einfluss oder sonstigen persönliche Vorteilen korrumpiert oder wesentlich beeinträchtigt wird.

Wie Finanzsysteme durch Hedgefonds und Risikokapitalgesellschaften ins Wanken kommen können, kann auch eine Wissensblase verheerende Folgen haben. Davon zeugen die von industriehörigen Forschern mitverantworteten globalen Probleme in der Energie- und Nahrungsmittelversorgung oder die Gesundheitsschäden durch kriminelles Pharmamarketing.

Das Wirtschaftssystem, das sich als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung durchgesetzt hat, wirkt in seinen Übergriffen auf fast alle anderen wichtigen Subsysteme zunehmend invasiv und deregulierend. Durch sein grenzenloses Wachstum zerstört oder gefährdet es Mensch und Natur.

Die beiden normalerweise nach jeweils eigenen Regeln arbeitenden Subsysteme der Wissenschaft einerseits und der Wirtschaft andererseits wirkten schon immer aufeinander ein. Das Streben nach Wahrheit im wissenschaftlichen und das Streben nach privatem Besitz im wirtschaftlichen Subsystem werden, wenn sie funktionieren sollen, durch komplexe gesamtgesellschaftliche Regel- und Ausgleichsmechanismen in ihre jeweiligen Schranken verwiesen. Das politische System und das Rechtssystem übernehmen Wächterfunktionen. Wenn es aber üblich wird, das Wissen und die Suche nach dem, was wahr und was nicht wahr ist, wirtschaftlichen, also privaten Interessen unterzuordnen, verliert das unabhängige gesellschaftliche Medium Wissen seine Funktion und wird zu einer Erscheinungsform des Mediums Geld.

Ein intaktes System von Wissenschaft, Forschung und Lehre, welches natürliche, gesellschaftliche oder geistige Phänomene infrage stellt und durch seinen binären Code „wahr oder nicht wahr“ beschreibt, schafft eine vertrauenswürdige Grundlage, die es allen anderen Subsystemen der Gesellschaft erleichtert, ihre jeweilige Funktion effizienter und nachhaltiger wahrzunehmen. Produktivität und Gesamtleistungsfähigkeit einer Gesellschaft hängen von freier, unabhängiger und transparenter Forschung ab. Käufliche Wissenschaft erzeugt hingegen Misstrauen und Ratlosigkeit. Medien wie Geld, Macht oder Wissen sind nur von Nutzen, wenn die Menschen spüren, dass sie ihnen eine bestimmte Funktion zu Recht anvertraut haben.

In Europa erleben wir gerade, wie der Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit des Geldes dessen Wert mindert. Weil mit dem Medium Geld spekuliert oder gewettet werden darf, verliert es wichtige Funktionen. Ein Getreidepreis, der durch Spekulation zustande gekommen ist, lässt keine Rückschlüsse auf eine mögliche Getreideknappheit zu. Als Indikator für die reale Nachfrage, an der sich die tatsächliche Produktion von Getreide ausrichten müsste, taugt dessen Geldwert dann nicht mehr.

Das Beispiel Tamiflu

Dem Medium Wissen vertrauen wir in analoger Weise. Ein Politiker, der die gesetzlichen Abgasgrenzwerte oder die Meldepflicht für Krankheiten regelt, ein Richter, der ein Gutachten einholt, um über Schadenersatz oder Schuld zu entscheiden, ein Industriemanager, der wissen will, welche Folgen ein Produkt für die Umwelt haben könnte, oder ein Arzt, der vor der Behandlung mit einem Medikament über dessen Wirkungen und Nebenwirkungen nachliest: Für sie alle ist es wichtig, den wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Entscheidungen trauen zu können.

Systematische Fehler gibt es innerhalb der Wissenschaft zuhauf. Sie aufzudecken und auszuschalten, muss Gegenstand eines offenen und ehrlichen Dialogs im globalen Netzwerk der Wissenschaft sein. Dafür sind Wissenschaftler geschult. Bei Verfälschungen hatten schon früher gewöhnlich die Herrschenden ihre Hand im Spiel. Heute umkreisen Investoren wie Geier die geschwächten Universitäten und werden als Rettungsengel (Angel Investors) gefeiert. Als Stiftungsträger und Finanziers diktieren sie immer häufiger die Forschungsthemen.

Wegbereitend für diese Fehlentwicklung war in Europa die „Lissabon-Strategie“, die vor zwölf Jahren ausdrücklich das Ziel formulierte, „die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen – zu einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen“. Wissen wurde damit zu einem Instrument im internationalen Wettbewerb umfunktioniert. Aus der Wissenschaft als Hüterin des Mediums Wissen wurde die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Unternehmens Europa. Das Versprechen eines größeren sozialen Zusammenhalts wirkt angesichts der wachsenden sozialen Probleme heute wie Hohn.

Inzwischen lässt sich die Gesundheits-, Agrar-, Energie- oder Sicherheitsindustrie durch abhängige Forschung oder Einflussnahme auf Peer-Review-Prozesse ihr eigenes Wissen drucken. Ein aktuelles Beispiel sind die Studien zum Grippemittel Tamiflu, das der Schweizer Pharmariese Roche zurückgehalten hat. Eine Gruppe von Wissenschaftlern schlug Alarm, nachdem sich die weitgehend von der Pharmaindustrie finanzierte europäische Zulassungsbehörde EMA nicht darum gekümmert und so dem Konzern ein Milliardengeschäft ermöglicht hatte.

Die Energiewirtschaft bestimmt als starker Lobbyist schon lange den Kurs der Energieforschung. Von den 1950er Jahren bis Mitte der 1980er stiegen die öffentlichen Forschungsausgaben der BRD für Nuklearforschung von jährlich etwa 200 Millionen Euro bis auf weit über eine Milliarde an, während in die Erforschung der erneuerbaren Energien erst nach 1970 überhaupt nennenswerte öffentliche Gelder flossen. Noch heute sind es insgesamt kaum 300 Millionen Euro jährlich, obwohl sich die Technologien zur Nutzung regenerativer Energie in den letzten zehn Jahren als einer der stärksten Wachstumsimpulse für die exportorientierte deutsche Wirtschaft erwiesen haben. Derzeit halten sich die Forschungsausgaben für die Beseitigung kerntechnischer Anlagen und für erneuerbare Energien und Energieeffizienz etwa die Waage.

Ein anderes Beispiel ist das von der Bertelsmann-Stiftung gestaltete „Rahmenprogramm Gesundheitsforschung“. Es spricht von transnationaler Forschung, welche die Förderung von strategischen Partnerschaften über die Wertschöpfungskette hinweg ermögliche. Kooperationen von Pharmakonzernen mit Universitäten sind damit Regierungsprogramm. Das ist besonders schädlich, wenn sie – wie der Vertrag zwischen der Uni Köln und dem Pharmariesen Bayer – geheim gehalten werden. So werden Interessenkonflikte zum Geschäftsgeheimnis.

Wissenschaft kann ihre Funktion in Staat und Wirtschaft nur erfüllen, wenn sie, wie der Kompass eines Schiffes, unabhängig geeicht und ohne Missweisung, also ohne Ablenkung durch störende Kraftfelder, die Richtung anzeigt. Aus diesem Grunde haben die Freiheit und Unabhängigkeit von Forschung und Wissenschaft Verfassungsrang.

Forschung ist nicht gleich Produktentwicklung

Kritische Forscher haben bereits zahlreiche Beispiele für existenzielle Risiken durch korrumpierte Wissenschaft veröffentlicht. Jetzt warnte in Madrid das European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (www.ensser.org) zusammen mit anderen Gruppen erneut, dass unser Wissenschaftssystem den zukünftigen Herausforderungen für Umwelt und Gesellschaft nicht gewachsen sei.

Damit Stabilität und Nachhaltigkeit eines Systems gesichert sind, muss – nach den Regeln der Biokybernetik – seine negative Rückkopplung stärker sein als die positive. Bildlich gesprochen heißt das, dass die Bremsen eines Fahrzeugs so gut sein müssen, dass es auch bei Höchstgeschwindigkeit rechtzeitig gestoppt werden kann. Doch die Lobbyisten der Wirtschaft stehen auf dem Gaspedal. Sie wollen Wachstum und haben wenig Interesse an unabhängiger Risikoforschung und störenden Fragen.

Nach dem neoliberalen Motto „der Staat hat kein Problem, er ist das Problem“ haben viele Regierungen die Finanzierung aus anderen Quellen genutzt, um die öffentliche Forschungsverantwortung abzubauen. Es werden sogar öffentliche Gelder in solche Bereiche gelenkt, die besonders erfolgreich fremdgehen. Der Staat fördert besonders die „Leuchttürme“ in der Forschungslandschaft, die willfährige Industriedienstleister sind und leicht zu störenden Irrlichtern bei der wissenschaftlichen Wahrheitssuche werden. Kritik an der Drittmittelabhängigkeit wird gern mit dem Argument entkräftet, dass Forschung und Wissenschaft sich seit jeher an den Interessen der Wirtschaft orientierten.

Richtig daran ist, dass Industriekonzerne auch früher forschen ließen und patentträchtige Ideen hervorbrachten. Diese Produktentwicklungsforschung folgt jedoch den Regeln der Wirtschaft. Sie ist nicht Teil der Wissenschaft, sondern ein originärer Teil der Wirtschaft. Auch wenn wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden und hochqualifizierte Forscher dort ihr Geld verdienen, bleibt sie gelenkt von Partikularinteressen. Sie strebt Monopole an und spekuliert mit Patenten. Sie wahrt Betriebsgeheimnisse und versucht die Konkurrenz auszustechen, um vorrangig dem zu dienen, wofür unser Wirtschaftssystem da ist: der Produktion von privatem Reichtum.

Die zunehmende Instrumentalisierung der Wissenschaft, die von Sponsoreninteressen geleitete Auswahl von Publikationen oder Unterdrückung von Forschungsergebnissen, der boomende Markt für wissenschaftliche Gütesiegel und gekaufte Unbedenklichkeitsgutachten, die Publikationswettbewerbe (publish or parish) und das Heranwachsen drittmittelabhängiger Forschergenerationen – diese Prozesse prägen inzwischen europaweit die Hochschullandschaft und führen zu einer zunehmenden Beliebigkeit und Entwertung des produzierten Wissens. Das Bonmot „Ich glaube nur noch den Studien, die ich selbst gefälscht habe“ gibt es treffend wieder.

Um das Vertrauen in das Wissenschaftssystem neu zu begründen, bedarf es einer offenen Diskussion der möglichen Interessenkonflikte. Geheimverträge und Sponsoringvereinbarungen, Patentabsprachen und Karriereversprechungen sind Gift für eine wissensbasierte Entwicklung der Gesellschaft. In Entscheidungsgremien und normensetzenden Institutionen dürfen Wissenschaftler mit „Conflicts of Interests“ (COI) kein Stimmrecht haben. Andernfalls kommt es, wie bei den Pandemie-Experten der WHO in Genf, leicht zur Verschwendung öffentlicher Mittel in Milliardenhöhe. Wann immer es um Entscheidungen geht, die Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft haben, sind industriegesponserte Experten wie Lobbyisten zu behandeln.

In den USA will man mit dem „Sunshine Act“ strenge Transparenzregeln für Forscher durchsetzen. Korrumpierten Wissenschaftlern und ihren Sponsoren drohen dort Strafen, die es in Europa noch nicht gibt: Wissenschaftsbetrug wird geahndet, und für Schäden, die durch wissenschaftliche Falschaussagen verursacht werden, gibt es Haftungsregelungen.

Die Möglichkeit, Wissen als „geistiges Eigentum“ zu produzieren und damit zu handeln, setzt schon jetzt in gesellschaftlichen Schlüsselbereichen gefährliche Fehlanreize und verlagert die Folgekosten von Fehlentwicklungen und globalen Schäden auf die Opfer und die öffentlichen Kassen. Eine orientierungslose Energiepolitik, gefälschte Pandemieprognosen und unzureichende Risikoforschung bei Gentech und Nanotechnologien lassen ahnen, welchen – vermeidbaren – Risiken Mensch und Umwelt ohne eine vertrauenswürdige Wissenschaft ausgesetzt sind.

Auch unter Wissenschaftlern regt sich der Widerstand und die Commons-Bewegung, die Wissen als Gemeingut betrachtet, eröffnet neue Perspektiven und macht Mut. Im Interesse des sozialen Friedens und nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung wird die Politik sich der Aufgabe stellen müssen: Das Wissenschaftssystem in öffentlichem Interesse so umzugestalten und abzusichern, dass ihm zu Recht vertraut werden kann.

Wolfgang Wodarg ist Arzt, Hochschullehrer, ehemaliger Parlamentarier, Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne und Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.06.2012,