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Revolutionen

von Serge Halimi

Die Leiche der Revolution rührt sich noch. Auch wenn Frankreichs damaliger Präsident François Mitterand zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution Margaret Thatcher und Joseph Mobutu einlud, um zu prüfen, ob sie sicher in ihrem Sarg liege.

Jenseits des Kanals wurde ebenfalls mal ein König geköpft, aber da dort der Widerstand der königstreuen Aristokraten nicht so heldenhaft war, hatten die Feinde der Monarchie es nicht nötig, sich mit dem gemeinen Volk zu verbünden. In gewissen Kreisen gilt das englische Modell deshalb als distinguierter und weniger gefährlich.

Die Präsidentin des französischen Arbeitgeberverbands, Laurence Parisot, äußerte sich in diesem Sinne gegenüber der Financial Times: „Ich liebe die Geschichte Frankreichs, nur die Revolution mag ich nicht besonders. Das war ein Akt brutaler Gewalt, unter dem wir immer noch leiden. Er hat jeden von uns dazu gezwungen, sich einem Lager zuzurechnen. Wir praktizieren Demokratie nicht so erfolgreich wie England.“

Einem Lager angehören. So eine gesellschaftliche Polarisierung ist wirklich empörend, wo doch eigentlich jeder, gerade in Zeiten der Krise, sich solidarisch mit seinem Unternehmen, seinem Chef, seiner Hausmarke zeigen – und an seinem vorbestimmten Platz bleiben sollte. In den Augen derer, die die Revolution ganz und gar nicht schätzen, war ihr Hauptfehler nicht etwa die Gewalt – trivialer und trauriger Begleiter der Geschichte –, sondern ein sehr viel selteneres Ereignis: der Umsturz der Gesellschaftsordnung als das Resultat eines Krieges zwischen Besitzenden und Besitzlosen.

Inzwischen gilt das allgemeine Wahlrecht als das A und O jeder politischen Aktivität, das alle anderen Formen kollektiver Intervention, wie etwa Streiks, als Mittel disqualifiziert. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs in den 1930er-Jahren, stellte damals Fragen, die nach wie vor aktuell sind: „Ist das allgemeine Wahlrecht heute wirklich durchgesetzt? Üben nicht die Chefs und Eigentümer mit ihrem Geld und mithilfe der Presse Druck auf die Wähler aus? Entscheidet jeder Wähler tatsächlich frei – frei in seinem Denken, frei im Sinne der Unabhängigkeit seiner Person? Bräuchte man nicht eine Revolution, um ihn zu befreien?“

Ein republikanischer Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs soll gesagt haben: „Wir haben zwar alle Schlachten verloren, aber wir haben die schöneren Lieder.“ Dieses Bonmot benennt auf spezielle Weise das Problem des Konservatismus und seiner schmerzhaften Pädagogik der Anpassung. Revolutionen dagegen hinterlassen in der Geschichte und im kollektiven Bewusstsein eine unauslöschliche Spur – auch wenn sie gescheitert sind, auch wenn man sie diskreditiert hat. Sie verkörpern den seltenen Moment, da das Aufbegehren gegen das Schicksal möglich ist.

Entscheidende Faktoren für das Entstehen einer Revolution sind: eine unzufriedene, zum Handeln bereite Masse; ein Staat, dessen Legitimität und Autorität in Zweifel gezogen wird; radikale Ideen, die die Gesellschaftsordnung infrage stellen.

Die Situation in Moskau und Sankt Petersburg am Ende des Ersten Weltkriegs ist der historisch einzige Fall, in dem Arbeiter die Hauptakteure einer „gelungenen“ Revolution waren. „Das revolutionäre Bewusstsein“, schlussfolgert die Historikerin Victoria Bonnell, „beruht auf der Überzeugung, dass Forderungen nur durch die Veränderung der existierenden Institutionen und eine andere Gesellschaftsorganisation erfüllt werden können.“

Le Monde diplomatique vom 08.05.2009,