Frankreich im Koma

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edito: Frankreich im Koma

Frankreich im Koma

von Serge Halimi

Niemand hätte am 8. November in der Haut von Nathalie Dompnier, der Präsidentin der Universität Lu­mière Lyon 2, stecken wollen, als sie zur Selbstverbrennung eines ihrer Studenten Stellung nehmen musste. Der 22-jährige Anas K. – der seitdem im Koma liegt – wollte mit seiner Tat gegen die Ausweglosigkeit seiner sozialen Lage protestieren. Er musste neben dem Studium arbeiten und war durch das Examen gefallen; kurz zuvor war ihm das Stipen­dium gestrichen worden. Daher entschloss er sich zu einer „Ein-Mann-Revolution“, wie es ein tunesischer Journalist formulierte, der sich im Dezember 2018 selbst verbrannte.

In keiner Altersgruppe stieg in den vergangenen Jahren die Armutsquote so rasant an wie bei den 18- bis 24-Jährigen. Dabei kann, wie Dompnier betonte, unter den Bedingungen der Prekarität „niemand in Ruhe studieren“.

Fünf Monate vor dem Suizidversuch in Lyon hatte der Rat für Wirtschaft, Soziales und Umwelt gewarnt, dass Studierende, die über einen längeren Zeitraum für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, „eher im Studium zu scheitern drohen“. Viele Studierende übernachten im Freien, gehen nicht mehr zum Arzt oder leiden sogar Hunger. Ihre nicht üppig finanzierte Hochschule könne „nicht alles leisten“, meinte Dompnier. Immerhin gebe es „eine psychologische Betreuungsstelle“, „eine kostenlose Hotline“, „eine Sozialarbeiterin“ und „einen Tafelladen“.

Hochschulministerin Fré­dé­rique Vi­dal betonte, man habe „die Stipendien aufgestockt“ (allerdings nur um 1,3 Prozent, was der Inflationsrate entspricht). Sie werde zudem „alles auf den Prüfstand stellen“, aber „das dauert natürlich seine Zeit“. Wenigstens versprach sie, dass im bevorstehenden Winter keine mittellosen Studierenden mehr aus dem Wohnheim geworfen werden.

Der Zustand der Schulen und Hochschulen, der Krankenhäuser und der Feuerwehr und selbst der Brücken zeigt allenthalben – nicht nur in Frankreich – das gleiche Bild. 35 Jahre Privatisierungen, Leistungskürzungen und Sozialabbau mit umfassenden pedantische Kontrollen hinterlassen eine ausgelaugte Gesellschaft, die von den letzten Reserven lebt. In der ganze Milieus abzurutschen beginnen und die in regelmäßigen Abständen ihre Erschöpfung zeigt, aber auch ihre Wut artikuliert.

Diese Gesellschaft widersetzt sich beharrlich der Gewalt, die ihr die Regierungsparteien mit ihren immer gleichen „Reformen“ antun: Kürzung des Wohngelds, Erhöhung des Renteneintrittsalters, Deregulierung der Nachtarbeit, Einschnitte im staatlichen Gesundheitswesen, Verschärfung der Voraussetzungen für die Arbeitslosenunterstützung. Kurzum: „ein Gemetzel“, wie selbst der CFTD-­Ge­ne­ralsekretär Laurent Berger zugibt, der die Gunst Emmanuel Macrons genießt.

Ein junger Mann, der sein Leben opfert, was wir sonst nur aus autoritären Staaten kennen; Demonstranten, die bei einem Polizeieinsatz ein Auge oder eine Hand verlieren; rechte Scharfmacher, die den Bürgerkrieg ausrufen. Und für die kommenden Wochen sind mehrere Streiks angekündigt. Wenn sie erfolglos bleiben – was wird dann das kommende Jahr bringen? ⇥Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 12.12.2019, von Serge Halimi