Paris 1968 war anders

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Edito

Paris 1968 war anders

von Serge Halimi

Es ist ein wunderbarer Moment, wenn sich die Fesseln der gesellschaftlichen Verhältnisse lockern und die Menschen plötzlich anfangen, ihre Resignation und ihre alten Gewohnheiten infrage zu stellen. Der „Fluss der grauen Städte, ohne Hoffnung auf den Ozean“ (René Crevel) begegnet anderen Flüssen und fängt an zu leuchten. Gemeinsam erreichen sie das Meer. Auf das „So ist es halt!“ folgt ein „Warum eigentlich?“, und das Unmögliche geschieht. Die 68er Proteste erinnern daran, dass die Geschichte nicht vorbei ist und dass sich Reformen und Revolutionen oft gegen Gehorsam und Unterwerfung gerichtet haben.

Weil die französischen Me­dien aber vor allem an die negativen Ereignisse erinnern, werfen der Aufstand und einer der größten Arbeiterstreiks der Ge­schichte nur dunkle Schatten auf die Gegenwart. Kein Wort liest man etwa über eine der damaligen Lichtgestalten, den Studentenführer Jacques Sauvageot (1943–2017), der die 68er Bewegung und ihre anti­in­divi­dua­lis­tischen Kollektive stets verteidigt hat. Er erinnerte auch an die Gedankenspiele der damaligen Rebellen über die Abschaffung des Kapitalismus – eine Frage, die, wie er bedauerte, „nicht mehr von vielen gestellt wird“.

Sauvageot und seine Genossen bekämpften eine Modernität, in der die Rationalisierung im Produktionsprozess wichtiger war als die gerechte Verteilung von Arbeit und Reichtum. 1968 meinte man mit Globalisierung die „notwendige Entwicklung der internationalen Solidarität“, nicht die immer schnellere Warenzirkulation. Und schließlich ging es im Mai 1968 darum, eine Macht zu bekämpfen, die schon damals aus den öffentlichen Universitäten rentable Unternehmen machen wollte.

Diese Erinnerungen kratzen am heute herrschenden Diskurs, der den Gegensatz zwischen einem kulturellen Progressivismus mit einer Prise Mai 68 – wie ihn Macron, Merkel oder Tru­deau verkörpern – und einer „illiberalen Demokratie“ à la Ungarn zur zentralen Frage aller politischen Kämpfe machen will. Doch dabei übersieht man, dass sich der Pluralismus der offenen Gesellschaften mit dem nationalistischen Autoritarismus darin einig ist, das herrschende Wirtschaftssystem und die sich daraus ergebenden Machtverhältnisse zu bewahren.

Die Gegenüberstellung des französischen Präsidenten als internationales Symbol der demokratischen Mäßigung und der „Extremen“ jeder Couleur ist ein Beispiel für diesen inhärenten Widerspruch; gerade jetzt, wo Macron die Gewerkschaften angreift, das Asylrecht gefährdet und vor allem das Ziel zu haben scheint, dass „junge Franzosen Lust bekommen, Milliardäre zu werden“.

Macron hatte geplant, den Mai 68 zu begehen. So ein Fest hätte durchaus einen Sinn, aber nur gegen die „alte Welt“, die er verkörpert. Die alte Welt, die sich noch fünfzig Jahre danach ihrer Angst erinnert und ihre Rache vollenden will.

⇥Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 09.05.2018, von Serge Halimi