Billige Arbeit

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Billige Arbeit

Billige Arbeit

Sonntags sind die öffentlichen Plätze von Villa El Salvador voller mobiler Karussells, Schmuckverkäufer und fliegender Händler, die Esswaren und Getränke feilbieten. Die Bewohner genießen ihren einzigen arbeitsfreien Tag. Milagros kauft sich im Eckladen eine Limo. Ihr nächstes Ziel ist das frisch eröffnete Einkaufszentrum Mega Plaza Express. „Als ich hierherkam, trug ich wie eine Schnecke mein Haus auf den Schultern“, erzählt sie über ihre ersten Monate in einer Siedlung südlich von hier. Sie habe in einem Provisorium gehaust, einer auf beiden Seiten im Boden verankerten geflochtenen Matte. Heute besitzt sie ihr eigenes rostrotes Holzhaus, mit Strom, Fernsehen und einem Zaun aus alten Autoreifen, in dem Sukkulenten wachsen. Wie die meisten Häuser in Villa hat sie ihre Hütte nach und nach verbessert und verschönert.

Die Mehrzahl der Bewohner von Villa arbeitet schwarz im Zentrum von Lima, auf dem Bau oder als Hausangestellte. Und die meisten geben ihr Geld auch wieder in der Schattenwirtschaft aus, auf Schwarzmärkten und in Straßenbuden. Robert Neuwirth, Autor einer Reihe von Büchern über die weltweite Renaissance des Informellen, hat darauf hingewiesen, wie stark die formelle und informelle Wirtschaft inzwischen verwoben sind: „Für viele [multinationale] Unternehmen stellt die informelle Wirtschaft das einzige Marktsegment dar, das noch wächst.“ Ein Teil dieses Geschäfts wird in den Buden und Ständen abgewickelt, die Villas staubige Straßen säumen.

Aber so sehr die Pueblos jóvenes von Außenstehenden als Musterbeispiel einer erfolgreichen Stadtentwicklung studiert werden – in den Augen der überwiegend weißen und mestizischen Oberschicht Perus bleiben sie eine kollektive Schande. „Im besten Fall werden die Leute, die in den ‚jungen Dörfern‘ wohnen, von den Menschen hier nicht selbst für ihr Los verantwortlich gemacht“, sagt Marco Avilés. Als er seine erste feste Stelle bei einer Zeitung erhielt, zog er aus einer der informellen Siedlungen in den reichen, am Meer gelegene Stadtteil Barranco, nicht zuletzt um dem Minderwertigkeitsgefühl zu entkommen, das an Limas Peripherie grassiert. „Millionen von Leuten in Lima schleppen diese Last mit sich herum. Wir sind cholos [Indigene] aus den Bergen, und auf Schritt und Tritt redet man uns ein, dass wir minderwertig seien.“

In Peru sind Rassismus und Verachtung gegenüber dem Informellen eng miteinander verbunden. Obwohl die Zuwanderer aus dem Abfall der anderen einen lebendigen urbanen Lebensraum erschaffen, wird ihre Leistung selten gewürdigt. In ganz Lateinamerika verfügen die informellen Stadtbewohner zwar mittlerweile über einen größeren Zugang zu den Konsummärkten als je zuvor, weshalb diejenigen, die von diesen Märkten profitieren, die Informellen gern als „neue Mittelschicht“ bezeichnen. Aber in Wahrheit wären sie angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse und fehlender sozialer Aufstiegsmöglichkeiten als Unterschicht besser beschrieben.

In den letzten acht Jahren genoss Peru ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich über 7 Prozent im Jahr. Hält dieses Wachstum an, wird sich die Wirtschaftsleistung des Landes innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt haben. Ausländische Investionen fließen in den Rohstoffsektor und die Textilbranche. Beide sind auf die billige, informelle und harte körperliche Arbeit angewiesen sind, der über 80 Prozent der peruanischen Arbeitnehmerschaft nachgehen.

Obwohl es nur ungern zugegeben wird: Wenn die Zahl informeller Arbeitskräfte zurückgehen soll, müssten die Konzerne höhere Sozialabgaben und geringere Gewinnmargen hinnehmen und daher weniger investieren. Orte wie Gamarra, die Drehscheibe des Textilhandels in Lima, wo zwischen 1,3 Milliarden und 3 Milliarden Dollar pro Jahr erwirtschaftet werden, sind daher fast ausschließlich informell organisiert und werden es voraussichtlich auch bleiben. Und die Menschen, auf deren Arbeit der peruanische Wirtschaftsboom basiert, werden weiter ohne die Vergütung oder gar die Anerkennung arbeiten, die sie verdienen. Elizabeth Rush

Le Monde diplomatique vom 13.09.2013, von Elizabeth Rush