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Kinder zu Konsumenten

Kinder zu Konsumenten

Internationale Ketten betreiben in Beirut einen Freizeitpark zum Schuften und Shoppen für die Kleinen von Mona Chollet

Anfang Juni wurde am Strand von Beirut ein neuer Themenpark für Kinder eröffnet: KidzMondo. Im Gegensatz zu Disneyland oder dem Asterix Park wollten die Macher jedoch keine vertraute Fantasiewelt kopieren. Um die Aufmerksamkeit der Besucher in spe zu fesseln, musste eine komplett neue Geschichte her, die, zusammengefasst, so geht: An einem Sommertag entdecken zwei Kinder in den Libanon-Bergen eine Höhle. Der furchtlose Kozmo findet einen mysteriösen Schlüssel, mit dem er und seine kleine Schwester Eena das Tor zu einer verlassenen antiken Stadt öffnen. Als Eena den Staub von einer alten Inschrift wischt, steht dort: „Auf dass nur Kinder mit reinem Herzen hier eintreten“. „Dogzilla“, der riesige Wachhund der Stadt, spürt „in seiner Weisheit“, dass seine beiden kleinen Besucher die Kinderstadt zu neuem Leben erwecken können. Er führt sie zu einem gigantischen Zauberhorn, dessen Klang nur Kinderohren vernehmen können. Kosmo bläst einmal kräftig ins Horn, und auf einmal strömen von allen Seiten Kinder herbei.

Das echte KidzMondo ist in einem 1 300 Quadratmeter großen Hangar untergebracht, einer riesigen klimatisierten Mall auf zwei Etagen. Die Ticketschalter am Eingang sind dem Check-in-Bereich eines Flughafens nachempfunden. Um die Eltern zu beruhigen, werden die kleinen „reinherzigen“ Besucher mit einem Funkarmband ausgestattet, das sie nicht allein abnehmen können. Zudem ist das Gelände mit 250 Überwachungskameras ausgerüstet. Hat man den Sicherheitsbereich hinter sich gelassen, eröffnet sich eine Stadt im Kinderformat, auf 70 Prozent der Originalgröße geschrumpft und „so realitätsnah wie möglich“, erklärt Marketing- und Eventchefin Mirna Souaid.

Der erste Gang durch die Stadt führt geradewegs zur Audi-Bank, dem größten Geldhaus des Libanons und Partner von KidzMondo. Hier können die jungen Besucher entscheiden, ob sie ihren Willkommensscheck über 50 Kidlars (die fiktive Währung des Parks) gleich einlösen oder erst einmal auf ein Konto einzahlen wollen. Außerdem bekommen alle eine eigene Kreditkarte ausgehändigt, schließlich sollen die Kleinen hier vor allem lernen, „finanzielle Verantwortung“ zu übernehmen.

Nach diesem ersten Pflichttermin können die Kinder unter 80 Aktivitäten wählen, von denen etwa 60 durch bekannte Marken gesponsert sind: Bei Pepsi füllen sie Colaflaschen ab, bei Colgate spielen sie Zahnarzt, im Burger-King-Restaurant servieren sie das Essen, Pain d’Or oder Dunkin’ Donuts führen sie in das Bäckerhandwerk ein, und bei MTV oder NRJ Libanon werden sie auf den Journalistenberuf vorbereitet; des Weiteren können sich die Kinder als Chirurgen, Rettungspiloten, Künstler, Schauspieler, Models oder DJs ausprobieren. Zu den Attraktionen gehört sogar eine Hochschulfakultät, die in Zusammenarbeit mit der American University Beirut entworfen wurde. Hier erwerben die jungen Besucher ein Diplom – eine „Zusatzqualifikation“, für die sie bei ihrem nächsten „Job“ eine höheres Gehalt verlangen können.

Tatsächlich bekommen die Kinder bei jeder „Arbeit“ ein „Gehalt“ ausgezahlt, das sie im Spielzeugladen am Eingang des Parks für allen möglichen Schnickschnack wieder auf den Kopf hauen können. „Wir akzeptieren nur Kidlar“, erklärt Frau Souaid. „Manchmal wollen Besucher mit Dollar oder libanesischen Pfund bezahlen, aber dann antworten wir ihnen: ‚Nein, wenn du dieses Spielzeug haben möchtest, musst du zuerst arbeiten.‘ Das ist unser pädagogisches Credo.“ Schließlich sei das oberste Lernziel von KidzMondo, den Kindern beizubringen, „dass Geld nicht auf den Bäumen wächst.“

Burger King, Bank und Polizei – alles ein Drittel kleiner

Zwei zehnjährige Jungs durchstreifen den Laden und beschließen, ihre Einkünfte für den Erwerb eines fluoriszierenden Plastikballons zusammenzulegen. Bei welcher Station haben sie denn ihre Kidlars verdient, die sie gerade so eifrig zählen? „Wir haben Pilot gespielt!“, erzählen sie aufgeregt. Das Modell der Middle East Airlines, dessen Nase die Außenwand des Hangars durchstößt und seiner Fassade etwas Spektakuläres verleiht, ist ohne Zweifel der größte Erfolg von KidzMondo. „Habt ihr gespielt oder gearbeitet?“, hakt Mirna Souaid nach, und die Jungs stutzen.

Das Einzige, was es in der KidzMondo-Stadt nicht gibt, sind politische Institutionen. So säumen den Hauptplatz ein Theater, ein Burger King, die Audi-Bank und eine Polizeistation, aber kein Rathaus. In regelmäßigen Abständen treten Animateure auf die Bühne und geben tanzend und singend eine KidzMondo-Jubelvorstellung. Einige sind als Kozmo, Eena oder einer ihrer vierbeinigen Begleiter verkleidet – als Schildkröte Leeloo, Eenas Haustier, oder als der weise Wachhund Dogzilla. Nach der Aufführung lassen sich die Kinder neben den Figuren fotografieren. Gegenüber kommt eine Gruppe kleiner Jungen im Gänsemarsch aus der Polizeistation. Sie tragen Uniform, auf dem Kopf Helme oder Mützen und folgen im Gleichschritt einem Animateur, der ihnen das Marschieren beibringt: „One, two! One, two!“

Abgesehen von der musikalischen Geräuschkulisse des KidzMondo-Theaters strapazieren die Sirenen der Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeuge – kleine Elektroautos, die im Schritttempo durch die Straßen gondeln – das Trommelfell. Der zuckrige Duft, der über den zahlreichen Süßwarenständen schwebt, mischt sich mit dem künstlichen Rauch, wenn die wackeren Feuerwehrleute ausrücken, um einen Scheinbrand zu löschen. Künstliche Palmen, Straßenlaternen, leere Telefonzellen und riesige Schilder wie auf dem New Yorker Time Square komplettieren die Illusion von Urbanität. In der zweiten Etage lehnen die philippinischen Angestellten eines Minihotels, das in Zusammenarbeit mit der Beiruter Nobelherberge Phoenicia errichtet wurde, am Geländer und warten darauf, dass die in ihrer Obhut stehenden Kleinen gelernt haben, ein Bett zu machen oder einen Tisch zu decken.

Hinter all dem steckt Ali Kazma, ein libanesischer Geschäftsmann, der mit Telekommunikation ein Vermögen verdient hat. Er ist Kopräsident der Comoro Golf Holding, die Investitionen aus den Golfstaaten auf den Komoren betreut. 30 Prozent der 25 Millionen Dollar, die der Aufbau von KidzMondo gekostet hat, stammten von Sponsoren, erklärt Kazma, weitere 30 Prozent hätten Banken beigesteuert und die restlichen 40 Prozent kämen aus dem KidzMondo-Fonds. Seine Geschäftspartnerin Hind Berri ist die Tochter von Parlamentspräsident Nabih Berri, dem Vorsitzenden der Amal-Bewegung, einer schiitischen Partei, die mit der Hisbollah verbündet ist und seit Längerem unter Korruptionsverdacht steht.

KidzMondo steht in einem Niemandsland, das „Damm der Normandie“ genannt wird, weil der Bauschutt, aus dem der Polder entstand, aus den Überresten des Hotels Normandy stammt, das während des libanesischen Bürgerkriegs (1975 bis 1990) zerstört wurde. „In 30 Jahren ist das hier das teuerste Gebiet des Libanon,“ erklärt ein Immobilienmakler. „Hier wird eine neue Stadt entstehen, deren Grundriss bereits festgelegt ist. In der Zwischenzeit sind die Parzellen auf dem Gelände Gegenstand wahnwitziger Spekulationen.“ Bisher stehen allerdings nur drei Gebäude entlang der großen Straße: ein ultramodernes Kunstzentrum, ein Nachtklub mit rosa Kuppel und das KidzMondo.

Dabei ist Beirut nur die erste Etappe. An einem ähnlichen Themenpark wird bereits in den Trump Towers von Istanbul gebaut, und ein dritter soll in Abu Dhabi eröffnet werden. Um sich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen, soll im KidzMondo von Abu Dhabi sogar eine kleine Raffinerie eingerichtet werden. Früher oder später wolle man auch nach Osteuropa expandieren, erzählt Kazma. Das klingt nach hartem Wettbewerb, denn die Idee von KidzMondo ist nicht neu: Der mexikanische Geschäftsmann Xavier López Ancona eröffnete bereits 1999 in einem Einkaufszentrum in Mexiko einen Themenpark namens KidZania. 14 weitere sollten folgen, vor allem in Asien (Tokio, Djakarta, Seoul, Bangkok). Die letzten KidZania-Parks haben im August in Bombay und Kairo eröffnet, ein weiterer folgt 2014 in Manila. In Europa gibt es eine solche künstliche Kinderwelt bisher nur in Lissabon.

Auch wenn einer der offiziellen Slogans lautet: „Die einzige Grenze ist die Fantasie“, tut man sich bei KidzMondo schwer, der blühenden Kinderfantasie freien Lauf zu lassen. Alle Aktivitäten werden streng überwacht und folgen einem genauen Zeitplan. An jedem Eingang zeigt ein Aufkleber die Dauer an (durchschnittlich 20 Minuten) und die Zahl der zugelassenen Teilnehmer. Die Animateure, von denen einige T-Shirts mit der Aufschrift „United Youth“ tragen, machen eine Einführung für sechs oder sieben Kandidaten, geben ihnen Anweisungen und führen manchmal sogar ihren Schützlingen der Hand.

Die Eltern können hinter großen Glasscheiben das ganze Treiben zwar verfolgen, haben aber keinen Zutritt. „Ich würde schon gern hören, was sie ihnen erzählen“, murmelt eine Mutter ärgerlich. Ihre neunjährige Tochter, angehende Zahnärztin, lauscht zusammen mit anderen Kindern den Worten eines Animateurs. Als sie wieder herauskommt, trägt sie so viele Zahnpastaproben im Arm, dass sie ihr herunterfallen und über den Boden kullern. Tatsächlich werden an die Kinder keine großen Herausforderungen gestellt. Um sie glücklich zu machen, reicht oft die Kostümierung. Eigentlich dient das ganze Spektakel nur als Vorwand, um Reklame machen zu können.

Schulen umwirbt KidzMondo, das nicht zuletzt auf Klassenausflüge setzt, mit seinem Konzept des „edutainment“ (education/entertainment). Tatsächlich wäre es passender, von „advertainment“, also einer Mischung aus advertising (Werbung) und entertainment, zu sprechen. Mirna Souaid macht im Übrigen kein Hehl daraus, dass das ganze Unternehmen der Promotion dient: „Wir arbeiten nur mit Spitzenkonzernen zusammen, die im Libanon, im Nahen Osten und auf der ganzen Welt bekannt sind. Die nutzen die Gelegenheit, weil sie wissen, dass sich Markentreue bereits sehr früh entwickelt.“

Auf dem Weg nach draußen fragen wir den Animateur eines von Nestlé gesponserten Labors, worin seine Arbeit bestehe. Kaum hat der den Mund aufgemacht, taucht sein Vorgesetzter wie aus dem Nichts auf und antwortet an seiner Stelle: „Wir bringen hier den Kindern bei, den ph-Wert von Wasser zu messen und ihn mit dem Wert eines anderen Wassers, zum Beispiel von Contrex, zu vergleichen. Zum Schluss bekommen alle eine kleine Flasche Nestlé-Wasser. Es handelt sich also um ein wissenschaftliches Experiment.“

Zum Schluss fragen wir Herrn Kazma noch, was er denn als Kind gern werden wollte. „Ich wollte nie Arzt oder Ingenieur werden“, antwortet er. „Ich wollte immer schon Geschäftsmann sein.“

Aus dem Französischen von Jakob Horst

Le Monde diplomatique vom 08.11.2013,